Rußland


Drecksbus am See

Es ist kalt am See und die Sonne geht zufällig genau hinter dem Wald auf. Das schöne Ufer ist doch schon leicht von der Zivilisation beeinträchtigt worden und auch auf dem Strand finden sich die Spuren früherer Ausflügler in Form von Müll – nachts mit wenig Licht bekommt man wirklich immer den falschen Eindruck von der Umgebung. Eigentlich hatten wir uns genau aus diesem Grund dazu entschlossen immer noch bei Tageslicht einen Schlafplatz zu suchen, aber bisher haben wir das noch kein einziges Mal geschafft… die Konsequenz für die nächste Reise wird wohl eher sein: Mehr Licht ans Auto, schon alleine für Pisten und Straßen jenseits alleserleuchtender Zivilisation.

Die Landschaft verändert sich von gestern zu heute nicht groß: Sumpfige Wälder, Seen und Flüsse, dazwischen eine Piste, die einen von glattem Asphalt träumen läßt. Besonders beeindruckend ist die unendliche Vielfalt an Moosen, Flechten und Gräsern. Beim Versuch einige Fotos zu machen, hole ich mir sofort nasse Füße. Ein im Straßengraben liegendes Wolga-Wrack erleichtert mir den Einstieg von der Straße auf die Wiese, doch jeder Schritt klingt wie das Auswringen eines Schwammes und ich sinke 30cm tief in das Moos. Das Stativ bewahrt mich vor dem Umfallen. Da die Füße schon einmal nass sind, kann ich auch gleich ein paar Fotos machen. Es regnet zufällig mal 5min nicht, doch der Himmel ist seit Tagen von einer geschlossenen Wolkendecke bedeckt, sodass man eigentlich ohne Stativ nichts anfangen kann. Die Blende ist ständig weit aufgerissen, sodass man von Tiefenschärfe nur noch träumen kann. Das grüne Moos ist dennoch zu verlockend, und so wate ich durch die Gegend.

Moos

Moosi

An anderer Stelle gibt es sogar grazile Blüten zu beobachten, doch der aufkommende Wind macht es bei diesem Licht fast unmöglich hier zu fotografieren. Den Blitz wollte ich jetzt nicht noch auf die Wiese schleppen. Für die Baumfreundin vom Nebensitz gibt es auch allerhand zu bestaunen… gerade, krumme, große, kleine und wahnwitzig verdrehte Bäume stehen im Sumpf oder auf Wiesen und werden hier und da auch dokumentiert.

Blüte

Krisselkram

Bäume für Sarah

Wir nähern uns mit kleinen Schritten der M18, dem berühmten Kola-Highway. Die Piste ist so eklig, dass ich mir ständig überlege was bei diesem Gerüttel wohl alles über den Jordan geht. Jedes Geräusch muss lokalisiert werden, damit ich weiß was wo klappert und scheppert. Ab und zu fahren wir mit gespannte Ohren langsam über die Piste um ein neues Geräusch zu lokalisieren und wenn möglich zu unterbinden. Immer, wenn wieder eine Ursache gefunden ist, atme ich auf – vor allem aufgrund der Tatsache, dass bis jetzt alles im Innenraum gefunden werden könnte. Auf das Wechseln der Antriebswellen oder ähnliches hätte ich bei diesem Dreckswetter nun wirklich keine Lust gehabt. Noch 150km!

Es ist schon spät und dunkel als wir die M18 erreichen, doch Sarah ist jetzt voll in ihrem Element. Nach der Pistenorgie bin ich total im Eimer und mache einfach die Augen zu. An einer Tankstelle wache ich wieder auf. Normalerweise geht man mit etwas Geld zum Schalter, sagt die Pumpennummer an und bekommt den eingezahlten Betrag freigeschaltet. Also ab zum Schalter, Sarah weiß jetzt was “auf die fünfte” auf Russisch heißt und los. Ich stehe draußen mit dem Rüssel in der Hand und friere, die Zapfsäule bleibt still. Sarah scheint da drin noch lustige Geschichten zu erzählen, jedenfalls kommt bald der Sicherheitsmann aus dem Kabuff und fragt mich, was wir denn wollen. Naja, Diesel und so, ne? Er fragt ob voll oder halb oder wie oder was, das ganze sehr, sehr freundlich. Er mag den Bus und findet es großartig mal etwas tun zu können. Ich möchte voll und er steckt einfach den Rüssel in den Tank und erklärt mir, dass der dann automatisch abschalten würde. Na dann? War ja einfach. Als der Tank voll ist, springt der Rüssel plätschernd aus dem Tank und wir müssen beide lachen. Ich sage nur “fast”, er grinst. Drin hat Sarah der Frau am Schalter schon erklärt, dass sie gerne einen Kaffee kaufen möchte. Die Frau kommt herum, nimmt ihr den Geldschein aus der Hand, führt ihn in den Kaffeeautomaten ein und tippt noch auf den Wahlschaltern auf die richtige Taste. Wir werden morgens um zwei dermaßen zuvorkommend und freundlich behandelt, dass wir nicht recht wissen, wie wir damit umzugehen haben. Da wir sowieso bessere Karten brauchen, kaufen wir sie gleich hier in der Tankstelle. Sarahs Kaffee ist fertig und der Automat spuckt ungelogen eine Hand voll Rubel aus. Als ich die Karten bezahle, gebe ich die komplette Hand voll wieder der Frau am Schalter, welche sie in Windeseile in die Kasse zählt. GLücklich und zufrieden verlassen wir die Tankstelle und der Wachmann sieht uns noch eine Weile lächelnd hinterher. Bäume, Blumen und Tiere sind die eine Sache, aber solche Begegnungen machen eine Reise erst zu einer Reise. Leider war der Kaffee als solcher nicht zu bezeichnen…

Ich schlafe wieder ein und Sarah fährt wie der Teufel mit russischen LKW und Wolgas um die Wette. Irgendwann in der Nacht überqueren wir den nördlichen Polarkreis, aber das weiß ich auch nur vom GPS. Hier steht kein Schild an der Straße, geschweige denn ein Polarsirkelensenteret mit ausgestopftem Streichelzoo und Wohnkloparkplatz – wer einmal in Norwegen über den Polarkreis gefahren ist, weiß, was ich meine…

150km vor Murmansk gibt auch der Teufel endlich auf und wir rollen eine grobe Schotterpiste hinauf auf einen Hügel. Unten im Tal sieht man eine Industrieanlage blinken, ansonsten ist es ruhig und schweinekalt. Die Gegend ist kahl und mit hunderten Strommasten jegicher Bauart und jeglichen Alters übersät. Wir scheinen auf den Überresten einer großen Straßenbaustelle zu stehen, anders ist das steinbruchartige Ambiente hier nicht zu erklären. Zu Essen gibt es nichts mehr, wir fallen einfach nur noch ins Bett.

Zur Abwechslung hat es in der Nacht mal so richtig geregnet. Sämtliche zum Trocknen aufgehängte Klamotten sind wieder tropfnass, sodass wir diese jetzt irgendwo im Bus aufhängen müssen. Das wird schöön feucht in der Karre. Wir fahren mit voller Heizung und leicht geöffneter Dachluke – in der Theorie zieht die warme, feuchte Luft dann nach oben heraus.

Der Plan für heute ist recht einfach: Richtung Helsinki bis nach Vyborg, dann rechts abbiegen um den Ladoga-See auf der linken Seite zu umrunden. Das hat zwei Gründe: Erstens werden wir uns heute von Stephan und Anne trennen und zweitens wollen wir einmal quer durch Karelien fahren – ohne den M18 Kolahighway zu verwenden, welcher direkt von St. Petersburg rechts vorbei am Ladogasee bis nach Murmansk führt. Warum trennen wir uns? Ganz einfach: Wir sind zu spät losgekommen und die beiden sind keine Studenten – wir schon. Wir werden noch planmäßig bis Murmansk hochfahren, weil wir noch eine Woche hinten dranhängen können. Wird zwar alles sehr knapp mit dem Rußlandvisum, aber wenn wir jetzt schon hier sind, wollen wir auch bis zum Ziel. Stephan und Anne werden von der Nordwestecke des Ladogasees aus Richtung Finnland abbiegen um dann die Ostseeumrundung via Schweden und Dänemark schon etwas vorzuziehen. Der geplante Trennungsort liegt kurz hinter Sortavala, einer kleinen Stadt direkt am See, schon mitten in russisch-Karelien.

