November 2005


Wie schon erwähnt, ist jetzt die Grippe ausgebrochen. Wenn man krank ist, muß man auch geheilt werden, und darüber gibt es lustige Sachen zu berichten. Da man sich die Nase dauernd mit Papiertaschentüchern wundreibt, kann man sie sich mit der wunderbaren Kindercreme behandeln.

detski_krem

Diese Creme ist so richtig ursprünglich und geradezu sympathisch verpackt. Kein totalretouchiertes Wunschkindgesicht mit geschwungenen rosa Buchstaben, kein Gewinnspiel auf der Verpackung um 2000 Wattetupfer mit Kamillegeschmack zu gewinnen und nirgends kann man einen Rezeptvorschlag für irgendwelche Babyschlempe auf Basis von -Produkten finden. Ehrliche Kindercreme mit Hund und Katze – wie lange wird es das wohl noch geben? Johnson & Johnson sind jedenfalls schon in der Fernsehwerbung aufgeschlagen, und bald wird auch hier die milupa-gefütterte Kinderschokoladenhackfresse das Maß der Dinge sein.

Nach mindestens 15 Jahren habe ich ein weiteres Heilmittel wiederentdeckt! Hier kennt man es unter dem Namen Звёздочка (Sternchen) und es hatte schon damals irgendwie seinen Weg auf das Wochenendgrundstück meiner Oma gefunden. Hergestellt wird es übrigens in der befreundeten Volksrepublik Vietnam. Man schmiert es sich irgendwo in die Nähe der Nase und atmet fortan wie durch zwei Packungen Hustenbonbons. Voller Durchzug bis ins Gehirn. Demnächst werde ich mal fragen, wie man EU-Generalimporteur dafür wird, damit ihr auch endlich alle frei atmen könnt :D

sternchen

Lustig sind auch die Nasentropfen, welche ich aber zum Ärger der Familie nur einmal genommen habe: Von einer in der Küche stehenden Pflanze (Aloe irgendwas…) nimmt man ein Blatt und presst es auf ca. einem Eßlöffel Honig aus. Dazu gibt man einen weiteren Eßlöffel heißes Wasser und rührt das Ganze gut durch. Mit der wiederverwendbaren Glaspipette befüllt man sich nun die Nasenlöcher und hofft auf Überleben. Es brennt wie Hölle und soll angeblich irgendetwas bewirken – bei mir bewirkt es nichts. Yana ist in dieser Beziehung die starke, russische Frau (Sometimes you have to be strong [...]) und trinkt den Rest einfach aus – ist ja auch gut für den Hals. Jetzt weiß ich, dass ich ein Weichei bin. Ich gehe jetzt mit meinen Sternchen ins Bett. Gute Nacht.

Gestern haben wir ca. 4 Stunden in Nässe und Kälte auf einem der Märkte verbracht – um eine Mütze zu finden. Am Ende sind wir doch ohne nach Hause gegangen. So einen Markt kann man sich vorstellen wie an der deutsch-polnischen Grenze, nur daß die Verkäufer hier eher aus dem russischen Osten kommen – Armenien, Georgien, Kasachstan.

markt

Da es am Tag zuvor heftig geschneit hatte, fuhr jemand mit einem Trecker durch die engen Reihen und balancierte ein paar Kubikmeter Schnee an den Auslagen vorbei. Ansonsten springt man von Pfütze zu Pfütze und von Palette zu Palette (die liegen in tieferen Schlammlöchern als Überbrückung) vorbei an den einzelnen Händlern. Wir wollten unbedingt eine schwarze, langhaarige Tschapka, wenn es geht auch noch aus Kunstfell. Letzteres konnte ich mir gleich abschminken, denn hier ist alles echt. Lauter tote Füchse und Wölfe, ab und zu auch Waschbären und seltener auch Zobel. Die meisten Tschapkas werden wohl in Handarbeit gefertigt, weshalb sie auch alle unterschiedlich ausfallen. Ich weiß nicht, wieviele ich an diesem Tag anprobiert habe, aber es waren viele.

Als wir wieder zu Hause waren, fingen bei mir schon die ersten Kopfschmerzen an. Am Sonntagmorgen konnte ich dann kaum noch kriechen – schon wieder eine russische Grippe. Die hatte ich das letzte mal im April, und sie scheint mich jedes mal komplett lahm zu legen. Yana meinte sie wäre noch völlig in Ordnung und sie würde losgehen um mir eine Tschapka zu kaufen. Also Maß genommen, Modelle diskutiert und Preisrahmen abgesteckt… Ich habe den Tag im Bett verbracht, und Yana auf dem Markt.

