Viiiieeel zu spät, treffen die beiden endlich bei meiner Mama ein. Natürlich waren wir schon seit Stuuunden wach und haben gewartet. Haha. Nun denn, technisch gesehen, sind wir ein Gespann wie es ungleicher nicht sein könnte. Eine Syncro-Rohkarosse auf etwas größeren Rädern und moderater Höherlegung, einem nicht-aufklappbaren Weinsbergdach und hurtig reingestellten Uraltmöbeln, einem TDi und keinem Radio steht ein voll ausgestatteten Multivan gegenüber, welcher auf 185er Reifchen von Sarahs Schlachtwesti durch die Gegend rollt, eben erst einen 2.0l Golf GTi Benzinmotor samt Edelstahlauspuffanlage verpaßt bekommen hat und nach 6-jähriger Standzeit und 500 Probekilometern das erste Mal wieder richtig rollt. Profigalaktisch hat Stephan seinem Schätzchen noch neue Radlager verpaßt und die Bremsen überholt. Hauptbremszylinder und Kupplungsgeber nehmen wir vorsorglich mit, wer weiß wie soetwas nach 6 Jahren Standzeit reagiert. Bei mir hat der Billigzylinder an der Kupplung keine 20tkm gehalten, also werfe ich auf die Schnelle wieder einen rein, das muss für die Reise reichen. Sarahs Syncro soll noch beim Karossoriebauer abgeliefert werden, damit er während der Reise ein paar Löcher verliert. An der ersten Tankstelle auf der Autobahn steigt sie schon total entnervt aus dem Auto: Scheibenwischer geht nicht mehr aus und jetzt startet die ganze Karre nicht mehr. Na das ist ja ein toller Anfang. Ein Griff hinter die Zentralelektrik fördert einen nur halb gesteckten Zentralstecker zutage und für Sarah ist die Welt wieder in Ordnung – zumindest bis zum nächsten Hügel, an welchem wir sie aber wohlwissentlich mit ihrem 69PS-Moppel nicht stehenlassen. Wir sind ja sooo nett. Wie sagt Kashi immer? “Jauchepumpe”. *kicher*

Diverse furchterregende Russlandratgeber haben uns zum Kauf von Feuerlöschern und diversen anderen angeblichen Pflichtuntensilien bewegt – was jedoch niemand von uns hat: Einen D-Aufkleber für’s Heck. Wir spekulieren auf die letzten Tankstellen vor Polen, doch daraus wird nichts. Schengen und die EU haben sämtliche D-Schilder verschwinden lassen.

Warten auf ein D-Schild...

Direkt nach der Grenze kommen die traurigen Überreste einstiger Schwarzmarkthöllen und eine solche ist unser erstes Ziel: D-Aufkleber! Nach einigem Suchen wird Stephan fündig und ergattert für den Traumpreis von 5 EUR ein magnetisches D-Schild. Preislich ein Schlag ins Gesicht, aber immerhin hat er einen Aufkleber! Sarah geht gleich ersteinmal verloren und so stinken wir uns mangels Absprache auch schon kurz an. Von meinem Papa habe ich mir 2 recht gute PMR-Funkgeräte ausgeborgt, welche wir jetzt für die Kommunikation zwischen den Fahrzeugen nutzen. Über Chojna rollen wir in die polnische Pampa zur ersten Tankstelle. Billiger Sprit – der Reisegrund überhaupt! Bald fängt es an zu regnen, bald an zu schütten und nach kurzer Zeit regnet es nur noch Schweinebärchen. Die Straßen verwandeln sich bei diesem Wetter in abenteuerlicher Huckelpisten und wir verfluchen leise dieses grausige Land.

Wir können uns nicht so recht zu einem Stop entschließen und die Nacht wird immer dunkler. Es ist mittlerweile halb 12 und beiläufiges Stöbern auf der Osteuropakarte des TomToms fördert einen “Wohnmobilstellplatz” zutage – auf der letzten Halbinsel vor Kaliningrad, schlappe 150km vor uns! Kurz darauf bedeutet ein Pfeil auf dem Display energisch nach links in die Pampa und ich rolle bedenkenlos in die angegebene Richtung. Die Straße führt durch ein Dorf, führt aus dem Dorf, führt ins Feld und weiter ins nächste Feld. Wurzeln haben die 2m breite Piste in ein abenteuerliches Stück Untergrund verwandelt und so kriechen wir mit 30 durch die Dunkelheit. Stephans Stimme klingt leicht säuerlich aus dem Funkgerät, aber ich hoffe ihnen mit einem perfekten Wohnmobilstellplatz entgegnen zu können. Hoffentlich der letzte vor Russland, harhar.

Wir warten auf den Multivan, weil Stephan inzwischen Schrittgeschwindigkeit fährt, um sich nicht den kompletten Bauch aufzureissen. Insgeheim freuen wir uns tierisch über die Abwechslung, den gerade erst neu montierten Unterfahrschutz mit Zusatzplatten unter Getriebe und Kardanwelle. Die Karte im Nachtmodus zeigt einen Fluß und unsere Route mittendurch. Brücke also. Hier in der Pampa? Gut, der Weg verwandelt sich in Schlamm und Loch, wir brechen durch ein unbefestigtes Flußufer und ich warte darauf, dass mir ein aufgeschreckter Kaiman die Frontscheinwerfer zerschlägt- Ah nee, falscher Film. Also jedenfalls ist es schlimm. Zumindest für Stephan und Anne. Warum? Es gibt keine Brücke! Wir stehen mit der Stirnlampe am schlammigen Ufer und leuchten über’s Wasser. Gesprochen wird nicht mehr viel, vielleicht fängt man sich ja eine vom Gegenüber? Wir schlagen vor, mit dem Syncro dem bis zur Unkenntlichkeit verschwindenen Pfad am Ufer zu folgen, um vielleicht doch noch eine Brücke zu finden – “Zur Not ziehen wir Euch da durch!” Denkste. Nach 300m steckt die Karre knöcheltief im Flußschlamm und wir wühlen uns mit Allrad und Sperre wieder zurück zum Ausgangspunkt. Schwein gehabt. Irgendetwas macht bei belastetem Allrad unter der Vorderachse laut schlagende Geräusche, aber auf der Straße läßt sich das nicht reproduzieren. Egal, es ist dunkel und naß, weiter geht der wilde Ritt.

Auf Umwegen finden wir morgens um 4 endlich auf die gewünschte Halbinsel und fallen aus allen Wolken. Hier ist Ballermann 7 angesagt, alles voller Hotels und die Küste komplett zugebaut. Natürlich sind alle Campingplätze zu und zur Feier des Tages fallen bei Stephan das Abblendlicht und der Scheibenwischer aus. Stephan hat jetzt so richtig sein Fett weg. Wie Anne das bis zum Morgen wieder hinbekommen hat, kann man nur vermuten… Wir schlafen direkt an der Küste auf einem Parkplatz mit Parkuhr. Ein paar polnische Münzen retten uns vor dem frühen Aufstehen. Gute Nacht.

Es ist 2:45 nachts und ich vermisse mein Portemonaie. Heute um 10 wollen wir endlich mit fast 10 Tagen Verspätung Richtung Baltikum und Kola aufbrechen und jetzt fehlt das verdammte Ding. Noch einmal Nachdenken: In der Werkstatt Ersatzteile und Werkzeug eingeladen, dann aus der Wohnung Klamotten und Kühlbox geholt, auf dem Weg zu Mama bei McDonald’s schnell etwas eingeworfen und dann ab in die Garage um letzte Vorbereitungen am Auto zu treffen. Später die 2 verschiedenen GPS-Tracker konfiguriert und alle wichtigen Personen zu deren Benutzung eingeladen. Alles gut.