Die Straße von St. Petersburg nach Helsinki ist ganz gut, der übliche Buckelasphalt eben. Wie überall in Rußland geht es in rascher Fahrt mit grandiosen Überholmanövern in Schlangenlinien um noch grandioser stinkende LKWs. Dass dabei teilweise abenteuerliche Konstruktionen zur Lastenbeförderung unterwegs sind, brauche ich nicht zu erwähnen. Desöfteren ist neben dem allgegenwärtigen Müll auch eine Art Denkmal am Straßenrand. Hier ist offenbar der ein oder andere Fahrer mit seinem Gefährt im Wald zerschellt und die Angehörigen bilden aus der abgefahrenen Stoßstange, einem Kreuz und ein paar Kunststoffblumen einen mahnenden Schrein am Straßenrand. Man weiß nicht so recht was man, angesichts der an Kitschigkeit kaum zu übertreffenden Gedenkstätten, davon halten soll, aber ich will/kann mir auch nicht ausmalen, wie man selbst beim Verlust eines Kindes an einem Straßenbaum reagieren würde…

Vyborg ist schnell erreicht, doch den Abzweig Richtung Sortavala finden wir nur nach einigem Gesuche. Die Straße ist bereits sehr klein und der Asphalt ausgesprochen buckelig, zuweilen nicht mehr vorhanden. Nach wenigen Kilometern beginnt eine Schotterpiste, welche teilweise waschbrettartige Züge annimmt. Der Tupperbus kotzt, während wir freudig den Allrad zuschalten und Subaru Impreza spielen. Alle paar Kilometer warten wir dann auf die Anderen. Die Pisten werden hier zusätzlich von Holztransportern zerfahren, denn die ganze Gegend bis zum Seeufer ist Holzeinschlagsgebiet. Egal, wo wir anhalten: Es findet sich Müll im Wald. Vom einfachen Hausmüll bis hin zu kompletten Schutthalden, welche den Eindruck machen, als wären hier komplette Häuser mit Inhalt einfach mit dem Bulldozer den Abhang herunter geschoben worden. Man fragt sich, welcher denkende Mensch hier wohl am Werke war und versteht langsam den Sinn der Kalaschnikow.

Piste

Piste 2

Sortavala an sich ist nicht mehr so hübsch, wie es vielleicht einmal war, hier scheint einiges an Infrastruktur weggebrochen zu sein. Es gibt am Seeufer noch einige der alten Holzhäuser, welche in gar nicht so schlechtem Zustand sind, aber auch nicht direkt nach Pflege aussehen. Am Kai liegen zwei große Ausflugsboote, von denen eines sogar ein Tragflächenschnellboot zu sein scheint. Die Boote wirken völlig überdimensioniert, sehen wir doch ansonsten keinerlei weitere touristische Attraktionen, geschweige denn Touristen. Sie entstammen augenscheinlich einer früheren Zeit. Irgendetwas scheint jedoch in Bewegung zu sein, denn es wurde ein komlett neuer Fahrkartenkiosk mit farbigen Plakaten ans Ufer gestellt und die Boote sind frisch gestrichen. Als wir eintreffen hat der Schalter schon zu, sodass ich das Angebot nicht genau in Augenschein nehmen kann. Sicherlich wird es Verkehr zum Kloster Vallaaam geben, welches sich mitten im See auf einer Insel befindet und durch das Erstarken der Religion in post-sowjetischer Zeit sicherlich immer mehr Besucher anlockt.

Am Seeufer ist noch ein weiterer Kiosk aktiv, an welchem man sich hauptsächlich zum Trinken trifft. Er verbreitet lautstark die obligatorische Diskomusik am gesamten Seeufer, welche vor den ehrwürdigen Holzhäusern aus vergangener Zeit doch ziemlich absurd wirkt. Für solches Kontrastprogramm hat man aber in Rußland sowieso ein Faible, weshalb wir uns nicht weiter wundern. Als wir abfahren wollen, bekommt Sarah noch einen Heiratsantrag vom Oberclown der Dorfjugend. Er redet auf Russisch auf sie ein und hat allerlei Geschenke für sie, doch Sarah lehnt dankend ab. Unter einer Maultierherde von 50 Tieren macht sie es nicht, so viel kann er nicht bieten. Mit einer Flagge von Sortavala-Karelia als Abschiedsgeschenk kommt dann noch die Frage nach der Handynummer, aber Sarah tut einfach so, als gäbe es bei uns keine Mobiltelefone uns so kommen wir unbeschadet davon. Später sagt sie, dass Ihr der Typ zu klein war und seine Mütze hätte auch affig ausgesehen – was sind die Frauen heutzutage wählerisch…

Wenige Kilometer hinter der Stadt trennen sich unsere Wege. Links geht es nach Finnland, rechts weiter um den See und tiefer hinein nach Karelien. Wir überlegen noch, wer welche Ersatzteile eingepackt hat und tauschen ein paar Dinge aus, aber im großen und ganzen ist es recht unspektakulär. Da Stephans Navi keine POIs installiert hat, suchen wir wenigstens die GPS-Koordinaten eines Wohnmobilstellplatzes in Finnland aus meinem TomTom für sie heraus, welche dann mit dem Garmin und der Papierkarte zusammen vielleicht hilfreich sein können. Dann fahren wir rechts, sie links.

Sehr schnell wird uns bewußt, dass wir jetzt alleine sind. Das Handynetz bricht weg und wir haben die beiden Handfunkgeräte nach hinten in die Tasche gepackt – wir werden sie nicht mehr brauchen. Ab jetzt werden wir vielleicht etwas anders fahren, jedes Material muss geschont werden, damit wir heil nach Hause kommen. Noch 1500km bis nach Murmansk, davon ca. 500km grausigste Wellb[l|r]echpiste bis wir ca. in der Mitte auf den Kolahighway treffen wollen. An einem hübschen See halten wir an und geniessen die Abendsonne auf dem glatten Felsufer, bevor wir in nördliche Richtung abbiegen und tiefer nach Karelien eindringen.

Seeufer

Die Straßen sind hier einfach quer durch den Wald gekratzte Lehmpisten, welchen an besonders versumpften Stellen ein kleines Bett aus Schotter und Stein verpaßt wurde. Alle paar Monate fährt eine Art Schneeschieber die Piste entlang und kratzt die oberen 5cm ab. Das entstehende Material schiebt ein wenig die entstandenen Löscher zu, aber auch wirklich nur ein wenig. Durch das viele Wasser in der Gegegnd sind die Pisten bei Regen ziemlich schlammig und es bilden sich großartige Löcher und Seen, in welche man auf die ein oder andere Weise einschlägt – ständig. Wir haben eine sehr grobe Karte, in welche die Pisten teilweise sogar eingezeichnet sind, verlassen uns aber mehr auf Schilder, welche zu Orten deuten, die wir als passend empfinden. Das trifft man auf ein halb verwittertes blaues Hinweissschild, welches an einer 6-armigen Kreuzung mitten im Wald etwas mehr in die eine als in die andere Richtung zu tendieren scheint. Spontan wird entschieden und dann bekommt man 20 oder 30km weiter die Bestätigung: Entweder das Kaff kommt, oder auch nicht. Wir hatten ausnahmslos Glück!

