bla bla von ТИАГРА

Posts in category Estland

How does war feel for wheel bearings?

Ever wanted to know how a wheel bearing looks like, when the wheel has been shot at with some quite large caliber? Well, here is a picture of a Volvo TGB11/13/20 (don’t know) wheel bearing that came from the Estonian army:

volvo wheel bearing portal axle

You can clearly see how the impact stamped each roller into the race. The corresponding hub looks like this:

And even the portal box behind suffered a big impact crater…

Unfortunately I never got to see the wheel ;)

Finnland!

Auf Einladung der finnischen VW-Bus-Fahrer haben wir einen Abstecher über Helsinki gemacht, und die volle Packung Finnland in 5 Tagen erlebt :) Jetzt geht es weiter nach Estland, wo schon ein paar Busfahrer im Hafen warten, dann nach Riga und nach Warschau… schließlich nach Berlin!

Russia for Dummies

Als wir vom wohligen Klang des Steinbrechers geweckt werden, rudert es schon wieder heftig auf dem Kanal. Die Finnen sitzen verstrahlt vor ihrer Hütte und bringen die Dose Morgenbier in Stellung. Wir packen eilig zusammen und werfen unsere Dreckwäsche schnell noch in die Waschmaschine, füllen diese mit Wasser und stellen sie in den Bus. Das Gerüttel der Fahrt wird die Wäsche waschen und später müssen wir sie dann nur noch aufhängen.

Über Tallin und beeindruckende Autobahnbaustellen geht es nach Narva, der Grenzstadt zu Rußland. Erinnert ein wenig an eine bekannte Lampenfabrik aus der DDR… 20km davor halten wir an. Angeblich darf man keinen Sprit in Kanistern einführen und ein D-Schild ist ja bekanntlich auch angesagt. Mein Kanister ist unter der Vorderachse und ich habe beschlossen drauf zu scheiXXen, doch Stephans steht schön sichtbar mitten im Bus, also entleert er ihn in den Tank – in Rußland ist die Pampe sowieso billiger. Das D-Schild entsteht am Straßenrand aus der Rückseite einer Biedronka-Tüte (= polnischer Supermarkt) und halbiertem Isolierband in schwarz. Formschön auf eine geputzte Stelle der Heckklappe komponiert, fühlen wir uns damit für die Grenze gewappnet.

Biedronka D-Schild

In Narva fragen wir an der erstbesten Tankstelle nach der Versicherung für’s Auto, die kann man hier ja angeblich überall kaufen. Die Dame meint, zur Zeit ginge da nix, das System wäre kaputt, aber an der Grenze, da könne man die sicher kaufen. Gut, die Grenze selber ist schnell gefunden, aber der dortige Ablauf ist jedes Mal anders und ein Abenteuer. Wir steigen ersteinmal aus und ich frage eine Dame in einem Kiosk, wo man denn hier Autoversicherungen kaufen könnte. Jetzt wird’s russisch. Sie ist recht freundlich und verweist mich an die Dame nebenan, welche zwar im selben Kiosk sitzt, aber zu einer gänzlich anderen Organisation zu gehören scheint. Sie benimmt sich ein wenig wie der Obernatschalnik und hat sogar ein paar Fransen auf den Schultern. Die Worte des blonden Ungeheuers prasseln auf mich nieder, sodass ich kaum verstehe was sie meint. Immerhin: Versicherungen gibt es hier nicht und überhaupt – hm. Wir fragen noch in einem Wechselbüro, wo eine sehr nette Dame überzeugendes Unwissen verbreitet und so drehen wir mit den Bussen ein paar Runden auf dem Platz, in der Hoffnung, noch ein übersehenes Hinweisschildchen zu entdecken. Im Augenwinkel gestikuliert ein dicker Russe heftig in einer Kreisbewegung, welche uns andeutet, dass wir einmal um den ganzen Block fahren sollten. Kurz, die Schlange für den Grenzverkehr endet in einer Seitenstraße, welche nur von hinten zu erreichen ist.

Der Fortschritt in der Schlange dürfte mit ca. 2,5 Fahrzeugen pro halbe Stunde gutwillig bemessen sein, und so warten wir. Die Schlange endet bei eben jener Blondine direkt vor einer Schranke, wo Stück für Stück Fahrzeuge auf die eigentliche Grenze losgelassen werden. Irgendeine wichtige Funktion hat diese Dame, aber noch ist diese nicht so ganz klar. Scheint etwas mit der Schranke zu tun zu haben.

