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Einträge in der Kategorie Rußland

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Kleiner Mann ganz groß

Feb15
2007
3 Kommentare Geschrieben von tiagra

Überall ist derzeit zu lesen, was der Präsident Rußlands neulich in München gesagt hat. Manche reden von einem neuen kalten Krieg, andere klatschen Beifall. Gerade in Westeuropa wird so mancher insgeheim gelächelt und Putin für seine Worte gedankt haben, weil er sie selber nie auf so brilliante Weise an die Öffentlichkeit hätte bringen könnten. Aber waren sie wirklich so viel wert? Putin erklärt recht glaubhaft und fast beängstigend den Unterschied zwischen persönlichen Beziehungen und staatlichen Umgangs, was die Sache mit dem kalten Krieg relativiert. Wahrscheinlich hat Bush das Manuskript zur gleichen Zeit mit einer handgeschriebenen Grußbotschaft im Schlafzimmerfaxgerät gehabt.

Recht hat Waldimir Putin aber schon, denn das angebliche Saubermannimage der USA geht nicht nur ihm mächtig auf den Senkel. Weltpolizeiliches Gehabe sowieso. Ob sich daran jetzt etwas ändern wird? Fraglich. Ändern wird sich nach den sensationell schlechten Umfragewerten des amerikanischen Präsidenten sowieso etwas, aber es wird wenig mit Putins Rede zu tun haben. Man ist sich in den USA sehr wohl darüber bewußt, wie grandios man gerade scheitert – nur wird die offizielle Presse noch lange zwischen den Ereignissen umherinterpolieren, sodass die eigentlichen Geschehnisse einfach im Dunkeln bleiben. Man will sich ja nicht mit aller Gewalt die Blöße geben. Insgeheim wird Bush schon seinen Abgang vorbereiten – der soll nur noch etwas Glanz bekommen, damit er sich danach bei Putin auf der Couch beim Kaffeetrinken für ehemalige Staatsmänner besser fühlt.

Gleiches macht doch auch der Herr Putin, denn auch seine Stunden sind gezählt. Sicherlich glaubt niemand, dass er seinen Nachfolger nicht sorgfältig auswählen wird und das Volk rein zufällig diesen auch wählen wird, aber etwas Glanz zum Schluß kommt immer gut. Gerade in Rußland kam diese Rede sicher auch gut an, was wiederum der Wahl seines Günstlings zu gegebener Zeit zugute kommen könnte.

Alles in allem wirkt Putin ungleich agliler und schlauer als viele andere Staatschefs in ihren Reden, wirklich beeindruckend. Man könnte ihn fast für einen netten Typen von nebenan halten, welcher einfach nur 100%ig auf dem Boden der Tatsachen steht. In Wahrheit haben sie ihm diese Fähigkeiten in langwieriger Ausbildung eingeprügelt und er ist heute in einer Position, wo er sie vorzüglich nutzen kann. Überraschend ist sein Allgemeinwissen über politische wie gesellschaftliche Situationen außerhalb der GUS, das kommt wohl von seinen traditionell engen Geheimdienstverbindungen. Auch seine Anspielungen auf Informationen zu amerikanischer Entwicklung von Offensivwaffen lassen vermuten, dass sich an den Machenschaften der Geheimdienste seit 1990 rein gar nichts geändert hat. Der Fall Litvinenko/Sacramella unterstrich das ja nur. Spätestens seit dem Politkovskayadebakel glaube ich allerdings schon, dass es in Rußland Kräfte jenseits von Putins Kontrolle gibt, die sich vielleicht aus besseren Tagen sogar noch kennen. Putin ist ja nicht dumm – ganz im Gegenteil. Ich unterstelle einfach: So flach hätte er es bei seiner (Aus)bildung nicht angestellt – die arme Frau wäre sicherlich weit natürlicher verstorben. Ich schätze in 50 oder 100 Jahren wird dann wieder jemand ein paar declassified documents aus den Archiven kramen, und erst dann werden wir erfahren wie der Hase lief. Oder auch nicht.

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Juuuuuuchuuuuuuuuuuuuuu!

