Heute bin ich den 12. Tag in Moskau und habe bisher geschätzte 30h in der Metro verbracht. Zuhause brauche ich dafür ca. 2 Jahre. Trotzdem habe erst heute meinen ersten Rocker gesehen. Eigentlich war es sowieso der erste Mensch außerhalb der Norm. Eingekleidet in ca. 4qm äußerst speckigen Kuharsch und versehen mit diversen Accessoires, wie Zippo in Leder und abgegriffeltem MP3-Player, war er allerdings auch ein Musterbeispiel sondergleichen. Das Beste war jedoch der Fuchsschwanz auf seiner Schulter. Vielleicht ist er das letzte Exemplar seiner Sorte, denn bei uns (da drüben) sind sie zusammen mit den Mantas ausgestorben.
Womit wir gleich beim nächsten Thema wären: Wie sieht eigentlich ein russischer Manta aus? 1600er Lada mit Spoiler? Na ich weiß ja nicht. Mein Lieblingsbus UAZ 435 ist da eher ungeeignet, und leider auch nicht mehr in wirklich gutem Zustand zu bekommen. Auf der Straße kam mir dann ein würdevoller Frisösenabschleppwagen nach russischem Geschmack entgegen: Der Hummer. Die wohl schwachsinngste Karre seit es Amerika gibt, aber frisösentauglich allemal. Mit komplett verdunkelten Scheiben und Lichterketten im amerikanischen Stil, entspricht er so ziemlich der Wunschvorstellung vieler russischer Männer. Diejenigen, die sich einen Hummer wider Erwarten nicht leisten können und stattdessen ihr Geld für so profane Dinge wie Essen oder Kleidung sinnlos verschwenden, müssen wohl oder übel anders an die Sache herangehen. Zu Fuß zum Beispiel.
Zum Laufen braucht man bekanntlich Schuhe (Ok, braucht man nicht, aber dazu schreibe ich dann aus Timbuktu und nicht aus Moskau), und da gibts hier recht ansehnliche Exemplare. Männer sind hier so flach wie bei uns, aber Frisö… äh Frauen dafür umso höher. Was bei uns entweder waffenscheinpflichtig oder nur in Spezialgeschäften für zwischenmenschliche Sportgeräte erhältlich ist, trägt frau hier auf der Straße. Nicht einzelne, sondern ca. 90%. Frau muß entweder zu alT, zu klein oder irgendwie anders gestört (HipHopperin oder so) sein, um ohne stark verkürzte Achillessehnen durchs Leben zu laufen. Beeindruckend ist dabei vor allem die Schrittgeschwindigkeit ohne den Verlust von Grazie oder gar wehleidige Gesichtsausdrücke. Selbst ich kann bei den morgendlichen Wettrennen durch den Park zur Metrostation kaum mithalten – und das mit 1.93m und entsprechend langen Beinen. Hallujulia! Na gut, es ist für den männlichen Teil der Bevölkerung gar nicht so schlimm wie es sich anhört, man kann sich ja an alles gewöhnen…
Mal etwas ganz anderes: Natasha war heute mit mir Paß abholen. Jetzt habe ich einen Stempel im Paß, welcher meine Registration an einer bestimmten Moskauer Adresse bis 30.11. bescheinigt. Wie toll. In 2 Wochen läuft also mein Visum ab, und dann muß ich noch einmal dort antanzen und es verlängern lassen. Alles auf einmal geht hier nicht, ist gegen die Vorschriften.
Vielleicht sollte ich auch einmal eine Art Russischbilanz ziehen? 12 Tage Moskau, keine Vorkenntnisse und trotzdem verstehe ich schon ziemlich viel. Im Russischunterricht sind wir schon bei den Adjektiven und ich schreibe pro Stunde fast 50 neue Vokabeln auf. Wer soll das nur alles lernen? Na irgendwie bleibt schon etwas hängen, und langsam aber sicher klärt sich der Nebel. Ich habe einen Studenten aus Italien getroffen, welcher mit gleichen Voraussetzungen bereits im August angereist war – er spricht schon Russisch und ist relativ selbstsicher. Finde ich gut, aber ich will es besser bzw. schneller hinkriegen. Spätestens zu Weihnachten – also nach 2 Monaten (btw, Weihnachten ist hier am 7. Januar), möchte ich mehr der minder alles in meinem Kopf auf einfache Art und Weise ausdrücken können. Vieleicht klappt es ja.
Meine eine Russischlehrerin ist übrigens aus Taschkent, Usbekistan. Wenn ich sie frage, erzählt sie mir Geschichten von zu Hause und wir stehen vor einer großen Wandkarte und unterhalten uns über Gott und die Welt. Ihre Eltern haben sie als kleines Kind mal im Meer zu weit rausschwimmen lassen, seitdem findet sie Wasser nur noch von weitem schön.
Die zweite Lehrerin ist echte Moskauerin und auch sehr nett. Bevor wir mit dem Unterricht anfangen, macht sie sich ersteinmal den Lippenstift neu, ohne gehts nicht. Heute habe ich sie nach einer Empfehlung für den Kauf einer russischen Grammatik gefragt. Ihr fiel auch sofort eine ein: Ich sollte doch einmal versuchen, ein Buch von Frau A. Schirotschenskaya zu bekommen… komischerweise kam mir der Name bekannt vor. Ich holte aus meiner Tasche ein ca. 40 Jahre altes Taschenbuch heraus – Verlag “PROGRESS” Moskau, EVP 6,90M – und sieheda, richtig erinnert! Es ist von eben jener Autorin und hat meinem Opa (!) schon Russisch beigebracht. GENAU DIESES Buch meinte sie und konnte es kaum fassen. Na wunderbar, noch mehr Übungen. Wir haben auch gleich 7 Stück gemacht und weitere 12 habe ich übers Wochenende als Hausaufgabe bekommen. Danke Opa. Vielleicht eine kurze Erklärung zur Begeisterung meiner Lehrerin Nummer 2 (Olga): Frau A. Schirotschenskaya war IHRE Lehrerin an der Universität. Hach ist die Welt… ach lassen wir das, ich muß Hausaufgaben machen.