Jetzt stehen noch zwei Autos vor uns und deren Fahrer schlendern zur Blondine. Sie quatschen, geben ihr auch etwas, quatschen wieder, kommen zurück. Jetzt kommen wir dran. Die Schranke ist noch zu und es passiert: Das Ungeheuer tritt auf mich zu und fragt nach meiner Nummer. Hä? Was für eine Nummer? So eine Nummer, und sie zeigt mir einen Zettel, wie ihn ein Autofahrer vor uns abgegeben hat. Aha, nie gesehen, was soll das für eine Nummer sein? Das wäre eine Nummer die jeder haben müßte und die gäbe es im Transservice-Büro in der uliza Blakeks. Großartig. Etwas mürrisch scheren wir kurz vor der Schranke wieder aus der Warteschlange aus. Nummer besorgen. Ich frage noch leicht frech, ob wir dann wieder hinten an der Schlange stehen müßten oder wie oder was? Die Antwort ist überraschend: Nein nein, sie hätte uns ja gesehen und wir sollten dann direkt nach vorne kommen. Da würde sie uns dann auf Video sehen uns dann ginge schon alles seinen Gang. Wow. Unerwartet nettes Ungeheuer!

Der Transservice in irgendeiner uliza ist natürlich nicht zu finden. Wir kommen an einem Grenzposten vorbei, welcher in einem kleinen Wellblechhaus direkt hinter einem “Fußgänger verboten”-Schild sitzt. Wir sind zwar Fußgänger, aber der Mann ist überaus freundlich und scheint auf Fragen wie die unserige gefasst zu sein: Er besitzt eine kopierte Karte, in welcher das Büro und der Weg zum Transservice eingezeichnet sind! An der Tankstelle links… die beim McDonald’s? Nein, eine weiter… dann noch 500m und links auf den Hof. Alles klar, das finden wir.

Der Hof besitzt wiederum eine Schranke, welche halboffen festgerostet ist. Wir passen hindurch, zögern jedoch am Stopschild dahinter direkt weiter zu fahren und werden erst durch das energische Hupen hinten uns weiter auf den Hof getrieben. War offenbar nicht so ernst gemeint das Schild. Man stellt sich einfach irgendwo hin. Die Gesichter hinterm Schalter verziehen sich sofort wenn man mit seinem Paß näher tritt. Nein, hier bist Du falsch, du mußt nebenan in das Kabuff. Ah so, danke. Nebenan ist ein Räumchen von 2×2 Metern in welchem eine kleine Glasscheibe ist. Dahinter wirbelt eine Dame, und davor warten zwei junge Russen. An einer Wandzeitung ist zu lesen, dass es seit dem 1.7. ein Wartenummernsystem für die Grenzabfertigung gibt und man irgendwelche estnischen Moneten bereithalten soll. Haben wir nicht. Warten wir trotzdem.

Vor uns fallen allerlei russische Flüche und die beiden haben die Wahl zwischen einem Termin für morgen nacht oder übermorgen früh. Mir schwant Böses. Hinter uns stellt sich noch ein Mann in die Schlange, Typ sibirischer Bärentöter, aber nett. Er fragt die Jungschen vor uns über irgendein Dokument aus und wird voll angeblafft. Ich weiß nicht warum und wie, aber der Bärentöter bleibt die Ruhe selbst. An seiner Stelle hätte ich jetzt ein Bärchen gewürgt. Wir sind dran. Ich weiß immer noch nicht worum es sich hier dreht, also sage ich, dass ich auch gerne “so eine Nummer” haben wolle. Sie lächelt freundlich und fragt ob wir denn heute reisen würden? Ja natürlich! Sie nimmt meinen Techpassport (die Autopapiere) und geht zum Rechner. Dort öffnet sie ein Worddokument, in welchem eine Liste von Nummern steht. Sie kopiert die letzte, löscht sie, fügt sie in ein anderes Dokument wieder ein, tippt die Nummer zusätzlich in einen Bondrucker und schreibt dann noch das Autokennzeichen dazu. Sie gibt sich mit 2 Euro zufrieden und ich verschwinde nach nichtmal einer Minute aus dem Kabuff, nachdem ich für Stephan die gleiche Aktion noch einmal bestellt habe.