Feb12
2007
8 Kommentare Geschrieben von tiagra

Nachdem ich nach einer heftigen Programmiernacht erst um 5 ins Bett gekommen bin, habe ich ab 7 Uhr trotzdem alle 30 Minuten wach gelegen und den Rechner aufgeklappt. Warum? Na weil in der Deutschen Botschaft von Moskau keine Mobiltelefone erlaubt sind! Yana hat es also gleich zu Hause gelassen und wollte mir dann von der Arbeit eine Mail schreiben. Beim 5. Mal war dann auch endlich die erlösende Nachricht da: Kein Stempel, sondern ein Visum!! Damit werden sich in naher Zukunft einige grundlegende Sachen in den Leben zweier Menschen ändern – wir dürfen gespannt sein… Eigentlich müßte ich ja etwas in Richtung “Ich bin super glücklich!” schreiben – ja, mit Leerzeichen ist das heutzutage voll im Trend – aber das liegt mir nicht. Die Überschrift muß reichen :) Glückwünsche oder Beileidsbekundungen bitte in die comments…

Geposted in Berlin, Deutschland, Moskau
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Papierkrieg – doch ein Ende?

Feb08
2007
4 Kommentare Geschrieben von tiagra

Heute war Yana bei der Deutschen Botschaft in Moskau, um die umfangreiche Dokumentensammlung der letzten Monate abzugeben. Genauer gesagt, geht es dabei um die Erlangung eines Visums zum Spracherwerb. So nennt man das heutzutage. Eigentlich geht es uns also darum, endlich mal die Fernbeziehung in eine Beziehung umzuwandeln, was natürlich nicht so einfach ist. Wissen darf das offiziell sicher auch niemand, weshalb ich es natürlich auch für mich behalte. Junge, russische Frauen wollen nach Deutschland einreisen? Ja wo gibt’s denn sowas? Das muß kontrolliert werden! Recht haben sie auf der einen Seite, doch auf der anderen geht es einem tierisch auf die E*** wenn man selbst betroffen ist. Schengener Abkommen ist ja in Rußland leider nicht, Europäische Union schon zweimal nicht. Glücklicher können sich da die Bulgarinnen und ihre Europäischen Freunde schätzen! Ne, marden? :)

Also wie macht man das? Ganz einfach, man wird Student. Wie studiert man als Ausländer? Man weißt die nötigen Sprachkenntnisse für ein Studium an einer Deutschen Hochschule nach und besorgt sich eine Hochschulzugangsberechtigung. Letzteres habe ich mittels beglaubigter Kopien von ca. 25 wichtig aussehenden Dokumenten aus Moskau relativ schnell auf dem zuständigen Amt in Berlin bewältigen können, sodaß wir 25 EUR später einen simplen Brief mit einer Art Bestätigung über Yanas Hochschultauglichkeit in den Händen hatten. Wäre ja auch ein Witz gewesen, sie hat immerhin schon 5 Jahre studiert und ein fertiges Diplom!

Jetzt noch die Sache mit den Sprachkenntnissen. Dazu gibt es einen offiziellen Test für Ausländer, welcher die Sprachkenntnisse eines Studenten zum Studium feststellt. Ich habe ihn mir mal durchgelesen und war beeindruckt. Da werden Sachen gefragt, wo manch’ Deutscher Staatsbürger nachdenken müßte, von anderen mir bisher begegneten Studenten mit Migrationshintergrund (das sagt man heute so!) ganz zu schweigen. Wie dem auch sei, wir haben beschlossen, dass Yana das in 6 Monaten zu schaffen hat, denn leider können wir uns nicht mehr leisten. Ich habe eine Sprachschule in Berlin aufgetrieben, dort gibt es die in den Visabestimmungen geforderten 20 wöchentlichen Sprachstunden für 150 EUR monatlich – das ist irgendwie machbar. Dort also einen Vertrag geschlossen, angezahlt, Bescheinigung für die Botschaft drucken lassen (Ganz wichtig: Stempel! Das lieben Behörden! Fast wie bei en Russen…), nach Moskau geschickt. 3 Monate später immer noch nichts in Moskau angekommen, also wieder Bescheinigung drucken lassen – für ein geringes Entgeld von 3 EUR – und dieses Mal persönlich nach Moskau geflogen.

Kaum wieder zu Hause, neue Dokumentenforderungen aus Moskau. Obwohl Einkommensnachweise existieren und die Sprachkurse nachweislich gebucht sind, verlangt die Deutsche Botschaft in Moskau eine förmliche Verpflichtungserklärung einer einladenen Person aus Deutschland. Warum denn das nun wieder? Wozu gibt es ein Visum zum Spracherwerb, wenn man trotzdem den gleichen Schwachsinn wie für ein Touristenvisum durchlaufen muß? Wie kann ein Student ohne Bekannte in Deutschland eigentlich studieren? Maaaaaaan, langsam reicht es jedenfalls.

