bla bla von ТИАГРА

Mit hoffentlich alle Dokumenten und genug Foto- und Videoausruestung fahre ich mit dem Berlin-Warschau-Expresszug zum Startpunkt unserer Reise.

zeugs

Im Zug gibt es den ersten, näheren Kontakt mit Polen, welche ungeniert laut im Abteil telefonieren und dabei Wurst aus ihrer Einkaufstüte pulen. Neben mir sitzen noch zwei Franzosen, welche das Gleiche tun wie ich: Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Russisch und Polnisch suchen. Ich habe dauernd das Gefühl etwas zu verstehen, dochletztendlich muss man einsehen, dass der Anteil unbekannter Wörter fuer jemanden mit unzureichenden Russischkenntnissen auch bei polnischen Reisegesprächen ganz schön hoch ist.

expresszug

In Warschau angekommen, werde ich von Pawel und Piotr empfangen. Wir begrüssen uns wie alte Freunde, obwohl wir uns noch nie gesehen haben. Pawel spricht ganz gut Englisch und Piotr ganz gut polnisch. Auf dieser Reise werde ich mit Piotr und einem weiteren Freund in einem Bus fahren, Pawel fährt mit den Überbleibseln des wegen Elektronikproblemen ausgefallenen dritten Busses in seinem Syncro.

Syncrofahrer sind hier in Polen genauso bekloppt wie bei uns in Deutschland. Man fährt große Räder und lange Federn, Originalmotoren sind kaum zu finden und zwei Differentialsperren braucht man schon zum Atmen. Pawel fährt einen TDi ohne Ladeluftkühler und der Motor hat 400000km nicht gezuckt, als er just nach meiner Ankunft Kühlungsprobleme bekommt. Es sind 30°C in Warschau, aber das sollte nicht so viel ausmachen. Wir beschließen, Kühlerreiniger zu kaufen, denn ein kaputtes Thermostat ist es schon mal nicht.

Pawel fährt uns in die Wohnung von Piotr und seiner Frau Ewa, wo es erst einmal etwas zu Essen gibt. Piotr und ich sprechen inzwischen mit Händen, Russisch, Polnisch, Englisch und Füßen, sodass wir eigentlich immer verstehen was wir meinen. Ewa spricht mich sofort in fließendem Englisch mit britischem Akzent an, und so kann ich auf nette Art verständlich machen, dass ich bitte keinen halben Kubikmeter Fischsülze essen muß. Es gibt dazu eine Art Brühe, welche quietschrot gefärbt ist und geschmacklich irgendwo zwischen Hühnerschweinerei und Rinderbrühe liegt. Die Farbe kommt von roter Beete – wer hätte das gedacht. Nach dem Essen ruft Pawel an und meldet, dass der Bus wieder kalt sei. Ganz schön schnell finden wir, und beschließen achselzuckend, den nächsten Morgen abzuwarten.

Die halbe Nacht verbringe ich damit, das nachts zuvor fertig gelötete GPS-System zu debuggen. Wir klemmen die Antenne auf das Fensterbrett und zerschneiden ein altes Netzteil, um das auf Autobetrieb optimierte System mit Strom zu versorgen. Ich flashe zig mal ein neues System auf einen alten Linux-PDA, welcher die GPS-Daten der gesamten Reise sekündlich mitschreiben soll. Morgens um 3 gebe ich entnervt auf, als der Misthaufen seinen seriellen Port nicht mehr findet. Im Halbschlaf höre ich ein leises Poltern, doch es beunruhigt zu wenig, als dass ich ihm des nachts auf den Grund gehen will.

