Gestern früh bin ich etwas überstürzt aus meiner angestammten Wohnung geflohen. Leider gab es entgegen der Zusage plötzlich keinerlei Zimmer mehr im Studentenwohnheim. Man präsentierte einfach eine volle Liste und das war’s. Im foreign students office ärgerte man sich sodann darüber, dass ich mich schon vorher mit der Frau vom Wohnheim getroffen hatte, aber man wollte mir dennoch helfen. Nun gut, nach 3 Stunden wurden wir zum stellvertretenden Leiter gerufen, welcher lang und breit erklärte, warum in Rußland nunmal alles seine Ordnung haben müsse. Er würde jetzt ein paar Dokumente fertigen und dann könnten wir wiederkommen. Also wieder draußen warten. Mittlerweile war es 17 Uhr und die Chefin des Wohnheim lief – sich meiner Lage bewußt – ohne auch nur den Kopf zu wenden an mir vorbei in den Feierabend. Na gut dachte ich, wird ihr der Chef gesagt haben, dass sie doch noch ein Zimmer rausrücken muß und nun mag sie mich nicht mehr – auch egal. Nach weiteren 30 min wieder zum Stellvertreter, welcher inzwischen eine deutsche und eine englische Version des Wohnheimvertrages fertig hatte. Plötzlich gab es also doch Zimmer? Ja, aber nicht mehr heute, denn ohne die Chefin könnte er ja nichts tun. Ich konnte es kaum glauben, denn es ging eigentlich nur um einen kleinen gelben Zettel, welcher mich zum Eintritt ins Wohnheim berechtigte – schlafen konnte ich auch erstmal im Zimmer eines Freundes… nein, nichts zu machen, kein Weg führte zum Ziel. Stattdessen gleich Vertrag für den nächsten Tag mit Summe und Zahlungszziel: Friß oder stirb. Also gefressen.
Nächste Frage: Wo schläft man in der kommenden Nacht? Gäste werden im Wohnheim mit Paßnummer registriert und um genau 23 Uhr von der zuständigen Etagenbewacherin vor die Tür gesetzt. Die Metro stellt um 1 Uhr morgens ihren Betrieb ein, also auch nichts. Flughafen! Da gibt’s doch Wartesessel! Ein kurzer Blick auf die Karte verhieß nichts Gutes: Keiner der Flughäfen schien mit der Metro erreichbar zu sein, und Taxi ist in Moskau so eine Sache…
Also woanders: SMS geschrieben und telefoniert bis die Telefonkarte alle war, aber leider ist das in Moskau gar nicht so einfach. Studenten sind hier ziemlich jung und wohnen fast ausnahmslos bei Mami und Papi, weshalb se nicht einfach mal jemanden mitbringen können. Frauen sowieso nicht, denn da läuten dann gleich die Heiratsglocken. Im Flugzeug hatte ich eine Botschaftsmitarbeiterin aus Deutschland getroffen, welche für mich den Bereitschaftsdienst der Deutschen Botschaft anrief, aber da war niemand zu erreichen. Angeblich hat die Deutsche Botschaft in Moskau mehrere Wohnungen, welche sie im Bedarfsfall einfach vergeben kann. Ein französischer Student war schon vor einer Weile mit seiner Freundin ausgezogen und galt besonders nach langen Parties als sehr gastfreundlich, leider war er diese Nacht nicht aufzutreiben…
Kurz vor 10 kam ein Kumpel aus Deutschland vom Frauenfang zurück, und erzählte etwas von einer Wohnung eines Freundes, welcher wohl im Urlaub wäre… und den Schlüssel hätte er auch. Na wunderbar! Kurz vor Rausschmiß aus dem Wohnheim also doch noch etwas geklappt. 10 min später noch per Telefon die zweite Möglichkeit: Bei der Familie einer Kollegin aus der Botschaft. Hallojulia. Halb Moskau aufgeweckt! Eilig Dankes-SMS in alle Richtungen verschickt und dann zu dritt zur U-Bahn. Bei der Gelegenheit haben wir auch unsere Dreckklamotten mitgenommen, denn in der Wohnung gab es eine Waschmaschine! Unterwegs noch per «Евросеть» (Geld auf den Tisch legen, Telefonnummer ansagen, fertig.) die Telefonkarte aufgeladen und dann ab ins Zentrum.
