bla bla von ТИАГРА

Zur Abwechslung hat es in der Nacht mal so richtig geregnet. Sämtliche zum Trocknen aufgehängte Klamotten sind wieder tropfnass, sodass wir diese jetzt irgendwo im Bus aufhängen müssen. Das wird schöön feucht in der Karre. Wir fahren mit voller Heizung und leicht geöffneter Dachluke – in der Theorie zieht die warme, feuchte Luft dann nach oben heraus.

Der Plan für heute ist recht einfach: Richtung Helsinki bis nach Vyborg, dann rechts abbiegen um den Ladoga-See auf der linken Seite zu umrunden. Das hat zwei Gründe: Erstens werden wir uns heute von Stephan und Anne trennen und zweitens wollen wir einmal quer durch Karelien fahren – ohne den M18 Kolahighway zu verwenden, welcher direkt von St. Petersburg rechts vorbei am Ladogasee bis nach Murmansk führt. Warum trennen wir uns? Ganz einfach: Wir sind zu spät losgekommen und die beiden sind keine Studenten – wir schon. Wir werden noch planmäßig bis Murmansk hochfahren, weil wir noch eine Woche hinten dranhängen können. Wird zwar alles sehr knapp mit dem Rußlandvisum, aber wenn wir jetzt schon hier sind, wollen wir auch bis zum Ziel. Stephan und Anne werden von der Nordwestecke des Ladogasees aus Richtung Finnland abbiegen um dann die Ostseeumrundung via Schweden und Dänemark schon etwas vorzuziehen. Der geplante Trennungsort liegt kurz hinter Sortavala, einer kleinen Stadt direkt am See, schon mitten in russisch-Karelien.

Die Straße von St. Petersburg nach Helsinki ist ganz gut, der übliche Buckelasphalt eben. Wie überall in Rußland geht es in rascher Fahrt mit grandiosen Überholmanövern in Schlangenlinien um noch grandioser stinkende LKWs. Dass dabei teilweise abenteuerliche Konstruktionen zur Lastenbeförderung unterwegs sind, brauche ich nicht zu erwähnen. Desöfteren ist neben dem allgegenwärtigen Müll auch eine Art Denkmal am Straßenrand. Hier ist offenbar der ein oder andere Fahrer mit seinem Gefährt im Wald zerschellt und die Angehörigen bilden aus der abgefahrenen Stoßstange, einem Kreuz und ein paar Kunststoffblumen einen mahnenden Schrein am Straßenrand. Man weiß nicht so recht was man, angesichts der an Kitschigkeit kaum zu übertreffenden Gedenkstätten, davon halten soll, aber ich will/kann mir auch nicht ausmalen, wie man selbst beim Verlust eines Kindes an einem Straßenbaum reagieren würde…

Vyborg ist schnell erreicht, doch den Abzweig Richtung Sortavala finden wir nur nach einigem Gesuche. Die Straße ist bereits sehr klein und der Asphalt ausgesprochen buckelig, zuweilen nicht mehr vorhanden. Nach wenigen Kilometern beginnt eine Schotterpiste, welche teilweise waschbrettartige Züge annimmt. Der Tupperbus kotzt, während wir freudig den Allrad zuschalten und Subaru Impreza spielen. Alle paar Kilometer warten wir dann auf die Anderen. Die Pisten werden hier zusätzlich von Holztransportern zerfahren, denn die ganze Gegend bis zum Seeufer ist Holzeinschlagsgebiet. Egal, wo wir anhalten: Es findet sich Müll im Wald. Vom einfachen Hausmüll bis hin zu kompletten Schutthalden, welche den Eindruck machen, als wären hier komplette Häuser mit Inhalt einfach mit dem Bulldozer den Abhang herunter geschoben worden. Man fragt sich, welcher denkende Mensch hier wohl am Werke war und versteht langsam den Sinn der Kalaschnikow.