Abends kam sie dann nach Hause, nach 7 Stunden Markt! Sie hatte eine Tschapka gefunden, den Preisrahmen völlig gesprengt und war gesundheitlich total im Eimer. Das Ergebnis ist ein riesenhafter Waschbär auf meinem Kopf – Modell Alaska. (Russische Modelle haben die Klappohren auf dem Kopf zusammengeschnürt, die Alaskavariante angeblich hinterm Kopf.) Jedenfalls gefällt sie mir sehr gut und ich warte jetzt sehnsüchtig auf Eis und Schnee.

tschapka

Mittlerweile sind wir übrigens alle krank…

Ja, es hat geklappt mit der Abholung am Flughafen. Wir sind herrschaftlich bis zum Studentenwohnheim gefahren worden, wo wir uns dann melden sollten. Im bezeichneten Büro angekommen, wollte niemand etwas von uns wissen. Irgendwie störten wir doch arg beim Sockenstricken. Nicht einmal das hilflose Erwähnen des Namens der Chefin konnte auch nur irgendeine Regung auf das Gesicht der freundlichen Sekretärin bringen. Glücklicherweise wurde ihr Zetern im Nebenraum erhört und wir wurden prompt von einer richtig freundlichen Dame abgeholt. Diese wußte offensichtlich auch sofort wer wir waren und hatte schon zwei gelbe Studentenwohnheimzutrittsausweise für Andreas und Evren bereitgelegt.

Studentenwohnheim

Danach sollten wir uns dann in der 14. Etage melden, wo wir die Schlüssel bekämen. Leider hatten wir nicht mir der Pförtnerin gerechnet, welche mich nicht durchlassen wollte. Mir fehlte ja der gelPe Zettel! Nein, auch nicht für 10 min. Als ich ihre Hand hinten auf den grün überstrichenen Klingelknopf drücken sah, befürchtete ich schon Schlimmes. Doch weit gefehlt, denn es kam ihre Chefin, welche mich fragte warum ich denn da hinein wolle. Ich hätte die beiden vom Flughafen abgeholt… daraufhin begleitete sie uns persönlich auf der weiteres Odyssee und stellte somit sicher, dass ich nicht alleine und unbeaufsichtigt böse Sachen im Wohnheim anstelle. Eigentlich können wir im Nachhinein froh sein, dass wir die Chefin persönlich dabei hatten.

In der 14. Etage angekommen, gab es auch sofort Schlüssel, und die beiden wurden jeweils zwischen zwei Wohnungen vietnamesischer Gaststudenten einquartiert, welche hier offensichtlich schon länger wohnten. Es roch nach Chinapfanne und wir fühlten uns sofort heimisch. (Ja ja, vietnamesische Studenten und Chinapfanne…)

zimmer

Leider fehlte in einem der Zimmer so ein herrliches Bett, weshalb Evren etwas geknickt war. Das war aber gar kein Problem, denn im Keller gabs noch welche! Dort gab es auch Bettwäsche und eine Matratze für das neue Bett. Also alles aufgeladen und wieder ab in den 14. Stock. Eigentlich muß Evren gar nicht böse sein, denn seine Matratze sieht nicht so aus wie Andreas’.

kueche

Mittlerweile ist schon alles sauber gemacht. In der nächsten Russischstunde haben wir dann aus aktuellem Anlaß gleich noch drei neue Adjektive und zwei Verben gelernt, sowie 2 verschiedene Fälle angewandt. Dreckig, sauber, schrecklich, im Zimmer sauber gemacht, das Zimmer gesäubert. Jedenfalls tut es den verwöhnten Bengels sicher mal ganz gut *ggg*

Yanas Vater sagte, zu seiner Zeit wäre das alles viel besser gewesen. Jetzt ist eben einfach kein Geld mehr da und man versucht einfach alles am Laufen zu halten. Irgendjemand hat die Auflage erteilt Rauchmelder zu installiern, also wurden in alle Zimmer nagelneue Rauchmelder genagelt. Da die einzelnen Etagen aber wegen Diebstählen immer durch Gitter im Treppenhaus voneinander getrennt sind, möchte ich aber trotzdem nicht wissen, was im Brandfall passieren würde…

