Sun 29 Apr 2007
Temperatursturz von 10°C innerhalb einer Nacht, was soll das? Gut, dass noch etwas Holz im Flur lag, welches jetzt im Ofen wenigtens psychologische Wärme erzeugt :) Die nächste Wohnung wird garantiert nur Südseiten haben!

Sun 29 Apr 2007
Temperatursturz von 10°C innerhalb einer Nacht, was soll das? Gut, dass noch etwas Holz im Flur lag, welches jetzt im Ofen wenigtens psychologische Wärme erzeugt :) Die nächste Wohnung wird garantiert nur Südseiten haben!

Sat 28 Apr 2007
… muß sich Wladimir Putin gedacht haben, als er der Nato ihren Abrüstungsplan für konventionelle Waffen vor die Füße warf. Man hatte wohl schon gedacht, dass es eigentlich nichts gibt, was das amerikanische Raketenabwehrsystem in Osteuropa stören könnte, und dann kommt das. Frech wie selten spricht tagsdarauf die amerikanische Außenministerin zum Thema Rußland und man könnte glauben, dass sich die USA längst jenseits der heutigen Nato bewegen. Ach, eigentlich tun sie es ja auch, man träumt sozusagen schon ein wenig voraus. Gleichzeitig ist man auch geographisch offenbar so weit vom Rest des Bündnisses entfernt, dass man über all die Jahre nicht ansatzweise ein Gefühl für eine umgänglichere Verhaltensweise entwickelt hat.
Nach 1990 war Rußland viel zu viel mit sich selbst beschäftigt, als dass man sich um Außenpolitik und Rüstung hätte kümmern können, doch angesichts Abermilliarden von Ölmoneten, erlaubt man sich schon seit einiger Zeit wieder etwas gewichtigere Worte zu außenpolitischen Themen. Nach der recht klaren und durchaus verständlichen Zusammenfassung der russischen Gefühlswelt auf der Münchner Sicherheitskonferenz, hätte man vielleicht mit etwas mehr als Verwunderung reagieren müssen, zumindest auf seiten der USA. Dort belächelte man Putin nur und trieb mit aller Kraft des Raketenabwehrsystem weiter in den Osten Europas. Hier erkaufen sich angesichts wirtschaftlicher Schieflage kleine Republiken an Rußlands Westgrenzen für ein paar Dollars die Gunst der Amerikaner und freuen sich dabei, so einfach ihren Beitrag im Bündnis leisten zu können.
Polen ist ja schon lange voll dabei und man wundert sich, wie lange diese internationale Profilierungssucht vor dem alten Mann aus Übersee noch gut gehen soll. Selbst der Deutsche Außenminister ist geneigt, dem Bündnispartner fast uneingeschränkt unter die Arme zu greifen, sodaß einem Angst und Bange werden kann. Merkt denn niemand wie die Nato zum Hilfsinstrument rein amerikanischer Interessen wird? Ist es nicht offensichtlich, wie Europa sich sein Leben auf dem eigenen Territorium und mit den eigenen Nachbar immer schwerer macht, nur weil blindes Gehorsam in diesem völlig überalterten Zweckbündnis noch immer oberste Priorität hat? Ich verstehe es nicht und es widert mich an.
An dieser Stelle erklärt sich dann vielleicht auch, warum Wladimir Putin mit seinem Schritt gar nicht so unrecht hatte – Wahlkampf hin oder her. Leider ist das Ergebnis mal wieder nicht das gewünschte: Die Außenminister der EU zeigen sich allesamt besorgt und versuchen die Friedenstaube zu pflegen, und aus Amerika kommen ungläubige und fast höhnische Kommentare von niedrigster Qualität. Antiamerikanismus ist zwar gerade im Nahen Osten in Mode, aber wenn das so weiter geht, sehe ich den Trend auch großflächig nach Europa schwappen. Und ja, Europa geht bis hinter Polen – es geht bis um Ural!
Ich bin gespannt, wie sich die nächsten Jahre entwickeln und hoffe insgeheim, dass Putin in Rußland für nach 2008 die Weichen Richtung mehr Demokratie stellt und gleichzeitig die Frechheit aus Übersee den Löffel abgibt, denn langsam reicht es.