Verpflichtungserklärung: Für alle, die nicht wissen was das ist, hier eine Zusammenfassung. Wer nicht das Glück hatte, im Land des real existierenden Sozialismus aufzuwachsen und dortin etwaige Westverwandtschaft einzuladen, der wird mit diesem Begriff nichts anfangen können. Der Einlader geht dabei zur Polizei (bzw. heute heißt der Laden Ausländerbehörde) und verpflichtet sich unter Nachweis seiner eigenen Einkommenssituation (Immer schön die Originale mitnehmen…) für jegliche Kosten aus öffentlichen Kassen aufzukommen, welche durch den Besuch des Ausländers auf die Bundesrepublik Deutschland zukommen könnten. Das sind dann so Sachen wie ein Bundeswehrregiment und eine Transall, welche zur Rückführung einer wildgewordenen Freundin des Sohnes in ihr Heimatland benötigt werden. Das zahlt dann nämlich die Mama jenes Sohnes, weil dieser als Student gar kein Einkommen nachweisen kann, und somit niemals seine Freundin einladen könnte. Mama hat sich inzwischen schon daran gewöhnt, aber insgeheim hofft Sie wohl inständig, dass ich mich in keine von diesen sexy Uranschieberinnen aus dem Ostblock verkuckt habe, von den man heutzutage fast täglich in der Presse lesen muß.

In der Rekordzeit von nur einer Woche hatte ich dank meiner Mama als schon so ein Papier. Über dunkle Umwege habe ich das Ganze dann unfrei per UPS nach Moskau geschickt, was jemanden dort 53 EUR gekostet hat. Für ein Stück Papier der Größe DIN A4 wohlgemerkt. Aber angekommen ist es, nach nur 2 Tagen. Respekt.

Heute war also der denkwürdige Tag, der Tag des Interviews in der Botschaft in Moskau. Interview? Ja! Geht man als Deutscher in die russische Botschaft in Berlin, gibt man nur seine Dokumente ab und regelt die Bearbeitungsgeschwindigkeit ganz nach Belieben durch die Beigabe von Euros. Ganz anders ist es auf umgekehrtem Wege: Man besorgt sich einen Interviewtermin, zu welchem man mit allen Dokumenten und einer möglichst plausiblen Geschichte zu erscheinen hat. Dort sagt man als junges, russisches Mädchen natürlich nicht, dass man zum Freund nach Deutschland will, sondern irgendwas von Sprache, Karriere, International und Zukunft. Oder so. In unserem Fall stimmt das ja sogar… unter anderem. Das Interview ist, einigen SMS nach zu urteilen, recht unspektakulär gewesen, sodaß wir jetzt gespannt auf die Ergebnisse warten. Für die 60 EUR (irgendwie so), was ein Schengenvisum für einen Russen kostet (Man bedenke die Einkommen!), bekommt man per default 3-5 Werktage Bearbeitungszeit bei ungewissem Ausgang. Dem Vernehmen nach gab es auch im Bekanntenkreis schon negative Bescheide, welche nicht nur mit einer simplen Verweigerung eines Visums enden, sondern meist mit einem Stempel im Paß: 6-monatiges Einreiseverbot. Darauf bin ich insgeheim gefaßt, auch wenn ich noch Hoffnung habe. Warten wir es ab, Montag ist es soweit!

Im Innern spielt man schon einmal alle weiteren Möglichekeiten durch: Ich könnte nach Moskau gehen, dafür müßte ich aber mein Studium in den Sand setzen, da mich das Weiterstudieren an der TU Moskau (beispielsweise) $3500 pro Semester kosten würde. Eigentlich keine Möglichkeit. Was noch? Yana im VW-Bus entführen? Bettelbrief an den Bundespräsidenten? Ach ja, heiraten könnte man auch noch. Großartig. Würden wir glatt machen, aber doch nicht gleich und einfach so weil es eben sein muß, oder? Gut, das ist dann die letzte Möglichkeit. Abwarten, importierten Russentee trinken und weitersehen. Viel lieber denke ich daran, dass man an Wochenende Ausflüge machen könnte, nicht alleine ins Bett gehen müßte und die Handyrechnung um 98% reduzieren würde… Hach ja. Und dann streiten wir uns 4 Wochen und fahren die Sache binnen kürzester Zeit zünftig an die Wand. Oder?

Und bei all den Gedanken soll ich noch 1er Klausuren schreiben, arbeiten gehen, dem Bus einen neuen Motor verpassen, Wohnung auf die Ankunft der holden Weiblichkeit vorbereiten. Muß ja auch alles stimmen, wenn schon jemand in Moskau seine Eltern zurückläßt, den gut bezahlten Job kündigt und sich selbst mit abgeschlossenem Diplom in einem fremden Land wieder zum Studenten degradieren läßt… und das alles für einen Studenten ohne Abschluß, Bus ohne Motor und 3 fast vertrockneten Zimmerpflanzen. Hallojulia.

