bla bla von ТИАГРА

Heute war Yana bei der Deutschen Botschaft in Moskau, um die umfangreiche Dokumentensammlung der letzten Monate abzugeben. Genauer gesagt, geht es dabei um die Erlangung eines Visums zum Spracherwerb. So nennt man das heutzutage. Eigentlich geht es uns also darum, endlich mal die Fernbeziehung in eine Beziehung umzuwandeln, was natürlich nicht so einfach ist. Wissen darf das offiziell sicher auch niemand, weshalb ich es natürlich auch für mich behalte. Junge, russische Frauen wollen nach Deutschland einreisen? Ja wo gibt’s denn sowas? Das muß kontrolliert werden! Recht haben sie auf der einen Seite, doch auf der anderen geht es einem tierisch auf die E*** wenn man selbst betroffen ist. Schengener Abkommen ist ja in Rußland leider nicht, Europäische Union schon zweimal nicht. Glücklicher können sich da die Bulgarinnen und ihre Europäischen Freunde schätzen! Ne, marden? :)

Also wie macht man das? Ganz einfach, man wird Student. Wie studiert man als Ausländer? Man weißt die nötigen Sprachkenntnisse für ein Studium an einer Deutschen Hochschule nach und besorgt sich eine Hochschulzugangsberechtigung. Letzteres habe ich mittels beglaubigter Kopien von ca. 25 wichtig aussehenden Dokumenten aus Moskau relativ schnell auf dem zuständigen Amt in Berlin bewältigen können, sodaß wir 25 EUR später einen simplen Brief mit einer Art Bestätigung über Yanas Hochschultauglichkeit in den Händen hatten. Wäre ja auch ein Witz gewesen, sie hat immerhin schon 5 Jahre studiert und ein fertiges Diplom!

Jetzt noch die Sache mit den Sprachkenntnissen. Dazu gibt es einen offiziellen Test für Ausländer, welcher die Sprachkenntnisse eines Studenten zum Studium feststellt. Ich habe ihn mir mal durchgelesen und war beeindruckt. Da werden Sachen gefragt, wo manch’ Deutscher Staatsbürger nachdenken müßte, von anderen mir bisher begegneten Studenten mit Migrationshintergrund (das sagt man heute so!) ganz zu schweigen. Wie dem auch sei, wir haben beschlossen, dass Yana das in 6 Monaten zu schaffen hat, denn leider können wir uns nicht mehr leisten. Ich habe eine Sprachschule in Berlin aufgetrieben, dort gibt es die in den Visabestimmungen geforderten 20 wöchentlichen Sprachstunden für 150 EUR monatlich – das ist irgendwie machbar. Dort also einen Vertrag geschlossen, angezahlt, Bescheinigung für die Botschaft drucken lassen (Ganz wichtig: Stempel! Das lieben Behörden! Fast wie bei en Russen…), nach Moskau geschickt. 3 Monate später immer noch nichts in Moskau angekommen, also wieder Bescheinigung drucken lassen – für ein geringes Entgeld von 3 EUR – und dieses Mal persönlich nach Moskau geflogen.

Kaum wieder zu Hause, neue Dokumentenforderungen aus Moskau. Obwohl Einkommensnachweise existieren und die Sprachkurse nachweislich gebucht sind, verlangt die Deutsche Botschaft in Moskau eine förmliche Verpflichtungserklärung einer einladenen Person aus Deutschland. Warum denn das nun wieder? Wozu gibt es ein Visum zum Spracherwerb, wenn man trotzdem den gleichen Schwachsinn wie für ein Touristenvisum durchlaufen muß? Wie kann ein Student ohne Bekannte in Deutschland eigentlich studieren? Maaaaaaan, langsam reicht es jedenfalls.

Verpflichtungserklärung: Für alle, die nicht wissen was das ist, hier eine Zusammenfassung. Wer nicht das Glück hatte, im Land des real existierenden Sozialismus aufzuwachsen und dortin etwaige Westverwandtschaft einzuladen, der wird mit diesem Begriff nichts anfangen können. Der Einlader geht dabei zur Polizei (bzw. heute heißt der Laden Ausländerbehörde) und verpflichtet sich unter Nachweis seiner eigenen Einkommenssituation (Immer schön die Originale mitnehmen…) für jegliche Kosten aus öffentlichen Kassen aufzukommen, welche durch den Besuch des Ausländers auf die Bundesrepublik Deutschland zukommen könnten. Das sind dann so Sachen wie ein Bundeswehrregiment und eine Transall, welche zur Rückführung einer wildgewordenen Freundin des Sohnes in ihr Heimatland benötigt werden. Das zahlt dann nämlich die Mama jenes Sohnes, weil dieser als Student gar kein Einkommen nachweisen kann, und somit niemals seine Freundin einladen könnte. Mama hat sich inzwischen schon daran gewöhnt, aber insgeheim hofft Sie wohl inständig, dass ich mich in keine von diesen sexy Uranschieberinnen aus dem Ostblock verkuckt habe, von den man heutzutage fast täglich in der Presse lesen muß.