Während sich heute in Estland zwei Bevölkerungsgruppen um die Vergangenheit schlagen und im Irak – wie jeden Tag – mind. 100 Menschen durch Bomben zerfetzt wurden, gab es in Deutschland bei wachsender Konjunktur einen wunderschönen Sommertag – im April.

Sun 18 Feb 2007
Auf einer Insel, wo sich die Polizei vor lauter Langeweile das Blaulicht ins Wohnzimmer stellt und das Fahrradfahren ohne Licht vom einzigen Dorfpolizisten mit 20 EUR Strafe belegt wird, passieren so manch’ komische Sachen. Es wird von 12-jährigen in der Dorfspelunke berichtet, welche vom eigenen Schullehrer in der Schubkarre nach Hause gefahren werden… oder so ähnlich. Vielleicht war es auch anders herum.
Am Strand trifft man wild gewordene Münsterländer, welche die Winterzeit zu illegalen Beschleunigungsrennen auf dem sogenannten Hundestrand nutzen:

Die Vereinigten Rostbuspfleger des #vwbus bedanken sich hiermit recht herzlich bei der Besatzung des Inselschlößchens für die freundliche Aufnahme und Bewirtung. Dem Kleinen Münsterländer Friso wünschen wir alsbald harte Knochen und weiterhin viel Ausdauer.
Thu 15 Feb 2007
Überall ist derzeit zu lesen, was der Präsident Rußlands neulich in München gesagt hat. Manche reden von einem neuen kalten Krieg, andere klatschen Beifall. Gerade in Westeuropa wird so mancher insgeheim gelächelt und Putin für seine Worte gedankt haben, weil er sie selber nie auf so brilliante Weise an die Öffentlichkeit hätte bringen könnten. Aber waren sie wirklich so viel wert? Putin erklärt recht glaubhaft und fast beängstigend den Unterschied zwischen persönlichen Beziehungen und staatlichen Umgangs, was die Sache mit dem kalten Krieg relativiert. Wahrscheinlich hat Bush das Manuskript zur gleichen Zeit mit einer handgeschriebenen Grußbotschaft im Schlafzimmerfaxgerät gehabt.
Recht hat Waldimir Putin aber schon, denn das angebliche Saubermannimage der USA geht nicht nur ihm mächtig auf den Senkel. Weltpolizeiliches Gehabe sowieso. Ob sich daran jetzt etwas ändern wird? Fraglich. Ändern wird sich nach den sensationell schlechten Umfragewerten des amerikanischen Präsidenten sowieso etwas, aber es wird wenig mit Putins Rede zu tun haben. Man ist sich in den USA sehr wohl darüber bewußt, wie grandios man gerade scheitert – nur wird die offizielle Presse noch lange zwischen den Ereignissen umherinterpolieren, sodass die eigentlichen Geschehnisse einfach im Dunkeln bleiben. Man will sich ja nicht mit aller Gewalt die Blöße geben. Insgeheim wird Bush schon seinen Abgang vorbereiten – der soll nur noch etwas Glanz bekommen, damit er sich danach bei Putin auf der Couch beim Kaffeetrinken für ehemalige Staatsmänner besser fühlt.
Gleiches macht doch auch der Herr Putin, denn auch seine Stunden sind gezählt. Sicherlich glaubt niemand, dass er seinen Nachfolger nicht sorgfältig auswählen wird und das Volk rein zufällig diesen auch wählen wird, aber etwas Glanz zum Schluß kommt immer gut. Gerade in Rußland kam diese Rede sicher auch gut an, was wiederum der Wahl seines Günstlings zu gegebener Zeit zugute kommen könnte.