Mir kommen da gleich noch ein paar mehr Gedanken: 1989, das Jahr, an dem plötzliche alle frei wurden, reisen, Westen, alles toll. Und nun? 2007, und ich kann immer noch nicht einfach so mit jemandem zusammen sein, den ich mal irgendwo getroffen habe. Ist doch der Hammer, oder? Früher liefen die Menschen mal mehr oder minder behaart auf irgendwelchen Pfaden um die Erde und ließen sich von Magen und Schwanz leiten. Und heutzutage? Der Mensch hat sich Millionen Regeln auferlegt, um das Zusammenleben so großer Zahlen aufrecht gehender Kahlaffen überhaupt erst möglich zu machen. Das Ergebnis ist eigentlich erschreckend. Da wundert man sich auch nicht mehr, wenn der eigene Vater am liebsten mit der Axt in den Wald ziehen würde und alles andere hinter sich abhaken könnte. Na klar, ich verwöhntes Kapitalistenkind sollte mal schön den Mund halten, andere können ja nicht einmal genug essen oder solche Gedanken wie ich sie habe auch nur ansatzweise denken, weil sie viel grundlegendere Probleme haben. Trotzdem, mit fortschreitender Zeit fühle ich mich als Mensch gefangen im selbstgezimmerten Käfig der Zivilisation. Klingt wunderbar poetisch, das lasse ich so stehen.

Man sollte einfach weniger denken, das tut ja weh!

*abschalt*

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… wie es weiter ging.

Jan01
2007
2 Kommentare Geschrieben von tiagra

So richtig habe ich das noch nicht verstanden mit Weihnachten und Neujahr. Eigentlich ist Weihnachten am 7. Januar, das ist aber je nach Familie und religiöser Ausrichtung weniger wichtig. Das richtige Neujahr wird dann, wie bei uns, am 31.12. gefeiert und man stellt auch den Weihnachtsbaum auf. Geschenke gibt es dann um Mitternacht zusammen mit dem Neujahrsumtrunk. Dann gibt es aber noch ein Neujahr, und zwar das “Alte Neujahr”. Das ist dann am 14.1. und interessiert die jüngste Generation kaum noch. So viel dazu.

Im Fernsehen sehen wir das Neujahrsfeuerwerk in Sydney. Der Sprecher sagt etwas von $300.5 Millionen, welche der Spaß wohl gekostet haben soll. Ungläubiges Kopfschütteln. Wir holen den kleinen Weihnachtsbaum aus seinem Karton und stellen ihn auf. Es ist ein hübsches, kleines Plastebäumchen, welches schon mind. 20 Weihnachten auf dem Stamm hat. Für Stimmung sorgen fortan 10 bunte Lämpchen einer Lichterkette mit einer ausgeklügelten An-Aus-Automatik, welche zu Sowjetzeiten sicher einmal viel Geld gekostet hat. Hinterm Kleiderschrank stehen die Einzelteile eines großen Esstisches, die es in einen benutzbaren Tisch zu verwandeln gilt. Kurze Zeit später wird der gesamte Tisch mit Essen beladen. Den Tags zuvor gefangenen Salat, Fisch, Gurken, Fleisch, Brot und vieles mehr zaubern die Damen des Hauses sodann auf den Tisch.

Inzwischen ist es halb elf und man wird ungeduldig und hektisch, denn weder für vernünftige Kleidung noch für Haare und MakeUp war bisher Zeit. Ja, wir sind alleine zu Hause und werden auch nicht ausgehen, aber für diesen Feiertag kommt keine russische Frau drum herum: Volle Kriegsbemalung und ABC-Ausrüstung sind angesagt. Es werden Kleider getestet, Highheels gesucht, Haare gesteckt und Farbe aufgetragen. Um 23:45 Uhr macht sich Stress breit, denn die Kerzen fehlen noch und Mama hat ihre Haare immer noch nicht fertig. Ich hetze in die Küche und kann keine Streichhölzer finden, muß zurück ins Wohnzimmer und erneut nachfragen. Gegen 23:50 Uhr steigt die Anspannung und es wird flugs das Feuerzeugs aus Papas Jacke geklaut. Yana ist im Volltarn angetreten und zählt für jeden 12 Weintrauben auf den Teller ab. Um 23:59 hetzt auch die Mama ins Zimmer – im silbernen Glitzerkleid auf klackernden Absätzen. Im Fernsehen wurde zum 2387682 Mal ein Frohes Neues gewünscht und ich kann es nicht mehr hören. Die gesamte Familie ist vollständig stehend am Tisch angetreten und man drückt hastig auf der Fernbedienung des Fernsehers herum, denn jetzt spricht ja gleich der kleine KGB-Mann aus Dresden! Wir verpassen den Anfang aber wenigstens nicht alles. Es wird Orangensaft getrunken, was für russische Verhältnisse doch unbeschhreiblich alkoholarm ist. Zuhören tut Putin sowieso niemand, aber verpassen darf man es auch nicht.