Werkstattromantik spät nachts...

Nur wo ist das verdammte Portemonaie? Alle Dokumente sind da, Visum im Paß, Autoversicherung für Russland wollen wir uns direkt an der Grenze kaufen, da Russland auf sämtlichen grünen Karten gestrichen wurde. Die HuK hat mir heute zusätzlich noch eine Kasko-Versicherung aufgrund des Wertgutachtens für meinen Syncro verwehrt, sodass ich über die installierten GPS-Tracker doppelt froh bin. Eigentlich ist es auch kein so großer Unterschied, da die Versicherung in den relevanten Gebieten (Russland…) sowieso nicht gegolten hätte und die an der Grenze nachgekaufte nur eine Haftpflicht beinhaltet – also: Auto nicht aus den Augen lassen.

Ich werfe mich in das gepackte Auto und rase zur Werkstatt. Die Stirnlampe war schon eingepackt, also suche ich damit jeden Zentimeter nach dem verdammten Portemonaie ab – Nichts. Ich fahre noch einmal in meine Wohnung. Von meiner Mitbewohnerin hatte ich mich eigentlich schon verabschiedet, da bin ich wieder – morgens um halb 4. Aber auch hier ist nichts zu finden, außer ein völlig verkramtes Zimmer, welchem in aller Eile aus jeder Ecke ein paar wichtige Reiseutensilien entrissen wurden. Hinter der Kühlbox (gut, woanders auch…) lag schon Staub – ich sollte öfter reisen.

Bei McDonald’s machen sie gerade sauber, aber niemand will mich sehen. Ich laufe wild gestikulierend durch den McDrive, bis mich endlich jemand sieht. Ich muß furchterregend dahergekommen sein, denn die Frau hat panische Angst und so schreien wir uns durch die Scheibe an. Sie versteht mich nicht. Irgendwann öffnet sich der Spalt am Schalter für einen Millimeter und ich kann ihr mein Anliegen mitteilen. Ihr Gesicht entspannt sich merklich. Ich will ihr nicht das Portemonaie rauben, sondern frage höflich nach dem Verbleib meines eigenen. Sie ruft nach hinten und die Antwort kann ich auf ihrem Gesicht schon ablesen: Nichts. Wo zum Geier…

Enttäuscht und sauer trete ich wieder ins Zimmer und überlege was ich denn Schlaues in einer SMS an Stephan und Anne schreiben könnte, um irgendwie die Beantragung eines neuen Führerscheins und die weitere Reiseverzögerung zu rechtfertigen. Ich sacke auf dem Bett zusammen und denke noch einmal über den gepackten Bus nach. Mir kommt die Sparvariante des T3-Handschuhfachs in den Sinn: Ein simpler Kunststoffeimer, welcher mit ein paar Schräubchen direkt vor dem vorderen Querträger unterm Armaturenbrett baumelt – sozusagen die Krönung des Sparprogramms für Postfahrzeuge und ähnlich spartanisch zusammengeschossene Gruppenverkaufsobjekte. Ich renne zum Bus und greife in den Querträger: Das Portemonaie. Verflucht! Ab ins Bett, den Termin mit Stephan und Anne haben wir nicht verschoben – das kann ja heiter werden.

Die Nacht verlief eigentlich ruhig, doch sie endete jäh. Morgens um 8 werden wir nicht von der Hitze aus dem Bus getrieben, sondern von Motorengeräuschen. Plötzlich haben wir das Gefühl, mitten auf einer Kreuzung zu stehen. Draußen stehen mind. 5 Marschrutkas, ständig kommen neue und andere verlassen den Platz. Was zum Geier geht hier vor? Wir haben es tatsächlich geschafft, mitten in der Nacht einen der wenigen Sammelplätze für Marschrutkas als Schlafplatz zu wählen. Es ist eigentlich ganz ruhig und gelassen, aber das Geschäft ist in vollem Gange. Die Marschrutkas treffen zu ihrer ersten Fahrt an diesem Morgen ein, nehmen die ersten Gäste an Board und ein etwas verwirrt dreinblickender, alter Mann springt mit einem Notizblock und einer Stopuhr von Wagen zu Wagen, um etwas aufzuschreiben. Am Rande des Platzes steht eine Art Restaurant, welches allerdings leer und in einem rohbauartigen Zustand ist. 5 Minuten später treffen wir zum ersten Mal Sahid.

makhinjauri

Sahid ist ein kleiner Mann mit fescher Sonnenbrille, Hemd und Bügelfalte. Er scheint hier der Chef zu sein. Er spricht natürlich fließend Russisch und freut sich sehr über uns. Er hat auch einen Hang zum Halten kleiner Vorträge und wir hören geduldig und interessiert zu. Wir erfahren, dass wir uns hier in einem Dorf namens Makhinjauri befinden und noch dazu mitten auf seinem Grundstück. Das findet er gar nicht schlimm, nur sollen wir die Busse etwas beiseite stellen, damit wir den Marschrutkas nicht im Weg stehen. Nach dem Rangieren essen wir Frühstück und neben uns baut Sahid einen kleinen Tisch auf. Mit den ersten Marschrutkas kommen ein paar seiner Kumpels aus der Stadt herauf und so beginnt nach wenigen Minuten ein wildes Spiel Backgammon. Manche schauen zu, andere spielen, rauchen tun sie alle. Man ist nachdenklich und begeistert, gibt Ratschläge und freut sich überschwänglich, sodaß man uns völlig zu vergessen scheint.

backgammon

Während die anderen die Gelegenheit nutzen um eine Art Kräutergarten unter uns am Berghang zu erkunden, setze ich mich zu den Männern und schaue zu. Anfangs wenig beachtet, später scheu mit kurzen Worten zum Spiel eingeladen. Leider habe ich noch weniger als keine Ahnung von diesem Spiel, und so hat es sich denn auch erledigt mit dem Spielen: Jetzt bringen mir alle gemeinsam und auf einmal Backgammon bei. Ich spiele mit einer ganzen Meute gegen einen weißhaarigen, freundlichen Opa. Eigentlich spiele ich gar nicht, denn jeder meiner Helfer zuckt bei jedem Zug zusammen und zeigt mir unter wilden strategischen Erläuterungen sogleich wie er es machen würde. So schlagen wir gemeinsam den Kumpel haushoch. Ich hätte auch gar nicht so richtig spielen könnemm weil ich die ganze Zeit meine Kamera in der Hand gehalten habe. Nach dem haushohen Sieg setze ich mich daneben und kann endlich tun, was ich sowieso machen wollte: Ungestellte Fotos dieser lustigen Runde machen.
Mein Campingstuhl von Real erfreut sich übrigens größter Beliebtheit und so sitzen nach und nach alle einmal Probe. Besonders der Bierflaschenhalter hat es Ihnen angetan – soetwas hatten Sie noch nicht gesehen!

probesitzen

Inzwischen sind die anderen zurückgekommen und wir benutzen die aufgelockerte Stimmung sogleich, um Erkundigungen über unseren weiteren Weg einzuholen. Während Sahid und Piotr die Karte mit unserem Weg in den Kaukasus studieren und unbedingt sehenswerte Orte erläutern, testet mein Backgammon-Gegner unser Fernglas.