Alles in allem wirkt Putin ungleich agliler und schlauer als viele andere Staatschefs in ihren Reden, wirklich beeindruckend. Man könnte ihn fast für einen netten Typen von nebenan halten, welcher einfach nur 100%ig auf dem Boden der Tatsachen steht. In Wahrheit haben sie ihm diese Fähigkeiten in langwieriger Ausbildung eingeprügelt und er ist heute in einer Position, wo er sie vorzüglich nutzen kann. Überraschend ist sein Allgemeinwissen über politische wie gesellschaftliche Situationen außerhalb der GUS, das kommt wohl von seinen traditionell engen Geheimdienstverbindungen. Auch seine Anspielungen auf Informationen zu amerikanischer Entwicklung von Offensivwaffen lassen vermuten, dass sich an den Machenschaften der Geheimdienste seit 1990 rein gar nichts geändert hat. Der Fall Litvinenko/Sacramella unterstrich das ja nur. Spätestens seit dem Politkovskayadebakel glaube ich allerdings schon, dass es in Rußland Kräfte jenseits von Putins Kontrolle gibt, die sich vielleicht aus besseren Tagen sogar noch kennen. Putin ist ja nicht dumm – ganz im Gegenteil. Ich unterstelle einfach: So flach hätte er es bei seiner (Aus)bildung nicht angestellt – die arme Frau wäre sicherlich weit natürlicher verstorben. Ich schätze in 50 oder 100 Jahren wird dann wieder jemand ein paar declassified documents aus den Archiven kramen, und erst dann werden wir erfahren wie der Hase lief. Oder auch nicht.
Mon 12 Feb 2007
Eigentlich koche ich ja immer einen alten Wäschetopf voll Hühnersuppe, damit ich dann drei Tage nur noch warmmachen und löffeln muß, aber heute wird alles anders. Eben stand ich an der Fleischtheke und habe mir 1kg Rindermarkknochen nebst 500g Suppenfleisch gekauft. Um mich noch einmal zu vergewissern, dass Hühnersuppe nichts anderes als Rindersuppe mit Huhn ist, habe ich gleich im Kaisers noch meine Oma angerufen. Sieheda, ich hatte recht! Allerdings habe ich nicht bedacht, dass ausgekochte Knochen dazu neigen, eklige Knochenkrümel zu erzeugen, welche man laut meiner Oma mittels Sieb entfernt. Sieb? Habe ich nicht. Zufällig stand ich gerade in der Siebabteilung, wo es ein passendes für 5.49 EUR gegeben hätte. Da dies den Wert der Suppe verdoppelt hätte, beschloß ich, stattdessen ein frisches Handtuch zu mißbrauchen.
Zum Schluß gab Sie mir noch den Tipp, kaltes Wasser zu verwenden um die Brühe anzusetzen. Jetzt wird sie aber wirklich langsam alt dachte ich, doch die Erklärung war gar nicht so schlecht: Mit heißem Wasser würden sofort alle Poren zugehen und man kriegt dann schwer den typischen Fernsehkochgeschmack aus dem Ding herausgekocht. Deshalb schon mit kalt anfangen, dann geht alles seinen Gang. Wie gut, dass ich meine Oma angerufen hab. Mittlerweile lächeln mich die anderen schon freundlich an, während sie ihren Einkaufswagen um Haaresbreite an einem wackeligen Stapel Kohlenanzünder vorbeibuchsieren.
Heute also mal ganz anders: Knochen zusammen mit Suppengrün auskochen, wieder alles rausfischen, Brühe neu ansetzen – diesmal das gekochte Supengrün kleingehackt – ein, zwei Hände voll Nudeln rein, warten. Vielleicht laß’ ich die Nudeln auch weg, die verwandeln meine schöne Suppe nämlich spätestens am dritten Tag in Tapetenkleister.
Drum merke: Rindersuppe ist nicht Hühnersuppe mit Rind, denn man braucht ein Sieb.
