bla bla von ТИАГРА

Posts in category Polen

tiger2asia Kick-off-Video-Trailer!

In den letzten Tagen ist Dank Stefan Henning von east system music der Auftakt-Trailer zum tiger2asia-Projekt entstanden.

Kurze, spritzige Vorstellung des Projektes, den Zeitdruck und den immensen Vorbereitungsaufwand widerspiegelnd :) Viel Spaß!

tiger2asia 2011/12 – Tigerbus on tour – Trailer from Tiger Bus on Vimeo.

Von Bambi bis Estland

Die Nacht war spektakulär ruhig, auch wenn sich Stephan über nächtlichen Lärm und Diskobeleuchtung von gegenüber beschwert hat – wir haben doch nur den Bus aufgeräumt und nach der Reparaturaktion vom Morgen wieder alles an seinen Platz gepackt! Beim Zähneputzen steht plötzlich ein Tier neben uns. Schnell wird es als Rotwild identifiziert und wir fragen uns, was sein Problem sein könnte, denn es kommt näher wie eine lange nicht gestreichelte Katze. Wir müssen förmlich wegrennen um nicht selber gestreichelt zu werden. Der Bus und sein Innenleben werden ausgiebig beäugt und Sarah ist so begeistert, dass sie sogar das Rauchen vergißt. Als Stephan vondannen rollt, läuft das Bambi ihm den Weg entlang hinterher. Erst als wir dann den Diesel anwerfen und ebenfalls den Weg entlangrollen, verschwindet es im Wald. Komisch die Polen.

Bambi

Es fühlt sich so an als hätten wir ziemlich rumgegammelt, weil wir Russland gar nicht näher kommen. Nach Kaliningrad dürfen wir nicht rein, also müssen wir durch die kleine Schneise zwischen Kaliningrad und Weißrussland nach Litauen einreisen. Dieser politische Unfug kostet den geneigten Reisenden gut und gerne einen Tag, aber dafür wird man durch die Masuren gezwungen, was ja auch nicht schlecht ist (allerdings als gesondertes Reiseziel erhöhte Aufmerksamkeit verdient). Wir hatten schon zu Hause alles bis zur russischen Grenze als nähere Berliner Umgebung und damit als Anreisegebiet deklariert, einfach weil wir bis Murmansk fahren wollen und das Baltikum sowieso nicht in 2 Tagen sinnvoll zu bereisen wäre. Ganz in diesem Sinne brennen wir über litauische Autobahnen Richtung Riga, welches wir gegen Mitternacht erreichen.

Dreckswetter in Litauen

In Litauen gibt es ein wenig nördlich von Siauliai einen interessant klingenden Ort: Kryziu kalnas, den Berg der Kreuze. Ein Hügel, welcher schon vor fast 200 Jahren – nach der Niederschlagung eines Aufstandes durch die Russen – von den frommen Litauern mit ein paar Kreuzen für die Opfer bestückt wurde, erfährt mit der Zeit ungeahnte Aufmerksamkeit. Es kommen Kreuze für die Opfer des Gulag und weiterer Taten hinzu, sodass die Zahl der Kreuze stetig wächst. Regelmäßig wird die Gedenkstätte von den Russen dem Erdboden gleich gemacht, nur um danach mit einer noch größeren Anzahl von Kreuzen wieder zu entstehen. Heute sollen es über 10000 sein, welche dem Umfrommen und ungläubiges Staunen und manchmal etwas Entsetzen entlocken. Entsetzen genau dann, wenn man an 1m großen Kreuzen vorbeikommt, welche von Bewohnern deutscher Kleinstädte gebracht wurden, um den Kanarienvogel der Nachbarin zu beweinen. Selbst für die Opfer der letzten Loveparade hat schon jemand etwas vorbeigebracht. So traurig diese sind, irgendwie hatte ich die Bedeutung des Hügels tiefer, politischer oder “ernster” eingeschätzt? Man hat streckenweise das Gefühl, dass die Stätte zu einem Graceland für Kreuzliebhaber mutiert – noch ist sie nicht da, aber die ersten Ansätze sind deutlich sichtbar.