fernglas

Wo wir schon bei Sehenswürdigkeiten sind: Was haben wir eigentlich von dieser Gegend hier schon gesehen? Hmm… eigentlich nichts… durch den Hafen sind wir gelaufen. Sogleich fallen allen wichtige Sachen ein, die man unbedingt gesehen haben müßte. Letztendlich einigen wir uns darauf, dass man uns das Dorf ihr Thermalbad mit dem wundersamen Rheumawasser zeigt. Also laden wir Sahid und seinen Kumpel in die Busse und fahren los. Sahid wie immer in cooler Sonnebrille und extra frischem Oberhemd, der andere etwas formloser.

sahid

kumpel

Wir fahren durch kleine, unbefestigte Straßen irgendwo am Hang dieses Hügels durch das Dorf. Alle Gärten sind voll bewachsen und ein wenig sieht es so aus, als würde die Natur wieder langsam die Oberhand gewinnen. Neben der Straße kuckt ein Rohr aus dem Hang, welches über dem zu einer Schlammkuhle erweiterten Straßengraben endet. Mitten in der Kuhle steht ein kleiner Stuhl, wie ich ihn aus dem Kindergarten kenne, fast bis zur Sitzfläche eingesunken und darauf eine alte Frau. Sie hat den Rock hochgenommen und massiert ihre Knie unter dem plätschernden Wasser aus dem besagten Rohr. Sahid erklärt, dass hier an mehreren Stellen dieses Berges das wertvolle Mineralwasser zutage tritt und die Menschen mit weniger Geld so statt eine Gang in Thermalbad auch ihre Schmerzen lindern. Wir sind beeindruckt und rollen weiter in Richtung Thermalbad.

Auf dem Weg biegen wir plötzlich ab und halten vor einer umzäunten Betonplatte. Sahids Freund erklärt uns, dass dies ein Denkmal für 6 Deutsche Soldaten und ihren Offizier wäre, welche im Krieg von den Russen erschossen worden waren. Er scheint große Stücke auf die Gefallenen zu halten und erklärt uns die Lücken in der Mauer: Die Gedenktafeln sind gerade zur Reparatur und kommen bald wieder!

denkmal

Während er so spricht, laufe ich rückwärts die Treppe hinunter und stolpere so, dass ich meine Kamera verliere und diese dumpf auf den Beton aufschlägt. Es ist das Ende der ersten Woche und ich habe mir das Objektiv angeknackst. Kamera funktioniert, Objektiv kann nur noch Weitwinkel und hat eine kaputte Springblende. Jetzt bin ich richtig begeistert. Frustriert geht es weiter.

Hinter einem großen Eisentor befindet sich eine kleine, parkähnliche Anlage, welche genauso verwachsen ist, wie die ganze Gegend. Das Haus hat zwei Stockwerke und blättrige, weiße Farbe sowie offen stehende Fenster. Alles in allem sieht es nicht nach Thermalbad aus. Davor im Hof läßt sich noch der Glanz vergangener Zeiten an einer wunderschönen Freiluftduschenruine erkennen.

thermalbad

freiluftdusche

Nach ein paar Gesprächen mit den Betreiberinnen in den weißen Kitteln stellt sich schnell heraus: Wir sind ganz schön viele! Dieses Bad wird tatsächlich von vielen Menschen regelmäßig besucht und so kann man uns nur anbieten, die ganze Gruppe nach und nach parallel durchzuschleusen. Damit das Warten nicht so schwer wird, trägt man uns allerlei Gestühl aus dem Haus und so sitzen wir ein paar Minuten später fröhlich kochend vor dem Thermalbad. Nur das Wasser direkt aus dem Bach neben dem Haus sollen wir nicht nehmen, das sei von einer nahegelegenen Fabrik verseucht.

essen

Nach und nach werden wir zu halbstündigen Badezeremonien hereingerufen. Die, die noch draußen warten, können es kaum erwarten. Ich werde zusammen mit Piotr gerufen und man weist und den Weg in eine Art Badezimmer. Die Luft ist warm und feucht, alles ist gelb gefliest. Hinter uns fällt die Tür ins Schloß und von draußen ruft es, dass man uns dann wieder holen würde. Zur Probe gibt es ein lautes Klopfen an der Tür, das würde dann unser Zeichen sein. Ok, also raus aus den Klamotten und ab in den nächsten Raum. Es bietet sich ein unbeschreibliches Wellness-Ensemble von bestechender Einfachheit. Der Raum ist auch gelblich gefließt, jedoch wurden die Fliesen – wie hier überall – im traditionellen Weitwurfverfahren an die Wand befördert. Ich bin wieder begeistert und erinnere mich an das Studentenwohnheim und die Universität in Moskau. Über der Tür hängt ein Kabel aus der Wand, an welchem eine 200W-Glühbirne hängt. Ja, sie hängt dort einfach so. Feuchtraum? Warum, fließt doch kein Wasser über die Kabel… Auf der gegenüberliegenden Seite gibt es eine Art Fenster, welches so hoch ist, dass ich nur mithilfe der Digitalkamera herauskucken kann: Wir befinden uns offensichtlich im Kellergeschoss und draußen gibt es nur Stein und Geröll, welches sich die schmerzenden Glieder in Mineralwasserpfützen kuriert. Das Bad nimmt man in einer Badewanne, wie man sie von zu Hause kennt. jede Wanne ist hier anders und einen Stöpsel gibt es schon seit langem nicht mehr. Stattdessen liegt auf der Abflußöffnung ein Stück Linolium, welches durch die viele Benutzung schon ganz runde Ecken bekommen hat. Funktioniert perfekt! In jeder Wanne mündet ein direkt aus der Wand kommender, schwarzer Schlauch, aus welchem ununterbrochen das warme Wasser in die Wanne sprudelt. In manchen Zimmern soll es sogar Hähne zum Abstellen des Wassers gegeben haben. Nach einwöchiger Autofahrt und dreckiger, türkischer Küste ist das hier das Paradies. Beherzt springen wir in die Wannen und lassen uns das warme Wasser bis in die Ohren laufen. Mit dem Kopf auf dem Rand und geschlossenen Augen liegen wir nun da, wohlige Wärme durchströmt die Glieder und wir denken wohl alle in etwa das Gleiche: Was erlebt man nicht alles… wer hätte das gedacht… wunderbar…

im_bad

Nach viel zu kurzen 45 Minuten hämmert es von draußen gegen die Tür und wir werden aus den Träumen gerissen. Eilig tapsen wir nass und benommen aus der Bad. Jetzt essen, dann Bett, aaaaaahhhhhhhhhhhhhh.