Lyaskelya

Die Dörfer sind auf ihre Art interessant: 80% sind meist verlassen und verfallen. Alte Holzhäuser mit ergrauten Balken und verfallenen Stallungen und Gartenzäunen dazu, ab und zu eine Fahrzeugruine in romantischem rostbraun, dazu sozusagen der Dorfkern: Wenige Häuser in mehr oder minder gutem Zustand, jedenfalls von Weitem und ein einzelner bunter Kiosk. Dieser Kiosk bildet die einzige Einkaufsmäglichkeit und ist praktisch in jedem Kaff vorhanden. Je nach Größe des Dorfes hat der Kiosk die Maße eines Dixieklos bis hin zu einem Seecontainer. Eigentlich erwartet man hier absolut keine Infrastruktur mehr, aber diese Art von Dorfladen scheint obligatorisch zu sein. In etwas größeren Dörfern treffen wir mehrfach auf eine Art Markt, welcher aus 2-5 Ständen besteht und offenbar jeweils von den umliegenden Dörfern und ein paar Durchreisenden besucht wird. Was auch hier traurig auffällt: Der Müll. Idyllisch gelegenes Dorf, 100m nach dem Dorfausgang fette Müllhalde im Wald. Man faßt es nicht. Die Natur ist wirklich wunderschön, aber hier scheint es davon offenbar zu viel zu geben. Wir diskutieren die fehlende Infrastruktur, das nicht vorhandene Entsorgungs- geschweige denn Recyclingsystem… trotzdem, wir kommen immer wieder zu dem Schluß, dass man den Müll nicht in den Wald werfen muss – noch dazu über hunderte Quadratmeter verstreut. Ach, eigentlich liegt er überall. Im Ernstfall muss man sich eben eine Art Müllhaus selber bauen und ihn vielleicht gesammelt und sortiert entsorgen? Zur Not würde ich vielleicht eine Art Müllverbrennungsanlage konzipieren, aber einfach in den Wald karren…

Nach einigen hundert Kilometern haben wir für heute die Nase voll. Die Piste ist grausam und die Vorderachse ist schon zwei mal voll durchgeschlagen. Alles rappelt und irgendwas klonkt da unten, aber durch den Dauerregen ist nun wirklich jeder noch so kleine Winkel mit feinem Lehm und Sand bedeckt, sodass ich keinerlei Lust verspüre mich unter den Bus zu legen. Auf der Suche nach einem Schlafplatz merken wir wiederholt, dass der Bus zu wenig Licht hat. Entweder wir fahren mit Fernlicht, dann sehen wir immer die nächste Kuppe in der hügeligen Landschaft, verpassen aber alles unmittelbar vor und neben dem Bus. Mit normalem Abblendlicht kann man nur sehr langsam fahren, weil man einfach nicht weit genug sieht. Es ist zum Weinen.

Bahnübergang

Wir finden einen kleinen Standplatz direkt an einem Seeufer, aber als der Scheinwerfer über die Umgebung streicht, stellen wir fest, dass es sich um die lokale Müllkippe handelt. Angewidert fahren wir weiter. Der nächste Versuch zum Seeufer zu kommen wird nach einigen hundert Metern in einem Wald von Hundegebell jäh beendet – mit freilaufenden Wachhunden wollen wir in dieser Nacht nicht noch kämpfen müssen. Irgendwann biegen wir in den Wald ein, denn dahinter verbirgt sich laut Karte der See. Ohne Allrad geht hier nach 10m gar nichts mehr, denn der Wald ist völlig versumpft und verborgen im Dunkeln gibt es auch den ein oder anderen mannshohen Stein. So schaukeln wir eine Weile Richtung See, als er urplötzlich vor uns liegt. Sauberes Sandufer, leises Plätschern der Wellen und alles für uns alleine. In alle Himmelsrichtungen nur Karelien – perfekt. Wir essen Pelmeni mit Tomatensoße und fallen völlig geschafft ins Bett. Die Karre tropft vor Schlamm und Dreck, aber im Inneren sorgt die Standheizung für wohlige Wärme. Unser erster Tag alleine in Karelien.

Der Morgen... Camping Olgino

Der Morgen kommt spät und es scheint die Sonne. Die Italiener sind schon weg und so sind wir nahezu alleine. Wir finden uns inmitten sowjetischer Freizeitkultur der 80er Jahre wieder – leider alles verfallen. Gleich neben uns die Ruine eines imposanten Flachbaus, bei dem die Arbeiter im Betonteilewerk mal wieder ihr ganzes Können einbringen durften. Der Bau besteht aus vielen gerippten Formteilen, absurd anmutenden Eckteilen und viel Fassade. Letztere hängt jetzt in Fetzen herunter und gibt den Blick frei auf die eigentliche Konstruktion. Im Inneren gibt es Waschräume, eine Küche, Lager und in der Mitte den großen Gemeinschaftssaal für gemütliche Pionierabende zu hundertfünfzig.

Das Zentralkommitee des gelben Busses hat für heute zwei sehr dringende Punkte zur Erhaltung der allgemeinen Zufriedenheit der Insassen auf den Tagesplan geschrieben: Duschen und Wäsche aufhängen. Für die allgemeine Freizeitgestaltung wurde einstimmig ein Ausflug in die nahegelegende Pioniermetropole St. Petersburg beschlossen, welchem noch ein gemeinsames Mahl mit Gruppe Blau sowie der freundschaftliche Besuch unserer Partnerbrigade einer sowjetischen Einzelhandelswarenverkaufsstelle mit anschließender Verkostung der dargebotenen Leckereien folgen sollen. Wir freuen uns alle sehr.

Wetterbedingt wird Punkt zwei vorgezogen. Alles läuft sehr gut. Die Wäsche hängt auf 5m Wäscheleine und diversen Birkenzweigen. Die ersten Wolken ziehen auf.

Die Duschen befinden sich in post-sowjetischen wellblechbedachten Holzbunkern, welche innen mit formschönem Linoleum auf ihren eigentlichen Zweck vorbereitet wurden. Warmes Wasser gibt es im Überfluß und so steht man splitternackt in einem 25qm-Raum mit leicht gelblichem Glanz und genießt die große Freiheit. Zum Trocken der Haare wird ein Dieselansaugrüssel vom VW-Bus auf den Luftauslass der Standheizung gesteckt und selbige auf die höchste Stufe gedreht. Das funktioniert wunderbar und ist bei den aktuelle Außentemperaturen auch gesundheitsfördernd.

Kaum brennt der Dastan-1, fängt es an zu tröpfeln. Der Fortschritt beim Wäschetrocknen ist binnen Sekunden dahin. Es gibt zur Abwechslung mal Nudeln, polnische Penne. Dazu polnische Würstchen und Tomatensoße deutscher Herkunft. Angebratene Zwiebeln und viel zu viel Butter bilden eine solide Grundlage, welche später zusammen mit dem Tomatenmark, der Tomatensoße, Salz, Pfeffer und polnischer Milch in Richtung Soße getrimmt wird. Anschließend wird alles in den großen Nudeltopf umgefüllt und zu einem nahrhaften Nudelbrei verarbeitet. An der frischen Luft schmecken die wunderlichsten Sachen großartig.

Kochen...

Zutaten

Es ist gegen 17 Uhr, als das Mittag vorüber ist und wir uns langsam zum Sightseeing und Lebensmitteleinkaufing in die nahegelegene Metropole St. Petersburg begeben. Schon nach wenigen Kilometern und ziemlich genau 10 km vor dem Stadtzentrum geraten wir in einen Stau, der uns jegliche Lust an einer Stadtbesichtigung raubt. Rechts im Wohngebiet sind Supermärkte, einer davon wird der unserige sein! Die Stadt werden wir später heute Abend noch einmal versuchen, jetzt hat das überhaupt keinen Sinn. Da wir unsere letzten Rubel im Olgino gelassen haben, brauchen wir einen etwas größeren Laden, in welchem wir mit der Kreditkarte bezahlen können. Etwas russisch wechseln wir die Spuren und biegen ab ins Wohngebiet. Hier sind gleich drei große Läden und Karten nehmen sie auch.

Schon auf dem Parkplatz werden wir angenehm überrascht, denn es steht ein hübsch zurechtgemachter und hochgelegter UAZik neben uns. So ein blattgefedertes Starrachsenungeheuer verträgt doch ganz andere Reifendimensionen als unsere Hausfrauenbusse und so kommen wir beim obligatorischen Schwanzlängenvergleich gar nicht gut weg. Dass sich ein russischer Supermarkt heutzutage kaum von den unserigen unterscheidet, ist leider traurige Wahrheit. Wir suchen an russischen Produkten zusammen was geht, aber es ist nicht viel zu finden. Die Preise sind nur allzu westlich, sodass man sich wiederholt danach fragt, wie sich die Russen ihr Leben finanzieren. Wir kaufen uns auch endlich mal eine große Wassermelone (Arbus, nicht Melonchik ), welche sodann ihren Platz in unserer Wäschetonne findet.

