Vielleicht zur Illustration der westlichen Nachrichtensendungen über den unmenschlichen Kälteeinbruch im Osten Europas, hier einmal mal ein paar reale Eindrücke:
Im Park ist alles dick verschneit und durch die Kälte komplett vereist. Nach und nach haben sich die täglich anwesenden Hunde auf ein paar markante Eisklötze geeinigt, welche nun im sommerlich gelben Glanz das öde Grau der Kälte zu durchbrechen suchen.
Die Haustür mit dem Elektromagneten piept unaufhörlich, da sie sich aufgrund des angesammelten Schnees nicht mehr vollständig schließen läßt. Interessieren tut das hier aber niemanden, da sowieso dauernd die Alarmanlagen der parkenden Autos sämtliche Telespielmelodien dieser Welt zum Besten geben. Der falschherum eingesetzte Fahrstuhletagenwahlknopf mit der Nummer 12 springt noch wie gewohnt beim dumpfen Aufschlag der Kabine wieder heraus, und auch der 15cm Höhenunterschied zwischen Fahrstuhl- und Etagenboden ist mir vertraut.
In der Wohnung fällt zunächst nichts Besonderes auf, denn die Zimmertüren sind alle geschlossen. Nun gut, wir sind ja nicht in der S-Bahn geboren, wie man zu Hause so schön zu sagen pflegt. Im Schlafzimmer ist niemand anzutreffen, da dort die Temperaturen trotz Heizung nicht über 15°C steigen. Im Wohnzimmer sitzt man bei Gebäck, lustig die Ereignisse des Tages erzählend. Man sitzt in Skihosen und Kombinationen aus Bademantel und Wollpullovern auf dem Sofa und fragt sich, welcher der Nachbarn es denn wieder gewesen sei… Hier gibt es nämlich altbekannte Tricks, wie man bei sich in der Heizung ein Ventil einbaut um zu verhindern, dass der Nachbar das ganze warme Wasser und damit die Wärme abbekommt. Allen kennen sie, jeder hat es schon gemacht, und keiner will es gewesen sein. Wenn man am Ende des Stranges wohnt, hat man sozusagen Pech gehabt. Wir wohnen am Ende.
In der Küche läuft die 2KW-U-Bahnheizung (das sind diese schwarzen Blechrollen mit der Heizspirale, welche früher unter S- und U-Bahn-Sitzen zu finden waren…) 24 Stunden am Tag. Das Kabel ist zweiadrig ohne Schutzleiter, handwarm und deutlich braun verfärbt, was hier jedoch nur als Zeichen für dessen Funktion gewertet wird. Etwas verwundert: Die Fenster haben dicke Eiskrusten. Gut, Eiskrusten sind normal, habe ich bei -35°C sicherlich auch in Deutschland an meinem Fenster. Komisch ist eher, dass die Eiskrusten im Zimmer sind, und nicht draußen. Ja, die Fensterrahmen sehen hier auf der Innenseite wie ein nicht abgetauter Kühlschrank aus.
Im Fernsehen zählt man gerade die MegaWatt der zur Verfügung stehenden Kraftwerke zusammen, und spricht von ersten nächtlichen Stromsperren für große Betriebe. Wahrscheinlich hätte man auch mit 1,99 EUR für 1 Kartusche Silikon so 1-2 KW/h einsparen können, aber so kalt ist es hier ja auch nicht alle Tage…
In der Uni steht im gläsernen Eingangsportal mit den beiden sich ständig öffnenden Türen ein 10KW-Drehstrom-Heizlüfter, um die vorbeilaufenden Studenten zu wärmen und die Eisbildung in der nahegelegenden Seitenstraße zu verhindern… oder so… Langsam macht sich bei mir leichtes Unverständnis breit.
Im Wohnheim ist es bei mir wieder warm, denn der Wind steht zur Zeit auf Andreas’ Seite. Ich freue mich diebisch und besuche unsere Toilette, mit den frisch eingesetzten, neuen Türen aus Echtholz. Während ich da so sitze, warte ich auf einen der Burmesen mit einem Reistopf in der Hand, der aufgrund des seit 2 Wochen fehlenden Riegels meine Sitzung unterbrechen will. Nein, heute habe ich Glück, wir treffen uns erst im Flur und er bietet mir auch etwas von seinem Mahl an, was ich jedoch vor lauter Höflichkeit, leicht errötet und unter Auferbietung sämtlicher russischer Höflichkeitsfloskeln dankend auf ein nächstes Mal verschiebe. Wieder im Zimmer lasse ich es noch zwei, drei Mal kurz knacken und ich schlafe gemütlich mit den Füßen an der Heizung ein.