Um möglichst viel von der Türkei schnellstens hinter uns zu lassen, haben wir in Istanbul eine 24h-NonStop-Fahrt beschlossen. So prügeln wir die ganze Nacht mit unzähligen LKW-Fahrern auf irgendwelchen Baustellenpisten durch die Türkei. Geschlafen wird abwechselnd hinten im Bus, während der wilde Ritt über Samsun und weiter an der Küste Richtung Georgien geht.

beach_tr

Geschlafen haben wir dann irgendwo weit im Osten der Türkei auf einem steinigen Strand, welcher mehr Müll als Steine besaß. Das Meer selbst war eigentlich ganz sauber und so gingen wir erst einmal Baden. In der Morgensonne tauchen allerlei Gestalten auf und gehen ihrer Arbeit am Strand nach: Verschleierte Frauen sitzen auf großen Folien, wo sie Früchte zum Trocknen in der Sonne ausgebreitet haben. Man pult, man schichtet um, man unterhält sich und nebenbei wirft man ein Auge auf uns und die Kinder. Da es die Kinder vor lauter Neugier nicht mehr aushalten, stehen sie alsbald bei uns an den Bussen und bestaunen wortlos alles was wir haben. Besonders beeindruckend sind immer der kleine Kühlschrank und das ausklappbare Bett. Die Kinder sind sehr freundlich und etwas scheu. Wir versuchen uns zu unterhalten, aber es ist nichts zu machen. Erst als wir losfahren wollen, geben wir uns die Hand und haben damit so ziemlich das erste Handzeichen zur Kommunikation entdeckt :) Piotr holt eine Sonnenbrille aus der Tasche und setzt sie einem Jungen auf. Er ist begeistert und strahlt über das ganze Gesicht. Wir rollen langsam los und der Junge schaut uns zugleich verwundert und fragend an – sollte er die Brille tatsächlich behalten? Wir geben ihm erneut die Hand und klopfen ihm auf die Schulter, sodaß er schließlich versteht. Als wir die Landstraße erreichen, sehen wir noch im Rückspiegel wie der Junge freudestrahlend winkt, um dann sogleich stolz wie ein sonnenbebrillter Spanier zu seiner Familie zu rennen. Die Frauen stehen auf und winken uns auch. Wir hatten kein Wort mit ihnen gewechselt.

handshake

Wir rollen weiter an der Türkischen Küste entlang Richtung Moskau, als wir direkt an der Straße einen großen Wasserfall sehen. Die Zeit nehmen wir uns noch, und so waschen sich einige von uns auf spektakuläre Weise das Salzwasser von der Haut:

waterfall_01

waterfall_2

Noch halb naß geht es weiter zur Grenze. Schon sehen wir LKW-Rückstau, aber den lassen wir einfach hinter uns. An der Grenze in Sarp erwarten uns gleich ein paar nette Georgier, welche uns schon mal mit Landeswährung versorgen wollen – wie überaus zuvorkommend.

border

Wir stehen vor dem ersten Tor und reichen unsere Pässe hinein. Man kontrolliert kurz und das Tor öfnet sich. Vor uns stehen lauter herrenlose Autos und es gibt hier und da ein Häuschen, an welchem irgendwelche Formalitäten erledigt werden müssen. Ein freundlicher Mann fragt uns ob wir Hilfe brauchen und irgendwie schickt er uns 2 min später von einem Haus zum anderen. Die Reihenfolge ist wichtig, und, dass der Fahrer getrennt von den Mitfahrern behandelt wird. Als wir dann die Einreiseformalitäten hinter uns haben und zum Zoll rollen wollen, will der nette Mann plötzlich $50 pro Fahrzeug von uns haben. Wir sind entsetzt, wie normal solche Schlepper aussehen und ärgern uns maßlos, gleich in den ersten 2 min einem Musterexemplar dieser Gattung aufgesessen zu sein. Ohne Russischkenntnisse wären wir jetzt relativ schlecht dran gewesen, doch so kommen wir letztendlich mit genau $2 und bösen Blicken davon.

Der Zoll macht regelrecht Spaß. Nachdem wir erst noch einer Beamtin die geplante Reiseroute angegeben haben, rollen wir in eine Art Carport mit viel Licht. Plötzlich scheppert es neben uns gewaltig: Ein Reisebus hat die Höhe etwas überschätzt und hat ca. 5m2 Glas vom Dach des Zollhäuschens gerissen. Die Stimmung ist sofort viel lockerer. Unsere Autos sind natürlich furchtbar interessant und der Zöllner ist sehr nett. Wir unterhalten uns über alles mögliche und füllen derweil mit viel Gelächter die original Georgischen EInfuhrdokumente aus. Wir verstehen absolut gar nichts. Georgische Schrift sieht aus wie eine Verirrung zwischen Arabisch und Picasso – sehr hübsch, aber weeeit jenseits des Deutschen oder Polnischen.

Nach weniger als 2 Stunden sind wir ohne nennenswerte Probleme nach Georgien eingereist. Die Wartezeit war unter anderem durch einen abgestürzten Computer an der Passkontrolle zustande gekommen, wo 5 Beamte beim Hochfahren von Windows XP auf einen laaaangwierigen Viruscheck von Norton Antivirus warteten… Nähe zum Westen hat also nicht nur gute Seiten – der Fluch kam in Form von Windows praktisch gleich mit dazu.

Unter neugierigen Blicken der im Meer badenen Bevölkerung fahren wir Richtung Batumi. Diese Hafenstadt hat sich in letzter Zeit mächtig gemausert. Intessanterweise wurde die komplette Stadtverwaltung mit viel Geld renoviert und alle Polizisten fahren nagelneue Autos mit vel Weihnachtsbaumbeleuchtung. Es gibt auch auffallend viel Polizei, welche mit größer Sorgfalt durch die Stadt patroulliert. Abends leuchtet der Hafen überall, Diskotheken und Café laden ein und hier und da stehen merkwürdig amerikanisch aussehende Lichtskulpturen herum. Neonfarben so schrill wie ein CocaCola-Weihnachtstruck sind an der Tagesordnung.

Wir halten in einer Seitenstraße und gehen in eine sehr ruhig aussehende Kneipe. Innen ist alles recht spartanisch doch die bildschöne Kellnerin ist sehr nett. Wir wollen jetzt mal was echt Georgisches essen. Am besten total authentisch. Solche Forderungen sind übrigen Anjas Spezialität: Mitten in den Touristenrummel springen und was total authentisches suchen. Nun denn, wir haben Glück, die Mama von der Kellnerin nimmt Anja mit in die Küche und zeigt ihr den Inhalt ihrer Töpfe. Mit Fingerzeig wird alles mögliche ausgesucht. Bald sitzen wir auf Plastestühlen an einem großen Tisch und ich schaue gebannt auf den kleinen Fernseher oben unter der Ecke. Es läuft kunterbuntes, russisches Musikfernsehen und ich fühle mich gleich wie zu Hause. Überhaupt ist es in Georgien sofort angenehm, denn man versteht etwas und man wird verstanden. Einfach wunderbar.

fish

Nach einer Weile kommen Fisch und allerlei Kleinkram, und, was wir sehnlichst erwartet haben: Limonade aus Kazbek. Davon hatten wir schon im Internet gelesen und wir wollten sie unbedingt testen. Bald stellt sich heraus, dass der Geschmack durchaus brauchbar ist. Allerdings merken wir auch sofort, dass man bei den Sorten seeehr vorsichtig sein muß. Ich erwische eine unscheinbar aussehende Flasche, welche aber auf dem Etikett noch einen kleinen Schriftzug aufweist: Cream steht doch geschrieben, und es markiert die Hölle der Limonadenwelt. Dicker Pelz legt sich mir auf den Gaumen und der durchdringende Geschmack von Süßstoff läßt im Gehirn sofort die Auswertung sämtlicher Nerveninformationen unterhalb der Kopfhaut einstellen. Nach kurzer Wiederbelebung biete ich meine Flasche meinem Freund Piotr an, welcher sie alsbald freundlichst lächelnd an seinen lieben Kumpel Dominik verschenkt. Merke: Kazbegi-Limonade schmeckt gut, aber man darf auf keinen Fall die Variante cream erwischen. Diese Lektion hat uns im späteren Verlauf der Reise noch einige Male vor Unheil bewahrt.