Den Mädels hängt der Magen in den Knien und der vorbeiziehende McDonald’s läßt kleine Sabberflecken auf dem Armaturenbrett entstehen, aber wir bleiben hart. Ich erinnere an das Versprechen des netten Ungeheuers und ob sie selbiges wohl warten lassen wollen? Nein, natürlich nicht! Also auf zur Grenze.

Die Schlange an der Schranke ist schon merklich geschrumpft, doch wir stellen uns direkt neben das erste Auto. Die frisch gekauften Nummern machen die Frau an der Schranke lammfromm und beim nächsten Mal sind wir sofort drin. Der einzige Sinn dieser Nummer bestand also darin, die Schranke zu öffnen? Hallojulia.

Drin warten wir noch ein wenig, dann geht es zur estnischen Paßkontrolle. Ein kurzer Blick, der Zoll kuckt gleich gar nicht mehr. Auf zu den Russen. Wir werden von einem jungen Zöllner ersteinmal zur Überprüfung des Fahrzeugs gebeten. Zeitgleich bekommen wir die Zollerklärungen und die Migrationskarten ausgehändigt und wir fangen eifrig an, diese auszufüllen. Der Oberzöllner ist ein breitschultriger Mann, welcher nur noch in Armee-T-Shirt unterwegs ist und sich von seinem jungen Kollegen jeweils die Fahrzeuge öffnen läßt und ab und zu nickt. Unsere Zollerklärungen übergebe ich an die Kollegin im Häuschen, welche mir nach einiger Zeit erklärt, dass es alles gar nicht so wild sei und wir nicht jeden Furz für die vorrübergehende Einfuhr deklarieren müßten. Aber… aber… ich frage, ob das nicht spätestens bei der Ausreise wichtig sei? Sie lächelt verschmitzt und gibt mir zu verstehen, dass es keinen Schwanz interessieren würde. Das Auto sei wichtig, und dafür bekommen wie schließlich auch einen speziellen Aufkleber, welchen wir bis zur Ausreise definitiv nicht verlieren sollten. Der Oberzöllner muss unsere Zollerklärungen abstempeln, quatscht aber gerade hinter dem Kabuff mit seinen Kollegen. Also geht die nette Frau aus dem Kabuff zu ihm und übergibt unsere Erklärung. Er legt diese auf seine dicke Pranke, holt einen Stempel heraus und knallt diesen mehrfach auf das Dokument. Der übrig gebliebende Lappen ist jetzt hochoffiziell und unser wichtigstes Papier. Da das Gespräch noch nicht zu Ende ist, macht sich der Jungsche alleine daran, unseren Bus zu kontrollieren. Er ist sehr nachlässig und quatscht freundlich mit mir. Motor hier, aha, Bett mit Moskitonetz, nett. Die Waschtonne interessiert ihn. Als ich sie ihm öffne, sieht er drei alte Socken in einer hellgraußen Soße schwimmend. Belustigt wendet er sich mit einem allseits bekannten russischen Universalfluch ab. Das Kind ist geschaukelt!

Direkt nach der letzten Schranke beginnen einige bunte Buden und die Jugendlichen scheinen sich die Grenze als Treffpunkt ausgekuckt zu haben – vielleicht weil die Kioske hier 24h geöffnet haben. Ich habe nur eines im Kopf: Versicherung! Links Strachovka, rechts Strachovka, alles da. Wir entscheiden uns für links, da steht die Tür einladend offen. In der Bude sind zwei kleine Schalter. Hinter dem einen lehnt eine ganz nett zurechtgemachte Russin und kramt in ihrer Handtasche. Sie gehört offenbar zum Mobiliar und ich gehe direkt zum zweiten Schalter. Hier sitzt ein junger Mann, der gelangweilt in seinem Drehstuhl zu der Dame sieht und den Kugelschreiber gekonnt zwischen den Fingern dreht. Offenbar gehören die beiden zusammen – sie wartet darauf, dass sein Dienst zu Ende geht. Als er mich bemerkt, ist er sofort zur Stelle. Versicherung njet problem, für 90PS knapp über 900 Rubel, das klingt vernünftig. Einziges Problem: Keine Kartenzahlung, nur echtes Geld. Haben wir natürlich nicht. Irgendwie sieht Rußland gar nicht so böse aus, also entscheidet Sarah schnell, mit der EC-Karte nach Ivangorod zu laufen und Geld zu holen. Zu diesem Zeitpunkt kann sie nicht einmal kyrillische Buchstaben lesen. Ich muss beim Bus bleiben und auf die anderen warten, die noch irgendwo im Grenzgeschehen stecken. Es dauert nicht lange und Sarah kommt zurückgerubelt. Freudestrahlend erzählt sie von ihrem ersten Erlebnis in Rußland – soooo nette Leute hier! Inzwischen sind auch Stephan und Anne eingetroffen und so erwerben wir kurzerhand mit den frisch geschossenen Rubeln zwei echt russische Strachovkas. Weil der Benziner soooo viel Leistung hat, muss Stephan gleich mal 200 Rubel mehr bezahlen. Haha.