Hügel der Kreuze #1

Hügel der Kreuze #2

Schon auf dem Hügel der Kreuze hat es geregnet wie aus Eimern, mittlerweile regnet es schneller als der Scheibenwischer wegbewegen kann. Die Idee ist: Wir finden einen leere Holzhütte und dann kochen wir. Gesagt, nicht getan. Natürlich findet sich keine Holzhütte, schon gar keine leere und so rattern wir durch Seitenwege und Käffer, immer auf der Suche nach einem geeigneten Kochplatz irgendwo in Litauen. Letztendlich haben wir die Nase voll und halten einfach mitten auf einem verschlammten Feldweg. Der Wind pfeift wie irre um die Busse, sodass der Regen waagerecht durch die Landschaft fliegt. Wir haben einen russischen Benzinkocher, genauer gesagt einen kirgisischen, vom Typ Dastan-1, welcher jetzt dem Wetter trotzt. Die Hosen kleben nass am Hintern, doch wir braten munter Zwiebeln für die Soße an. Je schlechter das Wetter, desto besser schmeckt es. Nudeln mit Tomatensoße können so gut sein! Der Bus hängt voll mit nassen Klamotten, die Standheizung bollert, alles gut. Zum Essen bleiben wir gleich draußen, das warme Essen läßt auch den Regen vergessen – man muss nur den Wind im Rücken haben und schneller essen, als sich Eiskristalle bilden. Sarah schafft es nicht ganz, und so halten wir Ihren Napf noch einmal auf den Kocher. Abgewaschen wird gleich in der Lehmpfütze neben dem Bus, dann hurtig alles in die Karre geworfen und weg hier – auf die schöne, warme Landstraße.

In Riga wenden sich die Blicke der Fahrer unwillkürlich den hübschen Frauen zu – eine rustikale Straßenbahn war aber auch mal dabei. Selbige erinnern mich an meine früheste Kindheit, unten im Gepäckkorb des Kinderwagens sitzend, von meiner Mama über die kleine Fußgängerbrücke zum Konsum nach Buchholz geschoben werdend… dort, in Buchholz, fuhr eine ebensolche Straßenbahn – mörderisch in den Kurven quietschend, mit einem grauen Fahrkartenlocher, dessen Locheisen so stumpf waren, dass die einzelnen ausgelochten Papierreste wie kleine Klodeckel halboffen zum Stehen kamen. Am Fahrradständer der Haltestelle funktionierte schon damals nicht mehr das Sicherungssystem, welches es einem gegen den Einwurf von 10Pf ermöglichen sollte, sein Fahrrad sicher zu verwahren. Wir haben immer unser eigenes Schloß mitgebracht, welches angesichts heutiger Titan-NewYork-Mega-Schlößer wohl in die Kategorie Geschenkband sortiert werden würde. Jetzt, 25 Jahre später, stehen wir also in Riga und kucken den Frauen nach, die uns damals über die Brücke geschoben haben. Ach nein, meine Mama war nicht blond und sie trug auch keine HighHeels, aber der Rest stimmt.

Eigentlich wollen wir in Riga rechts abbiegen um auf die Küstenstraße Richtung Estland zu kommen, aber irgendwie ist Rechtsabbiegen bei den Letten verpönt. Wir fahren über die große Brücke, und auf der anderen Seite gleich wieder, um dann endlich zum wiederholten Male über die blau beleuchtete Brücke an der richtigen Stelle herauszukommen. Die uralte Osteuropakarte des TomToms leistet dabei gute Dienste, auch wenn man da überall rechts Abbiegen gedurft hätte.

Die Küstenstraße ist perfekt ausgebauter Asphalt und so rollen wir des Nachts unaufhaltsam Richtung Estland. Die Lichthupe entgegenkommender Fahrer bewahrt uns auch vor einer lettischen Geschwindigkeitkontrolle und so kommen wir bis morgens um 4 nach Pärnu, Estland.

Laut TomTom gibt es hier einen Campingplatz, aber der will ersteinmal gefunden werden. Die Straße endet in einer Baustelle und so biegt man in die seitlichen Gassen ab, knattert durch kleine Holzbauten um eine Kurve um schließlich vor einem recht modern anmutenden Campingplatz anzukommen. In der Rezeptions ist Licht, der Zugangsschlüssel für das Wlan hängt an der Wand, aber es läßt sich kein Bediensteter auftreiben. Wir beschließen einfach auf dem Parkplatz vor der Rezeption zu schlafen und beenden diesen Tag recht unspektakulär.

Polski Problemi

Der Lärm rings um die Busse nimmt proportional zum Sonnenstand zu, sodass wir gegen 11 aus dem Bett getrieben werden. Sarah war vorsorglich schon mal 2h früher aufgestanden, um die beiden Parkuhren erneut für einige Stunden zu befriedigen. Während sich die Damen spontan zur Strandbesichtigung bereit erklären, wollen wir uns dem Problem des fehlenden Lichtes annehmen. Inmitten von fliegenden Händlern, Strandbesuchern und einer auf einem alten Traktor basierenden Touristen-Bimmelbahn, wälzen wir die Schaltpläne. Gelangweilte Kinder schlendern ihren fetten Eltern zum Strand hinterher, während diese argwöhnisch unser Treiben im Augenwinkel beobachten.