Die offiziellen Neujahrswünsche sind überstanden und das Essen eröffnet. Yana hat es nicht geschafft, ihre 12 Weintrauben in der kurzen Zeit aufzuessen und wird wohl das nächste Jahr kein Glück haben. Oder so ähnlich. Coca Cola verspricht im Fernsehen ein Jahr voller Cola und es rollen die kitschigen Zuckerwassertransporter durchs Bild. Wir schalten um auf eine der vielen Unterhaltungsshows, welche mit beeindruckender Playbackakrobatik und modernisierter Volksmusik aufwarten. Die Shows vermitteln den Eindruck, dass alle russischen Frauen in diesem Moment im hautengen Cocktailkleid mit präparierter Brust und voller Bemalung das neue Jahr feiern. Ich kucke mich im Zimmer um und stelle fest, dass das Fernsehen sehr realitätsnah ist.

Unsere Nachbarn sind im vollen Gange und schleifen professionell und kartonweise Karaoke-DVDs durch das Abspielgerät. Vor dem Balkon im 12. Stock sieht man die bunten Rosetten explodierender Raketen und wir essen immer noch. Solange ich nicht benommen auf den Teppich falle, wird mir von allen Seiten Essen eingetrichtert. Glücklicherweise kommt jemand auf die Idee jetzt endlich Geschenke zu verteilen und so kann ich mich retten. Ich bekomme einen 2.50m langen Schal, gelb-schwarz gestreift im Beeline-Stil (Beeline ist ein Mobilfunkunternehmen, welches sämtliche Werbematerialien in gelb-schwarz hält…). Wunderbar! Den Rest des Abends verbringe ich zur Freude aller eingewickelt in selbigen.

Inzwischen ist es 3 Uhr und ich kann kaum noch die Augen offen halten. Es gibt mittlerweile das dritte Mal Tee und wir essen Weißbrot mit Kaviar und Fisch. Im Fernsehen laufen die Standardneujahrsfilme: Klassische Volkshelden in 80er-Jahre-Epen. Man sieht russische Dörfer mit funktionierenden Kolchosen, viel Wodka und viel Liebe, Frauen auf Traktoren und heute leider schon verstorbene Schauspieler(innen). Die Dialoge und Lieder kennen 99% der Russen auswendig und so habe wir unseren Spaß. Bis jetzt ist kein Tropfen Alkohol geflossen, was ziemlich selten sein dürfte.

Gegen 4 Uhr schaffen wir es endlich ins Bett. Zu erweiterter, sportlicher Betätigung fühlen wir uns nicht mehr in der Lage und so schlafen wir bei einem ergreifenden Kolchosendrama ein. Morgen besuchen wir die Oma.

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Neujahrswahnsinn

Dec31
2006
Kommentieren Geschrieben von tiagra

Seit heute morgen verstehe ich George Bush und Frau Kondolenzbuch Reis: Erstmals habe ich am eigenen Leib erfahren, wie sehr die Terrorgefahr in diesen Tagen angestiegen ist. Schlimmer noch, ich bin jetzt fest davon überzeugt, dass die Achse des Bösen wirklich existiert! Jene Achse verläuft nämlich diagonal durch unsere Wohnung im 12. Stock eines Moskauer Plattenbaus. Nun, woran erkennt man Terrorismus? Das ist eigentlich ganz einfach: Fanatismus mit erkennbarem Verlust der Gehirnaktivität, Ausbildungslager zur Nachwuchsförderung, asymmetrische Kriegsführung durch verteilte Terrorakte.

Gegen 9 Uhr drückt in der Wohnung unter uns eine fanatische Arbeitertochter auf den Power-Knopf des Fernsehers und markiert damit den Beginn einer 3-stündigen Ausbildungsphase für die heranwachsenden Terrorhelfer. Zu dieser unchristlichen Zeit liege ich im Bett und versuche fundamental auszuschlafen, als unter uns die Wahl auf das Programm “Cartoon Karaoke” fällt, und der geistige Vater zusätzlich die Verstärkeranlage aus Taiwan einschaltet. Unwillkürlich frage ich mich, warum dieses schwere Gerät nicht unter das Kriegswaffengesetz und entsprechendes Embargo fällt. Der Raum wird jetzt gänzlich von ca. 100dB Bumm Bumm erfüllt und man vernimmt die verzerrten Stimmen fanatischer Krieger, welche mit ihren Liedern Tsheburashka und andere Gottheiten anbeten.