Piste

Piste 2

Sortavala an sich ist nicht mehr so hübsch, wie es vielleicht einmal war, hier scheint einiges an Infrastruktur weggebrochen zu sein. Es gibt am Seeufer noch einige der alten Holzhäuser, welche in gar nicht so schlechtem Zustand sind, aber auch nicht direkt nach Pflege aussehen. Am Kai liegen zwei große Ausflugsboote, von denen eines sogar ein Tragflächenschnellboot zu sein scheint. Die Boote wirken völlig überdimensioniert, sehen wir doch ansonsten keinerlei weitere touristische Attraktionen, geschweige denn Touristen. Sie entstammen augenscheinlich einer früheren Zeit. Irgendetwas scheint jedoch in Bewegung zu sein, denn es wurde ein komlett neuer Fahrkartenkiosk mit farbigen Plakaten ans Ufer gestellt und die Boote sind frisch gestrichen. Als wir eintreffen hat der Schalter schon zu, sodass ich das Angebot nicht genau in Augenschein nehmen kann. Sicherlich wird es Verkehr zum Kloster Vallaaam geben, welches sich mitten im See auf einer Insel befindet und durch das Erstarken der Religion in post-sowjetischer Zeit sicherlich immer mehr Besucher anlockt.

Am Seeufer ist noch ein weiterer Kiosk aktiv, an welchem man sich hauptsächlich zum Trinken trifft. Er verbreitet lautstark die obligatorische Diskomusik am gesamten Seeufer, welche vor den ehrwürdigen Holzhäusern aus vergangener Zeit doch ziemlich absurd wirkt. Für solches Kontrastprogramm hat man aber in Rußland sowieso ein Faible, weshalb wir uns nicht weiter wundern. Als wir abfahren wollen, bekommt Sarah noch einen Heiratsantrag vom Oberclown der Dorfjugend. Er redet auf Russisch auf sie ein und hat allerlei Geschenke für sie, doch Sarah lehnt dankend ab. Unter einer Maultierherde von 50 Tieren macht sie es nicht, so viel kann er nicht bieten. Mit einer Flagge von Sortavala-Karelia als Abschiedsgeschenk kommt dann noch die Frage nach der Handynummer, aber Sarah tut einfach so, als gäbe es bei uns keine Mobiltelefone uns so kommen wir unbeschadet davon. Später sagt sie, dass Ihr der Typ zu klein war und seine Mütze hätte auch affig ausgesehen – was sind die Frauen heutzutage wählerisch…

Wenige Kilometer hinter der Stadt trennen sich unsere Wege. Links geht es nach Finnland, rechts weiter um den See und tiefer hinein nach Karelien. Wir überlegen noch, wer welche Ersatzteile eingepackt hat und tauschen ein paar Dinge aus, aber im großen und ganzen ist es recht unspektakulär. Da Stephans Navi keine POIs installiert hat, suchen wir wenigstens die GPS-Koordinaten eines Wohnmobilstellplatzes in Finnland aus meinem TomTom für sie heraus, welche dann mit dem Garmin und der Papierkarte zusammen vielleicht hilfreich sein können. Dann fahren wir rechts, sie links.

Sehr schnell wird uns bewußt, dass wir jetzt alleine sind. Das Handynetz bricht weg und wir haben die beiden Handfunkgeräte nach hinten in die Tasche gepackt – wir werden sie nicht mehr brauchen. Ab jetzt werden wir vielleicht etwas anders fahren, jedes Material muss geschont werden, damit wir heil nach Hause kommen. Noch 1500km bis nach Murmansk, davon ca. 500km grausigste Wellb[l|r]echpiste bis wir ca. in der Mitte auf den Kolahighway treffen wollen. An einem hübschen See halten wir an und geniessen die Abendsonne auf dem glatten Felsufer, bevor wir in nördliche Richtung abbiegen und tiefer nach Karelien eindringen.

Seeufer

Die Straßen sind hier einfach quer durch den Wald gekratzte Lehmpisten, welchen an besonders versumpften Stellen ein kleines Bett aus Schotter und Stein verpaßt wurde. Alle paar Monate fährt eine Art Schneeschieber die Piste entlang und kratzt die oberen 5cm ab. Das entstehende Material schiebt ein wenig die entstandenen Löscher zu, aber auch wirklich nur ein wenig. Durch das viele Wasser in der Gegegnd sind die Pisten bei Regen ziemlich schlammig und es bilden sich großartige Löcher und Seen, in welche man auf die ein oder andere Weise einschlägt – ständig. Wir haben eine sehr grobe Karte, in welche die Pisten teilweise sogar eingezeichnet sind, verlassen uns aber mehr auf Schilder, welche zu Orten deuten, die wir als passend empfinden. Das trifft man auf ein halb verwittertes blaues Hinweissschild, welches an einer 6-armigen Kreuzung mitten im Wald etwas mehr in die eine als in die andere Richtung zu tendieren scheint. Spontan wird entschieden und dann bekommt man 20 oder 30km weiter die Bestätigung: Entweder das Kaff kommt, oder auch nicht. Wir hatten ausnahmslos Glück!