Der Parkuhrparkplatz

Polnische Strandschönheiten gibt es keine zu sehen, und so haben wir das Elektrikproblem schnell eingekreist. Der Zündanlassschalter sollte es sein, jener, der zu Hause in meiner Ersatzteilkiste liegt – extra gekauft für Reisen. Der Motor läuft noch, also müssen ja wenigstens die Klemme 50 (Anlasser) und Klemme 15 (Zündungsplus) intakt sein – der dreistufige Schalter ist also nur zu zwei Dritteln über den Jordan. Der fehlende Kontakt sorgt u.a. für Saft auf dem X-Relais und den Scheinwerfern, sodaß wir kurz entschlossen ein weiteres Relais an die Klemme 15 hängen und damit ein neues, geschaltetes X erzeugen. Papas Lötkolben am 150W Spannungswandler funktioniert prächtig, so schnüffeln wir alsbald Kolophonium in der Morgenluft. Die ehemalige Innenraumbeleuchtung meines Messgerätetransporters spendet noch die 2 fehlenden Kabelschuhe und schon fließt wieder ordentlicher Saft zu Stephans Schweinewerfern. Tag gerettet. So nebenbei habe ich auch mal unter die Vorderachse gesehen: Ich habe den Bolzen des vorderen Getriebelagers verloren, beide Lagerhälften samt Unterlegscheibe sind aber noch da. Kein Wunder, dass da etwas schlägt – muss wohl irgendein Idiot im nächtlichen Wahn die Schraube nur locker reingesteckt haben. Man man man, Schlamperei. Stephan flickt das Ganze mit ein paar Stücken Schweißdraht zusammen, der nächste Baumarkt soll’s dann richten. M10x90 sagt der Laptop, das sollte ja machbar sein.

Die Mädels tapern tropfnass aber glücklich zurück zum Parkplatz – sie waren im Meer baden. Da wir unsere Aufgabe erledigt haben, dürfen nun auch die Jungs zum Strand. Dort angekommen, zollen wir den Gebadeten gerne Respekt und verschieben unsere Badeaktion auf später – ist doch schweinekalt hier! Ich halte Papas geborgte Nikon D90 in alle möglichen Richtungen und verzweifle am Autofokus, welcher sich nicht zur angedachten Funktionsweise überreden läßt. Zwei Fischer friemeln an ihren Netzen herum und zeigen dabei ihre gebräunten Oberkörper. Meine Kameraexperimente werden nicht ohne stolz geschwellte Brust heimlich genossen – dabei mache ich gar keine Bilder… Weiter oben treffen wir auf ein jämmerliches Exemplare des kleinen UAZ-Bus, sodass Stephan auch endlich in den persönlichen Genuß dieses (an anderer Stelle schon beschriebenen) russischen Kleinbusurgesteins kommt. Der Zustand ist leider kein Zustand mehr, aber trotzdem erhellt diese Begegnung den zu Regen neigenden Tag. Mit den ersten Tropfen steigen wir in den Bus und rauschen vorbei an Tüten-bewehrten Souvenirständen wieder Richtung Festland.

Strand mit Wetter

Ein UAZ, der es hinter sich hat...

Vorbei an Fischverkäufern geht es in die Masuren. Die Straße ist eine einzige Baustelle und man fährt Schlangenlinien um Sandhaufen und Schlaglöcher, aber das sind wir ja gewohnt. Auffällig beschäftigt sind die Menschen, Polen lebt! Mein letzter Eindruck war irgendwie trister, vergammelter und hoffnungsloser. Hier zeigt sich genau das Gegenteil: An allen Ecken und Enden wird emsig bewegt und geschoben, man arbeitet am Detail des Hauses und es sieht so aus, als hätte das Leben eine Richtung. Nichts mit verwahrlosten Dörfern und vor den Häusern sitzenden, dumpf dreinblickenden Menschen, wie man sie vielleicht in der hinteren Slowakei oder Teilen Rumäniens gesehen haben mag. Es macht Spaß durch die Landschaft zu fahren und man erfreut sich an der herrschenden Aktivität.

Landschaft...

