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Lachssteaks in Pärnu

Aug20
2010
1 Kommentar Geschrieben von tiagra

Nach dem Aufstehen registrieren wir uns, denn die Dusche lockt und wir wollen einen Tag Ruhe einlegen, damit ich noch liegengebliebene Arbeit erledigen kann. Das kostenlose Wlan paßt natürlich perfekt und so kann ich nach einigen Stunden am Laptop die letzte Last von mir schicken. Der GPS-Tracker wird erstmals ausgelesen und hat vorbildlich seinen Dienst verrichtet. Ich freue mich und Willy freut sich noch viel mehr, denn der wußte das schon vorher. (* An dieser Stelle mögen die geneigten Leser einfach schnell weiterlesen, Willy wird es aber verstanden haben :))

Der ausgesuchte Platz erweist sich als sehr sonnig, direkt am Kanal, allerdings hat er auch einen Nachteil: Genau am gegenüberliegenden Ufer steht ein großer Steinbrecher, welcher von morgens bis abends große Steine in kleine Steine verwandelt. Da wir hier nicht im Zauberwald vom Herrn der Ringe sind, macht das auch einigen Lärm. Nach einiger Zeit kompensieren wir selbigen irgendwo zwischen Ohr und Denkzentrum und der Tag wird ganz gut. Auf dem Fluß werden Ruderer von ihrem zickig klingenden Trainer im Motorboot auf und ab gescheucht. Einer, Zweier, Vierer, alles dabei. Eine Trainerin ist auch dabei, die scheint netter zu sein. Sie fährt auch nur ein kleineres Schlauchboot und lacht zwischendurch, da macht das Zukucken doch gleich viel mehr Spaß.

Weil es auf dem Campingplatz so schön ist, haben Stephan und Anne irgendwem im Ort ein paar Lachssteaks abgequatscht, welche nun gegrillt werden sollen. Ich bin noch etwas mit der Arbeit beschäftigt und allgemein nicht so richtig dabei, und so machen sich die anderen daran den Grill für die Orgie vorzubereiten. Eine schwer durchdachte Konstruktion aus Grillrost, Alufolie und Hoffnung läßt abenteuerliche Ergebnisse vermuten, doch… Letztendlich sitzen wir am Kanal und essen die überraschend gut gewordenen Lachssteaks – das hatte wohl niemand erwartet. Eine fette, schwarze Katze streicht und um die Beine, weigert sich aber gekonnt mal so richtig gestreichelt zu werden. Das Biest ist so verwöhnt, dass wir ihr die gebratenen Lachsstücken förmlich hinterhertragen müssen, wobei sich Stephan mit besonderem Eifer um das leibliche Wohl dieses Geschöpfes kümmert. Diese Katze sucht sich von jedem der Anwesenden Reisenden das Beste aus, da sind Lachssteaks eher untere Kategorie. Was essen die anderen wohl? Getrüffelte Kalamari in Schokoladensoße?

Neben uns fährt ein finnisches Wohnmobil auf. Es entsteigt dem Fahrersitz eine kleine Gestalt mit zurückgegelten Haaren und Glitzerweste. Seine Augen blitzen wie bei Asterix und es ist sofort klar, dass er in diesem Haufen das Sagen hat. Dem hinteren Teil entfleuchen noch ein paar Finnen und man macht sich unter fachkundiger Anleitung daran, das Campinggerümpel aufzubauen. Der Chef bekommt als erstes seine Dose Bier gereicht und stellt sich demonstrativ neben die lustige Schar. Einen Hund haben sie auch dabei, welcher allerdings die besten Jahre deutlich hinter sich hat. Es ist jene Art Hund, welche schon als Jahreswagen als Ofenrohrreiniger verschrien sind. Unser Exemplar besitzt aus unerfindlichen Gründen keinen Schwanz mehr, hat kaum noch Fell und ein einzelner Zahn ragt furchterregend aus dem Maul. Zum Weinen.
Beim kleinen Finnen erlischt so langsam das Licht in der Birne, weshalb ihm die Mannschaft wieder ein Döschen reicht. Es blitzt kurz, und er ist wieder voll da. Ein Mädchen ist übrigens auch dabei, aber noch trinkt sie nichts. Als alles aufgebaut ist, rückt die komplette Mannschaft ab. Wir vermuten: Nachschub holen.

Mit der Zeit wird uns klar, dass die Gegend total mit Mücken verseucht ist, und so packen wir das mitgebrachte Moskitonetz erstmalig aus und zimmern es mit ein paar Magneten kastenförmig über das Bett. Das sieht sehr professionell aus und scheint auch gut zu funktionieren. Mückenstiche haben wir nun trotzdem, aber wir gehen dennoch zufrieden ins Bett. Morgen soll’s bis zur russischen Grenze nach Narva gehen, alles weitere ist offen – wer kann schon die Grenze zeitlich vorher abschätzen…

Der Kanal von Pärnu, Estland

Die Nacht ist unruhig, denn die Finnen saufen wie die Löcher. Das Mädchen fängt mitten in der Nacht laut an zu weinen, und wir fragen uns, welche Emotionen die leztzte Dose Bier da wohl hervorgeholt hat. Sarah und Anne treffen sich morgens um 3 vor dem Bus zum Rauchen, an Schlafen ist bei diesem Lärm ja nicht zu denken. Stephan steht nachts noch einmal auf, spaziert wortlos zu den Finnen, und versucht ihnen ohne Worte und durch einen eindringlichen Blick die Situation näher zu bringen. Es hilft nichts. Später versucht Sarah es noch einmal mit Worten, das hilft. Etwas. Stephan meint, in Schweden werden die Finnen als die Russen des Nordens bezeichnet – warum nur?

Geposted in Estland
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Von Bambi bis Estland

Aug19
2010
1 Kommentar Geschrieben von tiagra

Die Nacht war spektakulär ruhig, auch wenn sich Stephan über nächtlichen Lärm und Diskobeleuchtung von gegenüber beschwert hat – wir haben doch nur den Bus aufgeräumt und nach der Reparaturaktion vom Morgen wieder alles an seinen Platz gepackt! Beim Zähneputzen steht plötzlich ein Tier neben uns. Schnell wird es als Rotwild identifiziert und wir fragen uns, was sein Problem sein könnte, denn es kommt näher wie eine lange nicht gestreichelte Katze. Wir müssen förmlich wegrennen um nicht selber gestreichelt zu werden. Der Bus und sein Innenleben werden ausgiebig beäugt und Sarah ist so begeistert, dass sie sogar das Rauchen vergißt. Als Stephan vondannen rollt, läuft das Bambi ihm den Weg entlang hinterher. Erst als wir dann den Diesel anwerfen und ebenfalls den Weg entlangrollen, verschwindet es im Wald. Komisch die Polen.

Bambi

Es fühlt sich so an als hätten wir ziemlich rumgegammelt, weil wir Russland gar nicht näher kommen. Nach Kaliningrad dürfen wir nicht rein, also müssen wir durch die kleine Schneise zwischen Kaliningrad und Weißrussland nach Litauen einreisen. Dieser politische Unfug kostet den geneigten Reisenden gut und gerne einen Tag, aber dafür wird man durch die Masuren gezwungen, was ja auch nicht schlecht ist (allerdings als gesondertes Reiseziel erhöhte Aufmerksamkeit verdient). Wir hatten schon zu Hause alles bis zur russischen Grenze als nähere Berliner Umgebung und damit als Anreisegebiet deklariert, einfach weil wir bis Murmansk fahren wollen und das Baltikum sowieso nicht in 2 Tagen sinnvoll zu bereisen wäre. Ganz in diesem Sinne brennen wir über litauische Autobahnen Richtung Riga, welches wir gegen Mitternacht erreichen.