In der Rekordzeit von nur einer Woche hatte ich dank meiner Mama als schon so ein Papier. Über dunkle Umwege habe ich das Ganze dann unfrei per UPS nach Moskau geschickt, was jemanden dort 53 EUR gekostet hat. Für ein Stück Papier der Größe DIN A4 wohlgemerkt. Aber angekommen ist es, nach nur 2 Tagen. Respekt.

Heute war also der denkwürdige Tag, der Tag des Interviews in der Botschaft in Moskau. Interview? Ja! Geht man als Deutscher in die russische Botschaft in Berlin, gibt man nur seine Dokumente ab und regelt die Bearbeitungsgeschwindigkeit ganz nach Belieben durch die Beigabe von Euros. Ganz anders ist es auf umgekehrtem Wege: Man besorgt sich einen Interviewtermin, zu welchem man mit allen Dokumenten und einer möglichst plausiblen Geschichte zu erscheinen hat. Dort sagt man als junges, russisches Mädchen natürlich nicht, dass man zum Freund nach Deutschland will, sondern irgendwas von Sprache, Karriere, International und Zukunft. Oder so. In unserem Fall stimmt das ja sogar… unter anderem. Das Interview ist, einigen SMS nach zu urteilen, recht unspektakulär gewesen, sodaß wir jetzt gespannt auf die Ergebnisse warten. Für die 60 EUR (irgendwie so), was ein Schengenvisum für einen Russen kostet (Man bedenke die Einkommen!), bekommt man per default 3-5 Werktage Bearbeitungszeit bei ungewissem Ausgang. Dem Vernehmen nach gab es auch im Bekanntenkreis schon negative Bescheide, welche nicht nur mit einer simplen Verweigerung eines Visums enden, sondern meist mit einem Stempel im Paß: 6-monatiges Einreiseverbot. Darauf bin ich insgeheim gefaßt, auch wenn ich noch Hoffnung habe. Warten wir es ab, Montag ist es soweit!

Im Innern spielt man schon einmal alle weiteren Möglichekeiten durch: Ich könnte nach Moskau gehen, dafür müßte ich aber mein Studium in den Sand setzen, da mich das Weiterstudieren an der TU Moskau (beispielsweise) $3500 pro Semester kosten würde. Eigentlich keine Möglichkeit. Was noch? Yana im VW-Bus entführen? Bettelbrief an den Bundespräsidenten? Ach ja, heiraten könnte man auch noch. Großartig. Würden wir glatt machen, aber doch nicht gleich und einfach so weil es eben sein muß, oder? Gut, das ist dann die letzte Möglichkeit. Abwarten, importierten Russentee trinken und weitersehen. Viel lieber denke ich daran, dass man an Wochenende Ausflüge machen könnte, nicht alleine ins Bett gehen müßte und die Handyrechnung um 98% reduzieren würde… Hach ja. Und dann streiten wir uns 4 Wochen und fahren die Sache binnen kürzester Zeit zünftig an die Wand. Oder?

Und bei all den Gedanken soll ich noch 1er Klausuren schreiben, arbeiten gehen, dem Bus einen neuen Motor verpassen, Wohnung auf die Ankunft der holden Weiblichkeit vorbereiten. Muß ja auch alles stimmen, wenn schon jemand in Moskau seine Eltern zurückläßt, den gut bezahlten Job kündigt und sich selbst mit abgeschlossenem Diplom in einem fremden Land wieder zum Studenten degradieren läßt… und das alles für einen Studenten ohne Abschluß, Bus ohne Motor und 3 fast vertrockneten Zimmerpflanzen. Hallojulia.