Eigentlich hatten wir uns vorgenommen bis nach Litauen zu fahren, aber kurz vor der Grenze überfällt uns die Unlust und wir streben einen Schlafplatz an. Wir biegen wahllos in eine ruhig aussehende Straße ein, welche sich alsbald zu einer Fahrspur durch einen Wald verändert. Genauer gesagt ist es ein Forst, wie die Dame vom Fach auf dem Nebensitz erklärt. Wir kurven also so durch den Forst, das Funkgerät im Griff, wägen eine Möglichkeit nach der anderen ab und kommen schließlich inmitten des Forstes an einem fast stillgelegten Weg zum Stehen. Es ist mittlerweile sackdunkel und die Lampen an unseren Stirnen werfen ein unwirkliches Licht. Ich stapfe noch ein wenig mit der Kamera und dem Stativ durch den Wald und versuche die Situation einzufangen, aber das Scharfstellen gestaltet sich schwierig und so entsteht nicht viel mehr als ein Haufen Pixelabfall. Das Stativ hat bei der Rüttelei einen Fuß verloren, aber darum kümmere ich mich morgen. Die Nacht ist ruhig und wir danken erstmals der Standheizung für ihre Dienste – endlich Sommerurlaub.

gelP

blauer Tupperbus

Abreise Richtung Murmansk

Viiiieeel zu spät, treffen die beiden endlich bei meiner Mama ein. Natürlich waren wir schon seit Stuuunden wach und haben gewartet. Haha. Nun denn, technisch gesehen, sind wir ein Gespann wie es ungleicher nicht sein könnte. Eine Syncro-Rohkarosse auf etwas größeren Rädern und moderater Höherlegung, einem nicht-aufklappbaren Weinsbergdach und hurtig reingestellten Uraltmöbeln, einem TDi und keinem Radio steht ein voll ausgestatteten Multivan gegenüber, welcher auf 185er Reifchen von Sarahs Schlachtwesti durch die Gegend rollt, eben erst einen 2.0l Golf GTi Benzinmotor samt Edelstahlauspuffanlage verpaßt bekommen hat und nach 6-jähriger Standzeit und 500 Probekilometern das erste Mal wieder richtig rollt. Profigalaktisch hat Stephan seinem Schätzchen noch neue Radlager verpaßt und die Bremsen überholt. Hauptbremszylinder und Kupplungsgeber nehmen wir vorsorglich mit, wer weiß wie soetwas nach 6 Jahren Standzeit reagiert. Bei mir hat der Billigzylinder an der Kupplung keine 20tkm gehalten, also werfe ich auf die Schnelle wieder einen rein, das muss für die Reise reichen. Sarahs Syncro soll noch beim Karossoriebauer abgeliefert werden, damit er während der Reise ein paar Löcher verliert. An der ersten Tankstelle auf der Autobahn steigt sie schon total entnervt aus dem Auto: Scheibenwischer geht nicht mehr aus und jetzt startet die ganze Karre nicht mehr. Na das ist ja ein toller Anfang. Ein Griff hinter die Zentralelektrik fördert einen nur halb gesteckten Zentralstecker zutage und für Sarah ist die Welt wieder in Ordnung – zumindest bis zum nächsten Hügel, an welchem wir sie aber wohlwissentlich mit ihrem 69PS-Moppel nicht stehenlassen. Wir sind ja sooo nett. Wie sagt Kashi immer? “Jauchepumpe”. *kicher*

Diverse furchterregende Russlandratgeber haben uns zum Kauf von Feuerlöschern und diversen anderen angeblichen Pflichtuntensilien bewegt – was jedoch niemand von uns hat: Einen D-Aufkleber für’s Heck. Wir spekulieren auf die letzten Tankstellen vor Polen, doch daraus wird nichts. Schengen und die EU haben sämtliche D-Schilder verschwinden lassen.

Warten auf ein D-Schild...

Direkt nach der Grenze kommen die traurigen Überreste einstiger Schwarzmarkthöllen und eine solche ist unser erstes Ziel: D-Aufkleber! Nach einigem Suchen wird Stephan fündig und ergattert für den Traumpreis von 5 EUR ein magnetisches D-Schild. Preislich ein Schlag ins Gesicht, aber immerhin hat er einen Aufkleber! Sarah geht gleich ersteinmal verloren und so stinken wir uns mangels Absprache auch schon kurz an. Von meinem Papa habe ich mir 2 recht gute PMR-Funkgeräte ausgeborgt, welche wir jetzt für die Kommunikation zwischen den Fahrzeugen nutzen. Über Chojna rollen wir in die polnische Pampa zur ersten Tankstelle. Billiger Sprit – der Reisegrund überhaupt! Bald fängt es an zu regnen, bald an zu schütten und nach kurzer Zeit regnet es nur noch Schweinebärchen. Die Straßen verwandeln sich bei diesem Wetter in abenteuerlicher Huckelpisten und wir verfluchen leise dieses grausige Land.