Nach 5h Grenze rollen wir glücklich durch Ivangorod direkt Richtung St. Peterburg. Es kommt wie es kommen mußte, kurz nach dem Ortsausgangsschild leuchten bereits die Buchstaben der Straßenpolizei DPS. Wir werden zum Schaulaufen vor den gelangweilten Beamten auf 10km/h heruntergebremst und natürlich prompt auf die Seite gewunken. Passport, Techpassport, Strachovka. Ich sage zu ihm, dass ich ihm auch noch zwei verschiedene Führerscheine bieten könnte und er nimmt sie dankbar hin. Zwei kurze Blicke und die Sache ist erledigt. Gute Reise und Tschüss. Wenigstens einen unserer Feuerlöscher hätte er ja noch ankucken können! Sämtliche offiziellen Prüfungen für diese Nacht auf Anhieb bestanden, das stimmt fröhlich.

Bereits kurz nach der Stadt wird die Straße so, wie ich sie erwartet habe. Das leise Kotzen am Funkgerät läßt vermuten, dass der Multivan hinter uns sich etwas mehr erhofft hatte. Egal, wir wollen heute zu einem Übernachtungsplatz bei St. Petersburg vordringen, den wir in den Tiefen des Internets gefunden hatten. In der Stadt selber steht es sich nicht so gut, deshalb etwas außerhalb. Navigieren kann das TomTom dahin natürlich nicht, aber ich finde auf der Karte die gleichnamige Station der elektrischka (so ein Mittelding aus Regional- und S-Bahn… gibt es in vielen großen Städten als Weiterverbindung in die Vororte nach der letzten Metro-Station). Die Strecke soll über Kronstadt unter Umgehung von St. Petersburg selber gehen, das klingt vernünftig. So biegen wir irgendwann von der Hauptstraße ab und jagen in wildem Ritt durch das nächtliche Rußland. Ein Loch jagt das andere, ein weiteres Loch jagt einen stinkenden LKW und so weiter. Mitten im vermeintlichen Nichts saugen wir uns an einer hell erleuchteten Tankstelle bis zu Dachkante mit billigem Fusel voll, die Freiheit nehmen wir uns. Nach etwas Umhergekurve kommen wir endlich bei Peterhof ans Ostseeufer und können Kronstadt schon leuchten sehen. Nur noch ein kleiner Sprung… Kurz bevor wir an der bezeichneten Stelle ankommen, treffen wir auf eine Baustelle. Zu, Aus, Ende. Ein Häuschen mit geschlossener Schranke bedeutet uns, dass wir umkehren sollen. Eine Umleitung ist nicht ausgeschildert. Natürlich gibt es – wie überall in Rußland – auch einen Wachmann. Dieser erklärt mir in leicht bläulichen Worten etwas von einem grooooßen Bogen und gestikuliert dabei eben so großbogig in der Gegend umher. Ich interpretiere das so: Man fährt hier irgendwo rechts hoch und umgeht dann in einem grooooßen Bogen die Baustelle und kommt genaaaau dahinter wieder heraus. Nur wo rechts rein? Ausgeschildert ist hier nichts und die Karte ist nicht sehr hilfreich. Wir haben schon echt die Nase voll, aber es hilft nichts. Nach und nach probieren wir alle Straßen durch. Der Syncro bricht fröhlich durchs Unterholz, der Multivan bricht auch. Nach ewigem Suchen finden wir eine fahrbare Straße, welche auch andere Verkehrsteilnehmer zu nutzen scheinen.

