bla bla von ТИАГРА

Der Morgen... Camping Olgino

Der Morgen kommt spät und es scheint die Sonne. Die Italiener sind schon weg und so sind wir nahezu alleine. Wir finden uns inmitten sowjetischer Freizeitkultur der 80er Jahre wieder – leider alles verfallen. Gleich neben uns die Ruine eines imposanten Flachbaus, bei dem die Arbeiter im Betonteilewerk mal wieder ihr ganzes Können einbringen durften. Der Bau besteht aus vielen gerippten Formteilen, absurd anmutenden Eckteilen und viel Fassade. Letztere hängt jetzt in Fetzen herunter und gibt den Blick frei auf die eigentliche Konstruktion. Im Inneren gibt es Waschräume, eine Küche, Lager und in der Mitte den großen Gemeinschaftssaal für gemütliche Pionierabende zu hundertfünfzig.

Das Zentralkommitee des gelben Busses hat für heute zwei sehr dringende Punkte zur Erhaltung der allgemeinen Zufriedenheit der Insassen auf den Tagesplan geschrieben: Duschen und Wäsche aufhängen. Für die allgemeine Freizeitgestaltung wurde einstimmig ein Ausflug in die nahegelegende Pioniermetropole St. Petersburg beschlossen, welchem noch ein gemeinsames Mahl mit Gruppe Blau sowie der freundschaftliche Besuch unserer Partnerbrigade einer sowjetischen Einzelhandelswarenverkaufsstelle mit anschließender Verkostung der dargebotenen Leckereien folgen sollen. Wir freuen uns alle sehr.

Wetterbedingt wird Punkt zwei vorgezogen. Alles läuft sehr gut. Die Wäsche hängt auf 5m Wäscheleine und diversen Birkenzweigen. Die ersten Wolken ziehen auf.

Die Duschen befinden sich in post-sowjetischen wellblechbedachten Holzbunkern, welche innen mit formschönem Linoleum auf ihren eigentlichen Zweck vorbereitet wurden. Warmes Wasser gibt es im Überfluß und so steht man splitternackt in einem 25qm-Raum mit leicht gelblichem Glanz und genießt die große Freiheit. Zum Trocken der Haare wird ein Dieselansaugrüssel vom VW-Bus auf den Luftauslass der Standheizung gesteckt und selbige auf die höchste Stufe gedreht. Das funktioniert wunderbar und ist bei den aktuelle Außentemperaturen auch gesundheitsfördernd.

Kaum brennt der Dastan-1, fängt es an zu tröpfeln. Der Fortschritt beim Wäschetrocknen ist binnen Sekunden dahin. Es gibt zur Abwechslung mal Nudeln, polnische Penne. Dazu polnische Würstchen und Tomatensoße deutscher Herkunft. Angebratene Zwiebeln und viel zu viel Butter bilden eine solide Grundlage, welche später zusammen mit dem Tomatenmark, der Tomatensoße, Salz, Pfeffer und polnischer Milch in Richtung Soße getrimmt wird. Anschließend wird alles in den großen Nudeltopf umgefüllt und zu einem nahrhaften Nudelbrei verarbeitet. An der frischen Luft schmecken die wunderlichsten Sachen großartig.

Kochen...

Zutaten

Es ist gegen 17 Uhr, als das Mittag vorüber ist und wir uns langsam zum Sightseeing und Lebensmitteleinkaufing in die nahegelegene Metropole St. Petersburg begeben. Schon nach wenigen Kilometern und ziemlich genau 10 km vor dem Stadtzentrum geraten wir in einen Stau, der uns jegliche Lust an einer Stadtbesichtigung raubt. Rechts im Wohngebiet sind Supermärkte, einer davon wird der unserige sein! Die Stadt werden wir später heute Abend noch einmal versuchen, jetzt hat das überhaupt keinen Sinn. Da wir unsere letzten Rubel im Olgino gelassen haben, brauchen wir einen etwas größeren Laden, in welchem wir mit der Kreditkarte bezahlen können. Etwas russisch wechseln wir die Spuren und biegen ab ins Wohngebiet. Hier sind gleich drei große Läden und Karten nehmen sie auch.