Dreckswetter in Litauen

In Litauen gibt es ein wenig nördlich von Siauliai einen interessant klingenden Ort: Kryziu kalnas, den Berg der Kreuze. Ein Hügel, welcher schon vor fast 200 Jahren – nach der Niederschlagung eines Aufstandes durch die Russen – von den frommen Litauern mit ein paar Kreuzen für die Opfer bestückt wurde, erfährt mit der Zeit ungeahnte Aufmerksamkeit. Es kommen Kreuze für die Opfer des Gulag und weiterer Taten hinzu, sodass die Zahl der Kreuze stetig wächst. Regelmäßig wird die Gedenkstätte von den Russen dem Erdboden gleich gemacht, nur um danach mit einer noch größeren Anzahl von Kreuzen wieder zu entstehen. Heute sollen es über 10000 sein, welche dem Umfrommen und ungläubiges Staunen und manchmal etwas Entsetzen entlocken. Entsetzen genau dann, wenn man an 1m großen Kreuzen vorbeikommt, welche von Bewohnern deutscher Kleinstädte gebracht wurden, um den Kanarienvogel der Nachbarin zu beweinen. Selbst für die Opfer der letzten Loveparade hat schon jemand etwas vorbeigebracht. So traurig diese sind, irgendwie hatte ich die Bedeutung des Hügels tiefer, politischer oder “ernster” eingeschätzt? Man hat streckenweise das Gefühl, dass die Stätte zu einem Graceland für Kreuzliebhaber mutiert – noch ist sie nicht da, aber die ersten Ansätze sind deutlich sichtbar.

Hügel der Kreuze #1

Hügel der Kreuze #2

Schon auf dem Hügel der Kreuze hat es geregnet wie aus Eimern, mittlerweile regnet es schneller als der Scheibenwischer wegbewegen kann. Die Idee ist: Wir finden einen leere Holzhütte und dann kochen wir. Gesagt, nicht getan. Natürlich findet sich keine Holzhütte, schon gar keine leere und so rattern wir durch Seitenwege und Käffer, immer auf der Suche nach einem geeigneten Kochplatz irgendwo in Litauen. Letztendlich haben wir die Nase voll und halten einfach mitten auf einem verschlammten Feldweg. Der Wind pfeift wie irre um die Busse, sodass der Regen waagerecht durch die Landschaft fliegt. Wir haben einen russischen Benzinkocher, genauer gesagt einen kirgisischen, vom Typ Dastan-1, welcher jetzt dem Wetter trotzt. Die Hosen kleben nass am Hintern, doch wir braten munter Zwiebeln für die Soße an. Je schlechter das Wetter, desto besser schmeckt es. Nudeln mit Tomatensoße können so gut sein! Der Bus hängt voll mit nassen Klamotten, die Standheizung bollert, alles gut. Zum Essen bleiben wir gleich draußen, das warme Essen läßt auch den Regen vergessen – man muss nur den Wind im Rücken haben und schneller essen, als sich Eiskristalle bilden. Sarah schafft es nicht ganz, und so halten wir Ihren Napf noch einmal auf den Kocher. Abgewaschen wird gleich in der Lehmpfütze neben dem Bus, dann hurtig alles in die Karre geworfen und weg hier – auf die schöne, warme Landstraße.

In Riga wenden sich die Blicke der Fahrer unwillkürlich den hübschen Frauen zu – eine rustikale Straßenbahn war aber auch mal dabei. Selbige erinnern mich an meine früheste Kindheit, unten im Gepäckkorb des Kinderwagens sitzend, von meiner Mama über die kleine Fußgängerbrücke zum Konsum nach Buchholz geschoben werdend… dort, in Buchholz, fuhr eine ebensolche Straßenbahn – mörderisch in den Kurven quietschend, mit einem grauen Fahrkartenlocher, dessen Locheisen so stumpf waren, dass die einzelnen ausgelochten Papierreste wie kleine Klodeckel halboffen zum Stehen kamen. Am Fahrradständer der Haltestelle funktionierte schon damals nicht mehr das Sicherungssystem, welches es einem gegen den Einwurf von 10Pf ermöglichen sollte, sein Fahrrad sicher zu verwahren. Wir haben immer unser eigenes Schloß mitgebracht, welches angesichts heutiger Titan-NewYork-Mega-Schlößer wohl in die Kategorie Geschenkband sortiert werden würde. Jetzt, 25 Jahre später, stehen wir also in Riga und kucken den Frauen nach, die uns damals über die Brücke geschoben haben. Ach nein, meine Mama war nicht blond und sie trug auch keine HighHeels, aber der Rest stimmt.

Eigentlich wollen wir in Riga rechts abbiegen um auf die Küstenstraße Richtung Estland zu kommen, aber irgendwie ist Rechtsabbiegen bei den Letten verpönt. Wir fahren über die große Brücke, und auf der anderen Seite gleich wieder, um dann endlich zum wiederholten Male über die blau beleuchtete Brücke an der richtigen Stelle herauszukommen. Die uralte Osteuropakarte des TomToms leistet dabei gute Dienste, auch wenn man da überall rechts Abbiegen gedurft hätte.

Die Küstenstraße ist perfekt ausgebauter Asphalt und so rollen wir des Nachts unaufhaltsam Richtung Estland. Die Lichthupe entgegenkommender Fahrer bewahrt uns auch vor einer lettischen Geschwindigkeitkontrolle und so kommen wir bis morgens um 4 nach Pärnu, Estland.

Laut TomTom gibt es hier einen Campingplatz, aber der will ersteinmal gefunden werden. Die Straße endet in einer Baustelle und so biegt man in die seitlichen Gassen ab, knattert durch kleine Holzbauten um eine Kurve um schließlich vor einem recht modern anmutenden Campingplatz anzukommen. In der Rezeptions ist Licht, der Zugangsschlüssel für das Wlan hängt an der Wand, aber es läßt sich kein Bediensteter auftreiben. Wir beschließen einfach auf dem Parkplatz vor der Rezeption zu schlafen und beenden diesen Tag recht unspektakulär.

Geposted in Estland, Lettland, Litauen, Polen
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Polski Problemi

Aug18
2010
Kommentieren Geschrieben von tiagra

Der Lärm rings um die Busse nimmt proportional zum Sonnenstand zu, sodass wir gegen 11 aus dem Bett getrieben werden. Sarah war vorsorglich schon mal 2h früher aufgestanden, um die beiden Parkuhren erneut für einige Stunden zu befriedigen. Während sich die Damen spontan zur Strandbesichtigung bereit erklären, wollen wir uns dem Problem des fehlenden Lichtes annehmen. Inmitten von fliegenden Händlern, Strandbesuchern und einer auf einem alten Traktor basierenden Touristen-Bimmelbahn, wälzen wir die Schaltpläne. Gelangweilte Kinder schlendern ihren fetten Eltern zum Strand hinterher, während diese argwöhnisch unser Treiben im Augenwinkel beobachten.

Der Parkuhrparkplatz

Polnische Strandschönheiten gibt es keine zu sehen, und so haben wir das Elektrikproblem schnell eingekreist. Der Zündanlassschalter sollte es sein, jener, der zu Hause in meiner Ersatzteilkiste liegt – extra gekauft für Reisen. Der Motor läuft noch, also müssen ja wenigstens die Klemme 50 (Anlasser) und Klemme 15 (Zündungsplus) intakt sein – der dreistufige Schalter ist also nur zu zwei Dritteln über den Jordan. Der fehlende Kontakt sorgt u.a. für Saft auf dem X-Relais und den Scheinwerfern, sodaß wir kurz entschlossen ein weiteres Relais an die Klemme 15 hängen und damit ein neues, geschaltetes X erzeugen. Papas Lötkolben am 150W Spannungswandler funktioniert prächtig, so schnüffeln wir alsbald Kolophonium in der Morgenluft. Die ehemalige Innenraumbeleuchtung meines Messgerätetransporters spendet noch die 2 fehlenden Kabelschuhe und schon fließt wieder ordentlicher Saft zu Stephans Schweinewerfern. Tag gerettet. So nebenbei habe ich auch mal unter die Vorderachse gesehen: Ich habe den Bolzen des vorderen Getriebelagers verloren, beide Lagerhälften samt Unterlegscheibe sind aber noch da. Kein Wunder, dass da etwas schlägt – muss wohl irgendein Idiot im nächtlichen Wahn die Schraube nur locker reingesteckt haben. Man man man, Schlamperei. Stephan flickt das Ganze mit ein paar Stücken Schweißdraht zusammen, der nächste Baumarkt soll’s dann richten. M10x90 sagt der Laptop, das sollte ja machbar sein.

