bla bla von ТИАГРА

Dieser Beitrag wurde von mir versehentlich gelöscht. Jetzt ist er aus 2 Browsercaches wieder auferstanden. Danke an Pylon und nÄgÄ! Als Zugabe noch ein weiteres Foto.

istanbul

Nach einer ruhigen Nacht auf dem Parkplatz soll es heute in die Stadt gehen, einmal volles Touristenprogramm. Wir laufen ersteinmal in Richtung Wasser, vorbei an Tee trinkenden Menschen in noch halb geschlossenen Läden. Jetzt ist es noch nicht so warm und alles ist gut. Bald erreichen wir eine der Autobahnbrücken aus der letzten Nacht und verstehen sofort, warum wir hier nichts gefunden haben: Es ist einfach ein unglaubliches Wirrwarr. Die Straßen kreuzen sich in wilden Bögen, Brücken und Tunnel erschweren abwechselnd die Übersicht. Bei Tag gibt es zudem noch viel mehr Autos und, ja genau, Sackkarren.

wirrwarr

Hier gibt es Sackkarren in allen Formen. Antike Stücke sind in der Mehrzahl, doch alle teilen ein gemeinsames Schicksal: Sie werden hoffnungslos überladen. Zu der Familie der Sackkarrae gehören auch die Handkarren, welche zumeist mit 3 oder 4 Rädern unterschiedlicher Bauart versehen sind. Handkarren sind friedliebende Tiere, welche auch sehr rauhes Klima dauerhaft überstehen. Sie brauchen zwar Öl und Farbe, aber sie leben auch ohne. Kurz vor dem Aussterben wird die Spezies der Karren oft durch einen Vertreter der Homo Sapiens mittels Schweißgerät verunstaltet, was ihnen weitere Zeit mit unsäglicher Verkrüppelung auf dieser Erde beschert. So werden sie, mannshoch mit Säcken, Kisten und mannigfaltigen Auslagen bestückt, in Schrittgeschwindigkeit durch die Straßen geschoben, um ihren Besitzern ein paar Lira zu verdienen. Je geschickter der Besitzer, desto abenteuerlicher sein Fahrstil. Während in Westeuropa die Menschen durch Autos sterben, hat hier eindeutig die Sackkarre das Sagen in den Statistiken.

sackkarre

Wir wechseln schnell an der erstbesten Bank etwas Geld, denn wir wollen in die Altstadt. Mittlerweile steht die Sonne höher und es wird unangenehm heiß. Wir kaufen ein paar Chips für den Straßenbahn und fahren 4 Stationen Richtung Topkapi. Jener Palast ist mir noch aus gleichnamigem Film bekannt und ich will ihn unbedingt sehen. Vor dem Tor stehen schon 7 Busladungen Touristen und so sehe ich nichts vom Palast. Die Sonne steigt immer höher und die Straßen füllen sich mit tausenden von Händlern. Überall gibt es Krams zu kaufen – von der Mütze bis zur Postkarte, von Dolchen bis zu Wasserflaschen. Wasserflaschen avancieren übrigens zu Goldflaschen. Die Sonne brennt unaufhörlich und die Wasserpreise steigen ins Unermessliche. Touristen werden gemolken wie Geldkühe und das Leben der Händler macht auf einmal richtig Spaß. Wasserflaschen gibt es jetzt an jeder Ecke und klimatisierte Reisebusse kippen unaufhörlich ihre schrille Fracht in die Altstadt.

something

Ich schleppe meine Kamera schweißtriefend durch die Altstadt, doch fotografieren tue ich kaum. Alles bunt, alles schrill, alles Tourismus – ich will hier weg. Auf einer Baustelle entdecke ich Dachziegel und auch einen schönen Holzstapel – das werden ein paar der wenigen Fotos aus der Altstadt.

dachziegel

holzstapel

Als wir genug von Moscheen haben, beschließen wir den Basar aufzusuchen. Anja juckt die Kauflust schon in den Fingern und so nehmen wir die Straßenbahn, um keine Zeit zu verschwenden. Dort angekommen genehmigen wir uns erst einmal einen echten Kebab und sind überrascht – schmeckt gut, sogar mit Hammel. Also richtig gut. Aus Berlin ist man ja einiges gewöhnt, doch das war noch einen Zacken besser. Vielleicht einfach etwas anders, etwas ursprünglicher, wenn man so will. Oder auch einfach ungewohnt.

