Seit heute weiß ich, dass ich bis jetzt total an mir selbst vorbeigelebt habe.
Ich spüre, wie ich morgens ins Bad gehe und tief in meinem Inneren irgendetwas die Dockingstation für meinen elektronischen Eierschaukler mit BlueRay-Slot vermisst. Die Hände werden sofort zittrig und der Informationsgehalt in meinem Gehirn scheint auf Null zu sein. Ich wanke in die Küche, wo ich sofort aufs Regal greife um kurz ein Video zu kucken. Nebenbei vermisse ich auch den Controller um dem Vieh da oben auf dem Schirm ein paar in die Fresse zu hauen, aber nichts regt sich. Ich überlege kurz, ob ich noch ein paar Tools kaufen sollte oder ob mir die Magic vielleicht ausgegangen ist?
Irgendwie ist der Morgen heute nicht so wie er sein sollte, weshalb ich mit eindringlicher Stimme auf meine 15″-Pinnwand einrede, um sie zur Neuabstimmung des Ambilights zu bewegen. Jetzt wird es mir aber zu bunt und will jemanden anrufen. Sehen will ich ihn auch. Egal wen. Mein Telefon hört nicht auf meine flehenden Worte und sehen kann ich auch nix. Scheißding. Und wie es klingt, grauenhaft. Ich lege mich wieder ins Bett und versuche nachzudenken.
Ist mein Laptop zu klein? 12″ sind vielleicht nicht mit dem heutigen Stand der Technik kompatibel? Woran sonst liegt es, dass ich keine Frauen, Geld und multiple Orgasmen in meine Wohnung fliegen sehe? Meine Anbindung zur Außenwelt ist zu schmalbandig und deshalb funktioniert das nicht! Jetzt fällt es mir auf. Ich bin Mitglied der neuen, desinformierten Schmalbandschicht, welche zu wenige Farben sieht und an denen das ganze Leben nur in verwaschenen Bildern mit viel zu langer Reaktionszeit und absolut megaschlechtem Grottenkontrast vorbeispeedet. Auf unseren Miniaturröhren erkennen wir nur einen Bruchteil der Realität und unsere Autos sind so unglaublich unkommunikativ, dass wir eigentlich kaum noch leben dürften.
Ich frage mich, wieso ich ohne Plasmafernseher und Playstation mit 12 Monitoren im Auto überhaupt durch meine triste Welt schleichen konnte? Ich schleiche, alle anderen rasen. Ich bin schwarz-grau, ringsherum ist alles 7-dimensional und milliardenfarbig. Plötzlich muß ich weinen. Jede Träne, die meinem geschundenen Urmenschenkörper entrollt, ist für einen von denen da draußen bestimmt, für jeden, der mit 40″-Schwanzverlängerung und Jamba-Abo hyperhochaufgelöst durchs Leben rennen muß – vollverkabelt und mit Flachbildschirmen behängt, online und mit RFID im Arsch. Ihr tut mir alle so Leid.
Die diesjährige IFA hat mir 2 Sachen gezeigt: Die Welt entwickelt sich zurück und wird wieder so flach wie vor 500 Jahren – nur viel teuerer, mit mehr Kontrast und mit genauso fanatischen Hintermännern. Multimediafundamentalisten! Zweitens: Nie wieder.
[EDIT: Ich bin mir darüber im Klaren, dass dieser Eintrag auf sie verstörend wirken könnte. Auf mich auch. Gehen Sie mal auf die IFA.]

Ich komme sogar ohne Fernseher und mp3-Player aus. Ich weiß nicht, wie das gehen kann. Aber es geht! Wenn ich über die Straße gehe und die vielen verstopften Ohren sehe, ist mir völlig klar, wie das weiter geht: Brillen mit Minimonitoren, über die Playstation- oder andere Videos laufen. Die Nordic-Walking-Stöcke werden mit Sensoren versehen, damit die Leute erkennen, wenn sie mit einem DVD-Video-Beschäftigten kollidieren. Ich erwarte auf der nächsten IFA das interaktive Klopapier.