Wir können uns nicht so recht zu einem Stop entschließen und die Nacht wird immer dunkler. Es ist mittlerweile halb 12 und beiläufiges Stöbern auf der Osteuropakarte des TomToms fördert einen “Wohnmobilstellplatz” zutage – auf der letzten Halbinsel vor Kaliningrad, schlappe 150km vor uns! Kurz darauf bedeutet ein Pfeil auf dem Display energisch nach links in die Pampa und ich rolle bedenkenlos in die angegebene Richtung. Die Straße führt durch ein Dorf, führt aus dem Dorf, führt ins Feld und weiter ins nächste Feld. Wurzeln haben die 2m breite Piste in ein abenteuerliches Stück Untergrund verwandelt und so kriechen wir mit 30 durch die Dunkelheit. Stephans Stimme klingt leicht säuerlich aus dem Funkgerät, aber ich hoffe ihnen mit einem perfekten Wohnmobilstellplatz entgegnen zu können. Hoffentlich der letzte vor Russland, harhar.

Wir warten auf den Multivan, weil Stephan inzwischen Schrittgeschwindigkeit fährt, um sich nicht den kompletten Bauch aufzureissen. Insgeheim freuen wir uns tierisch über die Abwechslung, den gerade erst neu montierten Unterfahrschutz mit Zusatzplatten unter Getriebe und Kardanwelle. Die Karte im Nachtmodus zeigt einen Fluß und unsere Route mittendurch. Brücke also. Hier in der Pampa? Gut, der Weg verwandelt sich in Schlamm und Loch, wir brechen durch ein unbefestigtes Flußufer und ich warte darauf, dass mir ein aufgeschreckter Kaiman die Frontscheinwerfer zerschlägt- Ah nee, falscher Film. Also jedenfalls ist es schlimm. Zumindest für Stephan und Anne. Warum? Es gibt keine Brücke! Wir stehen mit der Stirnlampe am schlammigen Ufer und leuchten über’s Wasser. Gesprochen wird nicht mehr viel, vielleicht fängt man sich ja eine vom Gegenüber? Wir schlagen vor, mit dem Syncro dem bis zur Unkenntlichkeit verschwindenen Pfad am Ufer zu folgen, um vielleicht doch noch eine Brücke zu finden – “Zur Not ziehen wir Euch da durch!” Denkste. Nach 300m steckt die Karre knöcheltief im Flußschlamm und wir wühlen uns mit Allrad und Sperre wieder zurück zum Ausgangspunkt. Schwein gehabt. Irgendetwas macht bei belastetem Allrad unter der Vorderachse laut schlagende Geräusche, aber auf der Straße läßt sich das nicht reproduzieren. Egal, es ist dunkel und naß, weiter geht der wilde Ritt.

Auf Umwegen finden wir morgens um 4 endlich auf die gewünschte Halbinsel und fallen aus allen Wolken. Hier ist Ballermann 7 angesagt, alles voller Hotels und die Küste komplett zugebaut. Natürlich sind alle Campingplätze zu und zur Feier des Tages fallen bei Stephan das Abblendlicht und der Scheibenwischer aus. Stephan hat jetzt so richtig sein Fett weg. Wie Anne das bis zum Morgen wieder hinbekommen hat, kann man nur vermuten… Wir schlafen direkt an der Küste auf einem Parkplatz mit Parkuhr. Ein paar polnische Münzen retten uns vor dem frühen Aufstehen. Gute Nacht.

Es geht los (endlich)

Es ist 6:30 Uhr, als Piotr in mein Zimmer rennt, um mich aus dem Bett zu werfen. Pawel, Dominik, Eugenius und Anja sind nur noch 1km entfernt und werden gleich hier aufschlagen. Alle rennen aus dem Haus und 2 Minuten später trifft erstmals die gesamte Expeditionsbesatzung aufeinander. Pawels Bus hat immer noch keine Temperaturprobleme und Dominik schläft, weil er die ganze Nacht als DJ gearbeitet/getrunken hat. Anja wird als einzige Frau für den Frieden auf der Reise sorgen – hoffentlich :)

Bei Tageslicht sehe ich endlich mehr von den Entenküken, welche sich dekorativ im Tau benetzten Gras am Ufer des kleinen Sees niedergelassen haben. Wir kippen hastig Tee herunter, als schon die ersten Tränen fließen. Die Busse sind schwer bepackt und werden für die Eröffnungsszene unseres Films aus der Garage gefahren, was jedoch gründlich schief geht: Die Kamera steht zu dicht dran. Wir machen noch ein Abschiedsfoto und rollen endlich vom Hof. Plötzlich ist sämtliche Hektik verschwunden und wir rollen gemütlich auf der Landstraße gen Süden.

abschied

Die Aufzeichung des GPS-Tracks scheint zu funktionieren, und ich schaue verträumt auf das entstehende Höhenprofil. Ab jetzt muß ich alle 50km einen Wegpunkt in das kleine Heftchen schreiben, damit ich abends genug Material für Stefan habe. Pro SMS bekomme ich ca. 8 Koordinatenpaare zu ihm und ich kann/will nicht mehr als 2 SMS pro Tag dafür opfern.