Da es mittlerweile schon Dunkel ist, suchen wir dringend einen Schlafplatz. Zu diesem Zwecke fahren wir ersteinmal aus der Stadt hinaus und biegen dann einfach irgendwo auf eine kleine Straße ab. Man sieht nur noch das, was unsere Scheinwerfer erleuchten und schon rollen wir im ersten Gang spiralförmig einen Hügel hoch. Links und rechts ist eigentlich nur Wald und ab und zu sieht man unten im Tal den Hafen von Batumi leuchten. Oben angekommen finden wir einen kleinen, asphaltierten Platz nebst verlassenem Restaurant vor. Wir treffen keine Menschenseele und sehen auch kein Licht, also beschließen wir zu bleiben. Die Busse werden etwas am Rande des Platzes aufgestellt und so gehen wir schlafen. Endlich ist die Anfahrt vorüber, wir sind in Georgien – der Kaukasus kann kommen!

Dieser Beitrag wurde von mir versehentlich gelöscht. Jetzt ist er aus 2 Browsercaches wieder auferstanden. Danke an Pylon und nÄgÄ! Als Zugabe noch ein weiteres Foto.

istanbul

Nach einer ruhigen Nacht auf dem Parkplatz soll es heute in die Stadt gehen, einmal volles Touristenprogramm. Wir laufen ersteinmal in Richtung Wasser, vorbei an Tee trinkenden Menschen in noch halb geschlossenen Läden. Jetzt ist es noch nicht so warm und alles ist gut. Bald erreichen wir eine der Autobahnbrücken aus der letzten Nacht und verstehen sofort, warum wir hier nichts gefunden haben: Es ist einfach ein unglaubliches Wirrwarr. Die Straßen kreuzen sich in wilden Bögen, Brücken und Tunnel erschweren abwechselnd die Übersicht. Bei Tag gibt es zudem noch viel mehr Autos und, ja genau, Sackkarren.

wirrwarr

Hier gibt es Sackkarren in allen Formen. Antike Stücke sind in der Mehrzahl, doch alle teilen ein gemeinsames Schicksal: Sie werden hoffnungslos überladen. Zu der Familie der Sackkarrae gehören auch die Handkarren, welche zumeist mit 3 oder 4 Rädern unterschiedlicher Bauart versehen sind. Handkarren sind friedliebende Tiere, welche auch sehr rauhes Klima dauerhaft überstehen. Sie brauchen zwar Öl und Farbe, aber sie leben auch ohne. Kurz vor dem Aussterben wird die Spezies der Karren oft durch einen Vertreter der Homo Sapiens mittels Schweißgerät verunstaltet, was ihnen weitere Zeit mit unsäglicher Verkrüppelung auf dieser Erde beschert. So werden sie, mannshoch mit Säcken, Kisten und mannigfaltigen Auslagen bestückt, in Schrittgeschwindigkeit durch die Straßen geschoben, um ihren Besitzern ein paar Lira zu verdienen. Je geschickter der Besitzer, desto abenteuerlicher sein Fahrstil. Während in Westeuropa die Menschen durch Autos sterben, hat hier eindeutig die Sackkarre das Sagen in den Statistiken.

sackkarre

Wir wechseln schnell an der erstbesten Bank etwas Geld, denn wir wollen in die Altstadt. Mittlerweile steht die Sonne höher und es wird unangenehm heiß. Wir kaufen ein paar Chips für den Straßenbahn und fahren 4 Stationen Richtung Topkapi. Jener Palast ist mir noch aus gleichnamigem Film bekannt und ich will ihn unbedingt sehen. Vor dem Tor stehen schon 7 Busladungen Touristen und so sehe ich nichts vom Palast. Die Sonne steigt immer höher und die Straßen füllen sich mit tausenden von Händlern. Überall gibt es Krams zu kaufen – von der Mütze bis zur Postkarte, von Dolchen bis zu Wasserflaschen. Wasserflaschen avancieren übrigens zu Goldflaschen. Die Sonne brennt unaufhörlich und die Wasserpreise steigen ins Unermessliche. Touristen werden gemolken wie Geldkühe und das Leben der Händler macht auf einmal richtig Spaß. Wasserflaschen gibt es jetzt an jeder Ecke und klimatisierte Reisebusse kippen unaufhörlich ihre schrille Fracht in die Altstadt.

something

Ich schleppe meine Kamera schweißtriefend durch die Altstadt, doch fotografieren tue ich kaum. Alles bunt, alles schrill, alles Tourismus – ich will hier weg. Auf einer Baustelle entdecke ich Dachziegel und auch einen schönen Holzstapel – das werden ein paar der wenigen Fotos aus der Altstadt.

dachziegel

holzstapel

Als wir genug von Moscheen haben, beschließen wir den Basar aufzusuchen. Anja juckt die Kauflust schon in den Fingern und so nehmen wir die Straßenbahn, um keine Zeit zu verschwenden. Dort angekommen genehmigen wir uns erst einmal einen echten Kebab und sind überrascht – schmeckt gut, sogar mit Hammel. Also richtig gut. Aus Berlin ist man ja einiges gewöhnt, doch das war noch einen Zacken besser. Vielleicht einfach etwas anders, etwas ursprünglicher, wenn man so will. Oder auch einfach ungewohnt.

Der Bazar ist ein riesenhaftes, überdachtes Gelände. Das muß man sich natürlich nicht wie einen Flughafenhangar vorstellen, sondern eher wie ein Gewölbelabyrint. Alles besteht aus Bögen, größtenteils mit kleinen blauen Steinchen verziert – sehr hübsch! Links und rechts und oben und unten gibt es Ware. Alles was ein Touristenherz höherschlagen läßt, wird hier angeboten. Schmuck, Geschirr, Kleidung, Lampen, Kleinkram, alles.

bazar

Das Beste für die meisten: Alles verhandelbar. Die meisten Preise auf direkte Nachfrage sind der blanke Hohn. Die Devise ist: Nicht fragen! Einfach alles ankucken und besonders interessante Dinge besonders genau betrachten. Wenn der Verkäufer nicht allzu schläfrig ist, kommt die Frage ob man denn helfen könne. So nach und nach kann man dann erfahren was der Kram wert ist. Wenn die erste Antwort 60 Türkische Lira lautet, kann man getrost davon ausgehen, dass man es für unter 15 Lira bekommen kann. Die meisten Verkäufer sind von der touristischen Einsackmentalität sichtlich genervt und bedienen entsprechend. Leute die einfach nachfragen und mitnehmen werden entsprechend belohnt. Verstrickt man sich dann irgendwann in Preisverhandlungen, sagt man am besten nie selber eine Zahl, sondern einfach nur, dass es viel zu viel sei. Der Verkäufer geht dann schon ersteinmal in verhandlungswürdige Preisregionen herunter. Sehr hilfreich ist eine Frau als Verhandlungsorgan, denn das macht dem Verkäufer gleich viel mehr Spaß. Während ich den Verkäufer schon in Tränen ausbrechen sehe, schüttelt Anja noch mit unglaublicher Überzeugungskraft den Kopf und wendet sich gekonnt ab. Später rennen uns Verkäufer sogar noch hinterher, um einen besseren Preis anzubieten. Wenn man zu schnell aufgibt, sind die Verkäufer enttäuscht und wollen mehr verhandeln, was auf deutliche Reserven hinweist. Bei all dem Spaß, hatte ich nur ein Problem: Was zum Geier sollte ich kaufen? Eine nachgemachte Mütze? Ein Bauchtanzkostüm?