UAZik

Schwanzvergleich

Wieder auf dem Zeltplatz angekommen, fällt Gruppe GelP sofort ins Bett. Die Anderen lesen und trinken Kaffee vor den Bussen. Als wir geweckt werden, ist es schon 21 Uhr und Sportsfreundin Anne von der blauen Delegation blättert unwirsch in ihrem Handbuch zur Erkundung fremder Städte. Heute soll es sein: St. Petersburg. Wichtigstes Ziel: Newa-Ufer mit Winterpalast und vielleicht noch schnell über die zwei Brückchen ans andere Ufer bis zur Kirche und zurück… oder so. Wir rollen mit vorschriftsmäßiger Geschwindigkeit zurück in die Stadt. Der DPS-Kontrollposten hat gerade anderes zu tun, und so kommen wir abermals um eine Kontrolle herum. An der Newa angekommen, findet sich auch direkt ein Parkplatz zwischen anderen Touristen. Da uns die Stadt nicht ganz Geheuer ist, bleiben wir an den Bussen, während sich Stephan und Anne freudestrahlend auf einen nächtlichen Stadtbummel begeben. Es ist schweinekalt und windig, doch das kann hier niemanden von der Abendgarderobe abhalten. Pärchen flanieren an der Newa entlang. Ungleiche Pärchen. Frauen von magersüchtig über Gewichtsheberin bis superhübsch stolzieren auf hohen Absätzen im Cocktailkleid die Newa herunter. Er, normale Klamotten und eher Durchschnitt. Männermangel? Wie kriegt so ein Typ so eine Frau? Unklar. Den meisten scheint die Güte ihres Fangs aber bewußt zu sein, denn das Schätzchen wird regelrecht inszeniert. Stell Dich mal hier ans Ufer, mach mal so, Blitz, Schnuckiputzi. Der ein oder andere Mann avanciert zum Fotografen, indem er ein Stativ aufstellt und dann trotzdem mit der Hand den Auslöser drückt. Ich drücke mich auch mit dem Stativ am Ufer entlang, aber irgendwie ist mir das alles zu steril und ich kehre schnell wieder in den warmen Bus zurück. Die Fotos von Sarah im Bikini auf der Uferbrüstung darf ich übrigens nicht hier einstellen.

Winterpalast

Über Funk kommen längst keine Antworten mehr, zu weit sind die Beiden schon entfernt. Wenn doch nur der Sommer käme… das Venedig des Ostens könnte so viel schöner sein. Nach einer halben Ewigkeit tauchen die Kameraden aus dem Dunkel auf. Stephan steht die Begeisterung förmlich ins Gesicht geschrieben und auf die Frage, ob es denn kalt wäre, antwortet er sehr tapfer mit nein. Anne scheint ziemlich glücklich zu sein, denn sie hat wenigstens ein paar wichtige Sachen dieser Stadt ansehen können. Eigentlich war ja noch ein Besuch der Erimitage geplant, aber die macht erst in zwei Tagen wieder auf – so ein Pech aber auch. Auf dem Rückweg kommt was kommen mußte: Ein McDonald’s! Hier kommt das i-Tüpfelchen auf den Tag, denn danach sitzt Anne glücklich und beseelt mit einem Eis im Bus. Glücklicher als Stephan sie je hätte machen können?

MakDonalds

Als ich im Bett liege, vermisse ich immer noch das Tröten einer Pioniereisenbahn, aber irgendwie kommt hier keine. Gute Nacht.

Als wir vom wohligen Klang des Steinbrechers geweckt werden, rudert es schon wieder heftig auf dem Kanal. Die Finnen sitzen verstrahlt vor ihrer Hütte und bringen die Dose Morgenbier in Stellung. Wir packen eilig zusammen und werfen unsere Dreckwäsche schnell noch in die Waschmaschine, füllen diese mit Wasser und stellen sie in den Bus. Das Gerüttel der Fahrt wird die Wäsche waschen und später müssen wir sie dann nur noch aufhängen.

Über Tallin und beeindruckende Autobahnbaustellen geht es nach Narva, der Grenzstadt zu Rußland. Erinnert ein wenig an eine bekannte Lampenfabrik aus der DDR… 20km davor halten wir an. Angeblich darf man keinen Sprit in Kanistern einführen und ein D-Schild ist ja bekanntlich auch angesagt. Mein Kanister ist unter der Vorderachse und ich habe beschlossen drauf zu scheiXXen, doch Stephans steht schön sichtbar mitten im Bus, also entleert er ihn in den Tank – in Rußland ist die Pampe sowieso billiger. Das D-Schild entsteht am Straßenrand aus der Rückseite einer Biedronka-Tüte (= polnischer Supermarkt) und halbiertem Isolierband in schwarz. Formschön auf eine geputzte Stelle der Heckklappe komponiert, fühlen wir uns damit für die Grenze gewappnet.

Biedronka D-Schild

In Narva fragen wir an der erstbesten Tankstelle nach der Versicherung für’s Auto, die kann man hier ja angeblich überall kaufen. Die Dame meint, zur Zeit ginge da nix, das System wäre kaputt, aber an der Grenze, da könne man die sicher kaufen. Gut, die Grenze selber ist schnell gefunden, aber der dortige Ablauf ist jedes Mal anders und ein Abenteuer. Wir steigen ersteinmal aus und ich frage eine Dame in einem Kiosk, wo man denn hier Autoversicherungen kaufen könnte. Jetzt wird’s russisch. Sie ist recht freundlich und verweist mich an die Dame nebenan, welche zwar im selben Kiosk sitzt, aber zu einer gänzlich anderen Organisation zu gehören scheint. Sie benimmt sich ein wenig wie der Obernatschalnik und hat sogar ein paar Fransen auf den Schultern. Die Worte des blonden Ungeheuers prasseln auf mich nieder, sodass ich kaum verstehe was sie meint. Immerhin: Versicherungen gibt es hier nicht und überhaupt – hm. Wir fragen noch in einem Wechselbüro, wo eine sehr nette Dame überzeugendes Unwissen verbreitet und so drehen wir mit den Bussen ein paar Runden auf dem Platz, in der Hoffnung, noch ein übersehenes Hinweisschildchen zu entdecken. Im Augenwinkel gestikuliert ein dicker Russe heftig in einer Kreisbewegung, welche uns andeutet, dass wir einmal um den ganzen Block fahren sollten. Kurz, die Schlange für den Grenzverkehr endet in einer Seitenstraße, welche nur von hinten zu erreichen ist.

Der Fortschritt in der Schlange dürfte mit ca. 2,5 Fahrzeugen pro halbe Stunde gutwillig bemessen sein, und so warten wir. Die Schlange endet bei eben jener Blondine direkt vor einer Schranke, wo Stück für Stück Fahrzeuge auf die eigentliche Grenze losgelassen werden. Irgendeine wichtige Funktion hat diese Dame, aber noch ist diese nicht so ganz klar. Scheint etwas mit der Schranke zu tun zu haben.

Jetzt stehen noch zwei Autos vor uns und deren Fahrer schlendern zur Blondine. Sie quatschen, geben ihr auch etwas, quatschen wieder, kommen zurück. Jetzt kommen wir dran. Die Schranke ist noch zu und es passiert: Das Ungeheuer tritt auf mich zu und fragt nach meiner Nummer. Hä? Was für eine Nummer? So eine Nummer, und sie zeigt mir einen Zettel, wie ihn ein Autofahrer vor uns abgegeben hat. Aha, nie gesehen, was soll das für eine Nummer sein? Das wäre eine Nummer die jeder haben müßte und die gäbe es im Transservice-Büro in der uliza Blakeks. Großartig. Etwas mürrisch scheren wir kurz vor der Schranke wieder aus der Warteschlange aus. Nummer besorgen. Ich frage noch leicht frech, ob wir dann wieder hinten an der Schlange stehen müßten oder wie oder was? Die Antwort ist überraschend: Nein nein, sie hätte uns ja gesehen und wir sollten dann direkt nach vorne kommen. Da würde sie uns dann auf Video sehen uns dann ginge schon alles seinen Gang. Wow. Unerwartet nettes Ungeheuer!