Die Mädels tapern tropfnass aber glücklich zurück zum Parkplatz – sie waren im Meer baden. Da wir unsere Aufgabe erledigt haben, dürfen nun auch die Jungs zum Strand. Dort angekommen, zollen wir den Gebadeten gerne Respekt und verschieben unsere Badeaktion auf später – ist doch schweinekalt hier! Ich halte Papas geborgte Nikon D90 in alle möglichen Richtungen und verzweifle am Autofokus, welcher sich nicht zur angedachten Funktionsweise überreden läßt. Zwei Fischer friemeln an ihren Netzen herum und zeigen dabei ihre gebräunten Oberkörper. Meine Kameraexperimente werden nicht ohne stolz geschwellte Brust heimlich genossen – dabei mache ich gar keine Bilder… Weiter oben treffen wir auf ein jämmerliches Exemplare des kleinen UAZ-Bus, sodass Stephan auch endlich in den persönlichen Genuß dieses (an anderer Stelle schon beschriebenen) russischen Kleinbusurgesteins kommt. Der Zustand ist leider kein Zustand mehr, aber trotzdem erhellt diese Begegnung den zu Regen neigenden Tag. Mit den ersten Tropfen steigen wir in den Bus und rauschen vorbei an Tüten-bewehrten Souvenirständen wieder Richtung Festland.

Strand mit Wetter

Ein UAZ, der es hinter sich hat...

Vorbei an Fischverkäufern geht es in die Masuren. Die Straße ist eine einzige Baustelle und man fährt Schlangenlinien um Sandhaufen und Schlaglöcher, aber das sind wir ja gewohnt. Auffällig beschäftigt sind die Menschen, Polen lebt! Mein letzter Eindruck war irgendwie trister, vergammelter und hoffnungsloser. Hier zeigt sich genau das Gegenteil: An allen Ecken und Enden wird emsig bewegt und geschoben, man arbeitet am Detail des Hauses und es sieht so aus, als hätte das Leben eine Richtung. Nichts mit verwahrlosten Dörfern und vor den Häusern sitzenden, dumpf dreinblickenden Menschen, wie man sie vielleicht in der hinteren Slowakei oder Teilen Rumäniens gesehen haben mag. Es macht Spaß durch die Landschaft zu fahren und man erfreut sich an der herrschenden Aktivität.

Landschaft...

Eigentlich hatten wir uns vorgenommen bis nach Litauen zu fahren, aber kurz vor der Grenze überfällt uns die Unlust und wir streben einen Schlafplatz an. Wir biegen wahllos in eine ruhig aussehende Straße ein, welche sich alsbald zu einer Fahrspur durch einen Wald verändert. Genauer gesagt ist es ein Forst, wie die Dame vom Fach auf dem Nebensitz erklärt. Wir kurven also so durch den Forst, das Funkgerät im Griff, wägen eine Möglichkeit nach der anderen ab und kommen schließlich inmitten des Forstes an einem fast stillgelegten Weg zum Stehen. Es ist mittlerweile sackdunkel und die Lampen an unseren Stirnen werfen ein unwirkliches Licht. Ich stapfe noch ein wenig mit der Kamera und dem Stativ durch den Wald und versuche die Situation einzufangen, aber das Scharfstellen gestaltet sich schwierig und so entsteht nicht viel mehr als ein Haufen Pixelabfall. Das Stativ hat bei der Rüttelei einen Fuß verloren, aber darum kümmere ich mich morgen. Die Nacht ist ruhig und wir danken erstmals der Standheizung für ihre Dienste – endlich Sommerurlaub.

gelP

blauer Tupperbus

Geposted in Polen
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Abreise Richtung Murmansk

Aug17
2010
Kommentieren Geschrieben von tiagra

Viiiieeel zu spät, treffen die beiden endlich bei meiner Mama ein. Natürlich waren wir schon seit Stuuunden wach und haben gewartet. Haha. Nun denn, technisch gesehen, sind wir ein Gespann wie es ungleicher nicht sein könnte. Eine Syncro-Rohkarosse auf etwas größeren Rädern und moderater Höherlegung, einem nicht-aufklappbaren Weinsbergdach und hurtig reingestellten Uraltmöbeln, einem TDi und keinem Radio steht ein voll ausgestatteten Multivan gegenüber, welcher auf 185er Reifchen von Sarahs Schlachtwesti durch die Gegend rollt, eben erst einen 2.0l Golf GTi Benzinmotor samt Edelstahlauspuffanlage verpaßt bekommen hat und nach 6-jähriger Standzeit und 500 Probekilometern das erste Mal wieder richtig rollt. Profigalaktisch hat Stephan seinem Schätzchen noch neue Radlager verpaßt und die Bremsen überholt. Hauptbremszylinder und Kupplungsgeber nehmen wir vorsorglich mit, wer weiß wie soetwas nach 6 Jahren Standzeit reagiert. Bei mir hat der Billigzylinder an der Kupplung keine 20tkm gehalten, also werfe ich auf die Schnelle wieder einen rein, das muss für die Reise reichen. Sarahs Syncro soll noch beim Karossoriebauer abgeliefert werden, damit er während der Reise ein paar Löcher verliert. An der ersten Tankstelle auf der Autobahn steigt sie schon total entnervt aus dem Auto: Scheibenwischer geht nicht mehr aus und jetzt startet die ganze Karre nicht mehr. Na das ist ja ein toller Anfang. Ein Griff hinter die Zentralelektrik fördert einen nur halb gesteckten Zentralstecker zutage und für Sarah ist die Welt wieder in Ordnung – zumindest bis zum nächsten Hügel, an welchem wir sie aber wohlwissentlich mit ihrem 69PS-Moppel nicht stehenlassen. Wir sind ja sooo nett. Wie sagt Kashi immer? “Jauchepumpe”. *kicher*

Diverse furchterregende Russlandratgeber haben uns zum Kauf von Feuerlöschern und diversen anderen angeblichen Pflichtuntensilien bewegt – was jedoch niemand von uns hat: Einen D-Aufkleber für’s Heck. Wir spekulieren auf die letzten Tankstellen vor Polen, doch daraus wird nichts. Schengen und die EU haben sämtliche D-Schilder verschwinden lassen.

Warten auf ein D-Schild...

Direkt nach der Grenze kommen die traurigen Überreste einstiger Schwarzmarkthöllen und eine solche ist unser erstes Ziel: D-Aufkleber! Nach einigem Suchen wird Stephan fündig und ergattert für den Traumpreis von 5 EUR ein magnetisches D-Schild. Preislich ein Schlag ins Gesicht, aber immerhin hat er einen Aufkleber! Sarah geht gleich ersteinmal verloren und so stinken wir uns mangels Absprache auch schon kurz an. Von meinem Papa habe ich mir 2 recht gute PMR-Funkgeräte ausgeborgt, welche wir jetzt für die Kommunikation zwischen den Fahrzeugen nutzen. Über Chojna rollen wir in die polnische Pampa zur ersten Tankstelle. Billiger Sprit – der Reisegrund überhaupt! Bald fängt es an zu regnen, bald an zu schütten und nach kurzer Zeit regnet es nur noch Schweinebärchen. Die Straßen verwandeln sich bei diesem Wetter in abenteuerlicher Huckelpisten und wir verfluchen leise dieses grausige Land.