Um 8:30 Uhr werde ich unsanft von Piotrs Telefon geweckt, welches zu dieser unchristlichen Zeit schon als Kundenhotline für seine Netzwerkfirma missbraucht wird. Piotr baut, installiert und vertreibt so ziemlich alles was mit wireless lan zu tun hat. Da ich mein GPS in der Nacht aufgegeben habe, suchen wir beim Früstueck einer Ersatzlösung. Wir wollen beide nicht unser Leben riskieren, also sollten unsere Notebooks nicht mit in den Kaukasus. Der Laptop seiner Mama samt einer alten 8-Kanal GPS-Maus von Rikaline werden kurzerhand zur Lösung des Problems erkoren. Ich packe meinen ganzen Elektronikschrott in eine große Tüte und merke, dass am Kabel vom Fenster keine Antenne mehr hängt. Ein Blick aus dem Fenster verrät auch nichts, weshalb ich etwas verwundert dreinkucke. Piotr erzählt mir von einem nächtlichen Poltern, und dann habe auch ich es endlich kapiert. Zusätzliche Freude bringt noch die Information, dass die Strasse unter dem Fenster der Hauptverkehrsweg zwischen Nachtklub und Studentenwohnheim ist. Na jedenfalls wünsche ich dem neuen Besitzer viel Spaß mit meiner 35db-GPS-Antenne für Segelyachten. Willkommen in Polen.

Tagsüber lädt Piotr mich in seiner alten Wohnung ab, wo ich inmitten hunderter Wlan-Antennen das Netz nach geeigneter GPS-Logging-Software fuer Windows durchforste, während er noch schnell ein paar Urlaubsvorbereitungen für seinen Firma trifft.

antennen

Das Ergebnis meiner Recherche ist nicht gerade umwerfend, und so komme ich zu dem Schluß, dass wir wohl oder übel nur den kompletten NMEA-Datenstrom aufzeichnen können oder auch gar nichts. Beim Gedanken an die Datenmengen bei einer 30-tägigen Reise wird mir spontan schlecht. Da es um meine regular expressions gerade schlecht bestellt ist, sehe ich mich auch nicht in der Lage, die nicht benötigten Zeilen mit einem Texteditor aus den log-Dateien zu löschen. Mist, eigentlich sollten die beiden ImageTanks für Fotos und nicht für überdimensionale GPS-Logs verwendet werden! Mamas Laptop kommt eigentlich wie gerufen, weil ich auf ihm gleichzeitig jeden Abend screiben kann. Die polnische Tastatur mit mehreren kaputten Tasten macht mir jetzt auch nichts mehr aus. Ein Testtext ergibt, dass man den Sinn noch erraten kann – das reicht.

Nachmittags holt mich Piotr ab und wir fahren auf einen Parkplatz, wo wir die von mir aus Deutschland mitgebrachte Gasanlage in seinen Westfalia-Küchenblock einbauen. Auf dem Weg zu seiner Mama kaufen wir noch zwei Bier, welche wir sodann bei einem Freund gegen einen professionellen Blick auf unsere Gasanlage eintauschen. Wir sind uns jetzt relativ sicher, eine dichte Gasanlage zu haben. Pawel ruft an: das Auto ist immer noch kalt.

Wir rennen durch einen Supermarkt und kaufen Unmengen Wasser und Nudeln ein. Wie immer überprüfe ich das Hiesige Kühlregal und suche mir Vanillequark und -milch – polnische natürlich. Wieder zu Hause, mache ich mich daran die vorbereitete GoogleMap mit einem tracklog zu versorgen. Irgendwie funktioniert das auch alles, aber irgendwie auch nicht. Wir müssen schon wieder weg und ich weiß, dass dies meine letzten Minuten im Internet waren. Jedenfalls bis Mitte September. Wie sollen die Daheimgebliebenen sehen wo wir sind, wenn die Karte nicht richtig funktioniert? Ich verfluche kurz die Google-API und deren Dokumentation und schreibe eine leicht entnervte SMS an meinen Freund Stefan, der die ehrenvolle Aufgabe übernommen hat, meine SMS mit den Koordinaten unseres Verbleibs täglich in eine kml-Datei einzutragen. Stefan ist ein überaus schlaues Kerlchen, vielleicht kann er noch etwas ausrichten. Ich beschließe, ihm trotzdem jeden Abend Koordinaten zu schicken, welche ich mit Zettel und Stift alle 50km vom TomTom abschreiben werde. Eine letzte Mail wird geschrieben und schon sitzen wir im Bus. Ewa weint und ich vermisse Yana.

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