tracking

Eben kommt noch eine SMS von Stefan: Die Karte funktioniert und der Track ist sichtbar! Ich bin begeistert, Stefan, Danke! :) Auch in Polen warten jetzt einige Daheimgebliebene allabendlich auf neue Positionsdaten, und so freuen sich alle über diese Nachricht. Piotr hat den Link zur Karte noch auf seine Webseite (www.syncro.pl) geschrieben, was ich in der Hektik nicht mehr geschafft habe…

Jetzt haben wir die ersten 220km auf der Uhr und halten noch einmal für einen letzten Einkauf. Wir essen unsere rote Tütesuppe und kucken blöd aus den Bussen – es regnet. Pawel gibt mir – zusätzlich zum CB-Funk – noch eine 2m-Handquetsche, damit wir wenigstens etwas Amateurfunk betreiben können. Tun wir einfach mal so, als wäre die ganze Welt ein CEPT-2-Land.

Polen lassen wir schnell hinter uns und stürzen uns in den Schilderdschungel der Slowakei. Hier hat sich seit mindestens 18 Jahren nichts verändert: Traue keiner Beschilderung (sofern überhaupt vorhanden)! Wir fahren x Mal im Kreis und müssen unterwegs etliche maximal 15-jährige, spärlich bekleidete Schönheiten nach dem Weg zur ungarischen Grenze fragen. 1km vor selbiger wissen wir immer noch nicht wo wir sind und das TomTom ist spätestens seit dem verlassen der befreundeten Volksrepublik Polen auch nur noch zur Kleinkindbelustigung geeignet. Wir treffen einen netten Ungarn und 10min später rollen wir über die Grenze.

street

Man merkt sofort einen großen Unterschied. Während man in der Slowakei im ärmsten Teil des Landes nur verfallene Häuser und lichte Gestalten in schrottreifen Autos sah (der Eindruck mag durch das letzte Zigeunerdorf direkt vor der Grenze geprägt/verfälscht worden sein…), ist Ungarn das blühende Leben. Wunderschöne Kleinstädte, ganze Alleen mit alter, aber nicht verkommener Architektur, Autos aus diesem Jahrtausend und nicht mehr so spärlich bekleidete Frauen – was natürlich allen sofort auffällt. Irgendeinen Nachteil muß Ungarn ja haben. Anja erklärt sofort, sie hätte bisher keine außergewöhnlichen Exemplare gesehen – allerhöchstens Durchschnitt. Pawel ist damit nicht ganz einverstanden, kann aber bei näherer Befragung durch Anja keine überzeugenden Argumente hervorbringen. Er wird still und weiß, dass er Recht hat.

Gegen 21 Uhr ist es schon ziemlich dunkel, als wir auf der Suche nach einem Schlafplatz links von der Straße abbiegen. Wir treffen auf ein paar andere Leute, die hier an einem kleinen See sitzen und angeln. Es gibt romantisch viele Mücken, aber dieser Platz soll es sein.

Nach dem Essen kontrolliere ich die GPS-Logs: Mit .zip bringen wir es auf ca. 2.3MB/Tag für ein komplettes NMEA-Log im Sekundentakt. Bin schon gespannt, wie unsere Slowakeiexpedition später auf der Karte aussehen wird.

Schlafen tun wir zu dritt auf 1.60m hinten im Bus. Zuerst ist es viel zu warm, und so schlafe ich erst nach 2h ein…

Schon fast weg

Heute geht es nur ca. 100km in den Süden, in ein Dorf, wo Piotrs Eltern leben und wo wir uns morgen früh mit Pawel und den Anderen treffen werden. Unterwegs gewöhne ich mich beim Summen der fetten MT-Reifen schon einmal an das Abschreiben der Koordinaten vom TomTom und beginne dabei unser kleines Finanzbuchhaltungsheft von hinten.

pack_1

Auf dem Dorf treffe ich Piotrs halbe Famile. In der Nacht packen wir wie die Wilden den Bus voll Essen und Klamotten, denn jetzt sind wir schon zu dritt und damit als Busbesatzung vollzählig angetreten. Von allen Seiten reicht man uns Zwiebeln aus dem Garten, kiloweise Würste und allerlei Kleinkrams. Der Bus platzt aus allen Nähten.

pack_2

pack_3

Die Frau von Wiesiek, unserem dritten Mann, spricht gut Deutsch und so haben wir viel Spaß mit vier Sprachen. Ich mache ein paar Fotos und beginne mit dem Filmen, als es so richtig dunkel wird. Piotrs Mutter zeigt mir im Dunkel der Nacht einen kleinen See und fordert mich auf doch mal die Enten zu filmen. Also nehme ich die Taschenlampe und die Kamera und stapfe in die Nacht, wo ich nach kurzer Zeit auf eine Gans mit 25 Küken treffe. Sie sind alle noch flauschig weich und bewegen sich in einem dynamischen Flauschball über das Gras. Wunderbar.