Die Umleitung zieht sich lang und länger, doch wir erkennen viele Bagger und Bauarbeiter, die offenbar an einem größeren Autobahnprojekt arbeiten. Am Ende der Umleitung stehen wir wieder genau auf der Straße, an der wir sein wollten, nur leider 300m zu weit. Unsere Kreuzung ist noch Teil der Baustelle und damit voll gesperrt. Wir können es nicht fassen. Nach all den Strapazen, wird die komplette Route über den Haufen geworfen. Noch einmal die Umleitung zurück und dann die Küstenstraße entlang, mitten durch Petersburg bis zum Schlafplatz. Es ist jetzt morgens um halb 4 und wir haben Rußland echt gefressen.

Das nächtliche Petersburg ist bunt und schrill, spärlich bekleidete Pärchen schlendern auf den Straßen, gefahren wird wie der Teufel. Alles was irgendwie bedeutsam ist, wird hell beleuchtet, sodass wir gleich eine perfekte Stadtrundfahrt machen. Nachts sind die Straßen sogar befahrbar, weil nicht so viele Autos unterwegs sind. Es regnet natürlich wieder als wir darauf warten, dass eine der Newa-Brücken wieder heruntergelassen wird. Durch Plattenbausiedlungen fahren wir hinten wieder aus der Stadt heraus, immer Richtung Helsinki. Reichere Russen haben sich eine pompöse Villa direkt am Meer gebaut und sitzen jetzt hinter Stacheldraht und Mäuerchen vor ihren 42″ Fernsehern, während wir draußen auf der Jagd nach einem Schlafplatz sind.

Plötzlich kommt mir ein Ortseingangsschild bekannt vor: Olgino! Das hatte ich schon irgendwo im Netz gelesen, das legendäre Camping Olgino! Die passende Straße war nirgends zu finden gewesen, aber dass es sich dabei gleich um einen ganzen Ort handelt… das konnte ja niemand wissen. Kurz darauf auch gleich das Hinweisschild auf ein Hotel Olgino und so stehen wir 10 Minuten später vor einem pompösen Sporthotel aus besseren Zeiten. Sieht irgendwie alles nicht direkt nach Camping aus, aber immerhin haben sie einen großen Parkplatz – das wäre uns in diesem Zustand auch egal. Die Dame an der Rezeption ist nicht unfreundlich und will 3000 Rubel pro Fahrzeug haben. Ich erkläre Ihr, dass uns auch das kleine Paket reichen würde… nix Strom oder Wasser, einfach nur ein Platz zum Stehen! Sie versteht sofort… Parken! Ja gut, wir wollen parken! Macht dann 350 Rubel bis Montag, hinstellen können wir uns “wo es Ihnen gefällt”. Wir stellen uns schon auf den Parkplatz vor dem Haus, als es aus dem Funkgerät tönt: Hier hinten geht es noch weiter, sieht nach Camping aus! So rollen wir hinter das Haus, wo es Wiesen, Klohäuschen und 15 italienische Wohnmobile gibt. Ab auf eine Wiese und in die Horizontale. Die Quittung über 700 Rubel zeigt 5:21Uhr, es reicht nun aber wirklich.

Lachssteaks in Pärnu

Nach dem Aufstehen registrieren wir uns, denn die Dusche lockt und wir wollen einen Tag Ruhe einlegen, damit ich noch liegengebliebene Arbeit erledigen kann. Das kostenlose Wlan paßt natürlich perfekt und so kann ich nach einigen Stunden am Laptop die letzte Last von mir schicken. Der GPS-Tracker wird erstmals ausgelesen und hat vorbildlich seinen Dienst verrichtet. Ich freue mich und Willy freut sich noch viel mehr, denn der wußte das schon vorher. (* An dieser Stelle mögen die geneigten Leser einfach schnell weiterlesen, Willy wird es aber verstanden haben :))

