
Unser Posteingangssregalwachkätzchen! *süüüüüüüß*

Unser Posteingangssregalwachkätzchen! *süüüüüüüß*
Heute habe ich den Grund für das Austerben der Hippies erkannt. Läuft man bei unter -20°C durch einen dicht verschneiten Park, trifft man zwangsläufig auf Unmengen Pulverschnees. Hat man dann noch Schlaghosen im 68er Format an den Beinen, schaufelt man sich selbigen Schritt für Schritt in Richtung Schritt. Egal wie hoch die Schuhe sind, der Schnee kriecht förmlich in der Hose hoch. Nach zwei Kilometern beginnt man langsam, die bösen Fernsehgeschichten über Zeugungsunfähigkeit zu glauben, und spätestens wenn es dann kurz vor der Metro noch einmal richtig windig wird, versteht man auch den Rest von Darwin.
Außerdem ist mir heute eine Frau mit Ohrringen entgegengekommen. Ohrringe vom Format einer Mopedfelge. Jetzt frage ich mich: -25°C Lufttemperatur, Wind – wie warm wird da eine Mopedfelge sein? Wir warm die Innenseite des Ohrringohrloches? Ich suche ja schon lange nach einem zivilen Verwendungszweck für das Wort Eisbrand… *Aua*.
Ganz klar: Jein! In letzter Zeit bekomme ich teilweise furchterregende Zuschriften von mir unbekannten Lesern, welche über den Zustand Rußlands philosophieren. Um es vorweg zu nehmen: Nein, hier ist nicht alles kaputt und in den Straßen stehen wir nachts noch ohne brennende Ölfässer. Noch. Was in jedem Reiseführer steht und was man wirklich nicht oft genug sagen kann: $moskau != $russland. Auf den Dörfern geht es wirklich ganz anders zu. Russen sagten mir, dass man in anderen Städten mit Industrie sogar regelrecht aufblühen würde, weil man plötzlich Geld verdiene und dafür auch etwas kaufen könne. Ich kann das leider nicht verifizieren, klingt zumindest erst einmal komisch, aber wir sind ja in Rußland.
Alles in allem kann ich keine Anzeichen für einen Totalzusammenbruch erkennen, denn hier gibt es immer eine Lösung! In wunderbar furchterregender Weise entwickelt sich während des Zerfalls des einen ein ganz neues System – das Ganze mit einer sich mit dem Quadrat der Inflationsrate verdoppelnden Geschwindigkeit… Unterdessen jagt im Fernsehen ein Musterprozess gegen korrupte Beamte den anderen, und der Verkäufer für medizinische Atteste, Registrationen und Gewerbescheine in der Metro ist geradezu alltäglich. Besteht man einen oder mehrere Teile der Führerscheinprüfung (welche zugegebenermaßen ein Lacher ist… amerikanische Verhältnisse…) nicht, kann man mit $50 kurz nachhelfen – alles ganz normal.
Dass hier dennoch nicht allem kaputt ist, beweist meiner Meinung nach folgendes Foto:

Zu sehen ist dort im Hintergrund ein Park in einer Plattenbaugegend im Norden von Moskau. Nichts besonderes, nichts teures, ein Arbeiterviertel wie es in allen befreundeten Volksrepubliken vielfach zu finden ist. Wenn man ganz leise ist, kann man jedoch noch mehr erkennen: Im Park sind alle Sträucher akkurat beschnitten! Jetzt frage ich mich doch, was ich zuerst einsparen würde, wenn es meinem Staat dreckig geht? Solchen überflüssigen Luxus wie das Beschneiden von Sträuchern in einer völlig unwichtigen Gegend meines Staates, wo noch nicht einmal die Protokollstrecke entlangführt? Genau! Fazit: Entweder es dreht sich noch irgendwie, oder man will sich einfach beruhigend auf die Schulter klopfen, während man die Karre mit Pauken und Trompeten in den Sand fährt. Was soll ich sagen? Letztere Variante klingt auch nicht unmöglich…
Weshalb ich das Bild eigentlich gemacht habe, ist vielleicht sogar offensichtlicher. Alle Leute stehen falsch herum an dieser Bushaltestelle. Spontan könnte man meinen, dass dies bei -25°C die einzig richtige Reaktion auf die von hinten kommende Sonne sei – Sonne im Gesicht fühlt sich ja wärmer an, als Sonne auf dem Hintern. Doch weit gefehlt, selbiges Schauspiel ist auch bei bedecktem Himmel zu beobachten. Komisch das alles. Na irgendwo muß man ja den vielbeschriehenen kulturellen Unterschied festmachen…
… spätestens in der Metro fällt einem dann ein weiterer auf: In den Werbeplakaten der Elektrodiscounter werden DVD-Player weder mit DivX noch mit HDready beworben – nein, hier zählt etwas ganz anderes: Hat das Gerät eine Karaoke-Funktion? Kann ich mehr als 1 Mikrofon anschließen? Ohne Karaoke geht hier nämlich auf keiner Party etwas! Speziell in hellhörigen Plattenbauten wird zur Freude der Anlieger die Nacht oft und laut durch eben diese Funktion grell unterbrochen. Auf der letzten Party hat mir ein Russe dann auch gesagt, warum sie ohne Alkohol nicht feiern können: Sonst könnte man nicht karaoken. Langsam wird alles klarer! Wodka ist übrigens außerhalb von Touristenkneippen relativ out: Die Jugend gibt sich ladylike den Martini Dry oder bestenfalls Saft mit irgendwas – und danach ans Mikrofon. Nie habe ich das Fassungsvermögen einer DVD so bedauert…
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