Der Transservice in irgendeiner uliza ist natürlich nicht zu finden. Wir kommen an einem Grenzposten vorbei, welcher in einem kleinen Wellblechhaus direkt hinter einem “Fußgänger verboten”-Schild sitzt. Wir sind zwar Fußgänger, aber der Mann ist überaus freundlich und scheint auf Fragen wie die unserige gefasst zu sein: Er besitzt eine kopierte Karte, in welcher das Büro und der Weg zum Transservice eingezeichnet sind! An der Tankstelle links… die beim McDonald’s? Nein, eine weiter… dann noch 500m und links auf den Hof. Alles klar, das finden wir.

Der Hof besitzt wiederum eine Schranke, welche halboffen festgerostet ist. Wir passen hindurch, zögern jedoch am Stopschild dahinter direkt weiter zu fahren und werden erst durch das energische Hupen hinten uns weiter auf den Hof getrieben. War offenbar nicht so ernst gemeint das Schild. Man stellt sich einfach irgendwo hin. Die Gesichter hinterm Schalter verziehen sich sofort wenn man mit seinem Paß näher tritt. Nein, hier bist Du falsch, du mußt nebenan in das Kabuff. Ah so, danke. Nebenan ist ein Räumchen von 2×2 Metern in welchem eine kleine Glasscheibe ist. Dahinter wirbelt eine Dame, und davor warten zwei junge Russen. An einer Wandzeitung ist zu lesen, dass es seit dem 1.7. ein Wartenummernsystem für die Grenzabfertigung gibt und man irgendwelche estnischen Moneten bereithalten soll. Haben wir nicht. Warten wir trotzdem.

Vor uns fallen allerlei russische Flüche und die beiden haben die Wahl zwischen einem Termin für morgen nacht oder übermorgen früh. Mir schwant Böses. Hinter uns stellt sich noch ein Mann in die Schlange, Typ sibirischer Bärentöter, aber nett. Er fragt die Jungschen vor uns über irgendein Dokument aus und wird voll angeblafft. Ich weiß nicht warum und wie, aber der Bärentöter bleibt die Ruhe selbst. An seiner Stelle hätte ich jetzt ein Bärchen gewürgt. Wir sind dran. Ich weiß immer noch nicht worum es sich hier dreht, also sage ich, dass ich auch gerne “so eine Nummer” haben wolle. Sie lächelt freundlich und fragt ob wir denn heute reisen würden? Ja natürlich! Sie nimmt meinen Techpassport (die Autopapiere) und geht zum Rechner. Dort öffnet sie ein Worddokument, in welchem eine Liste von Nummern steht. Sie kopiert die letzte, löscht sie, fügt sie in ein anderes Dokument wieder ein, tippt die Nummer zusätzlich in einen Bondrucker und schreibt dann noch das Autokennzeichen dazu. Sie gibt sich mit 2 Euro zufrieden und ich verschwinde nach nichtmal einer Minute aus dem Kabuff, nachdem ich für Stephan die gleiche Aktion noch einmal bestellt habe.

Den Mädels hängt der Magen in den Knien und der vorbeiziehende McDonald’s läßt kleine Sabberflecken auf dem Armaturenbrett entstehen, aber wir bleiben hart. Ich erinnere an das Versprechen des netten Ungeheuers und ob sie selbiges wohl warten lassen wollen? Nein, natürlich nicht! Also auf zur Grenze.

Die Schlange an der Schranke ist schon merklich geschrumpft, doch wir stellen uns direkt neben das erste Auto. Die frisch gekauften Nummern machen die Frau an der Schranke lammfromm und beim nächsten Mal sind wir sofort drin. Der einzige Sinn dieser Nummer bestand also darin, die Schranke zu öffnen? Hallojulia.

Drin warten wir noch ein wenig, dann geht es zur estnischen Paßkontrolle. Ein kurzer Blick, der Zoll kuckt gleich gar nicht mehr. Auf zu den Russen. Wir werden von einem jungen Zöllner ersteinmal zur Überprüfung des Fahrzeugs gebeten. Zeitgleich bekommen wir die Zollerklärungen und die Migrationskarten ausgehändigt und wir fangen eifrig an, diese auszufüllen. Der Oberzöllner ist ein breitschultriger Mann, welcher nur noch in Armee-T-Shirt unterwegs ist und sich von seinem jungen Kollegen jeweils die Fahrzeuge öffnen läßt und ab und zu nickt. Unsere Zollerklärungen übergebe ich an die Kollegin im Häuschen, welche mir nach einiger Zeit erklärt, dass es alles gar nicht so wild sei und wir nicht jeden Furz für die vorrübergehende Einfuhr deklarieren müßten. Aber… aber… ich frage, ob das nicht spätestens bei der Ausreise wichtig sei? Sie lächelt verschmitzt und gibt mir zu verstehen, dass es keinen Schwanz interessieren würde. Das Auto sei wichtig, und dafür bekommen wie schließlich auch einen speziellen Aufkleber, welchen wir bis zur Ausreise definitiv nicht verlieren sollten. Der Oberzöllner muss unsere Zollerklärungen abstempeln, quatscht aber gerade hinter dem Kabuff mit seinen Kollegen. Also geht die nette Frau aus dem Kabuff zu ihm und übergibt unsere Erklärung. Er legt diese auf seine dicke Pranke, holt einen Stempel heraus und knallt diesen mehrfach auf das Dokument. Der übrig gebliebende Lappen ist jetzt hochoffiziell und unser wichtigstes Papier. Da das Gespräch noch nicht zu Ende ist, macht sich der Jungsche alleine daran, unseren Bus zu kontrollieren. Er ist sehr nachlässig und quatscht freundlich mit mir. Motor hier, aha, Bett mit Moskitonetz, nett. Die Waschtonne interessiert ihn. Als ich sie ihm öffne, sieht er drei alte Socken in einer hellgraußen Soße schwimmend. Belustigt wendet er sich mit einem allseits bekannten russischen Universalfluch ab. Das Kind ist geschaukelt!

Direkt nach der letzten Schranke beginnen einige bunte Buden und die Jugendlichen scheinen sich die Grenze als Treffpunkt ausgekuckt zu haben – vielleicht weil die Kioske hier 24h geöffnet haben. Ich habe nur eines im Kopf: Versicherung! Links Strachovka, rechts Strachovka, alles da. Wir entscheiden uns für links, da steht die Tür einladend offen. In der Bude sind zwei kleine Schalter. Hinter dem einen lehnt eine ganz nett zurechtgemachte Russin und kramt in ihrer Handtasche. Sie gehört offenbar zum Mobiliar und ich gehe direkt zum zweiten Schalter. Hier sitzt ein junger Mann, der gelangweilt in seinem Drehstuhl zu der Dame sieht und den Kugelschreiber gekonnt zwischen den Fingern dreht. Offenbar gehören die beiden zusammen – sie wartet darauf, dass sein Dienst zu Ende geht. Als er mich bemerkt, ist er sofort zur Stelle. Versicherung njet problem, für 90PS knapp über 900 Rubel, das klingt vernünftig. Einziges Problem: Keine Kartenzahlung, nur echtes Geld. Haben wir natürlich nicht. Irgendwie sieht Rußland gar nicht so böse aus, also entscheidet Sarah schnell, mit der EC-Karte nach Ivangorod zu laufen und Geld zu holen. Zu diesem Zeitpunkt kann sie nicht einmal kyrillische Buchstaben lesen. Ich muss beim Bus bleiben und auf die anderen warten, die noch irgendwo im Grenzgeschehen stecken. Es dauert nicht lange und Sarah kommt zurückgerubelt. Freudestrahlend erzählt sie von ihrem ersten Erlebnis in Rußland – soooo nette Leute hier! Inzwischen sind auch Stephan und Anne eingetroffen und so erwerben wir kurzerhand mit den frisch geschossenen Rubeln zwei echt russische Strachovkas. Weil der Benziner soooo viel Leistung hat, muss Stephan gleich mal 200 Rubel mehr bezahlen. Haha.