bauchtanz

Ich will stilecht ein Auge des Orients mitnehmen – vielleicht als Kette für Yana? Die Suche wird zur Tortur. Anja wird als Schmuckexpertin enagiert und wir durchforsten sicher 20 Stände. Ich habe die ganzen Plastekettchen wirlich satt und suche nach echtem Silber, doch das gestaltet sich schwierig. Es ist beeindruckend, was alles echtes Silber sein soll… Letztendlich bleiben wir bei einem Herren hängen, der selber keine derartige Kette hat, aber bereit ist, eine von seinem Kumpel irgendwoher zu holen. Er kommt tatsächlich mit einem kleinen blauen Anhänger zurück, gefaßt in Silber. Dazu suchen wir noch eine Kette und fertig. Alles ist schon etwas dunkel angelaufen, was der Verkäufer mit einem Tuch behebt. Wenigstens ist das Silber echt. Der Mann hat sichtlich Spaß an uns, weil wir ganz genau wissen was wir wollen und mind. 5 Kombinationen aus Anhänger und Kette probieren müssen. Die Preisverhandlungen überlasse ich dann Anja. Sie drückt den Mann bis zur Tränengrenze und letztendlich verkauft er mir alles zu einem annehmbaren Preis. Weil wir so nett waren, bekommen wir noch ein kleines Samtsäckchen um die Kette zu verstauen. Nein, natürlich nicht weil wir so nett waren… Mir ist es egal, ich bin stolz und freue mich darauf, Yana wiederzusehen. Für unseren Film will ich noch etwas Musik kaufen, und so fragen wir einen jungen Verkäufer nach klassischer Musik aus der Türkei. Er hat ziemlich Ahnung und erklärt uns genau was woher und warum. Wir hören einige CDs und entscheiden uns schließlich für 3 aus unterschiedlichen Sparten. Der Preis ist dann gar nicht so prickelnd, und nach kurzer Zeit bietet er uns die gleichen CDs als Kopie an – viel billiger. Wir kaufen dann letztendlich halb und halb und ziehen zufrieden vondannen.

Nachdem der Basar abgearbeitet ist, wollen wir noch zum Bospurus und latschen einfach quer durch alle Gassen. Plötzlich ist aller Touristentrubel verschwunden und die Stadt macht richtig Spaß. Kleine Gassen mit alten Häusern, Holzbalkone und geschäftiges Treiben überall. Es gibt wunderschöne Obststände, Bäckereien und vieles mehr. Da ich den Menschen nicht so auf den Pelz rücken will, ärgere ich mich ein wenig über meine Mißgunst gegenüber Zoomobjektiven, und beschließe insgeheim, diese später abzulegen.

alt

obst

pferdefuhrwerk

Am Meer ist es denn etwas enttäuschend – das ganze Ufer besteht aus künstlich aufgeschütteten Felsbrocken und ist ziemlich verdreckt. Kinder springen von Stein zu Stein und Eltern warten auf Bänken an der Uferpromenade. Zwischendrin liegt ein Luftgewehr auf der Kaimauer. Auf den Steinen dahinter stehen allerlei bunte Flaschen und wer will, kann hier für ein paar Lira Flaschen erschießen. Einfach so. Spielende Kinder, Flasche, Pöff. Das geht nur in Istanbul.

Der Rückweg zum Parkplatz entpuppt sich als grausam. Ich habe mittlerweile Blasen an den Füßen und der Weg wird immer länger. Wir haben komplett die Orientierung verloren und die Straßen werden immer verrückter. Auf Nachfrage zeigt man uns diverse Richtungen, aber eigentlich wissen wir ja auch gar nicht so richtig wo wir hinwollen – Parkplatz eben.

Auf dem Rückweg mache ich noch eines der für mich einprägsamsten Bilder der ganzen Reise: Ein Kleinkind wird zum Betteln mitten in die Fußgängerzone gesetzt…

betteln

Irgendwann, nachdem wir auch noch diverse Straßenbahnchips verbrannt haben, entdecke ich eine große Werbetafel an einem Haus, welche ich meine, schon einmal gesehen zu haben. Stunden später treffen wir dann tatsächlich auf unserem Parkplatz ein. Nach kurzem Plausch bezahlen wir den Parkplatzwächter und rollen Richtung Bosporus. Wir fahren mal eben fix nach Asien rüber, ne? Die Brücke ist schon irgendwie spektakulär, aber aus einem Auto kann man das nicht fotografisch einfangen. Vielleicht bei Nacht von einem erhöhten Punkt am Ufer aus?

bosporus

Istanbul zieht sich dann noch eine Weile hin, und so fahren wir über die Autobahn Richtung Ankara. Das Phänomen der Autobahnanhalter können wir auch dieses Mal wieder beobachten. Wahrscheinlich ist die nächste Abfahrt einfach zu weit weg oder zu mühselig zu erreichen, weshalb man sich einfach direkt an der Autobahn trifft. Motorradfahrer machen übrigens das Gleiche: Sie kommen einfach auf regelrechten Trampelpfaden an verschiedenen Stellen direkt den Hang hinunter auf die Autobahn gefahren. Sehr praktisch. An einer Mautstelle fahren wir dann völlig vertrottelt in die Schlange zur bargeldlosen Bezahlung und stecken fest. Hinter uns staut sich der Verkehr, und ich stelle mir vor, wie ein osmanischen Kriegsdolch die Heckscheibe durchschlägt, um den Fahrer auf’s Lenkrad zu nageln. Der Traum wird unterbrochen, also just in diesem Moment einer dieser durchgeknallten Motorradfahrer für uns seine Karte auf den Schrankenautomaten hält. Er lacht dabei und stellt sein Motorrad hinter der Schranke an die Seite, um auch unserem zweiten Bus die Schranke zu öffnen. Wir sind völlig verwundert und rollen 2 Sekunden später schon wieder über die Autobahn. Als uns der Fahrer überholt, reiche ich ihm bei 100 Sachen zwei grüne Dollarscheine rüber und wir verabschieden uns freundlich winkend. Was für ein Tag.

ankara

Wir stehen am Strand des Schwarzen Meeres, kurz unter Constanta. Nach einer unruhigen Nacht im Schallgemisch mindestens dreier Bars, sind wir heute wie gerädert. Piotr und Dominik waren bis um 5 Uhr in einer der Bars und sind jetzt totale Wracks. Der Strand ist dicht an dicht mit Zelten bebaut, und um die Situation etwas aufzulockern, hat der Künstler mit gekonnter Leichtigkeit wahllos verkrampfte Schnapsleichen ins Bild gestreut. Nicht weit von hier, steckt ein dickes, rostiges Wrack im in der Morgensonne glitzernden Meer. Nähert man sich einer der Bars auf dem Strandweg, beginnt es alsbald komisch zu riechen und man erkennt schnell viele Haufen menschlicher Scheiße, garniert mit locker umherfliegendem Verpackungsmüll. Ein Rudel streunender Hunde hat ganz offensichtlich seinen Spaß. In der Morgensonne entdecke ich auf einem verblichenen Holzstapel eine wunderschöne, buntgefleckte Katze. Sie leckt sich gerade die Pfötchen und paßt so gar nicht hier her. Zurück am Bus bin ich froh, meine Sandalen an zu haben, denn eigentlich müßte man hier nach jeder Nacht mit einer Harke den Boden von benutzten Kondomen befreien…

vama veche

Um sieben wurde Dominik zwangsgeweckt. Piotr liegt im Schatten vor dem Bus im Halbkoma und behauptet auf Nachfrage ihm ginge es wunderbar. Er besteht – wie immer – darauf, selbst zu fahren. Da wir heute durch ganz Bulgarien bis nach Istanbul wollen, hoffe ich, dass er seine Meinung noch ändert.