Heute sollen Andreas und Evren aus Berlin ankommen. Am Wochenende hat Yana schon mit zwei der zuständigen Personen telefoniert und eben war ich noch einmal persönlich im foreign students office, um die Abholung der beiden in die Wege zu leiten. Man verläßt sich da sehr gerne auf Außenstehende wie Yana oder mich, weshalb wir schon im Vorfeld versucht haben das zu organisieren. Heute kam natürlich trotzdem alles ganz anders. Die Uni hat kein Auto und ich soll einfach mit dem Taxi fahren. Vor den Taxipreisen hat mich Yana schon gewarnt, die sind wohl kaum noch mit westeuropäischen Preisen zu vergleichen – erst recht wenn der Fahrer merkt, dass man auch Deutschland kommt. Nach einigen Verhandlungen und der Bemerkung, dass weder Andreas, Even oder ich auch nur ansatzweise genug Geld hätten, wurde die Sache so geregelt: Die Uni bestellt das Taxi, erklärt dem Fahrer was zu tun ist, und wenn wir wieder da sind, dann bezahlt die Uni den Fahrer. Na bitte, geht ja! Ob das nun wirklich so klappt, kann ich jetzt noch nicht sagen, denn wir sind noch gar nicht losgefahren.

Da ich schmal in besagtem Büro war, habe ich auch gleich die Verlängerung meines Visums, der Registration und des Studentenausweises beantragt. Yanas Eltern haben wieder einmal den erforderlichen Stapel Dokumente besorgt… scheint geklappt zu haben, jedenfalls soll ich in 7 bis 10 Tagen meinen Paß wieder abholen – hoffentlich mit Visum.

Zur Zeit warte ich wieder einmal 3 Stunden – bis zur Abfahrt. Glücklicherweise sagt mir das Fallobst noch 5 Stunden Akkulaufzeit voraus, sodass ich wenigstens etwas tun kann. DeviceNet-over-CAN-Bus-Spezifikation lesen zum Beispiel!

Wo ich hier gerade in der Uni rumsitze: Hier hat noch eine alte Tradition überlebt, welche in Deutschland nahezu ausgestorben ist… es gibt ein Uniradio in den Pausen! Soeben tönt die letzte Single von Madonna lautstark über die Flure. Zwischendurch gibt es ein paar Informationen, teilweise auch von offizieller Seite – da kommt dann extra eine wichtige Frau aus der Verwaltung und liest ihren Zettel selbst vor.

Draußen auf der Straße fährt gerade eine lustige Maschine vorbei: Sieht aus wie eine Mähdrescher, ist aber keiner. Mit einer Art Schaber kratzt sie den Schnee aus der Ecke zwischen Bordstein und Straße, um ihn dann mit spinnenartigen Schaufelbewegungen auf ein Förderband zu schippen. Das Förderband führt nach hinten und endet über einem LKW, welcher der Maschine rückwärts fahrend folgt. Damit der LKW-Fahrer nicht so genau fahren muß, hängt zwischen dem LKW und der Kratzschaufelförderbandschneeschippmaschine ein dicker Autoreifen, wo er ab und zu mal gegen fahren kann. Nach einem kurzen Stop fährt die Maschine nun gerade weiter – leider pennt der LKW-Fahrer ein wenig, weshalb jetzt 2m3 Schnee auf die Straße fallen. Die fährt der LKW nun einfach platt, und weiter geht die lustige Fahrt. Wie weit man so pro Tag kommt, ist nur schwer abzuschätzen, in der letzten Viertelstunde haben sie es jedenfalls noch nicht an meinem Fenster vorbeigeschafft. Diese arbeitsplatzvernichtende Effizienz westeuropäischer Staaten ist hier sowieso völlig unbekannt.

Fellausstellung! Da ich ja noch eine richtige dicke russische Schapka kaufen wollte, kam uns die Ankündigung einer großen Fellmesse gerade recht. Dort angekommen merkten wir jedoch gleich, dass wir eindeutig nicht das angepeilte Klientel dieser Messe waren. Schon die Eintrittspreise bewegten sich in für hiesige Verhältnisse in schwindelerregenden Höhen, sodaß wir gar nicht erst reingegangen sind. Also zum Kaufhaus Mockovskom (?!?), in der Hoffnung dort etwas zu finden. Alles was ich dort fand, war eine einzelne Männertschapka für 5000 Rubel (130 EUR!!) und diverse Frauenmodelle in ähnlichen Preislagen. Sämtliche Läden haben westeuropäische Preise. Kein Wunder, es sind ja auch fast ausnahmslos westliche Marken vertreten. Yana sah sich ein paar Sachen an, und verschob den Kauf auf unbestimmte Zeit in die Zukunft. Draußen auf der Straße noch schnell ein Tütchen Mandeln gekauft – 30 Rubel weg. Wie zu Hause. Selbst ein Liter Milch kostet hier umgerechnet 80 cent. Langsam verstehe ich auch, warum wir so oft Nudeln, Reis und Buchweizen essen…

Leider hatte ich heute früh meine Russischhausaufgaben noch nicht gemacht, also fix drangesetzt und alles geschrieben. Da ich mittlerweile wohl etwas zu spät gekommen wäre, habe ich Olga (die Russischlehrerin) eine SMS geschrieben. In der Uni angekommen, war sie aber noch gar nicht da, und ich schrieb weiter an meiner Vokabelkarteikartensammlung für die Metro. Eine halbe Stunde später kam sie angehetzt, nur um mir zu verkünden, dass der Unterricht heute wegen einer wichtigen Sitzung ausfallen würde. Sie hat es auch aufrichtig bedauert.

