bla bla von ТИАГРА

So richtig habe ich das noch nicht verstanden mit Weihnachten und Neujahr. Eigentlich ist Weihnachten am 7. Januar, das ist aber je nach Familie und religiöser Ausrichtung weniger wichtig. Das richtige Neujahr wird dann, wie bei uns, am 31.12. gefeiert und man stellt auch den Weihnachtsbaum auf. Geschenke gibt es dann um Mitternacht zusammen mit dem Neujahrsumtrunk. Dann gibt es aber noch ein Neujahr, und zwar das “Alte Neujahr”. Das ist dann am 14.1. und interessiert die jüngste Generation kaum noch. So viel dazu.

Im Fernsehen sehen wir das Neujahrsfeuerwerk in Sydney. Der Sprecher sagt etwas von $300.5 Millionen, welche der Spaß wohl gekostet haben soll. Ungläubiges Kopfschütteln. Wir holen den kleinen Weihnachtsbaum aus seinem Karton und stellen ihn auf. Es ist ein hübsches, kleines Plastebäumchen, welches schon mind. 20 Weihnachten auf dem Stamm hat. Für Stimmung sorgen fortan 10 bunte Lämpchen einer Lichterkette mit einer ausgeklügelten An-Aus-Automatik, welche zu Sowjetzeiten sicher einmal viel Geld gekostet hat. Hinterm Kleiderschrank stehen die Einzelteile eines großen Esstisches, die es in einen benutzbaren Tisch zu verwandeln gilt. Kurze Zeit später wird der gesamte Tisch mit Essen beladen. Den Tags zuvor gefangenen Salat, Fisch, Gurken, Fleisch, Brot und vieles mehr zaubern die Damen des Hauses sodann auf den Tisch.

Inzwischen ist es halb elf und man wird ungeduldig und hektisch, denn weder für vernünftige Kleidung noch für Haare und MakeUp war bisher Zeit. Ja, wir sind alleine zu Hause und werden auch nicht ausgehen, aber für diesen Feiertag kommt keine russische Frau drum herum: Volle Kriegsbemalung und ABC-Ausrüstung sind angesagt. Es werden Kleider getestet, Highheels gesucht, Haare gesteckt und Farbe aufgetragen. Um 23:45 Uhr macht sich Stress breit, denn die Kerzen fehlen noch und Mama hat ihre Haare immer noch nicht fertig. Ich hetze in die Küche und kann keine Streichhölzer finden, muß zurück ins Wohnzimmer und erneut nachfragen. Gegen 23:50 Uhr steigt die Anspannung und es wird flugs das Feuerzeugs aus Papas Jacke geklaut. Yana ist im Volltarn angetreten und zählt für jeden 12 Weintrauben auf den Teller ab. Um 23:59 hetzt auch die Mama ins Zimmer – im silbernen Glitzerkleid auf klackernden Absätzen. Im Fernsehen wurde zum 2387682 Mal ein Frohes Neues gewünscht und ich kann es nicht mehr hören. Die gesamte Familie ist vollständig stehend am Tisch angetreten und man drückt hastig auf der Fernbedienung des Fernsehers herum, denn jetzt spricht ja gleich der kleine KGB-Mann aus Dresden! Wir verpassen den Anfang aber wenigstens nicht alles. Es wird Orangensaft getrunken, was für russische Verhältnisse doch unbeschhreiblich alkoholarm ist. Zuhören tut Putin sowieso niemand, aber verpassen darf man es auch nicht.

Die offiziellen Neujahrswünsche sind überstanden und das Essen eröffnet. Yana hat es nicht geschafft, ihre 12 Weintrauben in der kurzen Zeit aufzuessen und wird wohl das nächste Jahr kein Glück haben. Oder so ähnlich. Coca Cola verspricht im Fernsehen ein Jahr voller Cola und es rollen die kitschigen Zuckerwassertransporter durchs Bild. Wir schalten um auf eine der vielen Unterhaltungsshows, welche mit beeindruckender Playbackakrobatik und modernisierter Volksmusik aufwarten. Die Shows vermitteln den Eindruck, dass alle russischen Frauen in diesem Moment im hautengen Cocktailkleid mit präparierter Brust und voller Bemalung das neue Jahr feiern. Ich kucke mich im Zimmer um und stelle fest, dass das Fernsehen sehr realitätsnah ist.

Unsere Nachbarn sind im vollen Gange und schleifen professionell und kartonweise Karaoke-DVDs durch das Abspielgerät. Vor dem Balkon im 12. Stock sieht man die bunten Rosetten explodierender Raketen und wir essen immer noch. Solange ich nicht benommen auf den Teppich falle, wird mir von allen Seiten Essen eingetrichtert. Glücklicherweise kommt jemand auf die Idee jetzt endlich Geschenke zu verteilen und so kann ich mich retten. Ich bekomme einen 2.50m langen Schal, gelb-schwarz gestreift im Beeline-Stil (Beeline ist ein Mobilfunkunternehmen, welches sämtliche Werbematerialien in gelb-schwarz hält…). Wunderbar! Den Rest des Abends verbringe ich zur Freude aller eingewickelt in selbigen.

Inzwischen ist es 3 Uhr und ich kann kaum noch die Augen offen halten. Es gibt mittlerweile das dritte Mal Tee und wir essen Weißbrot mit Kaviar und Fisch. Im Fernsehen laufen die Standardneujahrsfilme: Klassische Volkshelden in 80er-Jahre-Epen. Man sieht russische Dörfer mit funktionierenden Kolchosen, viel Wodka und viel Liebe, Frauen auf Traktoren und heute leider schon verstorbene Schauspieler(innen). Die Dialoge und Lieder kennen 99% der Russen auswendig und so habe wir unseren Spaß. Bis jetzt ist kein Tropfen Alkohol geflossen, was ziemlich selten sein dürfte.

Gegen 4 Uhr schaffen wir es endlich ins Bett. Zu erweiterter, sportlicher Betätigung fühlen wir uns nicht mehr in der Lage und so schlafen wir bei einem ergreifenden Kolchosendrama ein. Morgen besuchen wir die Oma.

2 Comments

  1. oster oster
    January 3, 2007    

    peter scholl latour berichtet aus moskau .
    immer wieder spannend und unterhaltsam

  2. January 4, 2007    

    PSL schreibt noch kompliziertere Sätze und hat eine besondere Vor liebe für “lalala. Aber lalala”-Konstruktionen :D Nebenbei: “Rußland im Zangengriff” von eben jenem Peter Scholl-Latour ist ein empfehlenswertes Buch…

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