Schon auf dem Parkplatz werden wir angenehm überrascht, denn es steht ein hübsch zurechtgemachter und hochgelegter UAZik neben uns. So ein blattgefedertes Starrachsenungeheuer verträgt doch ganz andere Reifendimensionen als unsere Hausfrauenbusse und so kommen wir beim obligatorischen Schwanzlängenvergleich gar nicht gut weg. Dass sich ein russischer Supermarkt heutzutage kaum von den unserigen unterscheidet, ist leider traurige Wahrheit. Wir suchen an russischen Produkten zusammen was geht, aber es ist nicht viel zu finden. Die Preise sind nur allzu westlich, sodass man sich wiederholt danach fragt, wie sich die Russen ihr Leben finanzieren. Wir kaufen uns auch endlich mal eine große Wassermelone (Arbus, nicht Melonchik ), welche sodann ihren Platz in unserer Wäschetonne findet.

UAZik

Schwanzvergleich

Wieder auf dem Zeltplatz angekommen, fällt Gruppe GelP sofort ins Bett. Die Anderen lesen und trinken Kaffee vor den Bussen. Als wir geweckt werden, ist es schon 21 Uhr und Sportsfreundin Anne von der blauen Delegation blättert unwirsch in ihrem Handbuch zur Erkundung fremder Städte. Heute soll es sein: St. Petersburg. Wichtigstes Ziel: Newa-Ufer mit Winterpalast und vielleicht noch schnell über die zwei Brückchen ans andere Ufer bis zur Kirche und zurück… oder so. Wir rollen mit vorschriftsmäßiger Geschwindigkeit zurück in die Stadt. Der DPS-Kontrollposten hat gerade anderes zu tun, und so kommen wir abermals um eine Kontrolle herum. An der Newa angekommen, findet sich auch direkt ein Parkplatz zwischen anderen Touristen. Da uns die Stadt nicht ganz Geheuer ist, bleiben wir an den Bussen, während sich Stephan und Anne freudestrahlend auf einen nächtlichen Stadtbummel begeben. Es ist schweinekalt und windig, doch das kann hier niemanden von der Abendgarderobe abhalten. Pärchen flanieren an der Newa entlang. Ungleiche Pärchen. Frauen von magersüchtig über Gewichtsheberin bis superhübsch stolzieren auf hohen Absätzen im Cocktailkleid die Newa herunter. Er, normale Klamotten und eher Durchschnitt. Männermangel? Wie kriegt so ein Typ so eine Frau? Unklar. Den meisten scheint die Güte ihres Fangs aber bewußt zu sein, denn das Schätzchen wird regelrecht inszeniert. Stell Dich mal hier ans Ufer, mach mal so, Blitz, Schnuckiputzi. Der ein oder andere Mann avanciert zum Fotografen, indem er ein Stativ aufstellt und dann trotzdem mit der Hand den Auslöser drückt. Ich drücke mich auch mit dem Stativ am Ufer entlang, aber irgendwie ist mir das alles zu steril und ich kehre schnell wieder in den warmen Bus zurück. Die Fotos von Sarah im Bikini auf der Uferbrüstung darf ich übrigens nicht hier einstellen.

Winterpalast

Über Funk kommen längst keine Antworten mehr, zu weit sind die Beiden schon entfernt. Wenn doch nur der Sommer käme… das Venedig des Ostens könnte so viel schöner sein. Nach einer halben Ewigkeit tauchen die Kameraden aus dem Dunkel auf. Stephan steht die Begeisterung förmlich ins Gesicht geschrieben und auf die Frage, ob es denn kalt wäre, antwortet er sehr tapfer mit nein. Anne scheint ziemlich glücklich zu sein, denn sie hat wenigstens ein paar wichtige Sachen dieser Stadt ansehen können. Eigentlich war ja noch ein Besuch der Erimitage geplant, aber die macht erst in zwei Tagen wieder auf – so ein Pech aber auch. Auf dem Rückweg kommt was kommen mußte: Ein McDonald’s! Hier kommt das i-Tüpfelchen auf den Tag, denn danach sitzt Anne glücklich und beseelt mit einem Eis im Bus. Glücklicher als Stephan sie je hätte machen können?

MakDonalds

Als ich im Bett liege, vermisse ich immer noch das Tröten einer Pioniereisenbahn, aber irgendwie kommt hier keine. Gute Nacht.

No Comments Yet

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Need something?

VIDEO