Wir können uns nicht so recht zu einem Stop entschließen und die Nacht wird immer dunkler. Es ist mittlerweile halb 12 und beiläufiges Stöbern auf der Osteuropakarte des TomToms fördert einen “Wohnmobilstellplatz” zutage – auf der letzten Halbinsel vor Kaliningrad, schlappe 150km vor uns! Kurz darauf bedeutet ein Pfeil auf dem Display energisch nach links in die Pampa und ich rolle bedenkenlos in die angegebene Richtung. Die Straße führt durch ein Dorf, führt aus dem Dorf, führt ins Feld und weiter ins nächste Feld. Wurzeln haben die 2m breite Piste in ein abenteuerliches Stück Untergrund verwandelt und so kriechen wir mit 30 durch die Dunkelheit. Stephans Stimme klingt leicht säuerlich aus dem Funkgerät, aber ich hoffe ihnen mit einem perfekten Wohnmobilstellplatz entgegnen zu können. Hoffentlich der letzte vor Russland, harhar.

Wir warten auf den Multivan, weil Stephan inzwischen Schrittgeschwindigkeit fährt, um sich nicht den kompletten Bauch aufzureissen. Insgeheim freuen wir uns tierisch über die Abwechslung, den gerade erst neu montierten Unterfahrschutz mit Zusatzplatten unter Getriebe und Kardanwelle. Die Karte im Nachtmodus zeigt einen Fluß und unsere Route mittendurch. Brücke also. Hier in der Pampa? Gut, der Weg verwandelt sich in Schlamm und Loch, wir brechen durch ein unbefestigtes Flußufer und ich warte darauf, dass mir ein aufgeschreckter Kaiman die Frontscheinwerfer zerschlägt- Ah nee, falscher Film. Also jedenfalls ist es schlimm. Zumindest für Stephan und Anne. Warum? Es gibt keine Brücke! Wir stehen mit der Stirnlampe am schlammigen Ufer und leuchten über’s Wasser. Gesprochen wird nicht mehr viel, vielleicht fängt man sich ja eine vom Gegenüber? Wir schlagen vor, mit dem Syncro dem bis zur Unkenntlichkeit verschwindenen Pfad am Ufer zu folgen, um vielleicht doch noch eine Brücke zu finden – “Zur Not ziehen wir Euch da durch!” Denkste. Nach 300m steckt die Karre knöcheltief im Flußschlamm und wir wühlen uns mit Allrad und Sperre wieder zurück zum Ausgangspunkt. Schwein gehabt. Irgendetwas macht bei belastetem Allrad unter der Vorderachse laut schlagende Geräusche, aber auf der Straße läßt sich das nicht reproduzieren. Egal, es ist dunkel und naß, weiter geht der wilde Ritt.

Auf Umwegen finden wir morgens um 4 endlich auf die gewünschte Halbinsel und fallen aus allen Wolken. Hier ist Ballermann 7 angesagt, alles voller Hotels und die Küste komplett zugebaut. Natürlich sind alle Campingplätze zu und zur Feier des Tages fallen bei Stephan das Abblendlicht und der Scheibenwischer aus. Stephan hat jetzt so richtig sein Fett weg. Wie Anne das bis zum Morgen wieder hinbekommen hat, kann man nur vermuten… Wir schlafen direkt an der Küste auf einem Parkplatz mit Parkuhr. Ein paar polnische Münzen retten uns vor dem frühen Aufstehen. Gute Nacht.

Geposted in Deutschland, Polen
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Letzte Vorbereitungen…

Aug16
2010
Kommentieren Geschrieben von tiagra

Es ist 2:45 nachts und ich vermisse mein Portemonaie. Heute um 10 wollen wir endlich mit fast 10 Tagen Verspätung Richtung Baltikum und Kola aufbrechen und jetzt fehlt das verdammte Ding. Noch einmal Nachdenken: In der Werkstatt Ersatzteile und Werkzeug eingeladen, dann aus der Wohnung Klamotten und Kühlbox geholt, auf dem Weg zu Mama bei McDonald’s schnell etwas eingeworfen und dann ab in die Garage um letzte Vorbereitungen am Auto zu treffen. Später die 2 verschiedenen GPS-Tracker konfiguriert und alle wichtigen Personen zu deren Benutzung eingeladen. Alles gut.

Werkstattromantik spät nachts...

Nur wo ist das verdammte Portemonaie? Alle Dokumente sind da, Visum im Paß, Autoversicherung für Russland wollen wir uns direkt an der Grenze kaufen, da Russland auf sämtlichen grünen Karten gestrichen wurde. Die HuK hat mir heute zusätzlich noch eine Kasko-Versicherung aufgrund des Wertgutachtens für meinen Syncro verwehrt, sodass ich über die installierten GPS-Tracker doppelt froh bin. Eigentlich ist es auch kein so großer Unterschied, da die Versicherung in den relevanten Gebieten (Russland…) sowieso nicht gegolten hätte und die an der Grenze nachgekaufte nur eine Haftpflicht beinhaltet – also: Auto nicht aus den Augen lassen.

Ich werfe mich in das gepackte Auto und rase zur Werkstatt. Die Stirnlampe war schon eingepackt, also suche ich damit jeden Zentimeter nach dem verdammten Portemonaie ab – Nichts. Ich fahre noch einmal in meine Wohnung. Von meiner Mitbewohnerin hatte ich mich eigentlich schon verabschiedet, da bin ich wieder – morgens um halb 4. Aber auch hier ist nichts zu finden, außer ein völlig verkramtes Zimmer, welchem in aller Eile aus jeder Ecke ein paar wichtige Reiseutensilien entrissen wurden. Hinter der Kühlbox (gut, woanders auch…) lag schon Staub – ich sollte öfter reisen.

Bei McDonald’s machen sie gerade sauber, aber niemand will mich sehen. Ich laufe wild gestikulierend durch den McDrive, bis mich endlich jemand sieht. Ich muß furchterregend dahergekommen sein, denn die Frau hat panische Angst und so schreien wir uns durch die Scheibe an. Sie versteht mich nicht. Irgendwann öffnet sich der Spalt am Schalter für einen Millimeter und ich kann ihr mein Anliegen mitteilen. Ihr Gesicht entspannt sich merklich. Ich will ihr nicht das Portemonaie rauben, sondern frage höflich nach dem Verbleib meines eigenen. Sie ruft nach hinten und die Antwort kann ich auf ihrem Gesicht schon ablesen: Nichts. Wo zum Geier…

Enttäuscht und sauer trete ich wieder ins Zimmer und überlege was ich denn Schlaues in einer SMS an Stephan und Anne schreiben könnte, um irgendwie die Beantragung eines neuen Führerscheins und die weitere Reiseverzögerung zu rechtfertigen. Ich sacke auf dem Bett zusammen und denke noch einmal über den gepackten Bus nach. Mir kommt die Sparvariante des T3-Handschuhfachs in den Sinn: Ein simpler Kunststoffeimer, welcher mit ein paar Schräubchen direkt vor dem vorderen Querträger unterm Armaturenbrett baumelt – sozusagen die Krönung des Sparprogramms für Postfahrzeuge und ähnlich spartanisch zusammengeschossene Gruppenverkaufsobjekte. Ich renne zum Bus und greife in den Querträger: Das Portemonaie. Verflucht! Ab ins Bett, den Termin mit Stephan und Anne haben wir nicht verschoben – das kann ja heiter werden.