Lyaskelya

Die Dörfer sind auf ihre Art interessant: 80% sind meist verlassen und verfallen. Alte Holzhäuser mit ergrauten Balken und verfallenen Stallungen und Gartenzäunen dazu, ab und zu eine Fahrzeugruine in romantischem rostbraun, dazu sozusagen der Dorfkern: Wenige Häuser in mehr oder minder gutem Zustand, jedenfalls von Weitem und ein einzelner bunter Kiosk. Dieser Kiosk bildet die einzige Einkaufsmäglichkeit und ist praktisch in jedem Kaff vorhanden. Je nach Größe des Dorfes hat der Kiosk die Maße eines Dixieklos bis hin zu einem Seecontainer. Eigentlich erwartet man hier absolut keine Infrastruktur mehr, aber diese Art von Dorfladen scheint obligatorisch zu sein. In etwas größeren Dörfern treffen wir mehrfach auf eine Art Markt, welcher aus 2-5 Ständen besteht und offenbar jeweils von den umliegenden Dörfern und ein paar Durchreisenden besucht wird. Was auch hier traurig auffällt: Der Müll. Idyllisch gelegenes Dorf, 100m nach dem Dorfausgang fette Müllhalde im Wald. Man faßt es nicht. Die Natur ist wirklich wunderschön, aber hier scheint es davon offenbar zu viel zu geben. Wir diskutieren die fehlende Infrastruktur, das nicht vorhandene Entsorgungs- geschweige denn Recyclingsystem… trotzdem, wir kommen immer wieder zu dem Schluß, dass man den Müll nicht in den Wald werfen muss – noch dazu über hunderte Quadratmeter verstreut. Ach, eigentlich liegt er überall. Im Ernstfall muss man sich eben eine Art Müllhaus selber bauen und ihn vielleicht gesammelt und sortiert entsorgen? Zur Not würde ich vielleicht eine Art Müllverbrennungsanlage konzipieren, aber einfach in den Wald karren…

Nach einigen hundert Kilometern haben wir für heute die Nase voll. Die Piste ist grausam und die Vorderachse ist schon zwei mal voll durchgeschlagen. Alles rappelt und irgendwas klonkt da unten, aber durch den Dauerregen ist nun wirklich jeder noch so kleine Winkel mit feinem Lehm und Sand bedeckt, sodass ich keinerlei Lust verspüre mich unter den Bus zu legen. Auf der Suche nach einem Schlafplatz merken wir wiederholt, dass der Bus zu wenig Licht hat. Entweder wir fahren mit Fernlicht, dann sehen wir immer die nächste Kuppe in der hügeligen Landschaft, verpassen aber alles unmittelbar vor und neben dem Bus. Mit normalem Abblendlicht kann man nur sehr langsam fahren, weil man einfach nicht weit genug sieht. Es ist zum Weinen.

Bahnübergang

Wir finden einen kleinen Standplatz direkt an einem Seeufer, aber als der Scheinwerfer über die Umgebung streicht, stellen wir fest, dass es sich um die lokale Müllkippe handelt. Angewidert fahren wir weiter. Der nächste Versuch zum Seeufer zu kommen wird nach einigen hundert Metern in einem Wald von Hundegebell jäh beendet – mit freilaufenden Wachhunden wollen wir in dieser Nacht nicht noch kämpfen müssen. Irgendwann biegen wir in den Wald ein, denn dahinter verbirgt sich laut Karte der See. Ohne Allrad geht hier nach 10m gar nichts mehr, denn der Wald ist völlig versumpft und verborgen im Dunkeln gibt es auch den ein oder anderen mannshohen Stein. So schaukeln wir eine Weile Richtung See, als er urplötzlich vor uns liegt. Sauberes Sandufer, leises Plätschern der Wellen und alles für uns alleine. In alle Himmelsrichtungen nur Karelien – perfekt. Wir essen Pelmeni mit Tomatensoße und fallen völlig geschafft ins Bett. Die Karre tropft vor Schlamm und Dreck, aber im Inneren sorgt die Standheizung für wohlige Wärme. Unser erster Tag alleine in Karelien.

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