Nach 5h Grenze rollen wir glücklich durch Ivangorod direkt Richtung St. Peterburg. Es kommt wie es kommen mußte, kurz nach dem Ortsausgangsschild leuchten bereits die Buchstaben der Straßenpolizei DPS. Wir werden zum Schaulaufen vor den gelangweilten Beamten auf 10km/h heruntergebremst und natürlich prompt auf die Seite gewunken. Passport, Techpassport, Strachovka. Ich sage zu ihm, dass ich ihm auch noch zwei verschiedene Führerscheine bieten könnte und er nimmt sie dankbar hin. Zwei kurze Blicke und die Sache ist erledigt. Gute Reise und Tschüss. Wenigstens einen unserer Feuerlöscher hätte er ja noch ankucken können! Sämtliche offiziellen Prüfungen für diese Nacht auf Anhieb bestanden, das stimmt fröhlich.

Bereits kurz nach der Stadt wird die Straße so, wie ich sie erwartet habe. Das leise Kotzen am Funkgerät läßt vermuten, dass der Multivan hinter uns sich etwas mehr erhofft hatte. Egal, wir wollen heute zu einem Übernachtungsplatz bei St. Petersburg vordringen, den wir in den Tiefen des Internets gefunden hatten. In der Stadt selber steht es sich nicht so gut, deshalb etwas außerhalb. Navigieren kann das TomTom dahin natürlich nicht, aber ich finde auf der Karte die gleichnamige Station der elektrischka (so ein Mittelding aus Regional- und S-Bahn… gibt es in vielen großen Städten als Weiterverbindung in die Vororte nach der letzten Metro-Station). Die Strecke soll über Kronstadt unter Umgehung von St. Petersburg selber gehen, das klingt vernünftig. So biegen wir irgendwann von der Hauptstraße ab und jagen in wildem Ritt durch das nächtliche Rußland. Ein Loch jagt das andere, ein weiteres Loch jagt einen stinkenden LKW und so weiter. Mitten im vermeintlichen Nichts saugen wir uns an einer hell erleuchteten Tankstelle bis zu Dachkante mit billigem Fusel voll, die Freiheit nehmen wir uns. Nach etwas Umhergekurve kommen wir endlich bei Peterhof ans Ostseeufer und können Kronstadt schon leuchten sehen. Nur noch ein kleiner Sprung… Kurz bevor wir an der bezeichneten Stelle ankommen, treffen wir auf eine Baustelle. Zu, Aus, Ende. Ein Häuschen mit geschlossener Schranke bedeutet uns, dass wir umkehren sollen. Eine Umleitung ist nicht ausgeschildert. Natürlich gibt es – wie überall in Rußland – auch einen Wachmann. Dieser erklärt mir in leicht bläulichen Worten etwas von einem grooooßen Bogen und gestikuliert dabei eben so großbogig in der Gegend umher. Ich interpretiere das so: Man fährt hier irgendwo rechts hoch und umgeht dann in einem grooooßen Bogen die Baustelle und kommt genaaaau dahinter wieder heraus. Nur wo rechts rein? Ausgeschildert ist hier nichts und die Karte ist nicht sehr hilfreich. Wir haben schon echt die Nase voll, aber es hilft nichts. Nach und nach probieren wir alle Straßen durch. Der Syncro bricht fröhlich durchs Unterholz, der Multivan bricht auch. Nach ewigem Suchen finden wir eine fahrbare Straße, welche auch andere Verkehrsteilnehmer zu nutzen scheinen.

Die Umleitung zieht sich lang und länger, doch wir erkennen viele Bagger und Bauarbeiter, die offenbar an einem größeren Autobahnprojekt arbeiten. Am Ende der Umleitung stehen wir wieder genau auf der Straße, an der wir sein wollten, nur leider 300m zu weit. Unsere Kreuzung ist noch Teil der Baustelle und damit voll gesperrt. Wir können es nicht fassen. Nach all den Strapazen, wird die komplette Route über den Haufen geworfen. Noch einmal die Umleitung zurück und dann die Küstenstraße entlang, mitten durch Petersburg bis zum Schlafplatz. Es ist jetzt morgens um halb 4 und wir haben Rußland echt gefressen.

Das nächtliche Petersburg ist bunt und schrill, spärlich bekleidete Pärchen schlendern auf den Straßen, gefahren wird wie der Teufel. Alles was irgendwie bedeutsam ist, wird hell beleuchtet, sodass wir gleich eine perfekte Stadtrundfahrt machen. Nachts sind die Straßen sogar befahrbar, weil nicht so viele Autos unterwegs sind. Es regnet natürlich wieder als wir darauf warten, dass eine der Newa-Brücken wieder heruntergelassen wird. Durch Plattenbausiedlungen fahren wir hinten wieder aus der Stadt heraus, immer Richtung Helsinki. Reichere Russen haben sich eine pompöse Villa direkt am Meer gebaut und sitzen jetzt hinter Stacheldraht und Mäuerchen vor ihren 42″ Fernsehern, während wir draußen auf der Jagd nach einem Schlafplatz sind.

Plötzlich kommt mir ein Ortseingangsschild bekannt vor: Olgino! Das hatte ich schon irgendwo im Netz gelesen, das legendäre Camping Olgino! Die passende Straße war nirgends zu finden gewesen, aber dass es sich dabei gleich um einen ganzen Ort handelt… das konnte ja niemand wissen. Kurz darauf auch gleich das Hinweisschild auf ein Hotel Olgino und so stehen wir 10 Minuten später vor einem pompösen Sporthotel aus besseren Zeiten. Sieht irgendwie alles nicht direkt nach Camping aus, aber immerhin haben sie einen großen Parkplatz – das wäre uns in diesem Zustand auch egal. Die Dame an der Rezeption ist nicht unfreundlich und will 3000 Rubel pro Fahrzeug haben. Ich erkläre Ihr, dass uns auch das kleine Paket reichen würde… nix Strom oder Wasser, einfach nur ein Platz zum Stehen! Sie versteht sofort… Parken! Ja gut, wir wollen parken! Macht dann 350 Rubel bis Montag, hinstellen können wir uns “wo es Ihnen gefällt”. Wir stellen uns schon auf den Parkplatz vor dem Haus, als es aus dem Funkgerät tönt: Hier hinten geht es noch weiter, sieht nach Camping aus! So rollen wir hinter das Haus, wo es Wiesen, Klohäuschen und 15 italienische Wohnmobile gibt. Ab auf eine Wiese und in die Horizontale. Die Quittung über 700 Rubel zeigt 5:21Uhr, es reicht nun aber wirklich.

… muß sich Wladimir Putin gedacht haben, als er der Nato ihren Abrüstungsplan für konventionelle Waffen vor die Füße warf. Man hatte wohl schon gedacht, dass es eigentlich nichts gibt, was das amerikanische Raketenabwehrsystem in Osteuropa stören könnte, und dann kommt das. Frech wie selten spricht tagsdarauf die amerikanische Außenministerin zum Thema Rußland und man könnte glauben, dass sich die USA längst jenseits der heutigen Nato bewegen. Ach, eigentlich tun sie es ja auch, man träumt sozusagen schon ein wenig voraus. Gleichzeitig ist man auch geographisch offenbar so weit vom Rest des Bündnisses entfernt, dass man über all die Jahre nicht ansatzweise ein Gefühl für eine umgänglichere Verhaltensweise entwickelt hat.

Nach 1990 war Rußland viel zu viel mit sich selbst beschäftigt, als dass man sich um Außenpolitik und Rüstung hätte kümmern können, doch angesichts Abermilliarden von Ölmoneten, erlaubt man sich schon seit einiger Zeit wieder etwas gewichtigere Worte zu außenpolitischen Themen. Nach der recht klaren und durchaus verständlichen Zusammenfassung der russischen Gefühlswelt auf der Münchner Sicherheitskonferenz, hätte man vielleicht mit etwas mehr als Verwunderung reagieren müssen, zumindest auf seiten der USA. Dort belächelte man Putin nur und trieb mit aller Kraft des Raketenabwehrsystem weiter in den Osten Europas. Hier erkaufen sich angesichts wirtschaftlicher Schieflage kleine Republiken an Rußlands Westgrenzen für ein paar Dollars die Gunst der Amerikaner und freuen sich dabei, so einfach ihren Beitrag im Bündnis leisten zu können.