Der ausgesuchte Platz erweist sich als sehr sonnig, direkt am Kanal, allerdings hat er auch einen Nachteil: Genau am gegenüberliegenden Ufer steht ein großer Steinbrecher, welcher von morgens bis abends große Steine in kleine Steine verwandelt. Da wir hier nicht im Zauberwald vom Herrn der Ringe sind, macht das auch einigen Lärm. Nach einiger Zeit kompensieren wir selbigen irgendwo zwischen Ohr und Denkzentrum und der Tag wird ganz gut. Auf dem Fluß werden Ruderer von ihrem zickig klingenden Trainer im Motorboot auf und ab gescheucht. Einer, Zweier, Vierer, alles dabei. Eine Trainerin ist auch dabei, die scheint netter zu sein. Sie fährt auch nur ein kleineres Schlauchboot und lacht zwischendurch, da macht das Zukucken doch gleich viel mehr Spaß.

Weil es auf dem Campingplatz so schön ist, haben Stephan und Anne irgendwem im Ort ein paar Lachssteaks abgequatscht, welche nun gegrillt werden sollen. Ich bin noch etwas mit der Arbeit beschäftigt und allgemein nicht so richtig dabei, und so machen sich die anderen daran den Grill für die Orgie vorzubereiten. Eine schwer durchdachte Konstruktion aus Grillrost, Alufolie und Hoffnung läßt abenteuerliche Ergebnisse vermuten, doch… Letztendlich sitzen wir am Kanal und essen die überraschend gut gewordenen Lachssteaks – das hatte wohl niemand erwartet. Eine fette, schwarze Katze streicht und um die Beine, weigert sich aber gekonnt mal so richtig gestreichelt zu werden. Das Biest ist so verwöhnt, dass wir ihr die gebratenen Lachsstücken förmlich hinterhertragen müssen, wobei sich Stephan mit besonderem Eifer um das leibliche Wohl dieses Geschöpfes kümmert. Diese Katze sucht sich von jedem der Anwesenden Reisenden das Beste aus, da sind Lachssteaks eher untere Kategorie. Was essen die anderen wohl? Getrüffelte Kalamari in Schokoladensoße?

Neben uns fährt ein finnisches Wohnmobil auf. Es entsteigt dem Fahrersitz eine kleine Gestalt mit zurückgegelten Haaren und Glitzerweste. Seine Augen blitzen wie bei Asterix und es ist sofort klar, dass er in diesem Haufen das Sagen hat. Dem hinteren Teil entfleuchen noch ein paar Finnen und man macht sich unter fachkundiger Anleitung daran, das Campinggerümpel aufzubauen. Der Chef bekommt als erstes seine Dose Bier gereicht und stellt sich demonstrativ neben die lustige Schar. Einen Hund haben sie auch dabei, welcher allerdings die besten Jahre deutlich hinter sich hat. Es ist jene Art Hund, welche schon als Jahreswagen als Ofenrohrreiniger verschrien sind. Unser Exemplar besitzt aus unerfindlichen Gründen keinen Schwanz mehr, hat kaum noch Fell und ein einzelner Zahn ragt furchterregend aus dem Maul. Zum Weinen.
Beim kleinen Finnen erlischt so langsam das Licht in der Birne, weshalb ihm die Mannschaft wieder ein Döschen reicht. Es blitzt kurz, und er ist wieder voll da. Ein Mädchen ist übrigens auch dabei, aber noch trinkt sie nichts. Als alles aufgebaut ist, rückt die komplette Mannschaft ab. Wir vermuten: Nachschub holen.

Mit der Zeit wird uns klar, dass die Gegend total mit Mücken verseucht ist, und so packen wir das mitgebrachte Moskitonetz erstmalig aus und zimmern es mit ein paar Magneten kastenförmig über das Bett. Das sieht sehr professionell aus und scheint auch gut zu funktionieren. Mückenstiche haben wir nun trotzdem, aber wir gehen dennoch zufrieden ins Bett. Morgen soll’s bis zur russischen Grenze nach Narva gehen, alles weitere ist offen – wer kann schon die Grenze zeitlich vorher abschätzen…

Der Kanal von Pärnu, Estland

Die Nacht ist unruhig, denn die Finnen saufen wie die Löcher. Das Mädchen fängt mitten in der Nacht laut an zu weinen, und wir fragen uns, welche Emotionen die leztzte Dose Bier da wohl hervorgeholt hat. Sarah und Anne treffen sich morgens um 3 vor dem Bus zum Rauchen, an Schlafen ist bei diesem Lärm ja nicht zu denken. Stephan steht nachts noch einmal auf, spaziert wortlos zu den Finnen, und versucht ihnen ohne Worte und durch einen eindringlichen Blick die Situation näher zu bringen. Es hilft nichts. Später versucht Sarah es noch einmal mit Worten, das hilft. Etwas. Stephan meint, in Schweden werden die Finnen als die Russen des Nordens bezeichnet – warum nur?