Links über uns übt man sich, wie immer, in den Grundfertigkeiten jener stolzen Wüstensöhne: In vollständiger Extase bringt man eine geweihte Schlagbohrmaschine mit unbeschreiblicher Inbrunst auf einem zuvor nächtelang sprituell vorbereitetem Stück armierten Stahlbetons zur Anwendung, bis dieses nach höchstens 23 Minuten endlich der Festigkeitslehre entsagt. Gewöhnlich bedankt man sich sogleich mit mehreren gewaltigen Hammerschlägen auf selbige Wand und opfert zur Besänftigung des Elektrikers in halbstündiger Zeremonie einen frischen Staubsaugerbeutel.

Die Damen des Hauses entscheiden sich der Situation entsprechend zu einer groß angelegten Nahkampfübung und laden dazu in den örtlichen ГиперМаркет(Nicht Super- sondern HYPERmarkt!). An der Salattheke liegen die Nerven berits blank, als mehr als 20 Mitglieder verschiedener Stammesgruppen versuchen ihren Neujahrssalat zu erstehen. Die Friedenstruppen hinter der Theke sind ständigen, verbalen Angriffen ausgesetzt und lassen sich selbst bei Einkäufen unter 2000 Rubel den Paß zu jeder Geldkarte zeigen.

Vor uns versucht die Frau eines dubiosen Ehemannes vergeblich, mit der Kreditkarte desselben Kinderkleidung und Joghurt zu kaufen. Hier greifen zuverlässig alle Sicherheitsmechanismen der Allianz gegen Ladendiebe, Georgier und andere Terroristen und so nimmt man der Frau den kompletten Einkaufswagen wieder ab und läßt sie vom Sicherheitspersonal entfernen. Da schauen selbst genervte, rotnäsige Ehemänner verwundert herüber, während ihre verschlafenen Augen sich nach den Zeiten zurücksehnen, in denen es die Leinenpflicht für einkaufende Frauen gab.

Vor dem internationalen Obstabwiegestand entbrennt in der 200m langen Schlange ein Kampf um 2 Kubikmeter Altmandarinen, welche die Kontrahenten sich erdreisten, während des Wartens in gute und weniger gute zu sortieren, um selbige gleich mit abwiegen zu lassen.

Um das gelernte gleich zu Üben, werde ich, beladen mit 2346741 Plastetütchen, gleich in 3 weiteren Läden wartend zurückgelassen, um die Beute gegen das gemeine Fußvolk zu verteidigen. Selbst im dicht bevölkerten Пятёрочка habe ich keine Verluste zu verzeichnen und so entlassen mich meine Ausbilderinnen wieder nach Hause.

Inzwischen haben auch die Schergen der Nachbarwohnung ihre Vorliebe für Karaoke entdeckt und die Achse des Bösen erscheint vor meinen Augen eher wie ein Dreieck. Wehmütig denke ich an stockwerkzählende Bunkerbrecher gebe mich der asymmetrischen Übermacht geschlagen. Ich erhalte meinen Anteil der Beute in Form von Tee und russischem Kinderspeiseeis und begebe mich in intensive, psychologische und physiologische Direktbetreuung – worüber in meinem unbefristeten Ausbidungsvertrag allerdings Stillschweigen vereinbart wurde.

In diesem Sinne wünsche ich allen die Kraft und Vernunft den Gefahren des kommenden Jahres zu widerstehen. Und immer dran denken: Fernseher, Playstations und Trinkjoghurt mit zirkular polarisierten Lebendkulturen sind nur der Anfang…

P.S.: Eben sagt der Sprecher im Radio, dass jetzt, siebeneinhalb Stunden vor Neujahr, bereits sämtliche Ausnüchterungszellen der Moskauer Polizei hoffnungslos überfüllt sind. Wahrscheinlich wird man einfach ein bis zwei U-Bahnhöfe sperren und die selbstkonservierten Schnapsleichen dort bis zur Abholung durch die zuständige Ehefrau einlagern.

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You’ve been registered.