Geposted in Berlin, Deutschland
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Batumi – Teil 1

Aug24
2007
Kommentieren Geschrieben von tiagra

Die Nacht verlief eigentlich ruhig, doch sie endete jäh. Morgens um 8 werden wir nicht von der Hitze aus dem Bus getrieben, sondern von Motorengeräuschen. Plötzlich haben wir das Gefühl, mitten auf einer Kreuzung zu stehen. Draußen stehen mind. 5 Marschrutkas, ständig kommen neue und andere verlassen den Platz. Was zum Geier geht hier vor? Wir haben es tatsächlich geschafft, mitten in der Nacht einen der wenigen Sammelplätze für Marschrutkas als Schlafplatz zu wählen. Es ist eigentlich ganz ruhig und gelassen, aber das Geschäft ist in vollem Gange. Die Marschrutkas treffen zu ihrer ersten Fahrt an diesem Morgen ein, nehmen die ersten Gäste an Board und ein etwas verwirrt dreinblickender, alter Mann springt mit einem Notizblock und einer Stopuhr von Wagen zu Wagen, um etwas aufzuschreiben. Am Rande des Platzes steht eine Art Restaurant, welches allerdings leer und in einem rohbauartigen Zustand ist. 5 Minuten später treffen wir zum ersten Mal Sahid.

makhinjauri

Sahid ist ein kleiner Mann mit fescher Sonnenbrille, Hemd und Bügelfalte. Er scheint hier der Chef zu sein. Er spricht natürlich fließend Russisch und freut sich sehr über uns. Er hat auch einen Hang zum Halten kleiner Vorträge und wir hören geduldig und interessiert zu. Wir erfahren, dass wir uns hier in einem Dorf namens Makhinjauri befinden und noch dazu mitten auf seinem Grundstück. Das findet er gar nicht schlimm, nur sollen wir die Busse etwas beiseite stellen, damit wir den Marschrutkas nicht im Weg stehen. Nach dem Rangieren essen wir Frühstück und neben uns baut Sahid einen kleinen Tisch auf. Mit den ersten Marschrutkas kommen ein paar seiner Kumpels aus der Stadt herauf und so beginnt nach wenigen Minuten ein wildes Spiel Backgammon. Manche schauen zu, andere spielen, rauchen tun sie alle. Man ist nachdenklich und begeistert, gibt Ratschläge und freut sich überschwänglich, sodaß man uns völlig zu vergessen scheint.

backgammon

Während die anderen die Gelegenheit nutzen um eine Art Kräutergarten unter uns am Berghang zu erkunden, setze ich mich zu den Männern und schaue zu. Anfangs wenig beachtet, später scheu mit kurzen Worten zum Spiel eingeladen. Leider habe ich noch weniger als keine Ahnung von diesem Spiel, und so hat es sich denn auch erledigt mit dem Spielen: Jetzt bringen mir alle gemeinsam und auf einmal Backgammon bei. Ich spiele mit einer ganzen Meute gegen einen weißhaarigen, freundlichen Opa. Eigentlich spiele ich gar nicht, denn jeder meiner Helfer zuckt bei jedem Zug zusammen und zeigt mir unter wilden strategischen Erläuterungen sogleich wie er es machen würde. So schlagen wir gemeinsam den Kumpel haushoch. Ich hätte auch gar nicht so richtig spielen könnemm weil ich die ganze Zeit meine Kamera in der Hand gehalten habe. Nach dem haushohen Sieg setze ich mich daneben und kann endlich tun, was ich sowieso machen wollte: Ungestellte Fotos dieser lustigen Runde machen.
Mein Campingstuhl von Real erfreut sich übrigens größter Beliebtheit und so sitzen nach und nach alle einmal Probe. Besonders der Bierflaschenhalter hat es Ihnen angetan – soetwas hatten Sie noch nicht gesehen!

probesitzen

Inzwischen sind die anderen zurückgekommen und wir benutzen die aufgelockerte Stimmung sogleich, um Erkundigungen über unseren weiteren Weg einzuholen. Während Sahid und Piotr die Karte mit unserem Weg in den Kaukasus studieren und unbedingt sehenswerte Orte erläutern, testet mein Backgammon-Gegner unser Fernglas.

fernglas

Wo wir schon bei Sehenswürdigkeiten sind: Was haben wir eigentlich von dieser Gegend hier schon gesehen? Hmm… eigentlich nichts… durch den Hafen sind wir gelaufen. Sogleich fallen allen wichtige Sachen ein, die man unbedingt gesehen haben müßte. Letztendlich einigen wir uns darauf, dass man uns das Dorf ihr Thermalbad mit dem wundersamen Rheumawasser zeigt. Also laden wir Sahid und seinen Kumpel in die Busse und fahren los. Sahid wie immer in cooler Sonnebrille und extra frischem Oberhemd, der andere etwas formloser.

sahid

kumpel

Wir fahren durch kleine, unbefestigte Straßen irgendwo am Hang dieses Hügels durch das Dorf. Alle Gärten sind voll bewachsen und ein wenig sieht es so aus, als würde die Natur wieder langsam die Oberhand gewinnen. Neben der Straße kuckt ein Rohr aus dem Hang, welches über dem zu einer Schlammkuhle erweiterten Straßengraben endet. Mitten in der Kuhle steht ein kleiner Stuhl, wie ich ihn aus dem Kindergarten kenne, fast bis zur Sitzfläche eingesunken und darauf eine alte Frau. Sie hat den Rock hochgenommen und massiert ihre Knie unter dem plätschernden Wasser aus dem besagten Rohr. Sahid erklärt, dass hier an mehreren Stellen dieses Berges das wertvolle Mineralwasser zutage tritt und die Menschen mit weniger Geld so statt eine Gang in Thermalbad auch ihre Schmerzen lindern. Wir sind beeindruckt und rollen weiter in Richtung Thermalbad.

Auf dem Weg biegen wir plötzlich ab und halten vor einer umzäunten Betonplatte. Sahids Freund erklärt uns, dass dies ein Denkmal für 6 Deutsche Soldaten und ihren Offizier wäre, welche im Krieg von den Russen erschossen worden waren. Er scheint große Stücke auf die Gefallenen zu halten und erklärt uns die Lücken in der Mauer: Die Gedenktafeln sind gerade zur Reparatur und kommen bald wieder!

denkmal

Während er so spricht, laufe ich rückwärts die Treppe hinunter und stolpere so, dass ich meine Kamera verliere und diese dumpf auf den Beton aufschlägt. Es ist das Ende der ersten Woche und ich habe mir das Objektiv angeknackst. Kamera funktioniert, Objektiv kann nur noch Weitwinkel und hat eine kaputte Springblende. Jetzt bin ich richtig begeistert. Frustriert geht es weiter.

Hinter einem großen Eisentor befindet sich eine kleine, parkähnliche Anlage, welche genauso verwachsen ist, wie die ganze Gegend. Das Haus hat zwei Stockwerke und blättrige, weiße Farbe sowie offen stehende Fenster. Alles in allem sieht es nicht nach Thermalbad aus. Davor im Hof läßt sich noch der Glanz vergangener Zeiten an einer wunderschönen Freiluftduschenruine erkennen.

thermalbad

freiluftdusche

Nach ein paar Gesprächen mit den Betreiberinnen in den weißen Kitteln stellt sich schnell heraus: Wir sind ganz schön viele! Dieses Bad wird tatsächlich von vielen Menschen regelmäßig besucht und so kann man uns nur anbieten, die ganze Gruppe nach und nach parallel durchzuschleusen. Damit das Warten nicht so schwer wird, trägt man uns allerlei Gestühl aus dem Haus und so sitzen wir ein paar Minuten später fröhlich kochend vor dem Thermalbad. Nur das Wasser direkt aus dem Bach neben dem Haus sollen wir nicht nehmen, das sei von einer nahegelegenen Fabrik verseucht.