Von Bambi bis Estland

Die Nacht war spektakulär ruhig, auch wenn sich Stephan über nächtlichen Lärm und Diskobeleuchtung von gegenüber beschwert hat – wir haben doch nur den Bus aufgeräumt und nach der Reparaturaktion vom Morgen wieder alles an seinen Platz gepackt! Beim Zähneputzen steht plötzlich ein Tier neben uns. Schnell wird es als Rotwild identifiziert und wir fragen uns, was sein Problem sein könnte, denn es kommt näher wie eine lange nicht gestreichelte Katze. Wir müssen förmlich wegrennen um nicht selber gestreichelt zu werden. Der Bus und sein Innenleben werden ausgiebig beäugt und Sarah ist so begeistert, dass sie sogar das Rauchen vergißt. Als Stephan vondannen rollt, läuft das Bambi ihm den Weg entlang hinterher. Erst als wir dann den Diesel anwerfen und ebenfalls den Weg entlangrollen, verschwindet es im Wald. Komisch die Polen.

Bambi

Es fühlt sich so an als hätten wir ziemlich rumgegammelt, weil wir Russland gar nicht näher kommen. Nach Kaliningrad dürfen wir nicht rein, also müssen wir durch die kleine Schneise zwischen Kaliningrad und Weißrussland nach Litauen einreisen. Dieser politische Unfug kostet den geneigten Reisenden gut und gerne einen Tag, aber dafür wird man durch die Masuren gezwungen, was ja auch nicht schlecht ist (allerdings als gesondertes Reiseziel erhöhte Aufmerksamkeit verdient). Wir hatten schon zu Hause alles bis zur russischen Grenze als nähere Berliner Umgebung und damit als Anreisegebiet deklariert, einfach weil wir bis Murmansk fahren wollen und das Baltikum sowieso nicht in 2 Tagen sinnvoll zu bereisen wäre. Ganz in diesem Sinne brennen wir über litauische Autobahnen Richtung Riga, welches wir gegen Mitternacht erreichen.

Dreckswetter in Litauen

In Litauen gibt es ein wenig nördlich von Siauliai einen interessant klingenden Ort: Kryziu kalnas, den Berg der Kreuze. Ein Hügel, welcher schon vor fast 200 Jahren – nach der Niederschlagung eines Aufstandes durch die Russen – von den frommen Litauern mit ein paar Kreuzen für die Opfer bestückt wurde, erfährt mit der Zeit ungeahnte Aufmerksamkeit. Es kommen Kreuze für die Opfer des Gulag und weiterer Taten hinzu, sodass die Zahl der Kreuze stetig wächst. Regelmäßig wird die Gedenkstätte von den Russen dem Erdboden gleich gemacht, nur um danach mit einer noch größeren Anzahl von Kreuzen wieder zu entstehen. Heute sollen es über 10000 sein, welche dem Umfrommen und ungläubiges Staunen und manchmal etwas Entsetzen entlocken. Entsetzen genau dann, wenn man an 1m großen Kreuzen vorbeikommt, welche von Bewohnern deutscher Kleinstädte gebracht wurden, um den Kanarienvogel der Nachbarin zu beweinen. Selbst für die Opfer der letzten Loveparade hat schon jemand etwas vorbeigebracht. So traurig diese sind, irgendwie hatte ich die Bedeutung des Hügels tiefer, politischer oder “ernster” eingeschätzt? Man hat streckenweise das Gefühl, dass die Stätte zu einem Graceland für Kreuzliebhaber mutiert – noch ist sie nicht da, aber die ersten Ansätze sind deutlich sichtbar.