Nach dem Abendessen, bei dem ich ohne große Mühe den Wodka abwehren konnte, zeigt mir Piotrs Vater noch wo ich großes A-a machen kann, denn im Haus darf man mangels Kanalisation nur Dünnes. Da hinten im Garten wo das kleine Häuschen steht. Ah, das da ohne Tür? Ja, genau das. Piotrs Papa hat in der DDR gearbeitet und spricht ein paar Brocken Deutsch. Stolz zählt er auf, wo er überall war. Potsdam, Jüterbog, Luckenwalde…

Im großen Bauernhaus habe ich mein eigenes Zimmer und sitze nun in einem großen, roten Ohrensessel. Die Tasten auf dem Laptop machen sich langsam selbständig – das wird wirklich nicht mehr als eine Gedankenstütze. Morgen früh um 6 geht es los, gute Nacht!

Der Anfang

Mit hoffentlich alle Dokumenten und genug Foto- und Videoausruestung fahre ich mit dem Berlin-Warschau-Expresszug zum Startpunkt unserer Reise.

zeugs

Im Zug gibt es den ersten, näheren Kontakt mit Polen, welche ungeniert laut im Abteil telefonieren und dabei Wurst aus ihrer Einkaufstüte pulen. Neben mir sitzen noch zwei Franzosen, welche das Gleiche tun wie ich: Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Russisch und Polnisch suchen. Ich habe dauernd das Gefühl etwas zu verstehen, dochletztendlich muss man einsehen, dass der Anteil unbekannter Wörter fuer jemanden mit unzureichenden Russischkenntnissen auch bei polnischen Reisegesprächen ganz schön hoch ist.

expresszug

In Warschau angekommen, werde ich von Pawel und Piotr empfangen. Wir begrüssen uns wie alte Freunde, obwohl wir uns noch nie gesehen haben. Pawel spricht ganz gut Englisch und Piotr ganz gut polnisch. Auf dieser Reise werde ich mit Piotr und einem weiteren Freund in einem Bus fahren, Pawel fährt mit den Überbleibseln des wegen Elektronikproblemen ausgefallenen dritten Busses in seinem Syncro.

Syncrofahrer sind hier in Polen genauso bekloppt wie bei uns in Deutschland. Man fährt große Räder und lange Federn, Originalmotoren sind kaum zu finden und zwei Differentialsperren braucht man schon zum Atmen. Pawel fährt einen TDi ohne Ladeluftkühler und der Motor hat 400000km nicht gezuckt, als er just nach meiner Ankunft Kühlungsprobleme bekommt. Es sind 30°C in Warschau, aber das sollte nicht so viel ausmachen. Wir beschließen, Kühlerreiniger zu kaufen, denn ein kaputtes Thermostat ist es schon mal nicht.

Pawel fährt uns in die Wohnung von Piotr und seiner Frau Ewa, wo es erst einmal etwas zu Essen gibt. Piotr und ich sprechen inzwischen mit Händen, Russisch, Polnisch, Englisch und Füßen, sodass wir eigentlich immer verstehen was wir meinen. Ewa spricht mich sofort in fließendem Englisch mit britischem Akzent an, und so kann ich auf nette Art verständlich machen, dass ich bitte keinen halben Kubikmeter Fischsülze essen muß. Es gibt dazu eine Art Brühe, welche quietschrot gefärbt ist und geschmacklich irgendwo zwischen Hühnerschweinerei und Rinderbrühe liegt. Die Farbe kommt von roter Beete – wer hätte das gedacht. Nach dem Essen ruft Pawel an und meldet, dass der Bus wieder kalt sei. Ganz schön schnell finden wir, und beschließen achselzuckend, den nächsten Morgen abzuwarten.

Die halbe Nacht verbringe ich damit, das nachts zuvor fertig gelötete GPS-System zu debuggen. Wir klemmen die Antenne auf das Fensterbrett und zerschneiden ein altes Netzteil, um das auf Autobetrieb optimierte System mit Strom zu versorgen. Ich flashe zig mal ein neues System auf einen alten Linux-PDA, welcher die GPS-Daten der gesamten Reise sekündlich mitschreiben soll. Morgens um 3 gebe ich entnervt auf, als der Misthaufen seinen seriellen Port nicht mehr findet. Im Halbschlaf höre ich ein leises Poltern, doch es beunruhigt zu wenig, als dass ich ihm des nachts auf den Grund gehen will.