black sea

Trotz allem, haben wir im Schwarzen Meer gebadet und uns notdürftig gewaschen. Um der Sache einen Sinn zu verleihen, baue ich mit Pawel eine Dusche hinter seinem Bus. Mit 5 Leuten verduschen wir 20l Süßwasser. Wenn wir bald in die Spur kommen, könnte ich das gute, saubere Gefühl bis ins Auto retten, bevor der Ort selber wieder durchbricht.

map

Bulgarien erreichen wir schon nach kurzer Zeit. Die Grenze ist absolut unspektakulär. Schön, wenn wieder kyrillische Buchstaben zu sehen sind und man wieder etwas versteht. Gleich viel besser. Um die Laune zu heben, sehen wir auch unseren ersten bulgarischen T3:

bulgarian t3

Als nächstes suchen wir uns eine Tankstelle, wo man ohne Seuchengefahr weitere Geschäftchen erledigen kann. Als Vorgeschmack auf den Ostblock fährt ein wunderbar orangener GAZ-LKW der Stadtwerke Varna vor und holt Diesel. Nebenan holt jemand Sprit für seinen Rasenmäher. Da er keine Kanister hat, werden einfach große Wasserflaschen befüllt. Man merkt, so langsam entfernt man sich von den Zwängen unserer geregelten Gesellschaft. Wir finden es großartig und lassen gut gelaunt 6 Deutsche Anhalter einfach an der Straße stehen.

gaz

sprit in wasserflasche

Unterwegs halten wir auch noch an einem Strand an und kochen gemütlich Nudeln, um dann vollgefressen im Meer zu baden. Wenig später sehen wir in einer kleinen Stadt einen Autoteilehändler und wollen mal nach einem Thermoschalter für den Kühler fragen. Die Auslagen sind voll mit VW-Teilen, sodaß wir guter Dinge sind. Die Verkäufer scheinen nicht so guter Dinge zu sein und ignorieren uns einfach. Egal wie wir es anstellen, Sie wollen uns einfach nichts verkaufen. Verwundert verlassen wir den Laden. Neben dem Parkplatz klebt ein Werbeplakat vergangener Wahlen: ATAKA! Vielleicht im nächsten Laden?

ataka

Im Süden wird das Land immer hügeliger und man fährt bald nur noch durch bewaldetes, schwer zugängliches Gebiet. Plötzlich sehen wir an der Straße eine Wasserstelle und wollen mal fix all unsere Kanister mit Süßwaser befüllen. Die Aktion zieht sich furchtbar in die Länge, denn das Wasser läuft nur sehr spärlich. So verbringen wir fast eine Stunde mit Warten neben der Quelle…

wasserholen

Wir kommen dann auch recht fix in Richtung Türkei, doch kurz vor der Grenze halten wir noch einmal an einer Tankstelle an, um billigen Sprit zu bekommen. Die Frau an der Tankstelle ist offanbar alleine und reagiert sehr böse, als einer von uns ihren kleinen Laden betritt während sie draußen unsere Busse volltankt. Offenbar wird hier einfach nur geklaut was das Zeug hält. Verwundert kucken wir ihr beim Tanken zu und erklären ihr mit Händen und Füßen, dass die letzten 10l bei diesem Auto immer etwas länger dauern. Nun gut, solange wir alle um sie herumstehen ist sie zufrieden und hat alle Zeit der Welt. An der Straße in Richtung Grenze hält gerade ein Landrover der Grenzpolizei und zwei Polizisten bereiten sich mit Warnweste und Kelle auf ein paar Polizeikontrollen vor. Von der Tankstelle aus beobachten wir sie heimlich mit einem Fernglas und sind total aufgeregt: Unsere erste Polizeikontrolle! Die sind bestimmt voll die Abzocker!! Wir haben etwas Schiß, aber wir können es nicht lassen: Die Videokamera wird auf dem Dach in einem alten Schuh angebracht und mittels T-Shirt getarnt.

camera im schuh

camera im schuh 2

Wenn wir schon abgezockt werden, dann bitte auf Video. Gesagt getan. Tanken ist inzwischen erledigt und wir rollen mit vorschriftsmäßigem Blinken und extra langsam auf die Straße. Übervorsichtig rollen wir Richtung Kontrolle und… nichts. Gar nichts. Nicht einmal angekuckt haben Sie uns! Wir sind einigermaßen enttäuscht und bauen die Kamera an der nächsten Kreuzung wieder ab.

Die türkische Grenze ist recht unspektakulär, zumal ich einen Deutschen Paß habe. Unsere Polen mußten für $15 ein Visum kaufen, aber das war bis auf ein paar Sprachprobleme nicht weiter schwer. Natürlich steht mitten auf dem Grenzstreifen eine beleuchtete Atatürk-Statue. Willkommen in der modernen Türkei.

grenze turkey

Irgendwie schlagen wir uns auch noch bis nach Istanbul durch und kommen dort mitten in der Nacht an. Wir haben von einem großen Parkplatz vor irgendeiner großen, berühmten Moschee gehört und wollen dort hin. Leider war noch niemand von uns je in Istanbul! An einer Mautstelle halten wir an und wollen LKW-Fahrer befragen. Die sind alle nicht so auskunftsfreudig aber komischerweisen sitzen an der ganzen Autobahn irgendwelche Menschen an der Böschung und machen Picknick. Oder so. Na jedenfalls sitzen hier überall Leute rum und man ist sehr hilfsbereit. Sogleich ereilt und das größte Problem unserer gesamten Türkeierlebnisse: Ohne Türkisch bist du erschossen. Es ist wirklich zum Piepen. Mit Händen und Füßen und einer künstlerisch gestalteten Karte der Innenstadt aus unserem Reiserführer erklären wir unser Ziel. Letztendlich hat es keinen Sinn. Ich nehme mir das Buch zur Hand – es ist auf Polnisch – und suche nach dem Beschreibungstext für die Moschee. Irgendwann ist der gefunden und es steht tatsächlich eine Straße dabei. Nicht, dass man die jetzt einfach in das TomTom eingeben könnte, aber mittels der Karte aus dem Buch und einem Vergleich mit der Karte im TomTom konnte ich ungefähr die Stelle ausmachen. Hier setzt man dann einfach einen Favoriten und navigiert sodann zu selbigem. Diese Methode hat sich sehr bewährt. Straßennamen sind unbekannt, aber Straßen sind bekannt und folglich navigierbar!

