Leider hatte ich heute früh meine Russischhausaufgaben noch nicht gemacht, also fix drangesetzt und alles geschrieben. Da ich mittlerweile wohl etwas zu spät gekommen wäre, habe ich Olga (die Russischlehrerin) eine SMS geschrieben. In der Uni angekommen, war sie aber noch gar nicht da, und ich schrieb weiter an meiner Vokabelkarteikartensammlung für die Metro. Eine halbe Stunde später kam sie angehetzt, nur um mir zu verkünden, dass der Unterricht heute wegen einer wichtigen Sitzung ausfallen würde. Sie hat es auch aufrichtig bedauert.
Leider war mein nächster Termin erst 4 Stunden später (in der neuen Fakultät!) und so habe ich ziemlich lange auf dem Flur gewartet. Nach einer Viertelstunde liefen 10 Jugendliche Instrumentalisten an mir vorbei und kurz darauf konnte ich aus dem Lehrerzimmer Stille Nacht auf russisch hören. Jetzt war mir auch der Sinn der Sitzung klar. Die MGTU feierte just in dieser Woche ihr 175-jähriges Bestehen, weshalb es zu allerlei außerplanmäßigen Feierlichkeiten kommen konnte. Weiterwarten.
Während ich so aus dem Fenster schaute, fiel mir die Fassade des Hauses auf. Das Haus selber ist so ungefähr vom Format des Berliner Reichstages, nur mit Innenhof und moderner. Modern heißt hier: Karl-Marx-Allee-Ambiente. Also zur Fassade. Hier wurden in traditioneller Weise weiß-gelbe Kacheln angebracht, welche im Neuzustand wahrscheinlich sogar glänzten. Verglichen mit der DDR, war es sicherlich um Potenzen schwieriger solche Kacheln aufzutreiben, weshalb ich mich umsomehr über die Verarbeitungsweise gewundert habe. Man kann nicht genau sagen, ob es ich hierbei um ein Projekt für invalide Hammerwerferinnen handelte, welche die Fassade vom anderen Flußufer aus bestückten, oder um gelangweilte Bauarbeiter: sämtliche Kacheln sind schief. Dieser Bau ist das Prunkstück russischer, wissenschaftlicher Intelligenz und wurde sicher auf Anordnung des Staates mit immensen Geldern finanziert, da fragt man sich, ob es niemanden interessiert (hat)? Wenn ich viel Geld für etwas ausgebe, dann will ich dafür doch auch etwas haben, oder? Erst recht, wenn ich vielleicht sogar Engpässe bei Baumaterialien habe! Ist es das im Geschichtsunterricht angesprochene Problem der kollektiven Verantwortungslosigkeit für Produktionsmittel oder interessiert hier einfach nur das große Ganze? Mir ist das alles schleierhaft… Irgendwie schade.
Irgendwie habe ich die Zeit jedenfalls verplempert und mich dann auf die Suche nach der “Gospitalny”-Gasse 4/6 (Госпитальны пер.) begeben. Gesuchte Nummern waren nirgends zu finden, also bin ich in die Nummer 3 gegangen. Die dort anwesenden Sicherheitsbeamten zeigten in alle 4 Himmelsrichtungen. Im Klartext: Sie hatten keinen blassen Schimmer wo denn das Haus mit der nächsten Nummer zu finden war. Also über die Straße in die Nummer 10. Das ist ein sehr großes Haus mit zwei Plattenbautürmen, welches als Hauptstudentenwohnheim dient. Die Pförtnerin wußte auch sofort was ich meine und verwies mich in den dritten Stock. Etwas verwundert hielt ich ihr den Zettel mit der Hausnummer hin, vielleicht hatte sie mich ja nicht verstanden? Nein, nein, alles richtig, dritter Stock. Alles klar – Hausnummer 4/6 ist im dritten Stock des Hauses mit der Nummer 10/11.
Dort warteten auch gleich die richtigen Leute auf mich. In einem Raum voller elektronischer Gerätschaften, wurde ich mit meinem wissenschaftlichen Betreuer bekannt gemacht und es ging auch sofort los. In einen Vordruck schrieben wir gemeinsam die Studieninhalte der nächsten Monate: Kennenlernen der Spezifikationen von Microchip PIC18 und CAN-Bus… und so weiter bis zum Ende: Erstellen des funktionsfähigen Gerätes und Testen am Bus. Was auf dem Vordruck schon draufstand und nicht gestrichen wurde: Die gesamte Arbeit muß in Form einer Diplomarbeit auf mind. 40 Seiten dokumentiert werden. Ah ja. Also wenigstens hab ich ein Ziel… Danach folgten 3 Stunden Einzelunterrict über die Eigenheiten und technischen Details des CAN-Bus – und das nach 20 Tagen russisch. Um 21:30 Uhr war die Stunde dann zu Ende und ich habe jetzt jede Woche 3 mal eine solche Sitzung. Dazwischen muß ich zu Hause Lesen und Programmieren :) Ich bin jedenfalls sehr zufrieden, denn man soll sich ja immer höhere Ziele stecken!
