Heute war wieder einer der aufregenden Tage: Das erste Mal in einer Vorlesung. Organisiert von dem netten Automatisierungstechniker mit der schnellen Sprache, war sie auch sogleich ein Erlebnis. Komischerweise war ich der einzige unter 55, was mir gleich etwas spanisch vorkam. Offensichtlich führte die Fakultät gerade einen Kurs für ältere Semester durch, wo ich aufgrund der terminlichen Übereinstimmungen gleich integriert wurde. Wie dem auch sei, der Professor betritt auf die Sekunde genau den Saal und fängt an zu reden. Ein bereits 10min früher angekommener Assistent übernimmt das weiterklicken zwischen den einzelnen Seiten der Präsentation. Nach 10 min geht eine Art Völkerwanderung vom hinteren in der vorderen Teil des Raumes los, weil die Herrschaften nichts sehen. Zwischendurch wird immer dazwischengerufen und diskutiert, denn man hat in diesem Alter ja schon einiges gesehen. Der Professor sieht etwas genervt aus. Manche schreiben wortwörtlich mit, andere gar nicht. Klingelnde Telefone sind allenfalls störend, aber auf keine Fall geächtet wie bei uns – das wird noch 5 Jahre dauern, bis das Handy als gesellschaftlicher Unruhestifter enttarnt ist. Plötzlich wurde mir auch klar, warum mich Yana mit 2 Tagen Stille bestraft hat, als ich ihr während eines Baumfällwochenendes fast 24h lang keine SMS geschriebe habe – sie konnte es sich einfach nicht vorstellen, denn in Moskau ist es völlig egal was man gerade tut, Handy geht immer. Komischerweise hat sie im Bett noch nie telefoniert. Die Vorlesung habe ich also relativ gut überstanden. Danach hat mich der nette Herr zum foreign students office geschleppt, um dort meine studentische Tätigkeit an seiner Fakultät offiziell feststempeln zu lassen. Was soll ich sagen? Großer Fehler! Sogleich merkte die Cheffin, daß jemand hinter ihrem Rücken etwas organisiert hatte und fand es ganz und gar nicht gut. 10min später war der nette Herr hinauskomplimentiert und sie hing am Telefon. Weitere 10min danach erschien ein anderer Herr, und sie erklärte mir in fließendem Englisch, daß mir dieser gerne einen Vorschlag machen wollte.
Mir wurde angeboten in der Fakultät XYZ an einem Projekt teilzunehmen, in welchem meine Aufgabe ungefähr so zu umreissen wäre: Entwickeln Sie auf Basis eines Microchip® PIC18xxxx ein CAN®-Bus-fähiges device, welches auf selbigem neue Funktionen zur Verfügung stellt! Das Ganze natürlich auf Russisch. Dank des hohen Fremdwortgehaltes habe ich es jedoch verstanden. Meine Augen müssen wohl geleuchtet haben, denn Frau Cheffin zückte schon den Stempel und der Herr schrieb fein säuberlich seine Telefonnummer und einen Termin für Freitag Abend auf einen Zettel. Kurz darauf waren wir alle auf dem Weg nach Hause und meine Wochenplanung wieder im Eimer – aber: Das Thema der neuen Richtung klingt perfekt nach dem, was ich machen wollte, nur angblich an der Uni nicht existierte. Abends hat dann Herr Iwanowitsch bei mir zu Hause angerufen, weil ihm sein Freund (der schnellsprechende Automatisierungstechniker) erzählt hat, was passiert war. Oh je. Letztenendes sieht die Sache also scheinbar so aus:
Zwischen den Fakultäten und dem foreign students o!ce gibt es einen ständigen Kampf. Erstens sind es die Fakultäten, die persönliche Verbindungen in die einzelnen Länder unterhalten, und zweitens ist es jenes Bürö, welches die formale Gewalt über sämtliche solcher Vorgänge behalten will. Das beeinhaltet auch die Studienplanung. Da hat nun also ein Professor mit seinem befreundeten Professor vor lauter Nettigkeit etwas eingefädelt, da war es auch schon vorbei, denn die Oberfrau fühlte sich hintergangen. Als Student mit 17 Tagen Russisch sitzt man mehr oder minder nickend dabei und am Ende passiert dann irgendetwas. Es scheint auch irgendwie Geld im Spiel zu sein, denn man reißt sich förmlich um mich. Die entsprechende Gastfakultät bekommt irgndwoher Geld für ihre Funktion und kann sich mit einem ausländischen Studenten rühmen. Angesichts ca. 30 ausländischer Studenten pro Semester ist das schon etwas. Jedenfalls ist der eine Professor jetzt wohl etwas enttäuscht und ich weiß nicht, ob ich der Böse war. Tut mir Leid.