essen

Nach und nach werden wir zu halbstündigen Badezeremonien hereingerufen. Die, die noch draußen warten, können es kaum erwarten. Ich werde zusammen mit Piotr gerufen und man weist und den Weg in eine Art Badezimmer. Die Luft ist warm und feucht, alles ist gelb gefliest. Hinter uns fällt die Tür ins Schloß und von draußen ruft es, dass man uns dann wieder holen würde. Zur Probe gibt es ein lautes Klopfen an der Tür, das würde dann unser Zeichen sein. Ok, also raus aus den Klamotten und ab in den nächsten Raum. Es bietet sich ein unbeschreibliches Wellness-Ensemble von bestechender Einfachheit. Der Raum ist auch gelblich gefließt, jedoch wurden die Fliesen – wie hier überall – im traditionellen Weitwurfverfahren an die Wand befördert. Ich bin wieder begeistert und erinnere mich an das Studentenwohnheim und die Universität in Moskau. Über der Tür hängt ein Kabel aus der Wand, an welchem eine 200W-Glühbirne hängt. Ja, sie hängt dort einfach so. Feuchtraum? Warum, fließt doch kein Wasser über die Kabel… Auf der gegenüberliegenden Seite gibt es eine Art Fenster, welches so hoch ist, dass ich nur mithilfe der Digitalkamera herauskucken kann: Wir befinden uns offensichtlich im Kellergeschoss und draußen gibt es nur Stein und Geröll, welches sich die schmerzenden Glieder in Mineralwasserpfützen kuriert. Das Bad nimmt man in einer Badewanne, wie man sie von zu Hause kennt. jede Wanne ist hier anders und einen Stöpsel gibt es schon seit langem nicht mehr. Stattdessen liegt auf der Abflußöffnung ein Stück Linolium, welches durch die viele Benutzung schon ganz runde Ecken bekommen hat. Funktioniert perfekt! In jeder Wanne mündet ein direkt aus der Wand kommender, schwarzer Schlauch, aus welchem ununterbrochen das warme Wasser in die Wanne sprudelt. In manchen Zimmern soll es sogar Hähne zum Abstellen des Wassers gegeben haben. Nach einwöchiger Autofahrt und dreckiger, türkischer Küste ist das hier das Paradies. Beherzt springen wir in die Wannen und lassen uns das warme Wasser bis in die Ohren laufen. Mit dem Kopf auf dem Rand und geschlossenen Augen liegen wir nun da, wohlige Wärme durchströmt die Glieder und wir denken wohl alle in etwa das Gleiche: Was erlebt man nicht alles… wer hätte das gedacht… wunderbar…

im_bad

Nach viel zu kurzen 45 Minuten hämmert es von draußen gegen die Tür und wir werden aus den Träumen gerissen. Eilig tapsen wir nass und benommen aus der Bad. Jetzt essen, dann Bett, aaaaaahhhhhhhhhhhhhh.

Geposted in Batumi, Georgien
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Durch die Türkei bis nach Batumi

Aug23
2007
4 Kommentare Geschrieben von tiagra

Um möglichst viel von der Türkei schnellstens hinter uns zu lassen, haben wir in Istanbul eine 24h-NonStop-Fahrt beschlossen. So prügeln wir die ganze Nacht mit unzähligen LKW-Fahrern auf irgendwelchen Baustellenpisten durch die Türkei. Geschlafen wird abwechselnd hinten im Bus, während der wilde Ritt über Samsun und weiter an der Küste Richtung Georgien geht.

beach_tr

Geschlafen haben wir dann irgendwo weit im Osten der Türkei auf einem steinigen Strand, welcher mehr Müll als Steine besaß. Das Meer selbst war eigentlich ganz sauber und so gingen wir erst einmal Baden. In der Morgensonne tauchen allerlei Gestalten auf und gehen ihrer Arbeit am Strand nach: Verschleierte Frauen sitzen auf großen Folien, wo sie Früchte zum Trocknen in der Sonne ausgebreitet haben. Man pult, man schichtet um, man unterhält sich und nebenbei wirft man ein Auge auf uns und die Kinder. Da es die Kinder vor lauter Neugier nicht mehr aushalten, stehen sie alsbald bei uns an den Bussen und bestaunen wortlos alles was wir haben. Besonders beeindruckend sind immer der kleine Kühlschrank und das ausklappbare Bett. Die Kinder sind sehr freundlich und etwas scheu. Wir versuchen uns zu unterhalten, aber es ist nichts zu machen. Erst als wir losfahren wollen, geben wir uns die Hand und haben damit so ziemlich das erste Handzeichen zur Kommunikation entdeckt :) Piotr holt eine Sonnenbrille aus der Tasche und setzt sie einem Jungen auf. Er ist begeistert und strahlt über das ganze Gesicht. Wir rollen langsam los und der Junge schaut uns zugleich verwundert und fragend an – sollte er die Brille tatsächlich behalten? Wir geben ihm erneut die Hand und klopfen ihm auf die Schulter, sodaß er schließlich versteht. Als wir die Landstraße erreichen, sehen wir noch im Rückspiegel wie der Junge freudestrahlend winkt, um dann sogleich stolz wie ein sonnenbebrillter Spanier zu seiner Familie zu rennen. Die Frauen stehen auf und winken uns auch. Wir hatten kein Wort mit ihnen gewechselt.

handshake

Wir rollen weiter an der Türkischen Küste entlang Richtung Moskau, als wir direkt an der Straße einen großen Wasserfall sehen. Die Zeit nehmen wir uns noch, und so waschen sich einige von uns auf spektakuläre Weise das Salzwasser von der Haut:

waterfall_01

waterfall_2

Noch halb naß geht es weiter zur Grenze. Schon sehen wir LKW-Rückstau, aber den lassen wir einfach hinter uns. An der Grenze in Sarp erwarten uns gleich ein paar nette Georgier, welche uns schon mal mit Landeswährung versorgen wollen – wie überaus zuvorkommend.

border

Wir stehen vor dem ersten Tor und reichen unsere Pässe hinein. Man kontrolliert kurz und das Tor öfnet sich. Vor uns stehen lauter herrenlose Autos und es gibt hier und da ein Häuschen, an welchem irgendwelche Formalitäten erledigt werden müssen. Ein freundlicher Mann fragt uns ob wir Hilfe brauchen und irgendwie schickt er uns 2 min später von einem Haus zum anderen. Die Reihenfolge ist wichtig, und, dass der Fahrer getrennt von den Mitfahrern behandelt wird. Als wir dann die Einreiseformalitäten hinter uns haben und zum Zoll rollen wollen, will der nette Mann plötzlich $50 pro Fahrzeug von uns haben. Wir sind entsetzt, wie normal solche Schlepper aussehen und ärgern uns maßlos, gleich in den ersten 2 min einem Musterexemplar dieser Gattung aufgesessen zu sein. Ohne Russischkenntnisse wären wir jetzt relativ schlecht dran gewesen, doch so kommen wir letztendlich mit genau $2 und bösen Blicken davon.

Der Zoll macht regelrecht Spaß. Nachdem wir erst noch einer Beamtin die geplante Reiseroute angegeben haben, rollen wir in eine Art Carport mit viel Licht. Plötzlich scheppert es neben uns gewaltig: Ein Reisebus hat die Höhe etwas überschätzt und hat ca. 5m2 Glas vom Dach des Zollhäuschens gerissen. Die Stimmung ist sofort viel lockerer. Unsere Autos sind natürlich furchtbar interessant und der Zöllner ist sehr nett. Wir unterhalten uns über alles mögliche und füllen derweil mit viel Gelächter die original Georgischen EInfuhrdokumente aus. Wir verstehen absolut gar nichts. Georgische Schrift sieht aus wie eine Verirrung zwischen Arabisch und Picasso – sehr hübsch, aber weeeit jenseits des Deutschen oder Polnischen.

Nach weniger als 2 Stunden sind wir ohne nennenswerte Probleme nach Georgien eingereist. Die Wartezeit war unter anderem durch einen abgestürzten Computer an der Passkontrolle zustande gekommen, wo 5 Beamte beim Hochfahren von Windows XP auf einen laaaangwierigen Viruscheck von Norton Antivirus warteten… Nähe zum Westen hat also nicht nur gute Seiten – der Fluch kam in Form von Windows praktisch gleich mit dazu.

Unter neugierigen Blicken der im Meer badenen Bevölkerung fahren wir Richtung Batumi. Diese Hafenstadt hat sich in letzter Zeit mächtig gemausert. Intessanterweise wurde die komplette Stadtverwaltung mit viel Geld renoviert und alle Polizisten fahren nagelneue Autos mit vel Weihnachtsbaumbeleuchtung. Es gibt auch auffallend viel Polizei, welche mit größer Sorgfalt durch die Stadt patroulliert. Abends leuchtet der Hafen überall, Diskotheken und Café laden ein und hier und da stehen merkwürdig amerikanisch aussehende Lichtskulpturen herum. Neonfarben so schrill wie ein CocaCola-Weihnachtstruck sind an der Tagesordnung.

