bla bla von ТИАГРА

Die Nacht verlief eigentlich ruhig, doch sie endete jäh. Morgens um 8 werden wir nicht von der Hitze aus dem Bus getrieben, sondern von Motorengeräuschen. Plötzlich haben wir das Gefühl, mitten auf einer Kreuzung zu stehen. Draußen stehen mind. 5 Marschrutkas, ständig kommen neue und andere verlassen den Platz. Was zum Geier geht hier vor? Wir haben es tatsächlich geschafft, mitten in der Nacht einen der wenigen Sammelplätze für Marschrutkas als Schlafplatz zu wählen. Es ist eigentlich ganz ruhig und gelassen, aber das Geschäft ist in vollem Gange. Die Marschrutkas treffen zu ihrer ersten Fahrt an diesem Morgen ein, nehmen die ersten Gäste an Board und ein etwas verwirrt dreinblickender, alter Mann springt mit einem Notizblock und einer Stopuhr von Wagen zu Wagen, um etwas aufzuschreiben. Am Rande des Platzes steht eine Art Restaurant, welches allerdings leer und in einem rohbauartigen Zustand ist. 5 Minuten später treffen wir zum ersten Mal Sahid.

makhinjauri

Sahid ist ein kleiner Mann mit fescher Sonnenbrille, Hemd und Bügelfalte. Er scheint hier der Chef zu sein. Er spricht natürlich fließend Russisch und freut sich sehr über uns. Er hat auch einen Hang zum Halten kleiner Vorträge und wir hören geduldig und interessiert zu. Wir erfahren, dass wir uns hier in einem Dorf namens Makhinjauri befinden und noch dazu mitten auf seinem Grundstück. Das findet er gar nicht schlimm, nur sollen wir die Busse etwas beiseite stellen, damit wir den Marschrutkas nicht im Weg stehen. Nach dem Rangieren essen wir Frühstück und neben uns baut Sahid einen kleinen Tisch auf. Mit den ersten Marschrutkas kommen ein paar seiner Kumpels aus der Stadt herauf und so beginnt nach wenigen Minuten ein wildes Spiel Backgammon. Manche schauen zu, andere spielen, rauchen tun sie alle. Man ist nachdenklich und begeistert, gibt Ratschläge und freut sich überschwänglich, sodaß man uns völlig zu vergessen scheint.

backgammon

Während die anderen die Gelegenheit nutzen um eine Art Kräutergarten unter uns am Berghang zu erkunden, setze ich mich zu den Männern und schaue zu. Anfangs wenig beachtet, später scheu mit kurzen Worten zum Spiel eingeladen. Leider habe ich noch weniger als keine Ahnung von diesem Spiel, und so hat es sich denn auch erledigt mit dem Spielen: Jetzt bringen mir alle gemeinsam und auf einmal Backgammon bei. Ich spiele mit einer ganzen Meute gegen einen weißhaarigen, freundlichen Opa. Eigentlich spiele ich gar nicht, denn jeder meiner Helfer zuckt bei jedem Zug zusammen und zeigt mir unter wilden strategischen Erläuterungen sogleich wie er es machen würde. So schlagen wir gemeinsam den Kumpel haushoch. Ich hätte auch gar nicht so richtig spielen könnemm weil ich die ganze Zeit meine Kamera in der Hand gehalten habe. Nach dem haushohen Sieg setze ich mich daneben und kann endlich tun, was ich sowieso machen wollte: Ungestellte Fotos dieser lustigen Runde machen.
Mein Campingstuhl von Real erfreut sich übrigens größter Beliebtheit und so sitzen nach und nach alle einmal Probe. Besonders der Bierflaschenhalter hat es Ihnen angetan – soetwas hatten Sie noch nicht gesehen!

probesitzen

Inzwischen sind die anderen zurückgekommen und wir benutzen die aufgelockerte Stimmung sogleich, um Erkundigungen über unseren weiteren Weg einzuholen. Während Sahid und Piotr die Karte mit unserem Weg in den Kaukasus studieren und unbedingt sehenswerte Orte erläutern, testet mein Backgammon-Gegner unser Fernglas.

fernglas

Wo wir schon bei Sehenswürdigkeiten sind: Was haben wir eigentlich von dieser Gegend hier schon gesehen? Hmm… eigentlich nichts… durch den Hafen sind wir gelaufen. Sogleich fallen allen wichtige Sachen ein, die man unbedingt gesehen haben müßte. Letztendlich einigen wir uns darauf, dass man uns das Dorf ihr Thermalbad mit dem wundersamen Rheumawasser zeigt. Also laden wir Sahid und seinen Kumpel in die Busse und fahren los. Sahid wie immer in cooler Sonnebrille und extra frischem Oberhemd, der andere etwas formloser.

sahid

kumpel

Wir fahren durch kleine, unbefestigte Straßen irgendwo am Hang dieses Hügels durch das Dorf. Alle Gärten sind voll bewachsen und ein wenig sieht es so aus, als würde die Natur wieder langsam die Oberhand gewinnen. Neben der Straße kuckt ein Rohr aus dem Hang, welches über dem zu einer Schlammkuhle erweiterten Straßengraben endet. Mitten in der Kuhle steht ein kleiner Stuhl, wie ich ihn aus dem Kindergarten kenne, fast bis zur Sitzfläche eingesunken und darauf eine alte Frau. Sie hat den Rock hochgenommen und massiert ihre Knie unter dem plätschernden Wasser aus dem besagten Rohr. Sahid erklärt, dass hier an mehreren Stellen dieses Berges das wertvolle Mineralwasser zutage tritt und die Menschen mit weniger Geld so statt eine Gang in Thermalbad auch ihre Schmerzen lindern. Wir sind beeindruckt und rollen weiter in Richtung Thermalbad.