Mir kommen da gleich noch ein paar mehr Gedanken: 1989, das Jahr, an dem plötzliche alle frei wurden, reisen, Westen, alles toll. Und nun? 2007, und ich kann immer noch nicht einfach so mit jemandem zusammen sein, den ich mal irgendwo getroffen habe. Ist doch der Hammer, oder? Früher liefen die Menschen mal mehr oder minder behaart auf irgendwelchen Pfaden um die Erde und ließen sich von Magen und Schwanz leiten. Und heutzutage? Der Mensch hat sich Millionen Regeln auferlegt, um das Zusammenleben so großer Zahlen aufrecht gehender Kahlaffen überhaupt erst möglich zu machen. Das Ergebnis ist eigentlich erschreckend. Da wundert man sich auch nicht mehr, wenn der eigene Vater am liebsten mit der Axt in den Wald ziehen würde und alles andere hinter sich abhaken könnte. Na klar, ich verwöhntes Kapitalistenkind sollte mal schön den Mund halten, andere können ja nicht einmal genug essen oder solche Gedanken wie ich sie habe auch nur ansatzweise denken, weil sie viel grundlegendere Probleme haben. Trotzdem, mit fortschreitender Zeit fühle ich mich als Mensch gefangen im selbstgezimmerten Käfig der Zivilisation. Klingt wunderbar poetisch, das lasse ich so stehen.

Man sollte einfach weniger denken, das tut ja weh!

*abschalt*

4 Comments

  1. NH NH
    February 8, 2007    

    Kettensäge bitteschön. Soooo zivilisationskritisch, daß ich mich jahrelang mit der Axt abquälen möchte, bin ich nun doch nicht.

  2. mk mk
    February 11, 2007    

    Kenn ich… Hab mit meiner Freundin im Prinzip genau das gleiche Problem. Nur, dass es bei uns “nur” um ein einfaches Touristenvisum geht. Sie will mich schließlich einfach mal in Deutschland besuchen. Nach monatelangem Dokumenten- & Stempelsammeln und 20 Stunden mit dem Zug zur Botschaft die ernüchternde Antwort: Antrag abgelehnt. Gründe muss die Botschaft keine nennen – und tut sie auch nicht. Den Stempel im Pass gabs umsonst. Nach weiteren Wochen des Nachhakens und Einschalten von Anwalt, Abgeordneten und einem deutschen Richter gab es dann tatsächlich eine 4 seitige Antwort mit Ablehnungsgründen. Da standen dann so Dinge wie: “das Mädchen ist zu jung und noch nicht richtig von ihrer Familie abgekapselt – Folge: sie bleibt bestimmt bei ihren deutschen Verwandten.” Ein Absatz weiter: “Frau soundso ist schon lange 18 Jahre alt und nicht mehr eng genug an ihre heimische Familie gebunden.”
    Mittlerweile ist die Sache vor Gericht. Meine Freundin hat aber gehörig die Lust daran verloren Deutschland (bzw. Schengen-Europa) überhaupt noch zu besuchen. Ich verstehe sie auch, wer will schon so als Mensch zweiter Klasse behandelt werden.

  3. February 11, 2007    

    hm… also Touristenvisa aus Moskau heraus waren nie ein Problem, vorrausgesetzt natürlich eine Einladung/Verpfichtungserklärung nach D lag vor. Außerdem buchen wir immer die Flüge VORHER, sodaß man auf der Botschaft gleich die Kopien der Tickets inkl. Rückflug vorweisen kann, das beruhigt die Deutschen Einwanderungsbehörden doch ungemein. Alles in allem werden die Antragsteller da jedoch wie zu Zeiten des kalten Krieges behandelt – wie Menschen zweiter Klasse, da hast du schon Recht. Allerdings muß man auch die andere Seite sehen: Was wäre ohne rigerose Einwanderungsbestimmungen? Oft denkt man im Ostblock hier in Deutschland sei das gelobte Land, was zur Folge hätte, dass die Löhne in Deutschland rapide sinken würden. Natürlich wollen nicht alle Touristen hierbleiben, ja, erstaunlich vielen finden es sogar gut in Rußland und bauen dort lieber etwas auf, als ihre Heimat zu verlassen – das habe ich gerade in der jungen Generation bemerkt: Man ist sich sicher, dass man es zu etwas bringen kann – wie eine kleine Goldgräberstimmung. Frage ist also inwieweit die Einwanderungspolitik des Westens die Realität verfehlt… Wie dem auch sei: Ich wohne auf diesem Haufen Sand, meine Freundin auch – warum können wir nicht einfach irgendwo zusammen leben? Ist doch Scheisse…

  4. oster oster
    February 16, 2007    

    hallo tiger
    also iss doch alles voll normal, hier bei uns in unserer ach so schönen und abgesicherten gesellschaft. 40 jahre haben wir fleißig daran gearbeitet das der osten genausoviel angst vor uns hat wie wir vor denen und nun , kann doch keiner wirklich wollen das die einfach so bei uns einfallen.und wenn die da drüben den eisernen vorhang haben fallen lassen dann ziehen wir eben einen neuen bürokratischen hoch. so einfach ist das .
    aber mit geduld und spucke wirst du und yana das bestimmt hinbekommen.
    iss haltn bissi anders alsn motorwechsel beim bus aber ähnlich .
    gruß oster

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