Mon 12 Feb 2007
Nachdem ich nach einer heftigen Programmiernacht erst um 5 ins Bett gekommen bin, habe ich ab 7 Uhr trotzdem alle 30 Minuten wach gelegen und den Rechner aufgeklappt. Warum? Na weil in der Deutschen Botschaft von Moskau keine Mobiltelefone erlaubt sind! Yana hat es also gleich zu Hause gelassen und wollte mir dann von der Arbeit eine Mail schreiben. Beim 5. Mal war dann auch endlich die erlösende Nachricht da: Kein Stempel, sondern ein Visum!! Damit werden sich in naher Zukunft einige grundlegende Sachen in den Leben zweier Menschen ändern – wir dürfen gespannt sein… Eigentlich müßte ich ja etwas in Richtung “Ich bin super glücklich!” schreiben – ja, mit Leerzeichen ist das heutzutage voll im Trend – aber das liegt mir nicht. Die Überschrift muß reichen :) Glückwünsche oder Beileidsbekundungen bitte in die comments…
Thu 8 Feb 2007
Heute war Yana bei der Deutschen Botschaft in Moskau, um die umfangreiche Dokumentensammlung der letzten Monate abzugeben. Genauer gesagt, geht es dabei um die Erlangung eines Visums zum Spracherwerb. So nennt man das heutzutage. Eigentlich geht es uns also darum, endlich mal die Fernbeziehung in eine Beziehung umzuwandeln, was natürlich nicht so einfach ist. Wissen darf das offiziell sicher auch niemand, weshalb ich es natürlich auch für mich behalte. Junge, russische Frauen wollen nach Deutschland einreisen? Ja wo gibt’s denn sowas? Das muß kontrolliert werden! Recht haben sie auf der einen Seite, doch auf der anderen geht es einem tierisch auf die E*** wenn man selbst betroffen ist. Schengener Abkommen ist ja in Rußland leider nicht, Europäische Union schon zweimal nicht. Glücklicher können sich da die Bulgarinnen und ihre Europäischen Freunde schätzen! Ne, marden? :)
Also wie macht man das? Ganz einfach, man wird Student. Wie studiert man als Ausländer? Man weißt die nötigen Sprachkenntnisse für ein Studium an einer Deutschen Hochschule nach und besorgt sich eine Hochschulzugangsberechtigung. Letzteres habe ich mittels beglaubigter Kopien von ca. 25 wichtig aussehenden Dokumenten aus Moskau relativ schnell auf dem zuständigen Amt in Berlin bewältigen können, sodaß wir 25 EUR später einen simplen Brief mit einer Art Bestätigung über Yanas Hochschultauglichkeit in den Händen hatten. Wäre ja auch ein Witz gewesen, sie hat immerhin schon 5 Jahre studiert und ein fertiges Diplom!
Jetzt noch die Sache mit den Sprachkenntnissen. Dazu gibt es einen offiziellen Test für Ausländer, welcher die Sprachkenntnisse eines Studenten zum Studium feststellt. Ich habe ihn mir mal durchgelesen und war beeindruckt. Da werden Sachen gefragt, wo manch’ Deutscher Staatsbürger nachdenken müßte, von anderen mir bisher begegneten Studenten mit Migrationshintergrund (das sagt man heute so!) ganz zu schweigen. Wie dem auch sei, wir haben beschlossen, dass Yana das in 6 Monaten zu schaffen hat, denn leider können wir uns nicht mehr leisten. Ich habe eine Sprachschule in Berlin aufgetrieben, dort gibt es die in den Visabestimmungen geforderten 20 wöchentlichen Sprachstunden für 150 EUR monatlich – das ist irgendwie machbar. Dort also einen Vertrag geschlossen, angezahlt, Bescheinigung für die Botschaft drucken lassen (Ganz wichtig: Stempel! Das lieben Behörden! Fast wie bei en Russen…), nach Moskau geschickt. 3 Monate später immer noch nichts in Moskau angekommen, also wieder Bescheinigung drucken lassen – für ein geringes Entgeld von 3 EUR – und dieses Mal persönlich nach Moskau geflogen.
Kaum wieder zu Hause, neue Dokumentenforderungen aus Moskau. Obwohl Einkommensnachweise existieren und die Sprachkurse nachweislich gebucht sind, verlangt die Deutsche Botschaft in Moskau eine förmliche Verpflichtungserklärung einer einladenen Person aus Deutschland. Warum denn das nun wieder? Wozu gibt es ein Visum zum Spracherwerb, wenn man trotzdem den gleichen Schwachsinn wie für ein Touristenvisum durchlaufen muß? Wie kann ein Student ohne Bekannte in Deutschland eigentlich studieren? Maaaaaaan, langsam reicht es jedenfalls.