Hügel der Kreuze #1

Hügel der Kreuze #2

Schon auf dem Hügel der Kreuze hat es geregnet wie aus Eimern, mittlerweile regnet es schneller als der Scheibenwischer wegbewegen kann. Die Idee ist: Wir finden einen leere Holzhütte und dann kochen wir. Gesagt, nicht getan. Natürlich findet sich keine Holzhütte, schon gar keine leere und so rattern wir durch Seitenwege und Käffer, immer auf der Suche nach einem geeigneten Kochplatz irgendwo in Litauen. Letztendlich haben wir die Nase voll und halten einfach mitten auf einem verschlammten Feldweg. Der Wind pfeift wie irre um die Busse, sodass der Regen waagerecht durch die Landschaft fliegt. Wir haben einen russischen Benzinkocher, genauer gesagt einen kirgisischen, vom Typ Dastan-1, welcher jetzt dem Wetter trotzt. Die Hosen kleben nass am Hintern, doch wir braten munter Zwiebeln für die Soße an. Je schlechter das Wetter, desto besser schmeckt es. Nudeln mit Tomatensoße können so gut sein! Der Bus hängt voll mit nassen Klamotten, die Standheizung bollert, alles gut. Zum Essen bleiben wir gleich draußen, das warme Essen läßt auch den Regen vergessen – man muss nur den Wind im Rücken haben und schneller essen, als sich Eiskristalle bilden. Sarah schafft es nicht ganz, und so halten wir Ihren Napf noch einmal auf den Kocher. Abgewaschen wird gleich in der Lehmpfütze neben dem Bus, dann hurtig alles in die Karre geworfen und weg hier – auf die schöne, warme Landstraße.

In Riga wenden sich die Blicke der Fahrer unwillkürlich den hübschen Frauen zu – eine rustikale Straßenbahn war aber auch mal dabei. Selbige erinnern mich an meine früheste Kindheit, unten im Gepäckkorb des Kinderwagens sitzend, von meiner Mama über die kleine Fußgängerbrücke zum Konsum nach Buchholz geschoben werdend… dort, in Buchholz, fuhr eine ebensolche Straßenbahn – mörderisch in den Kurven quietschend, mit einem grauen Fahrkartenlocher, dessen Locheisen so stumpf waren, dass die einzelnen ausgelochten Papierreste wie kleine Klodeckel halboffen zum Stehen kamen. Am Fahrradständer der Haltestelle funktionierte schon damals nicht mehr das Sicherungssystem, welches es einem gegen den Einwurf von 10Pf ermöglichen sollte, sein Fahrrad sicher zu verwahren. Wir haben immer unser eigenes Schloß mitgebracht, welches angesichts heutiger Titan-NewYork-Mega-Schlößer wohl in die Kategorie Geschenkband sortiert werden würde. Jetzt, 25 Jahre später, stehen wir also in Riga und kucken den Frauen nach, die uns damals über die Brücke geschoben haben. Ach nein, meine Mama war nicht blond und sie trug auch keine HighHeels, aber der Rest stimmt.

Eigentlich wollen wir in Riga rechts abbiegen um auf die Küstenstraße Richtung Estland zu kommen, aber irgendwie ist Rechtsabbiegen bei den Letten verpönt. Wir fahren über die große Brücke, und auf der anderen Seite gleich wieder, um dann endlich zum wiederholten Male über die blau beleuchtete Brücke an der richtigen Stelle herauszukommen. Die uralte Osteuropakarte des TomToms leistet dabei gute Dienste, auch wenn man da überall rechts Abbiegen gedurft hätte.

Die Küstenstraße ist perfekt ausgebauter Asphalt und so rollen wir des Nachts unaufhaltsam Richtung Estland. Die Lichthupe entgegenkommender Fahrer bewahrt uns auch vor einer lettischen Geschwindigkeitkontrolle und so kommen wir bis morgens um 4 nach Pärnu, Estland.

Laut TomTom gibt es hier einen Campingplatz, aber der will ersteinmal gefunden werden. Die Straße endet in einer Baustelle und so biegt man in die seitlichen Gassen ab, knattert durch kleine Holzbauten um eine Kurve um schließlich vor einem recht modern anmutenden Campingplatz anzukommen. In der Rezeptions ist Licht, der Zugangsschlüssel für das Wlan hängt an der Wand, aber es läßt sich kein Bediensteter auftreiben. Wir beschließen einfach auf dem Parkplatz vor der Rezeption zu schlafen und beenden diesen Tag recht unspektakulär.

Need something?

VIDEO