Wir halten in einer Seitenstraße und gehen in eine sehr ruhig aussehende Kneipe. Innen ist alles recht spartanisch doch die bildschöne Kellnerin ist sehr nett. Wir wollen jetzt mal was echt Georgisches essen. Am besten total authentisch. Solche Forderungen sind übrigen Anjas Spezialität: Mitten in den Touristenrummel springen und was total authentisches suchen. Nun denn, wir haben Glück, die Mama von der Kellnerin nimmt Anja mit in die Küche und zeigt ihr den Inhalt ihrer Töpfe. Mit Fingerzeig wird alles mögliche ausgesucht. Bald sitzen wir auf Plastestühlen an einem großen Tisch und ich schaue gebannt auf den kleinen Fernseher oben unter der Ecke. Es läuft kunterbuntes, russisches Musikfernsehen und ich fühle mich gleich wie zu Hause. Überhaupt ist es in Georgien sofort angenehm, denn man versteht etwas und man wird verstanden. Einfach wunderbar.

fish

Nach einer Weile kommen Fisch und allerlei Kleinkram, und, was wir sehnlichst erwartet haben: Limonade aus Kazbek. Davon hatten wir schon im Internet gelesen und wir wollten sie unbedingt testen. Bald stellt sich heraus, dass der Geschmack durchaus brauchbar ist. Allerdings merken wir auch sofort, dass man bei den Sorten seeehr vorsichtig sein muß. Ich erwische eine unscheinbar aussehende Flasche, welche aber auf dem Etikett noch einen kleinen Schriftzug aufweist: Cream steht doch geschrieben, und es markiert die Hölle der Limonadenwelt. Dicker Pelz legt sich mir auf den Gaumen und der durchdringende Geschmack von Süßstoff läßt im Gehirn sofort die Auswertung sämtlicher Nerveninformationen unterhalb der Kopfhaut einstellen. Nach kurzer Wiederbelebung biete ich meine Flasche meinem Freund Piotr an, welcher sie alsbald freundlichst lächelnd an seinen lieben Kumpel Dominik verschenkt. Merke: Kazbegi-Limonade schmeckt gut, aber man darf auf keinen Fall die Variante cream erwischen. Diese Lektion hat uns im späteren Verlauf der Reise noch einige Male vor Unheil bewahrt.

Da es mittlerweile schon Dunkel ist, suchen wir dringend einen Schlafplatz. Zu diesem Zwecke fahren wir ersteinmal aus der Stadt hinaus und biegen dann einfach irgendwo auf eine kleine Straße ab. Man sieht nur noch das, was unsere Scheinwerfer erleuchten und schon rollen wir im ersten Gang spiralförmig einen Hügel hoch. Links und rechts ist eigentlich nur Wald und ab und zu sieht man unten im Tal den Hafen von Batumi leuchten. Oben angekommen finden wir einen kleinen, asphaltierten Platz nebst verlassenem Restaurant vor. Wir treffen keine Menschenseele und sehen auch kein Licht, also beschließen wir zu bleiben. Die Busse werden etwas am Rande des Platzes aufgestellt und so gehen wir schlafen. Endlich ist die Anfahrt vorüber, wir sind in Georgien – der Kaukasus kann kommen!

Geposted in Batumi, Georgien, Türkei
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Es lebe die Sackkarre

Aug22
2007
1 Kommentar Geschrieben von tiagra

Dieser Beitrag wurde von mir versehentlich gelöscht. Jetzt ist er aus 2 Browsercaches wieder auferstanden. Danke an Pylon und nÄgÄ! Als Zugabe noch ein weiteres Foto.

istanbul

Nach einer ruhigen Nacht auf dem Parkplatz soll es heute in die Stadt gehen, einmal volles Touristenprogramm. Wir laufen ersteinmal in Richtung Wasser, vorbei an Tee trinkenden Menschen in noch halb geschlossenen Läden. Jetzt ist es noch nicht so warm und alles ist gut. Bald erreichen wir eine der Autobahnbrücken aus der letzten Nacht und verstehen sofort, warum wir hier nichts gefunden haben: Es ist einfach ein unglaubliches Wirrwarr. Die Straßen kreuzen sich in wilden Bögen, Brücken und Tunnel erschweren abwechselnd die Übersicht. Bei Tag gibt es zudem noch viel mehr Autos und, ja genau, Sackkarren.

wirrwarr

Hier gibt es Sackkarren in allen Formen. Antike Stücke sind in der Mehrzahl, doch alle teilen ein gemeinsames Schicksal: Sie werden hoffnungslos überladen. Zu der Familie der Sackkarrae gehören auch die Handkarren, welche zumeist mit 3 oder 4 Rädern unterschiedlicher Bauart versehen sind. Handkarren sind friedliebende Tiere, welche auch sehr rauhes Klima dauerhaft überstehen. Sie brauchen zwar Öl und Farbe, aber sie leben auch ohne. Kurz vor dem Aussterben wird die Spezies der Karren oft durch einen Vertreter der Homo Sapiens mittels Schweißgerät verunstaltet, was ihnen weitere Zeit mit unsäglicher Verkrüppelung auf dieser Erde beschert. So werden sie, mannshoch mit Säcken, Kisten und mannigfaltigen Auslagen bestückt, in Schrittgeschwindigkeit durch die Straßen geschoben, um ihren Besitzern ein paar Lira zu verdienen. Je geschickter der Besitzer, desto abenteuerlicher sein Fahrstil. Während in Westeuropa die Menschen durch Autos sterben, hat hier eindeutig die Sackkarre das Sagen in den Statistiken.

sackkarre

Wir wechseln schnell an der erstbesten Bank etwas Geld, denn wir wollen in die Altstadt. Mittlerweile steht die Sonne höher und es wird unangenehm heiß. Wir kaufen ein paar Chips für den Straßenbahn und fahren 4 Stationen Richtung Topkapi. Jener Palast ist mir noch aus gleichnamigem Film bekannt und ich will ihn unbedingt sehen. Vor dem Tor stehen schon 7 Busladungen Touristen und so sehe ich nichts vom Palast. Die Sonne steigt immer höher und die Straßen füllen sich mit tausenden von Händlern. Überall gibt es Krams zu kaufen – von der Mütze bis zur Postkarte, von Dolchen bis zu Wasserflaschen. Wasserflaschen avancieren übrigens zu Goldflaschen. Die Sonne brennt unaufhörlich und die Wasserpreise steigen ins Unermessliche. Touristen werden gemolken wie Geldkühe und das Leben der Händler macht auf einmal richtig Spaß. Wasserflaschen gibt es jetzt an jeder Ecke und klimatisierte Reisebusse kippen unaufhörlich ihre schrille Fracht in die Altstadt.

something

Ich schleppe meine Kamera schweißtriefend durch die Altstadt, doch fotografieren tue ich kaum. Alles bunt, alles schrill, alles Tourismus – ich will hier weg. Auf einer Baustelle entdecke ich Dachziegel und auch einen schönen Holzstapel – das werden ein paar der wenigen Fotos aus der Altstadt.

dachziegel

holzstapel

Als wir genug von Moscheen haben, beschließen wir den Basar aufzusuchen. Anja juckt die Kauflust schon in den Fingern und so nehmen wir die Straßenbahn, um keine Zeit zu verschwenden. Dort angekommen genehmigen wir uns erst einmal einen echten Kebab und sind überrascht – schmeckt gut, sogar mit Hammel. Also richtig gut. Aus Berlin ist man ja einiges gewöhnt, doch das war noch einen Zacken besser. Vielleicht einfach etwas anders, etwas ursprünglicher, wenn man so will. Oder auch einfach ungewohnt.