Verpflichtungserklärung: Für alle, die nicht wissen was das ist, hier eine Zusammenfassung. Wer nicht das Glück hatte, im Land des real existierenden Sozialismus aufzuwachsen und dortin etwaige Westverwandtschaft einzuladen, der wird mit diesem Begriff nichts anfangen können. Der Einlader geht dabei zur Polizei (bzw. heute heißt der Laden Ausländerbehörde) und verpflichtet sich unter Nachweis seiner eigenen Einkommenssituation (Immer schön die Originale mitnehmen…) für jegliche Kosten aus öffentlichen Kassen aufzukommen, welche durch den Besuch des Ausländers auf die Bundesrepublik Deutschland zukommen könnten. Das sind dann so Sachen wie ein Bundeswehrregiment und eine Transall, welche zur Rückführung einer wildgewordenen Freundin des Sohnes in ihr Heimatland benötigt werden. Das zahlt dann nämlich die Mama jenes Sohnes, weil dieser als Student gar kein Einkommen nachweisen kann, und somit niemals seine Freundin einladen könnte. Mama hat sich inzwischen schon daran gewöhnt, aber insgeheim hofft Sie wohl inständig, dass ich mich in keine von diesen sexy Uranschieberinnen aus dem Ostblock verkuckt habe, von den man heutzutage fast täglich in der Presse lesen muß.
In der Rekordzeit von nur einer Woche hatte ich dank meiner Mama als schon so ein Papier. Über dunkle Umwege habe ich das Ganze dann unfrei per UPS nach Moskau geschickt, was jemanden dort 53 EUR gekostet hat. Für ein Stück Papier der Größe DIN A4 wohlgemerkt. Aber angekommen ist es, nach nur 2 Tagen. Respekt.
Heute war also der denkwürdige Tag, der Tag des Interviews in der Botschaft in Moskau. Interview? Ja! Geht man als Deutscher in die russische Botschaft in Berlin, gibt man nur seine Dokumente ab und regelt die Bearbeitungsgeschwindigkeit ganz nach Belieben durch die Beigabe von Euros. Ganz anders ist es auf umgekehrtem Wege: Man besorgt sich einen Interviewtermin, zu welchem man mit allen Dokumenten und einer möglichst plausiblen Geschichte zu erscheinen hat. Dort sagt man als junges, russisches Mädchen natürlich nicht, dass man zum Freund nach Deutschland will, sondern irgendwas von Sprache, Karriere, International und Zukunft. Oder so. In unserem Fall stimmt das ja sogar… unter anderem. Das Interview ist, einigen SMS nach zu urteilen, recht unspektakulär gewesen, sodaß wir jetzt gespannt auf die Ergebnisse warten. Für die 60 EUR (irgendwie so), was ein Schengenvisum für einen Russen kostet (Man bedenke die Einkommen!), bekommt man per default 3-5 Werktage Bearbeitungszeit bei ungewissem Ausgang. Dem Vernehmen nach gab es auch im Bekanntenkreis schon negative Bescheide, welche nicht nur mit einer simplen Verweigerung eines Visums enden, sondern meist mit einem Stempel im Paß: 6-monatiges Einreiseverbot. Darauf bin ich insgeheim gefaßt, auch wenn ich noch Hoffnung habe. Warten wir es ab, Montag ist es soweit!
Im Innern spielt man schon einmal alle weiteren Möglichekeiten durch: Ich könnte nach Moskau gehen, dafür müßte ich aber mein Studium in den Sand setzen, da mich das Weiterstudieren an der TU Moskau (beispielsweise) $3500 pro Semester kosten würde. Eigentlich keine Möglichkeit. Was noch? Yana im VW-Bus entführen? Bettelbrief an den Bundespräsidenten? Ach ja, heiraten könnte man auch noch. Großartig. Würden wir glatt machen, aber doch nicht gleich und einfach so weil es eben sein muß, oder? Gut, das ist dann die letzte Möglichkeit. Abwarten, importierten Russentee trinken und weitersehen. Viel lieber denke ich daran, dass man an Wochenende Ausflüge machen könnte, nicht alleine ins Bett gehen müßte und die Handyrechnung um 98% reduzieren würde… Hach ja. Und dann streiten wir uns 4 Wochen und fahren die Sache binnen kürzester Zeit zünftig an die Wand. Oder?
