Thu 26 Jan 2006
Neulich mußte ich meinen Wohnheimplatz bezahlen. Praktischerweise gibt es im Hauptgebäude der Uni eine Bankfiliale, sodaß man den ganzen Papierkram nicht so weit tragen muß.
In einer russischen Bank ist es eigentlich wie bei uns: Jeder Schalter ist mit einem Schildchen versehen, auf welchem seine Funktion kundgetan wird. Im Unterschied zu den Schildchen bei uns, sind diese hier lediglich zur Dekoration. Das merkt man spätestens wenn man sich als unwissender Ausländer stundenlang an den richtigen Schalter anstellt und in der Zwischenzeit 20 Russen das gleiche Anliegen an 3 weiteren Schaltern vorgetragen haben.
Wie so oft in Rußland, denkt man bei den jüngeren Angestellten schon fast, dass man für deren Anblick bezahlen muß, aber wie schon früher erläutert… das gehört hier einfach so.
Zur Steigerung der Produktivität hat man hier selbstversändlich auch schon Flachbildschirme angeschafft. Um die Angesellten zusätzlich gesund zu halten, wurde bewußt auf Festplatten im zentralen Datensicherungsserver verzichtet und stattdessen ein zusätzliches Diskettenlaufwerk eingebaut. Die Folge: Alle 2 min springt eine der Angestellten auf und wechselt die volle Diskette gegen eine leere aus. Das trainiert. Damit keine Daten verloren gehen, druckt man zusätzliches alles noch einmal aus. Alleine in meinem Beisein sind wohl ca. 50m Endlospapier durch den Nadeldrucker gerattert. Datensicherheit muß sein.
Als ich endlich an der Reihe bin, entbrennt hinter der grünlichen Panzerglasscheibe ein unvorstellbarer Papierkrieg. Formulare, Stempel und handschriftliche Paßabschrift. Am Ende bekomme ich das ersehnte Papier und mein Fall (Einzahlung von 8750 Rubeln auf ein Konto der MGTU) hat bis jetzt ca. 1m2 Papier verbraucht. Alleine in der Bank – die unzähligen Seiten im foreign students office gar nicht mitgezählt.
Wahrscheinlich ist der eine dekorativ in der Mitte der Filiale aufgestellte Laserdrucker bei einer Bank in Deutschland auch nur Attrappe oder sie senden die Daten ganz modern über eine dreifach gesicherte Leitung in die Zentrale Ausdruckanstalt am anderen Ende der Stadt. Oder? Na vielleicht gibt es da doch schon einige Unterschiede. In Rußland setzt man nicht zuletzt mangels Geld auf altbewährte Rituale – eine Verfahrensweise die schon seit Beginn der russischen Zeitrechnung den ganzen Laden am Laufen hält. Er läuft und läuft und läuft und der Spagat zwischen gestern und heute wird täglich größer. Doch auch dafür wird man eine Lösung finden. Ganz sicher. An die Zukunft denken wir wenn wir Zeit dafür haben. Also vielleicht morgen. Oder auch nicht. Was fällt auf? Alles genau wie zu Hause!

Ein gutes Beispiel für lebende Traditionen ist der Reisigbesen. Während er bei uns schon nur noch in Ökoläden oder in der Dekorationsabteilung ihres nahegelegenen Baumarktes zu erstehen ist, kann man in in Rußland in jeder Lebenslage finden. Überall. Die Metro wird damit gefegt, die Treppen und die Straßen. Selbst die offizielle Müllabfuhr vertraut auf seine reinigende Wirkung. Der Rest der Straßenreinung ist eher mit den Flintstones zu vergleichen, aber er funktioniert. Zumindest in Zentrum ist immer alles sauber, und das, wie schon einmal erwähnt, fast ohne Mülleimer auf den Straßen. Ein typisch russisches Wunder. Wenn ich jetzt von den wunderbaren Alu-Schneeschiebern rede, welche hier überall in Verwendung sind, dann wirkt es irgendwie alles etwas zusammengewürfelt und unwirklich. Aber genau so ist es auch! Der Porsche Cayenne rollt langsam die Straße entlang, wo gerade noch der Reisigbesen die Snickers-Verpackung in den großen Samsung-Fernsehkarton gefegt hat. Der Müllmann schiebt seinen Wagen weiter durch den Schnee, während eine Horde 15-Jähriger Mädchen die Straße herunterrennt und die neuesten russischen Hits zum quietschbunten mp3-Player kreischt.
Natürlich lachen sie auch über meine Waschbärmütze, denn mittlerweile sind wir hier bei sommerlich warmen -15°C angekommen und wir werden uns wohl arg zusammenreißen müssen, damit wir zu Hause nicht bei 0°C im T-Shirt auf die Straße rennen. Im Fernsehen beklagt man gerade wir schlimm es doch bei -20°C sei, und daß soundsoviele Telefon- und Stromleitungen im ganzen Land tot seien. Alles Jammerlappen. Da drüben in Deutschland.
January 31st, 2006 at 12:43:05 pm
ich bin bekennender Jammerlappen!
January 31st, 2006 at 5:52:13 pm
ich find es auch komisch – letztes jahr gabs auch an die -20°C in der nacht. da hat niemand so laut gejammert wie diesen winter…
ich jammer auch – aber nur still und leise.
January 31st, 2006 at 7:05:16 pm
Ich jammer auch laut… Ich bin ne Frau, ich darf auch bei + 15 °C noch frieren *g* gell Ines?
January 31st, 2006 at 7:07:59 pm
alles unter +25°C is doch eh viel zu kalt *gg*
January 31st, 2006 at 9:34:12 pm
da muss ich euch allen recht geben *bibber*
aber mir wurde gestern erzählt in der ukraine sein es schon 0°C warum klappern die in moskau immernoch…*ingeographieeinenietebin*
February 9th, 2006 at 2:28:01 am
Hmm, Reisigbesen sind hier auch nach wie vor völlig normal – in Niedersachsen – die Strassenreinigung benutzt sie z.B. im Winter überall da, wo dei Kerhmaschienen auf den verwinkelten Fußwegen schlecht einsetzbar sind. Aber auch in jedem Baumarkt kann man sie hier noch kaufen.
February 9th, 2006 at 2:56:23 am
bei euch in niedersachsen… reisigbesen sind natürlich auch eine stilsichere ergänzung zu pferdeäppeln :P