bla bla von ТИАГРА

Wir waren in Суздаль! Susdal ist eine der ältesten Städte Rußlands, mittlerweile vielleicht eher ein Dorf. Seit 1024 ist es offiziell erwähnt – vorher war es wohl ein echtes Dorf, in welchem die Straßen – wie teilweise auch heute noch – altslawische Namen tragen. Einst muß hier der Nabel der Welt gelegen haben, denn es gibt an diesem Ort mitten in der Pampa Prunkbauten, Geschichte und Kunst wie in Moskau.

Angefangen mit der berühmten (ich kannte sie nicht…) “Mutter-Gottes-Geburtstags-Kathedrale” mit 5 blauen Kuppeln…

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… bis hin zu an norwegische Stabkirchen erinnernde Holzbauten, gibt es hier alles zu sehen.

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Die Holzbauten sind verhältnismäßig gut in Schuß, bei den Steinbauten fehlt eindeutig eine riesenhafte Menge Geld. Vielleicht weil man die Holzbauten mit relativ einfachen materiellen Mitteln und Handwerkskunst erhalten kann? Alte Männer und Frauen gibt es hier jedenfalls genug, denn die Jungen haben die Stadt längst verlassen. Bis auf die ein paar neureicher Rückkehrer, welche sogleich ein häßliches, neues Haus in die Pampa gesetzt haben, besteht die Stadt überwiegend aus kleinen Holzhüttchen, welche leider oftmals total verfallen sind – wahrscheinlich weil ihre Besitzer nur in den Sommermonaten zur großen Touristenschwemme anwesend sind.

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Auf den Straßen ist niemand zu sehen, nur ein Reisebus fährt ab und zu mit brüllenden Lautsprechern durch die verfallenen Gassen. 49 Hälse drehen sich gierig im 180° sobald der Reiseleiter die nächste Attraktion links oder rechts der Straße ansagt. Hier eine Kirche, da eine Kirche. Zwischendurch kann man ein paar alte Leute sehen, welche mit russischen Filzstiefeln bei -20°C durch den Schnee wandern, als wäre heute ein schöner Sommertag. Ist es aber nicht.

Der Reiseleiter hat sofort erkannt, dass wir alle jämmerlich frieren, und zeigt uns deshalb lieber die Kirchen von Innen als von Außen. Als wenn es dort wärmer wäre… Im ersten Museum weist er uns noch darauf hin, dass wir für das Fotografieren 50 Rubel bezahlen müßten. Ich glaube wir waren die Einzigen die es noch nicht kapiert hatten und haben tatsächlich 50 Rubel an der Kasse abgegeben. Nach dem Museum trifft man dann immer wie bestellt eine Horde Einheimischer, welche zu horrenden Preisen (als wäre Sommer und die Stadt voller Touristen) nachgemachte, russische Handwerkskunst feilbieten.

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Zwischendurch immer einzelne alte Mütterchen, welche selbstgemachte Lutscher oder ein einzelnes Glas mit selbstgekochter Marmelade oder Leberwurst direkt aus dem Dederonbeutel verkaufen wollen. Alle sehen aus wie direkt vom Film, aber leider ist es echt. Sie stapfen durch den Schnee, immer hinter den Reisebussen her, in der Hoffnung ein paar Rubel zu der fast nicht vorhandenen Rente zu verdienen. Meine Russischlehrerin erzählte mir (als ich ihr von Susdal erzählte), dass sie für ihre Mutter immer alles bezahlt hat, denn ein Sozialsystem gäbe es in dieser Hinsicht in Rußland nicht. Alte Leute werden buchstäblich auf der Straße sitzen gelassen. Yanas Oma hatte noch mit 75 Jahren mehrere Jobs, weil $20 Rente natürlich hinten und vorne nicht reichen – im Sommer half sie beim Asphaltieren im Straßenbau. Hallojulia. Auf dem Dorf scheint das nicht anders zu sein.

Leider habe ich zu wenig fotografiert, weil es einfach zu dunkel war. Das einprägendste Erlebnis waren nämlich nicht die Mütterchen in der Kälte, sondern die Kulisse dazu: Mitten in dieser Einöde, voller Schnee, verfallenen Hütten und 3 Mütterchen mit 7 Lutschern und 2 Leberwurstgläsern stehen tatsächlich ab und zu mal ein VW Touareg oder auch ein A8 quattro an der Straße. Da erzähl’ mir noch einmal jemand etwas von “klaffender” Lücke zwischen arm und reich in Deutschland…

IN den Gebäuden gibt es allerhand zu sehen. Frühe Ikonenmalerei und abenteuerliche Heizungskonstruktionen des späten 19. Jahrhunderts. Ab und zu auch eine wunderbar fette Katze, welche sich mit den Besuchern ins Haus geschlichen hat, um 10 min später von der strengen Aufseherin wieder rausgeschmissen zu werden.

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Da es mittlerweile dunkel und richtig kalt wurde (-20°C), enschloß sich die Reiseleitung kurzfristig zur Unterstützung der lokalen Bevölkerung und schmiß zwei volle Reisebusse kurzerhand für 2 Stunden auf die Straße – “freie Gestaltung des Nachmittags zur Entspannung”. Au ja. Also alle in die nächste Kirche, doch die war nach 30min besichtigt und alle strömten auf die Straße. Einige fielen jetzt den eilig herbeigerufenen Pferdeschlittenbesitzern in die Arme, welche sie in eiliger Fahrt unter der mollig steifgefrorenen Pferdedecke in Eiszapfen verwandelten, das Ganze für Preise die man auch in Wien hätte bezahlen können.

Der Rest von uns hetzte in eines der beiden Restaurants. Leider konnten Yana und ich nicht lange bleiben, denn die Preise waren mittlerweile so stark gestiegen, dass uns fast schlecht wurde. Freundlich versicherte man uns, dass auch eine Kreditkarte kein Problem wäre, aber wir bemerkten urplötzlich diese Wärme und das Sättigungsgefühl in uns und verließen das Lokal.

Wir schlenderten also noch etwas durch die Stadt und fanden in den Läden eigentlich nichts, was man zum Leben hätte brauchen können. Preislich gesehen schon gar nicht. Da die Stadt nicht groß ist und erst 45 min vergangen waren, beschloßen wir den geheimen Busparkplatz zu suchen, um dann im Bus zu warten. Mittlerweile hatten wir eisige Füße und bei -20°C war eine Hose eindeutig auch zu wenig. Nach kurzer Zeit entdeckten wir im Halbdunkel 15 Reisebusse auf einem alten Sportplatz hinter einem Hotel und fanden sogar unseren. Im Bus trank die Reiseleiterin lustig warmen Tee und vergnügte sich mit dem Busfahrer. Nachdem durch das Klopfen an der Scheibe fast der Scheibenwischer vom Stamm gefallen war, ließ man uns eintreten.

Keine 4 Stunden später waren wir nach 18h Exkursion wieder zu Hause. 540 Rubel, 216 km und viel Kultur. Bis zum nächsten Mal!

1 Comment

  1. paul paul
    December 20, 2005    

    kann man fast nen kalender draus machen

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