Und bei all den Gedanken soll ich noch 1er Klausuren schreiben, arbeiten gehen, dem Bus einen neuen Motor verpassen, Wohnung auf die Ankunft der holden Weiblichkeit vorbereiten. Muß ja auch alles stimmen, wenn schon jemand in Moskau seine Eltern zurückläßt, den gut bezahlten Job kündigt und sich selbst mit abgeschlossenem Diplom in einem fremden Land wieder zum Studenten degradieren läßt… und das alles für einen Studenten ohne Abschluß, Bus ohne Motor und 3 fast vertrockneten Zimmerpflanzen. Hallojulia.
Mir kommen da gleich noch ein paar mehr Gedanken: 1989, das Jahr, an dem plötzliche alle frei wurden, reisen, Westen, alles toll. Und nun? 2007, und ich kann immer noch nicht einfach so mit jemandem zusammen sein, den ich mal irgendwo getroffen habe. Ist doch der Hammer, oder? Früher liefen die Menschen mal mehr oder minder behaart auf irgendwelchen Pfaden um die Erde und ließen sich von Magen und Schwanz leiten. Und heutzutage? Der Mensch hat sich Millionen Regeln auferlegt, um das Zusammenleben so großer Zahlen aufrecht gehender Kahlaffen überhaupt erst möglich zu machen. Das Ergebnis ist eigentlich erschreckend. Da wundert man sich auch nicht mehr, wenn der eigene Vater am liebsten mit der Axt in den Wald ziehen würde und alles andere hinter sich abhaken könnte. Na klar, ich verwöhntes Kapitalistenkind sollte mal schön den Mund halten, andere können ja nicht einmal genug essen oder solche Gedanken wie ich sie habe auch nur ansatzweise denken, weil sie viel grundlegendere Probleme haben. Trotzdem, mit fortschreitender Zeit fühle ich mich als Mensch gefangen im selbstgezimmerten Käfig der Zivilisation. Klingt wunderbar poetisch, das lasse ich so stehen.
Man sollte einfach weniger denken, das tut ja weh!
*abschalt*
Sun 31 Dec 2006
Seit heute morgen verstehe ich George Bush und Frau Kondolenzbuch Reis: Erstmals habe ich am eigenen Leib erfahren, wie sehr die Terrorgefahr in diesen Tagen angestiegen ist. Schlimmer noch, ich bin jetzt fest davon überzeugt, dass die Achse des Bösen wirklich existiert! Jene Achse verläuft nämlich diagonal durch unsere Wohnung im 12. Stock eines Moskauer Plattenbaus. Nun, woran erkennt man Terrorismus? Das ist eigentlich ganz einfach: Fanatismus mit erkennbarem Verlust der Gehirnaktivität, Ausbildungslager zur Nachwuchsförderung, asymmetrische Kriegsführung durch verteilte Terrorakte.
Gegen 9 Uhr drückt in der Wohnung unter uns eine fanatische Arbeitertochter auf den Power-Knopf des Fernsehers und markiert damit den Beginn einer 3-stündigen Ausbildungsphase für die heranwachsenden Terrorhelfer. Zu dieser unchristlichen Zeit liege ich im Bett und versuche fundamental auszuschlafen, als unter uns die Wahl auf das Programm “Cartoon Karaoke” fällt, und der geistige Vater zusätzlich die Verstärkeranlage aus Taiwan einschaltet. Unwillkürlich frage ich mich, warum dieses schwere Gerät nicht unter das Kriegswaffengesetz und entsprechendes Embargo fällt. Der Raum wird jetzt gänzlich von ca. 100dB Bumm Bumm erfüllt und man vernimmt die verzerrten Stimmen fanatischer Krieger, welche mit ihren Liedern Tsheburashka und andere Gottheiten anbeten.