Der Bazar ist ein riesenhaftes, überdachtes Gelände. Das muß man sich natürlich nicht wie einen Flughafenhangar vorstellen, sondern eher wie ein Gewölbelabyrint. Alles besteht aus Bögen, größtenteils mit kleinen blauen Steinchen verziert – sehr hübsch! Links und rechts und oben und unten gibt es Ware. Alles was ein Touristenherz höherschlagen läßt, wird hier angeboten. Schmuck, Geschirr, Kleidung, Lampen, Kleinkram, alles.

bazar

Das Beste für die meisten: Alles verhandelbar. Die meisten Preise auf direkte Nachfrage sind der blanke Hohn. Die Devise ist: Nicht fragen! Einfach alles ankucken und besonders interessante Dinge besonders genau betrachten. Wenn der Verkäufer nicht allzu schläfrig ist, kommt die Frage ob man denn helfen könne. So nach und nach kann man dann erfahren was der Kram wert ist. Wenn die erste Antwort 60 Türkische Lira lautet, kann man getrost davon ausgehen, dass man es für unter 15 Lira bekommen kann. Die meisten Verkäufer sind von der touristischen Einsackmentalität sichtlich genervt und bedienen entsprechend. Leute die einfach nachfragen und mitnehmen werden entsprechend belohnt. Verstrickt man sich dann irgendwann in Preisverhandlungen, sagt man am besten nie selber eine Zahl, sondern einfach nur, dass es viel zu viel sei. Der Verkäufer geht dann schon ersteinmal in verhandlungswürdige Preisregionen herunter. Sehr hilfreich ist eine Frau als Verhandlungsorgan, denn das macht dem Verkäufer gleich viel mehr Spaß. Während ich den Verkäufer schon in Tränen ausbrechen sehe, schüttelt Anja noch mit unglaublicher Überzeugungskraft den Kopf und wendet sich gekonnt ab. Später rennen uns Verkäufer sogar noch hinterher, um einen besseren Preis anzubieten. Wenn man zu schnell aufgibt, sind die Verkäufer enttäuscht und wollen mehr verhandeln, was auf deutliche Reserven hinweist. Bei all dem Spaß, hatte ich nur ein Problem: Was zum Geier sollte ich kaufen? Eine nachgemachte Mütze? Ein Bauchtanzkostüm?

bauchtanz

Ich will stilecht ein Auge des Orients mitnehmen – vielleicht als Kette für Yana? Die Suche wird zur Tortur. Anja wird als Schmuckexpertin enagiert und wir durchforsten sicher 20 Stände. Ich habe die ganzen Plastekettchen wirlich satt und suche nach echtem Silber, doch das gestaltet sich schwierig. Es ist beeindruckend, was alles echtes Silber sein soll… Letztendlich bleiben wir bei einem Herren hängen, der selber keine derartige Kette hat, aber bereit ist, eine von seinem Kumpel irgendwoher zu holen. Er kommt tatsächlich mit einem kleinen blauen Anhänger zurück, gefaßt in Silber. Dazu suchen wir noch eine Kette und fertig. Alles ist schon etwas dunkel angelaufen, was der Verkäufer mit einem Tuch behebt. Wenigstens ist das Silber echt. Der Mann hat sichtlich Spaß an uns, weil wir ganz genau wissen was wir wollen und mind. 5 Kombinationen aus Anhänger und Kette probieren müssen. Die Preisverhandlungen überlasse ich dann Anja. Sie drückt den Mann bis zur Tränengrenze und letztendlich verkauft er mir alles zu einem annehmbaren Preis. Weil wir so nett waren, bekommen wir noch ein kleines Samtsäckchen um die Kette zu verstauen. Nein, natürlich nicht weil wir so nett waren… Mir ist es egal, ich bin stolz und freue mich darauf, Yana wiederzusehen. Für unseren Film will ich noch etwas Musik kaufen, und so fragen wir einen jungen Verkäufer nach klassischer Musik aus der Türkei. Er hat ziemlich Ahnung und erklärt uns genau was woher und warum. Wir hören einige CDs und entscheiden uns schließlich für 3 aus unterschiedlichen Sparten. Der Preis ist dann gar nicht so prickelnd, und nach kurzer Zeit bietet er uns die gleichen CDs als Kopie an – viel billiger. Wir kaufen dann letztendlich halb und halb und ziehen zufrieden vondannen.