Polen ist ja schon lange voll dabei und man wundert sich, wie lange diese internationale Profilierungssucht vor dem alten Mann aus Übersee noch gut gehen soll. Selbst der Deutsche Außenminister ist geneigt, dem Bündnispartner fast uneingeschränkt unter die Arme zu greifen, sodaß einem Angst und Bange werden kann. Merkt denn niemand wie die Nato zum Hilfsinstrument rein amerikanischer Interessen wird? Ist es nicht offensichtlich, wie Europa sich sein Leben auf dem eigenen Territorium und mit den eigenen Nachbar immer schwerer macht, nur weil blindes Gehorsam in diesem völlig überalterten Zweckbündnis noch immer oberste Priorität hat? Ich verstehe es nicht und es widert mich an.

An dieser Stelle erklärt sich dann vielleicht auch, warum Wladimir Putin mit seinem Schritt gar nicht so unrecht hatte – Wahlkampf hin oder her. Leider ist das Ergebnis mal wieder nicht das gewünschte: Die Außenminister der EU zeigen sich allesamt besorgt und versuchen die Friedenstaube zu pflegen, und aus Amerika kommen ungläubige und fast höhnische Kommentare von niedrigster Qualität. Antiamerikanismus ist zwar gerade im Nahen Osten in Mode, aber wenn das so weiter geht, sehe ich den Trend auch großflächig nach Europa schwappen. Und ja, Europa geht bis hinter Polen – es geht bis um Ural!

Ich bin gespannt, wie sich die nächsten Jahre entwickeln und hoffe insgeheim, dass Putin in Rußland für nach 2008 die Weichen Richtung mehr Demokratie stellt und gleichzeitig die Frechheit aus Übersee den Löffel abgibt, denn langsam reicht es.

Während sich heute in Estland zwei Bevölkerungsgruppen um die Vergangenheit schlagen und im Irak – wie jeden Tag – mind. 100 Menschen durch Bomben zerfetzt wurden, gab es in Deutschland bei wachsender Konjunktur einen wunderschönen Sommertag – im April.

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Überall ist derzeit zu lesen, was der Präsident Rußlands neulich in München gesagt hat. Manche reden von einem neuen kalten Krieg, andere klatschen Beifall. Gerade in Westeuropa wird so mancher insgeheim gelächelt und Putin für seine Worte gedankt haben, weil er sie selber nie auf so brilliante Weise an die Öffentlichkeit hätte bringen könnten. Aber waren sie wirklich so viel wert? Putin erklärt recht glaubhaft und fast beängstigend den Unterschied zwischen persönlichen Beziehungen und staatlichen Umgangs, was die Sache mit dem kalten Krieg relativiert. Wahrscheinlich hat Bush das Manuskript zur gleichen Zeit mit einer handgeschriebenen Grußbotschaft im Schlafzimmerfaxgerät gehabt.

Recht hat Waldimir Putin aber schon, denn das angebliche Saubermannimage der USA geht nicht nur ihm mächtig auf den Senkel. Weltpolizeiliches Gehabe sowieso. Ob sich daran jetzt etwas ändern wird? Fraglich. Ändern wird sich nach den sensationell schlechten Umfragewerten des amerikanischen Präsidenten sowieso etwas, aber es wird wenig mit Putins Rede zu tun haben. Man ist sich in den USA sehr wohl darüber bewußt, wie grandios man gerade scheitert – nur wird die offizielle Presse noch lange zwischen den Ereignissen umherinterpolieren, sodass die eigentlichen Geschehnisse einfach im Dunkeln bleiben. Man will sich ja nicht mit aller Gewalt die Blöße geben. Insgeheim wird Bush schon seinen Abgang vorbereiten – der soll nur noch etwas Glanz bekommen, damit er sich danach bei Putin auf der Couch beim Kaffeetrinken für ehemalige Staatsmänner besser fühlt.

Gleiches macht doch auch der Herr Putin, denn auch seine Stunden sind gezählt. Sicherlich glaubt niemand, dass er seinen Nachfolger nicht sorgfältig auswählen wird und das Volk rein zufällig diesen auch wählen wird, aber etwas Glanz zum Schluß kommt immer gut. Gerade in Rußland kam diese Rede sicher auch gut an, was wiederum der Wahl seines Günstlings zu gegebener Zeit zugute kommen könnte.

Alles in allem wirkt Putin ungleich agliler und schlauer als viele andere Staatschefs in ihren Reden, wirklich beeindruckend. Man könnte ihn fast für einen netten Typen von nebenan halten, welcher einfach nur 100%ig auf dem Boden der Tatsachen steht. In Wahrheit haben sie ihm diese Fähigkeiten in langwieriger Ausbildung eingeprügelt und er ist heute in einer Position, wo er sie vorzüglich nutzen kann. Überraschend ist sein Allgemeinwissen über politische wie gesellschaftliche Situationen außerhalb der GUS, das kommt wohl von seinen traditionell engen Geheimdienstverbindungen. Auch seine Anspielungen auf Informationen zu amerikanischer Entwicklung von Offensivwaffen lassen vermuten, dass sich an den Machenschaften der Geheimdienste seit 1990 rein gar nichts geändert hat. Der Fall Litvinenko/Sacramella unterstrich das ja nur. Spätestens seit dem Politkovskayadebakel glaube ich allerdings schon, dass es in Rußland Kräfte jenseits von Putins Kontrolle gibt, die sich vielleicht aus besseren Tagen sogar noch kennen. Putin ist ja nicht dumm – ganz im Gegenteil. Ich unterstelle einfach: So flach hätte er es bei seiner (Aus)bildung nicht angestellt – die arme Frau wäre sicherlich weit natürlicher verstorben. Ich schätze in 50 oder 100 Jahren wird dann wieder jemand ein paar declassified documents aus den Archiven kramen, und erst dann werden wir erfahren wie der Hase lief. Oder auch nicht.

Nachdem ich nach einer heftigen Programmiernacht erst um 5 ins Bett gekommen bin, habe ich ab 7 Uhr trotzdem alle 30 Minuten wach gelegen und den Rechner aufgeklappt. Warum? Na weil in der Deutschen Botschaft von Moskau keine Mobiltelefone erlaubt sind! Yana hat es also gleich zu Hause gelassen und wollte mir dann von der Arbeit eine Mail schreiben. Beim 5. Mal war dann auch endlich die erlösende Nachricht da: Kein Stempel, sondern ein Visum!! Damit werden sich in naher Zukunft einige grundlegende Sachen in den Leben zweier Menschen ändern – wir dürfen gespannt sein… Eigentlich müßte ich ja etwas in Richtung “Ich bin super glücklich!” schreiben – ja, mit Leerzeichen ist das heutzutage voll im Trend – aber das liegt mir nicht. Die Überschrift muß reichen :) Glückwünsche oder Beileidsbekundungen bitte in die comments…

Heute war Yana bei der Deutschen Botschaft in Moskau, um die umfangreiche Dokumentensammlung der letzten Monate abzugeben. Genauer gesagt, geht es dabei um die Erlangung eines Visums zum Spracherwerb. So nennt man das heutzutage. Eigentlich geht es uns also darum, endlich mal die Fernbeziehung in eine Beziehung umzuwandeln, was natürlich nicht so einfach ist. Wissen darf das offiziell sicher auch niemand, weshalb ich es natürlich auch für mich behalte. Junge, russische Frauen wollen nach Deutschland einreisen? Ja wo gibt’s denn sowas? Das muß kontrolliert werden! Recht haben sie auf der einen Seite, doch auf der anderen geht es einem tierisch auf die E*** wenn man selbst betroffen ist. Schengener Abkommen ist ja in Rußland leider nicht, Europäische Union schon zweimal nicht. Glücklicher können sich da die Bulgarinnen und ihre Europäischen Freunde schätzen! Ne, marden? :)

Also wie macht man das? Ganz einfach, man wird Student. Wie studiert man als Ausländer? Man weißt die nötigen Sprachkenntnisse für ein Studium an einer Deutschen Hochschule nach und besorgt sich eine Hochschulzugangsberechtigung. Letzteres habe ich mittels beglaubigter Kopien von ca. 25 wichtig aussehenden Dokumenten aus Moskau relativ schnell auf dem zuständigen Amt in Berlin bewältigen können, sodaß wir 25 EUR später einen simplen Brief mit einer Art Bestätigung über Yanas Hochschultauglichkeit in den Händen hatten. Wäre ja auch ein Witz gewesen, sie hat immerhin schon 5 Jahre studiert und ein fertiges Diplom!