Dec29
2006
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Ich bin registriert! Dieses Jahr mache ich ja das gesamte Program des Dokumentenhandels mit, weshalb ich nun für noch einmal 700 Rubel in einem mir völlig unbekannten Hotel weit ab vom Schuß registriert worden bin. Den guten Service erkennt man sofort, wenn man zusätzlich zum Registrierungsstempel noch ein kleines Kärtchen mit der Adresse des Hotels bekommt – sozusagen als Grundlage für eine kleine Geschichte für den Ernstfall. Bezahlen muß man hier sowieso, ob man nun alle Dokumente hat oder nicht. Am frühen Nachmittag zur Kaffeezeit kostet es mit vollständiger Dokumentensammlung grundsätzlich 200 oder 300 Rubel, denn soviel braucht ein Millizionär mindestens, um einmal ordentlich mit seinem Kollegen Kaffee trinken zu gehen. Fehlen ein paar Stempel so muß man das Entgeld zusätzlich mit dem sogenannten Lust- und Launefaktor multiplizieren und erhält dann normalerweise eine Summe jenseits der 1000 Rubel. Für Georgisch aussehende Ausländer mit westlichem Paß, wird der Endbetrag grundsätzlich noch einmal quadriert, damit auch die drei umstehenden Millizionäre, welche zur Publikumsabschirmung bei der Geldübergabe auf dem belebten U-Bahnhof automatisch herbeieilen, ihren Anteil bekommen können. Korruption hat also einen entscheidenen Vorteil: Man braucht eigentlich gar keine Dokumente, es reicht eine volle Brieftasche und etwas Glück. Den Quatsch von wegen Stempel im Paß… Einreiseverbot… und was sie einem nicht alles auf der russischen Botschaft erzählen… alles Blabla.

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Hinterhofskellerbüro und anderes

Dec28
2006
Kommentieren Geschrieben von tiagra

Mein Visum war ja dieses Mal besonders teuer, doch dafür habe ich auch gleich eine Telefonnummer des befreundeten Reiseunternehmens bekommen, wo ich mich zur Registrierung vor Ort melden könnte. Ein Anruf sagte uns, dass die Frau am anderen Ende schlecht gelaunt war, und dass wir binnen 45 Minuten durch ganz Moskau rasen mußten, weil die Firma danach geschlossen in die Ferien ginge. Frühstück war dieses Mal nicht mehr drin und so sind wir dann gegen 14 Uhr an der Metro Smolenskaya angekommen. Wo ist nun die gesuchte Straße? Neben mir stand ein fragender Blick und in der Hand hatte ich einen rudimentären Stadtplan im Maßstab eines Globus. Na jedenfalls waren wir dann 20 Minuten zu spät in einem Moskauer Hinterhofskellerbüro bei der unfreundlichen Dame – morgen zwischen 16 und 18 Uhr hätte sie die einbehaltene Immigrationskarte bestempelt.

Zur Belohnung sind wir noch ins Kino gegangen – natürlich nicht ins Riesenmultiplex “Luxor”, welches in ein großes Einkaufscenter integriert ist, sondern gleich gegenüber ins “Baikonur”. Hier erwartet einen klassischer Chic der Sowjetära, gepaart mit wiederkehrenden Bauarbeiten an wechselnden Orten. Zur Zeit hat man zwei Drittel der Außentreppen neu gebaut und im Inneren ein paar unerklärliche Glaswände aufgestellt. Yana sagt, man schafft neue Orte um Geld zu verdienen. Ja, denke ich, wenn das so weiter geht, könnte man hier sicher einen internationlen Kohlenhandel aufziehen…

Der Film war sehr gut. Ein russischer Episodenfilm namens Жара, was man wohl in etwa mit “Bullenhitze” übersetzen könnte. Der Film zeigt einen heißen Sommer in Moskau, junge Leute und wie das Leben so spielt. Viele kleine Spitzfindigkeiten zeigen selbst in einem Kinofilm wahre Seiten der russischen Gesellschaft und man hat so seine Freude. Allerdings sagte man mir, dass der Regisseur ein Georgier sei, was eventuell den lockeren Umgang mit Kritik an russischen Verhältnissen erklärt. Bei aller Leichtigkeit verliert der Film nämlich nicht an Ernsthaftigkeit, denn der aufmerksame Zuschauer wird immer wieder durch geschickte Diaglogfetzen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Eingeprägt hat sich mir die Szene, in der ein amerikanischer Tourist erst einmal prophylaktisch ins Gefängnis geworfen wird und dort einen anderen Gefangenen mit einem italienischen T-Shirt aufgeregt fragt, ob er denn auch Tourist sei… dieser entgegenet trocken: “Net, Grusin” (Nein, Georgier)… Alles in allem ein sehr empfehlenswerter Film – für den interessierten Rußlandreisenden sowie den normalen Kinogänger.