Der Bazar ist ein riesenhaftes, überdachtes Gelände. Das muß man sich natürlich nicht wie einen Flughafenhangar vorstellen, sondern eher wie ein Gewölbelabyrint. Alles besteht aus Bögen, größtenteils mit kleinen blauen Steinchen verziert – sehr hübsch! Links und rechts und oben und unten gibt es Ware. Alles was ein Touristenherz höherschlagen läßt, wird hier angeboten. Schmuck, Geschirr, Kleidung, Lampen, Kleinkram, alles.

bazar

Das Beste für die meisten: Alles verhandelbar. Die meisten Preise auf direkte Nachfrage sind der blanke Hohn. Die Devise ist: Nicht fragen! Einfach alles ankucken und besonders interessante Dinge besonders genau betrachten. Wenn der Verkäufer nicht allzu schläfrig ist, kommt die Frage ob man denn helfen könne. So nach und nach kann man dann erfahren was der Kram wert ist. Wenn die erste Antwort 60 Türkische Lira lautet, kann man getrost davon ausgehen, dass man es für unter 15 Lira bekommen kann. Die meisten Verkäufer sind von der touristischen Einsackmentalität sichtlich genervt und bedienen entsprechend. Leute die einfach nachfragen und mitnehmen werden entsprechend belohnt. Verstrickt man sich dann irgendwann in Preisverhandlungen, sagt man am besten nie selber eine Zahl, sondern einfach nur, dass es viel zu viel sei. Der Verkäufer geht dann schon ersteinmal in verhandlungswürdige Preisregionen herunter. Sehr hilfreich ist eine Frau als Verhandlungsorgan, denn das macht dem Verkäufer gleich viel mehr Spaß. Während ich den Verkäufer schon in Tränen ausbrechen sehe, schüttelt Anja noch mit unglaublicher Überzeugungskraft den Kopf und wendet sich gekonnt ab. Später rennen uns Verkäufer sogar noch hinterher, um einen besseren Preis anzubieten. Wenn man zu schnell aufgibt, sind die Verkäufer enttäuscht und wollen mehr verhandeln, was auf deutliche Reserven hinweist. Bei all dem Spaß, hatte ich nur ein Problem: Was zum Geier sollte ich kaufen? Eine nachgemachte Mütze? Ein Bauchtanzkostüm?

bauchtanz

Ich will stilecht ein Auge des Orients mitnehmen – vielleicht als Kette für Yana? Die Suche wird zur Tortur. Anja wird als Schmuckexpertin enagiert und wir durchforsten sicher 20 Stände. Ich habe die ganzen Plastekettchen wirlich satt und suche nach echtem Silber, doch das gestaltet sich schwierig. Es ist beeindruckend, was alles echtes Silber sein soll… Letztendlich bleiben wir bei einem Herren hängen, der selber keine derartige Kette hat, aber bereit ist, eine von seinem Kumpel irgendwoher zu holen. Er kommt tatsächlich mit einem kleinen blauen Anhänger zurück, gefaßt in Silber. Dazu suchen wir noch eine Kette und fertig. Alles ist schon etwas dunkel angelaufen, was der Verkäufer mit einem Tuch behebt. Wenigstens ist das Silber echt. Der Mann hat sichtlich Spaß an uns, weil wir ganz genau wissen was wir wollen und mind. 5 Kombinationen aus Anhänger und Kette probieren müssen. Die Preisverhandlungen überlasse ich dann Anja. Sie drückt den Mann bis zur Tränengrenze und letztendlich verkauft er mir alles zu einem annehmbaren Preis. Weil wir so nett waren, bekommen wir noch ein kleines Samtsäckchen um die Kette zu verstauen. Nein, natürlich nicht weil wir so nett waren… Mir ist es egal, ich bin stolz und freue mich darauf, Yana wiederzusehen. Für unseren Film will ich noch etwas Musik kaufen, und so fragen wir einen jungen Verkäufer nach klassischer Musik aus der Türkei. Er hat ziemlich Ahnung und erklärt uns genau was woher und warum. Wir hören einige CDs und entscheiden uns schließlich für 3 aus unterschiedlichen Sparten. Der Preis ist dann gar nicht so prickelnd, und nach kurzer Zeit bietet er uns die gleichen CDs als Kopie an – viel billiger. Wir kaufen dann letztendlich halb und halb und ziehen zufrieden vondannen.

Nachdem der Basar abgearbeitet ist, wollen wir noch zum Bospurus und latschen einfach quer durch alle Gassen. Plötzlich ist aller Touristentrubel verschwunden und die Stadt macht richtig Spaß. Kleine Gassen mit alten Häusern, Holzbalkone und geschäftiges Treiben überall. Es gibt wunderschöne Obststände, Bäckereien und vieles mehr. Da ich den Menschen nicht so auf den Pelz rücken will, ärgere ich mich ein wenig über meine Mißgunst gegenüber Zoomobjektiven, und beschließe insgeheim, diese später abzulegen.

alt

obst

pferdefuhrwerk

Am Meer ist es denn etwas enttäuschend – das ganze Ufer besteht aus künstlich aufgeschütteten Felsbrocken und ist ziemlich verdreckt. Kinder springen von Stein zu Stein und Eltern warten auf Bänken an der Uferpromenade. Zwischendrin liegt ein Luftgewehr auf der Kaimauer. Auf den Steinen dahinter stehen allerlei bunte Flaschen und wer will, kann hier für ein paar Lira Flaschen erschießen. Einfach so. Spielende Kinder, Flasche, Pöff. Das geht nur in Istanbul.

Der Rückweg zum Parkplatz entpuppt sich als grausam. Ich habe mittlerweile Blasen an den Füßen und der Weg wird immer länger. Wir haben komplett die Orientierung verloren und die Straßen werden immer verrückter. Auf Nachfrage zeigt man uns diverse Richtungen, aber eigentlich wissen wir ja auch gar nicht so richtig wo wir hinwollen – Parkplatz eben.

Auf dem Rückweg mache ich noch eines der für mich einprägsamsten Bilder der ganzen Reise: Ein Kleinkind wird zum Betteln mitten in die Fußgängerzone gesetzt…

betteln

Irgendwann, nachdem wir auch noch diverse Straßenbahnchips verbrannt haben, entdecke ich eine große Werbetafel an einem Haus, welche ich meine, schon einmal gesehen zu haben. Stunden später treffen wir dann tatsächlich auf unserem Parkplatz ein. Nach kurzem Plausch bezahlen wir den Parkplatzwächter und rollen Richtung Bosporus. Wir fahren mal eben fix nach Asien rüber, ne? Die Brücke ist schon irgendwie spektakulär, aber aus einem Auto kann man das nicht fotografisch einfangen. Vielleicht bei Nacht von einem erhöhten Punkt am Ufer aus?

bosporus

Istanbul zieht sich dann noch eine Weile hin, und so fahren wir über die Autobahn Richtung Ankara. Das Phänomen der Autobahnanhalter können wir auch dieses Mal wieder beobachten. Wahrscheinlich ist die nächste Abfahrt einfach zu weit weg oder zu mühselig zu erreichen, weshalb man sich einfach direkt an der Autobahn trifft. Motorradfahrer machen übrigens das Gleiche: Sie kommen einfach auf regelrechten Trampelpfaden an verschiedenen Stellen direkt den Hang hinunter auf die Autobahn gefahren. Sehr praktisch. An einer Mautstelle fahren wir dann völlig vertrottelt in die Schlange zur bargeldlosen Bezahlung und stecken fest. Hinter uns staut sich der Verkehr, und ich stelle mir vor, wie ein osmanischen Kriegsdolch die Heckscheibe durchschlägt, um den Fahrer auf’s Lenkrad zu nageln. Der Traum wird unterbrochen, also just in diesem Moment einer dieser durchgeknallten Motorradfahrer für uns seine Karte auf den Schrankenautomaten hält. Er lacht dabei und stellt sein Motorrad hinter der Schranke an die Seite, um auch unserem zweiten Bus die Schranke zu öffnen. Wir sind völlig verwundert und rollen 2 Sekunden später schon wieder über die Autobahn. Als uns der Fahrer überholt, reiche ich ihm bei 100 Sachen zwei grüne Dollarscheine rüber und wir verabschieden uns freundlich winkend. Was für ein Tag.

ankara

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