Wir fahren durch ein Gewirr von Autobahnauf- und abfahrten und Landen schließlich vor einer dicken, fetten Sackgasse mit Wendeschleife. Das TomTom zeigt 500m bis zum Ziel, nur darf man hier nicht mehr fahren: Fußgängerzone. Wir sind schwer begeistert. Ein paar Taxifahrer sind sehr hilfsbereit und verstehen was wir suchen: Einen Platz zur Übernachtung im Auto. Der erste ist ein Scherzkeks und zeigt uns viele freie Parkplätze in einer Seitenstraße. Das ist alles ganz wunderbar, doch leider geht die Straße bergab wie die Laderampe bei Lidl. Der nächste Taxifahrer will uns zu einem Otopark gleich neben der großen Polizeidienststelle führen. Wir fahren nach seinen Angaben quer durch Istanbul und sehen kein Stück Polizei. Langsam geht uns Istanbul mächtig auf die Ketten, als wir zufällig an einem bewachten Parkplatz vorbeikommen, wo tatsächlich noch jemand im Wärterhäuschen sitzt. Das Preisschild läßt 8 Türkische Lira für 24 Stunden erahnen und der Wächter ist sehr nett. 2 Minuten später läuft auch schon unser Duschwasser quer über den Parkplatz und der Mond schimmert in der Riesenpfütze. Endlich im Bett. Morgen wollen wir uns Istanbul ansehen. Den Parkplatz habe ich für’s nächste Mal gleich als Favoriten gespeichert…

Heute sind wir mal wieder um 7 Uhr aufgestanden und essen gerade Schmalzbrot mit rohen Zwiebelringen. Dies dient der Anpassung an Land und Leute. Jetzt soll es endlich in die Berge gehen… Ich hoffe auf ein paar vernünftige Bilder… aufgehende Sonne, viel Morgennebel… usw. Fotografenträume.

nebel

Als wir oben ankommen gibt es keinen Nebel mehr, aber Sonne. Ich mache ein paar Fotos, aber irgendwie stört mich der fette Strommast mitten im Tal. Wir fahren weiter zu einem kleinen See, wo Pawel spontan sein Tauchzeug aus dem Bus holt und für eine Viertelstunde abtaucht. Der See sei ziemlich kahl und leer, sagt er.

tauchen

nix

Rumänien hat hier wirklich ein paar sehr schöne Berge, aber leider stört der Mensch. Eigentlich sind es Müllberge, verziert mit brennenden Müllhaufen am Straßenrand und grotesken, geschmacklosen Betonbauten. Da kann mir keiner erzählen, das sei der Kommunismus gewesen – das war einfach der Mensch ohne Sinn und Verstand. Ich habe irgendwie keinen Spaß mehr an Rumänien und will nur noch Richtung Kaukasus. Es ist bereits nach Mittag, als wir endlich den verdreckten Touristenbergen (Ich bin mir sicher, dass Rumänien auch das Gegenteil zu bieten hat!) entkommen und Richtung Bukarest rollen.

Auf der Fahrt überlege ich, ob ich dem Land mit dieser negativen Sicht Unrecht tue… Wenn ich mich so umschaue, sind nicht nur die Berge verdreckt. Überall liegen Müll, Schrott und Autowracks herum. Gefahren wird generell voll am Limit und gefährlicher als gefährlich, sodass man sich fragt, ob die Hitze hier irgendwelche gehirnschädigenden Einflüße auf Autofahrer hat. Eben springt vor uns ein kleines Kind in den Straßengraben, als drei Autos nebeneinander mit 90km/h durch ein Dorf brettern. Eine Ecke weiter biegt eine Gruppe Gänse in einen Seitenweg ein – eigentlich ein wahres Wunder, dass man sie nicht im Fotoalbum umhertragen muss…
Wahrscheinlich sind die Menschen hier aber eigentlich alle ganz toll, aber äußere und innere Einflüße außerhalb ihrer Kontrolle sind für das alles verantwortlich… – dann mache ich hier natürlich wirklich alles schlechter als es ist. Der Beweis dürfte allerdings noch ein paar Jahre auf sich warten lassen. Immerhin, auf Landstraßen habe ich mehrfach gesehen, dass Fahrradfahrer freiwillig in gelben Warnwesten ihre Schlangenlinien auf den weißen Straßenbegrenzungslinien vollführen.

Auf dem Weg nach Constanta, unweit der Hauptstadt Bukarest kommen wir direkt an einem Gefängnis oder Arbeitslager vorbei. Es besteht aus voll vergitterten Flachbauten in erbärmlichem Zustand und einem Hof voll mit Wracks von Gefangenentransportern. Das Ganze ist von einem meterhohen, rostbraunen Stacheldrahtzaun mit Wachtürmen in 50m Abstand umrahmt. Auf den Türmen, und zwar auf wirklich allen, sitzen tatsächlich Wachposten. Manche sonnen sich mit hochgelegten Beinen, andere lesen oder sitzen stoisch in die Gegend schauend ihre Zeit ab. Bewachen tun sie in dieser brachialen Hitze eine erbärmliche Rostruine, in welcher hoffentlich keine Lebenwesen ihr Dasein fristen – es muß die Hölle sein.

An der Straße steht ein Betonlaster und kippt die Reste seiner Fracht munter in das staubgraue Gras des Seitenstreifens. Überall springen streunende Hunde bellend auf die Straße, um dann erst kurz vor dem Zusammenprall mit einem herannahenden Auto wieder von dieser zu weichen. Der eine war wohl schon etwas älter und der alte Dacia eben etwas schnell… jedenfalls flog er plötzlich zur Seite und rennt jetzt jaulend auf drei Beinen an der Straße entlang.

Plötzlich muß ich über die Warnschilder für Spurrillen zu Hause lachen. Hier gibt es solcher Schilder nicht, aber wir stehen ungelogen in 20cm tiefen Spurrillen. Wir sind sozusagen tief beeindruckt. Leise rastet die Zentralverriegelung ein, als zwei zwielichtige Gestalten an einer Kreuzung mit allerlei zusammengewürfelten Verkaufsgegenständen auf unser Auto zulaufen…

spurrillen

Während auf der rechten Seite das Gelände der Firma Dumaley Stalingrad auftaucht, erstreckt sich links eine riesenhafte Mülldeponie. Der Dreck wabert in Fetzen durch die Luft, es stinkt unbescheiblich, und an der Straße stehen tatsächlich Anhalter in Hemd und Krawatte. Über CB-Funk röhrt ein langgestrecktes Wuaaaaahhhrghl durch den Bus – was für ein Moloch. Endlich erreichen wir die Autobahn A2 nach Constanta und das TomTom zeigt wie immer unnamed road.

Die Autobahn führt erst durch üble Industrieruinen, doch je weiter wir von Bukarest wegkommen, desto angenehmer wird es. Rechts tauchen ein paar über und über mit Seerosen bewachsene Tümpel auf und in einem Flußbett sitzt ein alter Mann bei deinen Schafen. Ein schwarzes Pferd steht auch dabei – fast wie im Film. Die Sonne steht schon tief und alles leuchtet in gelblichem hellbraun. Wir rollen mit gemütlichen 85km/h dem nächsten Moloch entgegen. Ich sehe zu, wie die Schatten der Strommasten doppelt so lang werden wie die Masten hoch sind… endlich wieder Strecke, endlich kommen wir weiter.

Das Land ist wie gebügelt, die Straße auch. Felder, Felder, Felder – so weit das Auge reicht. Die Sonne ist nich nicht ganz weg, aber der Mond ist schon da. Wiesiek macht etwas zu essen, während wie weiter in Richtung Schwarzes Meer rollen. Kurz vor der Donau hat die Autobahn plötzlich Leitplanken, Blendschutz und sogar einen (noch geschlossenen) Rastplatz – man merkt sofort, dass man auf einem EU-Projekt fährt… Im Dunkel rollen wir an der Küste entlang und suchen nach einem Stellplatz für die Nacht. Irgendjemand schickt uns in eine Seitenstraße, dort könne man auf dem Strand stehen. Den Namen des Ortes werde ich nie vergessen: Vama Veche.

« Previous PageNext Page »