Leider war mein nächster Termin erst 4 Stunden später (in der neuen Fakultät!) und so habe ich ziemlich lange auf dem Flur gewartet. Nach einer Viertelstunde liefen 10 Jugendliche Instrumentalisten an mir vorbei und kurz darauf konnte ich aus dem Lehrerzimmer Stille Nacht auf russisch hören. Jetzt war mir auch der Sinn der Sitzung klar. Die MGTU feierte just in dieser Woche ihr 175-jähriges Bestehen, weshalb es zu allerlei außerplanmäßigen Feierlichkeiten kommen konnte. Weiterwarten.

Während ich so aus dem Fenster schaute, fiel mir die Fassade des Hauses auf. Das Haus selber ist so ungefähr vom Format des Berliner Reichstages, nur mit Innenhof und moderner. Modern heißt hier: Karl-Marx-Allee-Ambiente. Also zur Fassade. Hier wurden in traditioneller Weise weiß-gelbe Kacheln angebracht, welche im Neuzustand wahrscheinlich sogar glänzten. Verglichen mit der DDR, war es sicherlich um Potenzen schwieriger solche Kacheln aufzutreiben, weshalb ich mich umsomehr über die Verarbeitungsweise gewundert habe. Man kann nicht genau sagen, ob es ich hierbei um ein Projekt für invalide Hammerwerferinnen handelte, welche die Fassade vom anderen Flußufer aus bestückten, oder um gelangweilte Bauarbeiter: sämtliche Kacheln sind schief. Dieser Bau ist das Prunkstück russischer, wissenschaftlicher Intelligenz und wurde sicher auf Anordnung des Staates mit immensen Geldern finanziert, da fragt man sich, ob es niemanden interessiert (hat)? Wenn ich viel Geld für etwas ausgebe, dann will ich dafür doch auch etwas haben, oder? Erst recht, wenn ich vielleicht sogar Engpässe bei Baumaterialien habe! Ist es das im Geschichtsunterricht angesprochene Problem der kollektiven Verantwortungslosigkeit für Produktionsmittel oder interessiert hier einfach nur das große Ganze? Mir ist das alles schleierhaft… Irgendwie schade.

Irgendwie habe ich die Zeit jedenfalls verplempert und mich dann auf die Suche nach der “Gospitalny”-Gasse 4/6 (Госпитальны пер.) begeben. Gesuchte Nummern waren nirgends zu finden, also bin ich in die Nummer 3 gegangen. Die dort anwesenden Sicherheitsbeamten zeigten in alle 4 Himmelsrichtungen. Im Klartext: Sie hatten keinen blassen Schimmer wo denn das Haus mit der nächsten Nummer zu finden war. Also über die Straße in die Nummer 10. Das ist ein sehr großes Haus mit zwei Plattenbautürmen, welches als Hauptstudentenwohnheim dient. Die Pförtnerin wußte auch sofort was ich meine und verwies mich in den dritten Stock. Etwas verwundert hielt ich ihr den Zettel mit der Hausnummer hin, vielleicht hatte sie mich ja nicht verstanden? Nein, nein, alles richtig, dritter Stock. Alles klar – Hausnummer 4/6 ist im dritten Stock des Hauses mit der Nummer 10/11.

Dort warteten auch gleich die richtigen Leute auf mich. In einem Raum voller elektronischer Gerätschaften, wurde ich mit meinem wissenschaftlichen Betreuer bekannt gemacht und es ging auch sofort los. In einen Vordruck schrieben wir gemeinsam die Studieninhalte der nächsten Monate: Kennenlernen der Spezifikationen von Microchip PIC18 und CAN-Bus… und so weiter bis zum Ende: Erstellen des funktionsfähigen Gerätes und Testen am Bus. Was auf dem Vordruck schon draufstand und nicht gestrichen wurde: Die gesamte Arbeit muß in Form einer Diplomarbeit auf mind. 40 Seiten dokumentiert werden. Ah ja. Also wenigstens hab ich ein Ziel… Danach folgten 3 Stunden Einzelunterrict über die Eigenheiten und technischen Details des CAN-Bus – und das nach 20 Tagen russisch. Um 21:30 Uhr war die Stunde dann zu Ende und ich habe jetzt jede Woche 3 mal eine solche Sitzung. Dazwischen muß ich zu Hause Lesen und Programmieren :) Ich bin jedenfalls sehr zufrieden, denn man soll sich ja immer höhere Ziele stecken!