Um 8:30 Uhr werde ich unsanft von Piotrs Telefon geweckt, welches zu dieser unchristlichen Zeit schon als Kundenhotline für seine Netzwerkfirma missbraucht wird. Piotr baut, installiert und vertreibt so ziemlich alles was mit wireless lan zu tun hat. Da ich mein GPS in der Nacht aufgegeben habe, suchen wir beim Früstueck einer Ersatzlösung. Wir wollen beide nicht unser Leben riskieren, also sollten unsere Notebooks nicht mit in den Kaukasus. Der Laptop seiner Mama samt einer alten 8-Kanal GPS-Maus von Rikaline werden kurzerhand zur Lösung des Problems erkoren. Ich packe meinen ganzen Elektronikschrott in eine große Tüte und merke, dass am Kabel vom Fenster keine Antenne mehr hängt. Ein Blick aus dem Fenster verrät auch nichts, weshalb ich etwas verwundert dreinkucke. Piotr erzählt mir von einem nächtlichen Poltern, und dann habe auch ich es endlich kapiert. Zusätzliche Freude bringt noch die Information, dass die Strasse unter dem Fenster der Hauptverkehrsweg zwischen Nachtklub und Studentenwohnheim ist. Na jedenfalls wünsche ich dem neuen Besitzer viel Spaß mit meiner 35db-GPS-Antenne für Segelyachten. Willkommen in Polen.

Tagsüber lädt Piotr mich in seiner alten Wohnung ab, wo ich inmitten hunderter Wlan-Antennen das Netz nach geeigneter GPS-Logging-Software fuer Windows durchforste, während er noch schnell ein paar Urlaubsvorbereitungen für seinen Firma trifft.

antennen

Das Ergebnis meiner Recherche ist nicht gerade umwerfend, und so komme ich zu dem Schluß, dass wir wohl oder übel nur den kompletten NMEA-Datenstrom aufzeichnen können oder auch gar nichts. Beim Gedanken an die Datenmengen bei einer 30-tägigen Reise wird mir spontan schlecht. Da es um meine regular expressions gerade schlecht bestellt ist, sehe ich mich auch nicht in der Lage, die nicht benötigten Zeilen mit einem Texteditor aus den log-Dateien zu löschen. Mist, eigentlich sollten die beiden ImageTanks für Fotos und nicht für überdimensionale GPS-Logs verwendet werden! Mamas Laptop kommt eigentlich wie gerufen, weil ich auf ihm gleichzeitig jeden Abend screiben kann. Die polnische Tastatur mit mehreren kaputten Tasten macht mir jetzt auch nichts mehr aus. Ein Testtext ergibt, dass man den Sinn noch erraten kann – das reicht.

Nachmittags holt mich Piotr ab und wir fahren auf einen Parkplatz, wo wir die von mir aus Deutschland mitgebrachte Gasanlage in seinen Westfalia-Küchenblock einbauen. Auf dem Weg zu seiner Mama kaufen wir noch zwei Bier, welche wir sodann bei einem Freund gegen einen professionellen Blick auf unsere Gasanlage eintauschen. Wir sind uns jetzt relativ sicher, eine dichte Gasanlage zu haben. Pawel ruft an: das Auto ist immer noch kalt.

Wir rennen durch einen Supermarkt und kaufen Unmengen Wasser und Nudeln ein. Wie immer überprüfe ich das Hiesige Kühlregal und suche mir Vanillequark und -milch – polnische natürlich. Wieder zu Hause, mache ich mich daran die vorbereitete GoogleMap mit einem tracklog zu versorgen. Irgendwie funktioniert das auch alles, aber irgendwie auch nicht. Wir müssen schon wieder weg und ich weiß, dass dies meine letzten Minuten im Internet waren. Jedenfalls bis Mitte September. Wie sollen die Daheimgebliebenen sehen wo wir sind, wenn die Karte nicht richtig funktioniert? Ich verfluche kurz die Google-API und deren Dokumentation und schreibe eine leicht entnervte SMS an meinen Freund Stefan, der die ehrenvolle Aufgabe übernommen hat, meine SMS mit den Koordinaten unseres Verbleibs täglich in eine kml-Datei einzutragen. Stefan ist ein überaus schlaues Kerlchen, vielleicht kann er noch etwas ausrichten. Ich beschließe, ihm trotzdem jeden Abend Koordinaten zu schicken, welche ich mit Zettel und Stift alle 50km vom TomTom abschreiben werde. Eine letzte Mail wird geschrieben und schon sitzen wir im Bus. Ewa weint und ich vermisse Yana.

Need something?

VIDEO