Überall ist derzeit zu lesen, was der Präsident Rußlands neulich in München gesagt hat. Manche reden von einem neuen kalten Krieg, andere klatschen Beifall. Gerade in Westeuropa wird so mancher insgeheim gelächelt und Putin für seine Worte gedankt haben, weil er sie selber nie auf so brilliante Weise an die Öffentlichkeit hätte bringen könnten. Aber waren sie wirklich so viel wert? Putin erklärt recht glaubhaft und fast beängstigend den Unterschied zwischen persönlichen Beziehungen und staatlichen Umgangs, was die Sache mit dem kalten Krieg relativiert. Wahrscheinlich hat Bush das Manuskript zur gleichen Zeit mit einer handgeschriebenen Grußbotschaft im Schlafzimmerfaxgerät gehabt.
Recht hat Waldimir Putin aber schon, denn das angebliche Saubermannimage der USA geht nicht nur ihm mächtig auf den Senkel. Weltpolizeiliches Gehabe sowieso. Ob sich daran jetzt etwas ändern wird? Fraglich. Ändern wird sich nach den sensationell schlechten Umfragewerten des amerikanischen Präsidenten sowieso etwas, aber es wird wenig mit Putins Rede zu tun haben. Man ist sich in den USA sehr wohl darüber bewußt, wie grandios man gerade scheitert – nur wird die offizielle Presse noch lange zwischen den Ereignissen umherinterpolieren, sodass die eigentlichen Geschehnisse einfach im Dunkeln bleiben. Man will sich ja nicht mit aller Gewalt die Blöße geben. Insgeheim wird Bush schon seinen Abgang vorbereiten – der soll nur noch etwas Glanz bekommen, damit er sich danach bei Putin auf der Couch beim Kaffeetrinken für ehemalige Staatsmänner besser fühlt.
Gleiches macht doch auch der Herr Putin, denn auch seine Stunden sind gezählt. Sicherlich glaubt niemand, dass er seinen Nachfolger nicht sorgfältig auswählen wird und das Volk rein zufällig diesen auch wählen wird, aber etwas Glanz zum Schluß kommt immer gut. Gerade in Rußland kam diese Rede sicher auch gut an, was wiederum der Wahl seines Günstlings zu gegebener Zeit zugute kommen könnte.
Alles in allem wirkt Putin ungleich agliler und schlauer als viele andere Staatschefs in ihren Reden, wirklich beeindruckend. Man könnte ihn fast für einen netten Typen von nebenan halten, welcher einfach nur 100%ig auf dem Boden der Tatsachen steht. In Wahrheit haben sie ihm diese Fähigkeiten in langwieriger Ausbildung eingeprügelt und er ist heute in einer Position, wo er sie vorzüglich nutzen kann. Überraschend ist sein Allgemeinwissen über politische wie gesellschaftliche Situationen außerhalb der GUS, das kommt wohl von seinen traditionell engen Geheimdienstverbindungen. Auch seine Anspielungen auf Informationen zu amerikanischer Entwicklung von Offensivwaffen lassen vermuten, dass sich an den Machenschaften der Geheimdienste seit 1990 rein gar nichts geändert hat. Der Fall Litvinenko/Sacramella unterstrich das ja nur. Spätestens seit dem Politkovskayadebakel glaube ich allerdings schon, dass es in Rußland Kräfte jenseits von Putins Kontrolle gibt, die sich vielleicht aus besseren Tagen sogar noch kennen. Putin ist ja nicht dumm – ganz im Gegenteil. Ich unterstelle einfach: So flach hätte er es bei seiner (Aus)bildung nicht angestellt – die arme Frau wäre sicherlich weit natürlicher verstorben. Ich schätze in 50 oder 100 Jahren wird dann wieder jemand ein paar declassified documents aus den Archiven kramen, und erst dann werden wir erfahren wie der Hase lief. Oder auch nicht.