Seit heute habe ich chinesische Hausschuhe. Yanas Eltern meinten wohl, dass ich kalte Füße habe oder es ist einfach unhöflich ohne Hausschuhe rumzurennen, jedenfalls habe ich jetzt Latschen. Da unter uns noch 12 beheizte Plattenbauwohnungen sind, hatte ich eigentlich nie kalte Füße, also ist der Grund vielleicht letzterer.

Da voodoofone in Moskau natürlich viel zu teuer ist, habe ich nun auch eine russische Prepaid-Karte. Da ich den Pincode meiner deutschen Simkarte ca. 2min nach entnehmen derselben vergessen habe, werde ich sie wohl auch bis zur Wiederankunft in Deutschland nicht benutzen. Also: Alle SMS bitte an die neue Nummer, den Rest bitte per eMail oder sip.
Zusätzlich mache ich mir langsam aber sicher Sorgen, wie ich der Familie hier wenigstens etwas finanziel helfen kann. Traditionell nimmt man absolut keinen Pfennig von einem Gast an und reagiert nahezu Böse auf jegliche Versuche, wenigstens offensichtlich für einen selbst aufgwendete Beträge in die Haushaltskasse zu werfen. Langsam brauche ich eine gute Idee um dagegen etwas zu tun. Zu Weihnachten sinnlos alles ein ein überteures Geschenk zu braten ist auch irgendwie nicht die richtige Methode, das könnte besser angelegt werden. Gute Ideen bitte per eMail an mich… Danke.

Wie viele waren schon zu Konzerten im Kreml-Palast… jetzt war ich auch endlich einmal dort, und Natalie Imbruglia war auch da. Das Fazit dieses Mal gleich am Anfang – es gibt nur drei Möglichkeiten erfolgreich in diesem Saal aufzutreten – Als ranghoher Politiker mit einer sinnlosen Rede, als klassisches Orchester, oder, und das ist eine These von mir: Als richtig böse Rockband. Natalie ist jedenfalls keins von allem. Die kleine Natasha wurde mit einem zu zwei Dritteln gefüllten Saal konfrontiert, in welchem alle sitzen. Geboten wird gepfegtes ZK-Ambiente in Wohnzimmerlautstärke und schwarz gekleideten Aufsehern in jeder Reihe. Zum Konzert geht man hier übrigens in Abendgarderobe, aber ich fall’ ja sowieso immer auf.

Nach den ersten 5 Songs war immer noch keine Stimmung da, denn niemand regte sich auf seinem Platz. Eventuell waren die 5 bedeutungsschwangeren Balladen ja auch nicht die richtige Wahl… Mit Rufen wie You are amazing! trieb sie mir dann fast die Tränen in die Augen. Die Bestseller-Single von 1997/98 (”Torn”) jagte dann ca. 100 von 2000 aus ihren Sitzen und es war der Stimmungshöhepunkt erreicht. Wildes, unkontrolliertes Klatschen war die Folge, sodaß die Aufpasser schon einiges zu tun hatten. Sie hatten überhaupt jede Menge zu tun, denn während des ganzen Konzertes wurden Konzertpiraten mit Kamerahandies persönlich ermahnt und richtig Böse angekuckt. Der Herr vor mir hatte sich ein großes Fernglas mitgebracht, mit welchem er sich auf der Lehne seines Vordermanns abstützte. Zur Strafe standen dann links und rechts unseres Blockes je ein Aufpasser, welche mit üblen Verrenkungen versuchten, von Weitem zwischen Fernglas und Videokamera zu unterscheiden. Damit die gerade gewonnene Stimmung auch sogleich verloren ging, schickte Natalie zum Schluß bis auf den Gitaristen alle Musiker von der Bühne, und sang zwei herzzerreissende Balladen. Alle dachten wieder an das (kostenpfichtige) Bufett, welches es im Obergeschoß vor dem Konzert gab, und schon war alles nach professionellen 90min vorbei. Bin gespannt, was Frau Imbruglia hinterher in ihrem online-Tourtagebuch schreiben wird, nachdem Paris 2 Tage zuvor wohl der absolute Hammer gewesen sein muß.

Wir in Moskau sind jedenfalls amazing und das hat allen gefallen – schon deshalb war auch dieses Konzert: erfolgreich.

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