Новослободская – ist schon eine etwas teurere Gegend, und das heißt in Moskau einiges. Porsche Cayenne vor der Tür, Sicherheitsdienst an der Haustür und polierter Marmor auf dem Flur. Sämtliche Armaturen kommen direkt aus Deutschland. Der Hauptunterschied zu einer normalen Wohnung: Man hat sich bei den Installationen ein wenig Mühe gegeben. Fast deutscher Standard. Es gibt nur Laminat, Glas und Spiegel, Jacuzzi und Boschmikrowelle, kurz: Stilbruch an jeder Ecke. Das ist aber auch gar nicht so wichtig, denn die Wohnung ist eindeutig nicht zum Wohnen konzipiert worden. Offene Küche mit Blick auf den 16:9 Plasmafernseher und 10 m2 Couch. Nicht weit weg gleich das Bad mit Jacuzzi und gleich danach 5 m2 Wasserbett. Das heißt: Von der Arbeit kommen, im Telefonbuch geünschte Frau anwählen, einmal das ganze Programm, und dann wieder zur Arbeit. Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Insgesamt hat man vielleicht 80 m2 Moskauproll, für, und jetzt kommt’s dick: 4500 EUR im Monat. Ja, für echtes Holz auf dem Boden muß man schon etwas tiefer in die Tasche greifen.
Jedenfalls habe ich etwas geschlafen. Heute mit Beutel voll nasser Sachen in die Uni gekommen und gleich im Wohnheim nach der zuständigen Frau gefragt, leider noch niemand da. Angeblich gibts ja heute die Schlüssel zu dem Zimmer, was gestern nicht vorhanden war. Wahrscheinlich haben sie über Nacht angebaut… nach dem Russischunterricht sehen wir weiter. Eben fängt ohne Vorwarnung das Uniradio an zu brüllen… Fröhlichkeit auf Rezept – fühle ich mich eher nicht gerade nach…
Bei der Wohnheimchefin angekommen, gabs erstmal richtig Ärger. So viel Ärger hab ich noch nie auf russisch bekommen. Leider war ich die falsche Adresse, aber das war ihr völlig egal. Wieso und überhaupt und sie müßte jetzt einen anderen Studenten früher rauswerfen und das wäre ach und so weiter. Im Endeffekt war es wieder wie immer: Im
Komischerweise wurde sie nach dem Anschiß ganz freundlich, vielleicht weil ich ihr sagte, dass ich die Deppen im o.g. office auch nicht mag? Ich habe einen temporären Wohnheimsausweis bekommen und ein Zimmer und fertig war der Lack. Rausgeschmissen wurde niemand! Zufällig habe ich den vorherigen Bewohner meines Zimmers auf dem FLur getroffen und ihn gefragt… er sagte das sei totaler Quatsch: Er sei vor einer Woche in ein anderes Zimmer umgezogen, weil ihm die Küche und ihre Gerüche zu nahe gewesen sei. Nun, jetzt bin ich an der Küche. Durch die Mitbewohner aus Burma, Vietnam und China gibt es dort allerhand zu entdecken, wovon man lieber nicht wissen will was es ist. Gerüchten zufolge wurden schon Schädel von Tieren in den Kochtöpfen entdeckt. Wenn ich ganz leise bin, kann ich den Kakerlaken beim Spielen auf dem Boden zukucken. Possierliche Tierchen. Knackt ein bißchen wenn man drauftritt. Naja, ist nicht so schlimm, im Bad wachsen die ständig nach.
Nach 18 Uhr wird von der Wohnheimleitung das traffic shaping heruntergenommen, und man kann tatsächlich das Internet mit akzeptablen Geschwindigkeiten benutzen. Wir sitzen natürlich hinter einer Firewall und wilden Patchorgien im Flur, weshalb fast nichts funktioniert. Mittlerweile hab ich fast alles nötige nach Deutschland getunnelt, nur das Telefon läuft noch nicht… ob ich das noch hinbekomme ist fraglich, denn da ist es nicht so einfach… Ich bleibe dran.
Morgen ist irgendeine Weihnachtsfeier o.g. Franzosen und am Sonntag sind wir bei unsere Russischlehrerin in ihre neue Wohnung eingeladen um den Rechner in Ordnung zu bringen. Weihnachten gibts hier ja bis auf weiteres nicht, also auch alles schön ruhig :)
So, ich werd’s jetzt mal wieder knacken lassen…