Links über uns übt man sich, wie immer, in den Grundfertigkeiten jener stolzen Wüstensöhne: In vollständiger Extase bringt man eine geweihte Schlagbohrmaschine mit unbeschreiblicher Inbrunst auf einem zuvor nächtelang sprituell vorbereitetem Stück armierten Stahlbetons zur Anwendung, bis dieses nach höchstens 23 Minuten endlich der Festigkeitslehre entsagt. Gewöhnlich bedankt man sich sogleich mit mehreren gewaltigen Hammerschlägen auf selbige Wand und opfert zur Besänftigung des Elektrikers in halbstündiger Zeremonie einen frischen Staubsaugerbeutel.
Die Damen des Hauses entscheiden sich der Situation entsprechend zu einer groß angelegten Nahkampfübung und laden dazu in den örtlichen ГиперМаркет(Nicht Super- sondern HYPERmarkt!). An der Salattheke liegen die Nerven berits blank, als mehr als 20 Mitglieder verschiedener Stammesgruppen versuchen ihren Neujahrssalat zu erstehen. Die Friedenstruppen hinter der Theke sind ständigen, verbalen Angriffen ausgesetzt und lassen sich selbst bei Einkäufen unter 2000 Rubel den Paß zu jeder Geldkarte zeigen.
Vor uns versucht die Frau eines dubiosen Ehemannes vergeblich, mit der Kreditkarte desselben Kinderkleidung und Joghurt zu kaufen. Hier greifen zuverlässig alle Sicherheitsmechanismen der Allianz gegen Ladendiebe, Georgier und andere Terroristen und so nimmt man der Frau den kompletten Einkaufswagen wieder ab und läßt sie vom Sicherheitspersonal entfernen. Da schauen selbst genervte, rotnäsige Ehemänner verwundert herüber, während ihre verschlafenen Augen sich nach den Zeiten zurücksehnen, in denen es die Leinenpflicht für einkaufende Frauen gab.
Vor dem internationalen Obstabwiegestand entbrennt in der 200m langen Schlange ein Kampf um 2 Kubikmeter Altmandarinen, welche die Kontrahenten sich erdreisten, während des Wartens in gute und weniger gute zu sortieren, um selbige gleich mit abwiegen zu lassen.
Um das gelernte gleich zu Üben, werde ich, beladen mit 2346741 Plastetütchen, gleich in 3 weiteren Läden wartend zurückgelassen, um die Beute gegen das gemeine Fußvolk zu verteidigen. Selbst im dicht bevölkerten Пятёрочка habe ich keine Verluste zu verzeichnen und so entlassen mich meine Ausbilderinnen wieder nach Hause.
Inzwischen haben auch die Schergen der Nachbarwohnung ihre Vorliebe für Karaoke entdeckt und die Achse des Bösen erscheint vor meinen Augen eher wie ein Dreieck. Wehmütig denke ich an stockwerkzählende Bunkerbrecher gebe mich der asymmetrischen Übermacht geschlagen. Ich erhalte meinen Anteil der Beute in Form von Tee und russischem Kinderspeiseeis und begebe mich in intensive, psychologische und physiologische Direktbetreuung – worüber in meinem unbefristeten Ausbidungsvertrag allerdings Stillschweigen vereinbart wurde.
In diesem Sinne wünsche ich allen die Kraft und Vernunft den Gefahren des kommenden Jahres zu widerstehen. Und immer dran denken: Fernseher, Playstations und Trinkjoghurt mit zirkular polarisierten Lebendkulturen sind nur der Anfang…
P.S.: Eben sagt der Sprecher im Radio, dass jetzt, siebeneinhalb Stunden vor Neujahr, bereits sämtliche Ausnüchterungszellen der Moskauer Polizei hoffnungslos überfüllt sind. Wahrscheinlich wird man einfach ein bis zwei U-Bahnhöfe sperren und die selbstkonservierten Schnapsleichen dort bis zur Abholung durch die zuständige Ehefrau einlagern.