Auf dem Weg biegen wir plötzlich ab und halten vor einer umzäunten Betonplatte. Sahids Freund erklärt uns, dass dies ein Denkmal für 6 Deutsche Soldaten und ihren Offizier wäre, welche im Krieg von den Russen erschossen worden waren. Er scheint große Stücke auf die Gefallenen zu halten und erklärt uns die Lücken in der Mauer: Die Gedenktafeln sind gerade zur Reparatur und kommen bald wieder!

denkmal

Während er so spricht, laufe ich rückwärts die Treppe hinunter und stolpere so, dass ich meine Kamera verliere und diese dumpf auf den Beton aufschlägt. Es ist das Ende der ersten Woche und ich habe mir das Objektiv angeknackst. Kamera funktioniert, Objektiv kann nur noch Weitwinkel und hat eine kaputte Springblende. Jetzt bin ich richtig begeistert. Frustriert geht es weiter.

Hinter einem großen Eisentor befindet sich eine kleine, parkähnliche Anlage, welche genauso verwachsen ist, wie die ganze Gegend. Das Haus hat zwei Stockwerke und blättrige, weiße Farbe sowie offen stehende Fenster. Alles in allem sieht es nicht nach Thermalbad aus. Davor im Hof läßt sich noch der Glanz vergangener Zeiten an einer wunderschönen Freiluftduschenruine erkennen.

thermalbad

freiluftdusche

Nach ein paar Gesprächen mit den Betreiberinnen in den weißen Kitteln stellt sich schnell heraus: Wir sind ganz schön viele! Dieses Bad wird tatsächlich von vielen Menschen regelmäßig besucht und so kann man uns nur anbieten, die ganze Gruppe nach und nach parallel durchzuschleusen. Damit das Warten nicht so schwer wird, trägt man uns allerlei Gestühl aus dem Haus und so sitzen wir ein paar Minuten später fröhlich kochend vor dem Thermalbad. Nur das Wasser direkt aus dem Bach neben dem Haus sollen wir nicht nehmen, das sei von einer nahegelegenen Fabrik verseucht.

essen

Nach und nach werden wir zu halbstündigen Badezeremonien hereingerufen. Die, die noch draußen warten, können es kaum erwarten. Ich werde zusammen mit Piotr gerufen und man weist und den Weg in eine Art Badezimmer. Die Luft ist warm und feucht, alles ist gelb gefliest. Hinter uns fällt die Tür ins Schloß und von draußen ruft es, dass man uns dann wieder holen würde. Zur Probe gibt es ein lautes Klopfen an der Tür, das würde dann unser Zeichen sein. Ok, also raus aus den Klamotten und ab in den nächsten Raum. Es bietet sich ein unbeschreibliches Wellness-Ensemble von bestechender Einfachheit. Der Raum ist auch gelblich gefließt, jedoch wurden die Fliesen – wie hier überall – im traditionellen Weitwurfverfahren an die Wand befördert. Ich bin wieder begeistert und erinnere mich an das Studentenwohnheim und die Universität in Moskau. Über der Tür hängt ein Kabel aus der Wand, an welchem eine 200W-Glühbirne hängt. Ja, sie hängt dort einfach so. Feuchtraum? Warum, fließt doch kein Wasser über die Kabel… Auf der gegenüberliegenden Seite gibt es eine Art Fenster, welches so hoch ist, dass ich nur mithilfe der Digitalkamera herauskucken kann: Wir befinden uns offensichtlich im Kellergeschoss und draußen gibt es nur Stein und Geröll, welches sich die schmerzenden Glieder in Mineralwasserpfützen kuriert. Das Bad nimmt man in einer Badewanne, wie man sie von zu Hause kennt. jede Wanne ist hier anders und einen Stöpsel gibt es schon seit langem nicht mehr. Stattdessen liegt auf der Abflußöffnung ein Stück Linolium, welches durch die viele Benutzung schon ganz runde Ecken bekommen hat. Funktioniert perfekt! In jeder Wanne mündet ein direkt aus der Wand kommender, schwarzer Schlauch, aus welchem ununterbrochen das warme Wasser in die Wanne sprudelt. In manchen Zimmern soll es sogar Hähne zum Abstellen des Wassers gegeben haben. Nach einwöchiger Autofahrt und dreckiger, türkischer Küste ist das hier das Paradies. Beherzt springen wir in die Wannen und lassen uns das warme Wasser bis in die Ohren laufen. Mit dem Kopf auf dem Rand und geschlossenen Augen liegen wir nun da, wohlige Wärme durchströmt die Glieder und wir denken wohl alle in etwa das Gleiche: Was erlebt man nicht alles… wer hätte das gedacht… wunderbar…

im_bad

Nach viel zu kurzen 45 Minuten hämmert es von draußen gegen die Tür und wir werden aus den Träumen gerissen. Eilig tapsen wir nass und benommen aus der Bad. Jetzt essen, dann Bett, aaaaaahhhhhhhhhhhhhh.

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