Nachdem der Basar abgearbeitet ist, wollen wir noch zum Bospurus und latschen einfach quer durch alle Gassen. Plötzlich ist aller Touristentrubel verschwunden und die Stadt macht richtig Spaß. Kleine Gassen mit alten Häusern, Holzbalkone und geschäftiges Treiben überall. Es gibt wunderschöne Obststände, Bäckereien und vieles mehr. Da ich den Menschen nicht so auf den Pelz rücken will, ärgere ich mich ein wenig über meine Mißgunst gegenüber Zoomobjektiven, und beschließe insgeheim, diese später abzulegen.

alt

obst

pferdefuhrwerk

Am Meer ist es denn etwas enttäuschend – das ganze Ufer besteht aus künstlich aufgeschütteten Felsbrocken und ist ziemlich verdreckt. Kinder springen von Stein zu Stein und Eltern warten auf Bänken an der Uferpromenade. Zwischendrin liegt ein Luftgewehr auf der Kaimauer. Auf den Steinen dahinter stehen allerlei bunte Flaschen und wer will, kann hier für ein paar Lira Flaschen erschießen. Einfach so. Spielende Kinder, Flasche, Pöff. Das geht nur in Istanbul.

Der Rückweg zum Parkplatz entpuppt sich als grausam. Ich habe mittlerweile Blasen an den Füßen und der Weg wird immer länger. Wir haben komplett die Orientierung verloren und die Straßen werden immer verrückter. Auf Nachfrage zeigt man uns diverse Richtungen, aber eigentlich wissen wir ja auch gar nicht so richtig wo wir hinwollen – Parkplatz eben.

Auf dem Rückweg mache ich noch eines der für mich einprägsamsten Bilder der ganzen Reise: Ein Kleinkind wird zum Betteln mitten in die Fußgängerzone gesetzt…

betteln

Irgendwann, nachdem wir auch noch diverse Straßenbahnchips verbrannt haben, entdecke ich eine große Werbetafel an einem Haus, welche ich meine, schon einmal gesehen zu haben. Stunden später treffen wir dann tatsächlich auf unserem Parkplatz ein. Nach kurzem Plausch bezahlen wir den Parkplatzwächter und rollen Richtung Bosporus. Wir fahren mal eben fix nach Asien rüber, ne? Die Brücke ist schon irgendwie spektakulär, aber aus einem Auto kann man das nicht fotografisch einfangen. Vielleicht bei Nacht von einem erhöhten Punkt am Ufer aus?

bosporus

Istanbul zieht sich dann noch eine Weile hin, und so fahren wir über die Autobahn Richtung Ankara. Das Phänomen der Autobahnanhalter können wir auch dieses Mal wieder beobachten. Wahrscheinlich ist die nächste Abfahrt einfach zu weit weg oder zu mühselig zu erreichen, weshalb man sich einfach direkt an der Autobahn trifft. Motorradfahrer machen übrigens das Gleiche: Sie kommen einfach auf regelrechten Trampelpfaden an verschiedenen Stellen direkt den Hang hinunter auf die Autobahn gefahren. Sehr praktisch. An einer Mautstelle fahren wir dann völlig vertrottelt in die Schlange zur bargeldlosen Bezahlung und stecken fest. Hinter uns staut sich der Verkehr, und ich stelle mir vor, wie ein osmanischen Kriegsdolch die Heckscheibe durchschlägt, um den Fahrer auf’s Lenkrad zu nageln. Der Traum wird unterbrochen, also just in diesem Moment einer dieser durchgeknallten Motorradfahrer für uns seine Karte auf den Schrankenautomaten hält. Er lacht dabei und stellt sein Motorrad hinter der Schranke an die Seite, um auch unserem zweiten Bus die Schranke zu öffnen. Wir sind völlig verwundert und rollen 2 Sekunden später schon wieder über die Autobahn. Als uns der Fahrer überholt, reiche ich ihm bei 100 Sachen zwei grüne Dollarscheine rüber und wir verabschieden uns freundlich winkend. Was für ein Tag.

ankara

1 Comment

  1. Mr@Me Mr@Me
    June 10, 2008    

    Ein sehr gelungener bericht,macht richtig spass ihn zu lesen =).Und auf solche schönen texte stößst man wenn man bei google nach ner sackkarre sucht.lol

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