Auf dem Hinterhof des Wohnheims werden wahrscheinlich still und leise unter größtmöglicher Geheimhaltung (deshalb die aufwendige Tarnung als Schrottplatz) die Trägerraketen für die erste russische Marsmission entwickelt. Ich hab aber alles durchschaut und aus dem 13. Stock heimlich fotografiert, wie einer der Wissenschaftler eine Leitung für flüssigen Sauerstoff optimiert:

Ähnlich getarnt ist auch das Elektroniklabor in welchem ich meine Arbeit schreiben soll. Unmengen Tarnung und mittendrin ein digitales Speicheroszilloskop. SMD-Löten mit Dachrinnenlötkolben und Platinenfräsen mit höchster Präzision. Keiner weiß, wie solche Biotope technischer Effektivität in unserer schnelllebigen (Aha, es gibt als noch ein Wort außer Dampfschifffahrt!) Zeit überleben, aber sie tun es. Alles am Limit, alles kurz vor dem Zusammenfallen, aber mittendrin emsiges Treiben von absoluten Profis. Ist mir alles schleierhaft. Was würde passieren wenn man die ganze Meute in ein ordentlich ausgestattetes Labor setzen würde? 300%ige Produktivitätssteigerung innerhalb einer Woche oder Kompletttarnung (Noch eins!) innerhalb weniger Stunden?
Da ich heute sauer bin, tippe ich auf letzteres. Sauer deshalb, weil heute einer der Profis (das Wort ist ernst gemeint) aus Versehen meine sowieso schon Ersatzschaltung in süßlichem Rauch hat aufgehen lassen. Krokodilklemme als Masse für’s Oszilloskop quer über die Platine geklemmt und aus. Kurzer Rauch, Ende. Spannungsregler und Prozessor in den ewigen Jagdgründen. Spannungsregler war noch genau einer da, Prozessor genau keiner. Fazit? Ich kann meine Arbeit komplett an den Nagel hängen, denn: Der Prozessor ist in Moskau nur schwer aufzutreiben, da immer vergriffen (*). Außerdem machen die Herren am Mittwoch einen kleinen Umttrunk, am Donnerstag und Freitag sind offizielle Feiertage für die Männer Rußlands, am Sonnabend geht er Skilaufen und am Sonntag (Arbeitstag!) treffen wir uns dann zur Besprechung der schriftlichen Arbeit.
Ernüchterndes Ergebnis von 5 Monaten Rußland: Meine Arbeit ist hinten wie vorne ins Wasser gefallen. Schaltung samt Platine wurde nicht umgesetzt, Ersatzplatine abgeraucht, entwickelte Programme existieren nur auf dem Rechner und können mangels Hardware nicht getestet werden. Demzufolge gibt es natürlich auch keine Experimente zu Fehlerraten oder sonstewas – Schlußfolgerungen und Ergebnisse kann ich mir in die Haare schmieren. Meine schriftliche Arbeit soll ich trotzdem mit größter Sorgfalt zu Ende führen und um die Präsentation komme ich auch nicht herum. Theoretisches BlaBla zu den Grundlagen und meinen Entwicklungen zu einem nicht existenten Gerät zur externen Temperaturüberwachung über CAN-Bus. Ich bin begeistert.
Soeben kommt noch eine eMail von der TFH-Berlin:
Sehr geehrter Herr Henning,
leider können Sie sich Russischikurse hier nicht anerkennen lassen. In Ihrem Studiengang sind Sprachlehrveranstaltungen nicht obligatorisch. Schauen Sie sich das Angebot an, wenn Sie hier sind. Ich berate Sie auch gern in meiner Sprechstunde.
Weiter viel Spaß in Russland,
Prof. Dr. Ursula Meißner
Mir fällt dazu nichts mehr ein. Wenn mich heute einer komisch ankuckt, versenke ich ihn mit der flachen Hand im Eis. Grrrrrrrrr.
(*) Kleiner Exkurs: Amerikanischer Hersteller haben sich beim Export von Prozessoren und Controllern extrem affig, denn das ist ja Technologie die gegen sie verwendet werden könnte. Also schreibt man entweder langwierige Projektbeschreibungen und erhält dann genau abgezählte Exemplare, oder man verläßt sich auf Grauimporte, welche wohl über China etc. kommen sollen. Letzteres macht man hier und die wenigen Prozessoren sind dann selbst in einer großen Stadt wie Moskau schnell vergriffen.)