Jetzt noch die Sache mit den Sprachkenntnissen. Dazu gibt es einen offiziellen Test für Ausländer, welcher die Sprachkenntnisse eines Studenten zum Studium feststellt. Ich habe ihn mir mal durchgelesen und war beeindruckt. Da werden Sachen gefragt, wo manch’ Deutscher Staatsbürger nachdenken müßte, von anderen mir bisher begegneten Studenten mit Migrationshintergrund (das sagt man heute so!) ganz zu schweigen. Wie dem auch sei, wir haben beschlossen, dass Yana das in 6 Monaten zu schaffen hat, denn leider können wir uns nicht mehr leisten. Ich habe eine Sprachschule in Berlin aufgetrieben, dort gibt es die in den Visabestimmungen geforderten 20 wöchentlichen Sprachstunden für 150 EUR monatlich – das ist irgendwie machbar. Dort also einen Vertrag geschlossen, angezahlt, Bescheinigung für die Botschaft drucken lassen (Ganz wichtig: Stempel! Das lieben Behörden! Fast wie bei en Russen…), nach Moskau geschickt. 3 Monate später immer noch nichts in Moskau angekommen, also wieder Bescheinigung drucken lassen – für ein geringes Entgeld von 3 EUR – und dieses Mal persönlich nach Moskau geflogen.

Kaum wieder zu Hause, neue Dokumentenforderungen aus Moskau. Obwohl Einkommensnachweise existieren und die Sprachkurse nachweislich gebucht sind, verlangt die Deutsche Botschaft in Moskau eine förmliche Verpflichtungserklärung einer einladenen Person aus Deutschland. Warum denn das nun wieder? Wozu gibt es ein Visum zum Spracherwerb, wenn man trotzdem den gleichen Schwachsinn wie für ein Touristenvisum durchlaufen muß? Wie kann ein Student ohne Bekannte in Deutschland eigentlich studieren? Maaaaaaan, langsam reicht es jedenfalls.

Verpflichtungserklärung: Für alle, die nicht wissen was das ist, hier eine Zusammenfassung. Wer nicht das Glück hatte, im Land des real existierenden Sozialismus aufzuwachsen und dortin etwaige Westverwandtschaft einzuladen, der wird mit diesem Begriff nichts anfangen können. Der Einlader geht dabei zur Polizei (bzw. heute heißt der Laden Ausländerbehörde) und verpflichtet sich unter Nachweis seiner eigenen Einkommenssituation (Immer schön die Originale mitnehmen…) für jegliche Kosten aus öffentlichen Kassen aufzukommen, welche durch den Besuch des Ausländers auf die Bundesrepublik Deutschland zukommen könnten. Das sind dann so Sachen wie ein Bundeswehrregiment und eine Transall, welche zur Rückführung einer wildgewordenen Freundin des Sohnes in ihr Heimatland benötigt werden. Das zahlt dann nämlich die Mama jenes Sohnes, weil dieser als Student gar kein Einkommen nachweisen kann, und somit niemals seine Freundin einladen könnte. Mama hat sich inzwischen schon daran gewöhnt, aber insgeheim hofft Sie wohl inständig, dass ich mich in keine von diesen sexy Uranschieberinnen aus dem Ostblock verkuckt habe, von den man heutzutage fast täglich in der Presse lesen muß.

In der Rekordzeit von nur einer Woche hatte ich dank meiner Mama als schon so ein Papier. Über dunkle Umwege habe ich das Ganze dann unfrei per UPS nach Moskau geschickt, was jemanden dort 53 EUR gekostet hat. Für ein Stück Papier der Größe DIN A4 wohlgemerkt. Aber angekommen ist es, nach nur 2 Tagen. Respekt.

Heute war also der denkwürdige Tag, der Tag des Interviews in der Botschaft in Moskau. Interview? Ja! Geht man als Deutscher in die russische Botschaft in Berlin, gibt man nur seine Dokumente ab und regelt die Bearbeitungsgeschwindigkeit ganz nach Belieben durch die Beigabe von Euros. Ganz anders ist es auf umgekehrtem Wege: Man besorgt sich einen Interviewtermin, zu welchem man mit allen Dokumenten und einer möglichst plausiblen Geschichte zu erscheinen hat. Dort sagt man als junges, russisches Mädchen natürlich nicht, dass man zum Freund nach Deutschland will, sondern irgendwas von Sprache, Karriere, International und Zukunft. Oder so. In unserem Fall stimmt das ja sogar… unter anderem. Das Interview ist, einigen SMS nach zu urteilen, recht unspektakulär gewesen, sodaß wir jetzt gespannt auf die Ergebnisse warten. Für die 60 EUR (irgendwie so), was ein Schengenvisum für einen Russen kostet (Man bedenke die Einkommen!), bekommt man per default 3-5 Werktage Bearbeitungszeit bei ungewissem Ausgang. Dem Vernehmen nach gab es auch im Bekanntenkreis schon negative Bescheide, welche nicht nur mit einer simplen Verweigerung eines Visums enden, sondern meist mit einem Stempel im Paß: 6-monatiges Einreiseverbot. Darauf bin ich insgeheim gefaßt, auch wenn ich noch Hoffnung habe. Warten wir es ab, Montag ist es soweit!

Im Innern spielt man schon einmal alle weiteren Möglichekeiten durch: Ich könnte nach Moskau gehen, dafür müßte ich aber mein Studium in den Sand setzen, da mich das Weiterstudieren an der TU Moskau (beispielsweise) $3500 pro Semester kosten würde. Eigentlich keine Möglichkeit. Was noch? Yana im VW-Bus entführen? Bettelbrief an den Bundespräsidenten? Ach ja, heiraten könnte man auch noch. Großartig. Würden wir glatt machen, aber doch nicht gleich und einfach so weil es eben sein muß, oder? Gut, das ist dann die letzte Möglichkeit. Abwarten, importierten Russentee trinken und weitersehen. Viel lieber denke ich daran, dass man an Wochenende Ausflüge machen könnte, nicht alleine ins Bett gehen müßte und die Handyrechnung um 98% reduzieren würde… Hach ja. Und dann streiten wir uns 4 Wochen und fahren die Sache binnen kürzester Zeit zünftig an die Wand. Oder?

Und bei all den Gedanken soll ich noch 1er Klausuren schreiben, arbeiten gehen, dem Bus einen neuen Motor verpassen, Wohnung auf die Ankunft der holden Weiblichkeit vorbereiten. Muß ja auch alles stimmen, wenn schon jemand in Moskau seine Eltern zurückläßt, den gut bezahlten Job kündigt und sich selbst mit abgeschlossenem Diplom in einem fremden Land wieder zum Studenten degradieren läßt… und das alles für einen Studenten ohne Abschluß, Bus ohne Motor und 3 fast vertrockneten Zimmerpflanzen. Hallojulia.

Mir kommen da gleich noch ein paar mehr Gedanken: 1989, das Jahr, an dem plötzliche alle frei wurden, reisen, Westen, alles toll. Und nun? 2007, und ich kann immer noch nicht einfach so mit jemandem zusammen sein, den ich mal irgendwo getroffen habe. Ist doch der Hammer, oder? Früher liefen die Menschen mal mehr oder minder behaart auf irgendwelchen Pfaden um die Erde und ließen sich von Magen und Schwanz leiten. Und heutzutage? Der Mensch hat sich Millionen Regeln auferlegt, um das Zusammenleben so großer Zahlen aufrecht gehender Kahlaffen überhaupt erst möglich zu machen. Das Ergebnis ist eigentlich erschreckend. Da wundert man sich auch nicht mehr, wenn der eigene Vater am liebsten mit der Axt in den Wald ziehen würde und alles andere hinter sich abhaken könnte. Na klar, ich verwöhntes Kapitalistenkind sollte mal schön den Mund halten, andere können ja nicht einmal genug essen oder solche Gedanken wie ich sie habe auch nur ansatzweise denken, weil sie viel grundlegendere Probleme haben. Trotzdem, mit fortschreitender Zeit fühle ich mich als Mensch gefangen im selbstgezimmerten Käfig der Zivilisation. Klingt wunderbar poetisch, das lasse ich so stehen.

Man sollte einfach weniger denken, das tut ja weh!

*abschalt*

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