Im Fernsehen läuft gerade Werbung einer Immobilienfirma. Angeboten werden Mietwohnungen im Plattenbau für 8300 Rubel pro Quadratmeter und Jahr. Rechnet man das auf eine 60m2-Wohnung, bezahlt man knappe 1500 EUR Miete pro Monat. Dafür bekommt man bei uns ein vollsaniertes Loft im Dachgeschoß eines schönen Altbaus im Szeneviertel nach Wahl. Die Einkommen in Rußland dürften bei ca. 1/10 der in Deutschland liegen, was solche Angebote aus unserer Sicht nahezu absurd erscheinen läßt… jetzt werden Digitalkameras vom MediaMarkt angeboten und ich schalte endlich um. Blend-a-med-Zahnpasta. Verdammte Axt!

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Endlich mal wieder Moskau

Dec26
2006
Kommentieren Geschrieben von tiagra

Eben hatte ich den netten Moldawier aus dem Flugzeug aus den Augen verloren, nachdem er mit seinen Stift für die Immigrationskarte geborgt hatte, nun stehe ich ihm im Flughafenbus auf den Füßen. Von hinten schiebt eine Gruppe deutscher Touristen und macht sich über die übrig gebliebenen Vokabeln aus der Schulzeit lustig. Draußen vermischt sich frischer Schnee mit dreckigem Matsch, innen steht die brabbelnde Menge in einer Wolke aus feuchtem Nebel, während aus dem Radio ein klebriges Sommerlied entweicht: “Letniy Doszhd”. In Moskau paßt alles.

An Grenzkontrolle gerate ich an eine junge Beamtin, vieleicht knapp über 20. Sie hat eigentlich ein sehr hübsches Gesicht, aber sie verzerrt es extra für mich, um richtig ernst auszusehen. Ich muß mir das Lachen verkneifen, als sie voller Ernst zuerst das falsche Visum scannt. Sie wird langsam sauer und entschließt sich für eine detailierte Überprüfung meiner Daten, während ich ihrer Kollegin bei der Kontrolle über die Schulter auf den Monitor schaue. Sieht gar nicht so kompliziert aus, was hat meine Beamtin nur? Nach geschlagenen 11 Minuten entläßt sie mich endlich mit einem angesäuerten Blick.

Yana hat über ihre Firma ein Auto besorgt, sodaß wir jetzt in einem schwarzen Saab durch Moskau schwimmen. Der große Autobahnring ist wie immer hoffnungslos verstopft und wir werden mind. 2h nach Hause brauchen. Die Straßen sind mit einer millimeterdicken Dreckschicht überzogen, welche langsam jedes Auto in ein feuchtes Dunkelbraun taucht. Volltarn im Straßenverkehr. Peinlich genau achten manche LKW-Fahrer jedoch darauf die Buchstaben und Zahlen ihres Kennzeichens hinten am Wagen freizukratzen, denn verdreckte Kennzeichen kosten Geld machen Ärger.

Nach anderthalb Stunden hält der Fahrer auf einer schleimigen Autobahnabfahrt an und macht die Motorhaube auf. Es dampft. Er kramt im Kofferraum und kommt mit einer Lampe wieder, welche ihm schließlich hilft, den völlig zerschlissenen Keilriemen der Wasserpumpe aus dem Motorraum zu operieren. Lächelnd erklärt er uns das Ende der Fahrt – kann jedem einmal passieren. Wie in Moskau üblich, stellt man sich einfach an die Straße und hält ein x-beliebiges Auto an, dennn irgend jemand braucht immer etwas Geld. Keine 5 Minuten später jagen wir in einem Lada mit abgedunkelten Scheiben durch das inzwischen nächtliche Moskau. Der Fahrer ist ein junger Mann im Sportanzug und sein Weg wird von zwei goldenen Ikonen in einem Wunderbäumchenwald auf seinem Armaturenbrett begleitet. Wie durch Zufall erkennt Yana den Namen einer Straße und so kommen wir schließlich nach Hause.

Das Haus wurde inzwischen renoviert. Mit spielerischer Leichtigkeit haben ein paar Bauarbeiter einen Kubikmeter heller Ziegelsteine vor dem Eingang zu einer Mauer drappiert, ja man könnte fast meinen sie hätten versucht die Wand zu verklinkern. Das elektronische Codeschloß der Tür wurde natürlich freigelassen, zumindest das Tastenfeld. Im Frühjahr wird dann ein Telekommunikationsingenieur mit einem rostigen Schraubenzieher die halbe Wand wieder einreissen – um die Klingelanlage zu reparieren.

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Danke fuer die Lesestunde :-)

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