bla bla von ТИАГРА

Drecksbus am See

Es ist kalt am See und die Sonne geht zufällig genau hinter dem Wald auf. Das schöne Ufer ist doch schon leicht von der Zivilisation beeinträchtigt worden und auch auf dem Strand finden sich die Spuren früherer Ausflügler in Form von Müll – nachts mit wenig Licht bekommt man wirklich immer den falschen Eindruck von der Umgebung. Eigentlich hatten wir uns genau aus diesem Grund dazu entschlossen immer noch bei Tageslicht einen Schlafplatz zu suchen, aber bisher haben wir das noch kein einziges Mal geschafft… die Konsequenz für die nächste Reise wird wohl eher sein: Mehr Licht ans Auto, schon alleine für Pisten und Straßen jenseits alleserleuchtender Zivilisation.

Die Landschaft verändert sich von gestern zu heute nicht groß: Sumpfige Wälder, Seen und Flüsse, dazwischen eine Piste, die einen von glattem Asphalt träumen läßt. Besonders beeindruckend ist die unendliche Vielfalt an Moosen, Flechten und Gräsern. Beim Versuch einige Fotos zu machen, hole ich mir sofort nasse Füße. Ein im Straßengraben liegendes Wolga-Wrack erleichtert mir den Einstieg von der Straße auf die Wiese, doch jeder Schritt klingt wie das Auswringen eines Schwammes und ich sinke 30cm tief in das Moos. Das Stativ bewahrt mich vor dem Umfallen. Da die Füße schon einmal nass sind, kann ich auch gleich ein paar Fotos machen. Es regnet zufällig mal 5min nicht, doch der Himmel ist seit Tagen von einer geschlossenen Wolkendecke bedeckt, sodass man eigentlich ohne Stativ nichts anfangen kann. Die Blende ist ständig weit aufgerissen, sodass man von Tiefenschärfe nur noch träumen kann. Das grüne Moos ist dennoch zu verlockend, und so wate ich durch die Gegend.

Moos

Moosi

An anderer Stelle gibt es sogar grazile Blüten zu beobachten, doch der aufkommende Wind macht es bei diesem Licht fast unmöglich hier zu fotografieren. Den Blitz wollte ich jetzt nicht noch auf die Wiese schleppen. Für die Baumfreundin vom Nebensitz gibt es auch allerhand zu bestaunen… gerade, krumme, große, kleine und wahnwitzig verdrehte Bäume stehen im Sumpf oder auf Wiesen und werden hier und da auch dokumentiert.

Blüte

Krisselkram

Bäume für Sarah

Wir nähern uns mit kleinen Schritten der M18, dem berühmten Kola-Highway. Die Piste ist so eklig, dass ich mir ständig überlege was bei diesem Gerüttel wohl alles über den Jordan geht. Jedes Geräusch muss lokalisiert werden, damit ich weiß was wo klappert und scheppert. Ab und zu fahren wir mit gespannte Ohren langsam über die Piste um ein neues Geräusch zu lokalisieren und wenn möglich zu unterbinden. Immer, wenn wieder eine Ursache gefunden ist, atme ich auf – vor allem aufgrund der Tatsache, dass bis jetzt alles im Innenraum gefunden werden könnte. Auf das Wechseln der Antriebswellen oder ähnliches hätte ich bei diesem Dreckswetter nun wirklich keine Lust gehabt. Noch 150km!

Es ist schon spät und dunkel als wir die M18 erreichen, doch Sarah ist jetzt voll in ihrem Element. Nach der Pistenorgie bin ich total im Eimer und mache einfach die Augen zu. An einer Tankstelle wache ich wieder auf. Normalerweise geht man mit etwas Geld zum Schalter, sagt die Pumpennummer an und bekommt den eingezahlten Betrag freigeschaltet. Also ab zum Schalter, Sarah weiß jetzt was “auf die fünfte” auf Russisch heißt und los. Ich stehe draußen mit dem Rüssel in der Hand und friere, die Zapfsäule bleibt still. Sarah scheint da drin noch lustige Geschichten zu erzählen, jedenfalls kommt bald der Sicherheitsmann aus dem Kabuff und fragt mich, was wir denn wollen. Naja, Diesel und so, ne? Er fragt ob voll oder halb oder wie oder was, das ganze sehr, sehr freundlich. Er mag den Bus und findet es großartig mal etwas tun zu können. Ich möchte voll und er steckt einfach den Rüssel in den Tank und erklärt mir, dass der dann automatisch abschalten würde. Na dann? War ja einfach. Als der Tank voll ist, springt der Rüssel plätschernd aus dem Tank und wir müssen beide lachen. Ich sage nur “fast”, er grinst. Drin hat Sarah der Frau am Schalter schon erklärt, dass sie gerne einen Kaffee kaufen möchte. Die Frau kommt herum, nimmt ihr den Geldschein aus der Hand, führt ihn in den Kaffeeautomaten ein und tippt noch auf den Wahlschaltern auf die richtige Taste. Wir werden morgens um zwei dermaßen zuvorkommend und freundlich behandelt, dass wir nicht recht wissen, wie wir damit umzugehen haben. Da wir sowieso bessere Karten brauchen, kaufen wir sie gleich hier in der Tankstelle. Sarahs Kaffee ist fertig und der Automat spuckt ungelogen eine Hand voll Rubel aus. Als ich die Karten bezahle, gebe ich die komplette Hand voll wieder der Frau am Schalter, welche sie in Windeseile in die Kasse zählt. GLücklich und zufrieden verlassen wir die Tankstelle und der Wachmann sieht uns noch eine Weile lächelnd hinterher. Bäume, Blumen und Tiere sind die eine Sache, aber solche Begegnungen machen eine Reise erst zu einer Reise. Leider war der Kaffee als solcher nicht zu bezeichnen…

Ich schlafe wieder ein und Sarah fährt wie der Teufel mit russischen LKW und Wolgas um die Wette. Irgendwann in der Nacht überqueren wir den nördlichen Polarkreis, aber das weiß ich auch nur vom GPS. Hier steht kein Schild an der Straße, geschweige denn ein Polarsirkelensenteret mit ausgestopftem Streichelzoo und Wohnkloparkplatz – wer einmal in Norwegen über den Polarkreis gefahren ist, weiß, was ich meine…

150km vor Murmansk gibt auch der Teufel endlich auf und wir rollen eine grobe Schotterpiste hinauf auf einen Hügel. Unten im Tal sieht man eine Industrieanlage blinken, ansonsten ist es ruhig und schweinekalt. Die Gegend ist kahl und mit hunderten Strommasten jegicher Bauart und jeglichen Alters übersät. Wir scheinen auf den Überresten einer großen Straßenbaustelle zu stehen, anders ist das steinbruchartige Ambiente hier nicht zu erklären. Zu Essen gibt es nichts mehr, wir fallen einfach nur noch ins Bett.

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